Schuld, Strafe und Sühne im tragischen Theater

Die Frage nach Schuld und Inzest in Alfieris ‚Mirra‘ und Racines ‚Phèdre‘


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Rene Girard und Inzest, Schuld und Strafe in der Literatur

2 Vittorio Alfieri und seine Tragödie ,Mirra‘
2.1 Biographie Alfieris und Einführung in ,Mirra‘
2.2 Die Schuldfrage - Wer hat Schuld am Leiden Mirras?
2.3 Die Inzestfrage - Liegt hier wirklich Inzest vor?
2.4 Funktioniert Girards Sündenbocktheorie bei ,Mirra‘?

3 Jean Racine und seine Tragödie ,Phèdre‘
3.1 Einführung in ,Phèdre‘
3.2 Die Schuld- und Inzestfrage bei ,Phèdre‘
3.3 Die Sündenbocktheorie bei ,Phèdre‘

4 Abschließender Vergleich und Ergebnis

Bibliographie

1 Rene Girard und Inzest, Schuld und Strafe in der Literatur

Seit Jahrhunderten sind Themen wie Inzest, Schuld und Strafe beliebte Moti­ve in der Literatur. Der Mythos der Tötung des Vaters und der sexuellen Hin­gabe zur Mutter veranlasste schon in der Antike Sophokles dazu, sein bis heute zur Weltliteratur zählendes Werk „König Ödipus" zu schreiben. Seit da­mals beschäftigten sich einige bedeutende Dramatiker wie z.B. Aischylos, Eu­ripides, Seneca oder Friedrich Hölderlin mit diesem Stoff. Auch Shakespeares „Hamlet" und Goethes „Don Carlos", die sich inhaltlich dem Inzestdrama wid­men, zählen zu den großen Werken der Literatur. (vgl. Rank 1912: 40-63)

In allen Tragödien, die sich mit Schuld, Strafe, Inzest oder Vergeltung beschäftigen, spielt das Fehlen einer Ordnung eine zentrale Rolle. Es wird eine Welt inszeniert, die beherrscht wird von Verfehlung, Unordnung und Sit- tenlosigkeit, ausgelöst durch die Schuld einer oder mehrerer Personen. Durch Vergeltung oder Strafe kann, muss aber nicht die Ordnung wieder hergestellt werden.

Der französische Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologe und Re­ligionsphilosoph René Girard beschäftigt sich in seiner ,mimetischen Theorie‘ mit eben jenen Tragödien von Sophokles und Euripides und versucht anhand des aus der griechischen Antike überlieferten Sagenstoffs zu erklären, wie durch tragische Destabilisierung und krisenhaften Abbau von Hierarchien Lö­sungen für diese Situationen gefunden werden können. Zentrale Begriffe sind Nachahmung und Gewalt.

Grundlage für Girards mimetische Theorie ist die Tatsache, dass menschliche Kulturen durch ein mimetisches Begehren gekennzeichnet sind. Jeder will das haben, was der andere hat und ahmt dadurch das Begehren des anderen nach. Wollen zwei oder mehrere Menschen dasselbe Objekt, ist dieses Nachahmungsverhalten jedoch der Auslöser für zwischenmenschliche Gewalt, die Eifersucht, Neid und Rivalität nach sich zieht und zu einer Ge­waltausbreitung aller gegen alle führt. Irgendwann wird das ursprünglich be­gehrte Objekt irrelevant und die Mimesis orientiert sich direkt am Rivalen und dessen gewalttätigem Verhalten. Ein Teufelskreis aus Gewalt und Gegenge­walt erfasst die gesamte Gesellschaft und erreicht seinen Höhepunkt in der mimetischen Krise, dem Zusammenbruch der kulturellen Ordnung. (vgl. Pala­ver 2008: 55-71)

Um die Ordnung der Gesellschaft wieder herzustellen und aus der Ge­waltspirale zu entkommen, ist laut Girard die Opferung eines Sündenbocks nötig. Ein von allen einhellig als schuldig verurteiltes Subjekt stiftet Ordnung und der Tod oder die Verbannung des vermeintlich Schuldigen beendet die mimetische Krise, da diese letzte gemeinsame Gewalttat keine mimetische Nachahmung, z.B. in Form von Rache, mehr nach sich zieht. Der zufällige Sündenbock versöhnt die Gesellschaft wieder und übernimmt in Stellvertreter­funktion die Verantwortung. (vgl. Palaver 2008: 199-207)

Doch ist dieses Prinzip des ordnungsstiftenden Sündenbocks immer anwendbar? Kann ein willkürlich als schuldig Verurteilter tatsächlich die Ord­nung wieder herstellen? Und welche Art von Strafe oder Vergeltung ist für diesen Vorgang nötig?

Diese Arbeit vergleicht das italienische Drama „Mirra" von Vittorio Alfieri mit dem französischen Drama „Phèdre" von Jean Baptiste Racine im Hinblick auf die Frage nach Schuld und Strafe und ob Girards These des Sünden­bockmechanismus in diesem Fall anwendbar ist. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Schuld- und der Inzestfrage, d.h. ob sich die Protagonisten der Dra­men der inzestuösen Liebe hingeben und damit eine schuldhafte Sünde be­gehen und inwieweit Vergeltung oder Bestrafung die Ordnung wiederherstel­len.

2 Vittorio Alfieri und seine Tragödie ,Mirra‘

Im Folgenden wird erst eine kurze Einführung in Vittorio Alfieris Leben und die Entstehungsgeschichte seine Tragödie ,Mirra‘ sowie eine kurze Inhaltsangabe präsentiert. Anschließend wird untersucht, wie schuldig sich Mirra macht bzw. ob sie überhaupt schuldig ist und ob man in Alfieris Tragödie überhaupt von Inzest sprechen kann. Schließlich soll erörtert werden, ob Girards These des Sündenbocks hier funktioniert.

2.1 Biographie Alfieris und Einführung in ,Mirra‘

Vittorio Alfieri war ein italienischer Dichter und Dramatiker der Aufklärung und lebte von 1749 bis 1803. Er kam aus einem wohlhabenden und ehrenwerten Elternhaus und verkehrte in adeligen Kreisen. Nach neun Jahren vegetativen Daseins und acht Jahren schlechter Erziehung (vgl. Alfieri 2010: 5) begann er ab 1766 zu reisen und das Leben zu genießen. Er besuchte u.a. Holland, Ös­terreich, Ungarn, Frankreich, Deutschland, England, Russland und Spanien und las auf seinen Reisen die Werke großer Autoren wie z.B. Voltaire, Mon­tesquieu, Rousseau und La Bruyère. Danach widmete er sich mehr als dreißig Jahre dem Schreiben, Übersetzen und verschiedenen Studien. Er verfasste insgesamt 22 Tragödien, die alle streng formal klassisch aufgebaut waren und antike Mythenstoffe verarbeiteten. Am bekanntesten sind u.a. Antigone, Ores­te, Filippo oder Saul. Seine Werke hatten großen Einfluss auf die italienische Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts, das Risorgimento, da er „[a]ls Ty­rannenfeind, leidenschaftlicher Republikaner, unerbittlicher Kritiker selbst noch des aufgeklärten Absolutismus" (Alfieri 2010: 528) seinen Hass erst in Satiren, dann in Komödien (vgl. Alfieri 2010: 519) zum Ausdruck brachte.

Die fünfaktige Tragödie Mirra entstand zwischen 1784-1787 und veran- lasste Alfieri, „den ihm vertrauten dramatischen Rahmen zu sprengen" (Kind- ler 1988: 304), da die psychologische Problematik, die das Thema des Inzests mit sich bringt, im Drama Mirra „zur Grundkonstellation eines großen Seelen­dramas" (Kindler 1988: 304) wird.

Mirra, die Tochter des Königs Ciniro und seiner Gemahlin Cecri, fühlt sich zum Vater in einer unnatürlichen Liebe hin­gezogen. Da sie diese Neigung zugleich als unsühnbares Verbrechen empfindet, sucht sie das Verlangen zu unterdrü­cken und vor der Umwelt zu verbergen. Ihre Eltern, und ebenso die Amme und Pereo, Mirras Verlobter, bemerken das seltsame Wesen des Mädchens und suchen den Anlaß des geheimnisvollen Leidens zu ergründen; [...] Schließlich erklärt sie sich einverstanden, den ungeliebten Pereo zu hei­raten: Noch hofft sie, die Ehe werde sie von ihrem verhäng­nisvollen Trieb befreien. Doch schon während der Hochzeits­feier (Akt 4) glaubt die Braut, die rächenden Erinnyen zu er­blicken, die Schlangengeißeln gegen sie schwingen. In wahnsinniger Erregung verflucht Mirra den Gatten und die Mutter. Pereo nimmt sich - das berichtet der König zu Be­ginn des letzten Aktes - das Leben. Als Ciniro daraufhin sei­ne Tochter beschuldigt, Pereos Mörderin zu sein, läßt sich die Verzweifelte vom Vater nach und nach das schreckliche Geheimnis ihrer Liebe entlocken. Nach ihrem Geständnis entreißt sie ihm das Schwert und tötet sich. Die Eltern wen­den sich schaudernd von der Verfluchten ab [...]. (Kindler 1988: 304)

In dieser Tragödie vernachlässigte Alfieri, anders als sonst, die Baugesetze des klassischen Dramas und lässt seine Protagonistin fünf Akte hindurch ver­steckt und hilflos unter ihrer sündigen Liebe leiden, aus der sie sich erst durch ihren Suizid befreien kann.

Der Ursprung Mirras und das Motiv des Inzestwunsches basieren auf dem Werk Metamophosen von Ovidius P. Naso, in dem Mirra, auch Myrrha oder Smyrna genannt, als Folge eines Inzestverhältnisses mit ihrem Vater Adonis gebärt. Alfieri war das Motiv des Inzestes erst nicht tragödientauglich erschienen, als er jedoch bei Ovid „jene leidenschaftlichen, wahrhaft göttli­chen Worte [las], die Myrrha an ihre Amme richtet" (Alfieri 2010: 347) war er überwältigt und schrieb seine Tragödie. Dabei wollte er das Motiv so verarbei­ten, dass der Beobachter erst nach und nach die Verzweiflung Mirras be­merkt, die sie innerlich spaltet. „Dabei durfte sie allenfalls die Hälfte von dem, was sie bewegte, aussprechen und nicht einmal sich selbst, geschweige denn irgendeiner anderen Person eine so frevelhafte Liebe eingestehen." (Alfieri 2010: 347/348)

2.2 Die Schuldfrage - Wer hat Schuld am Leiden Mirras?

Im ersten Akt mutmaßen erst die Amme Euriclea und Mirras Mutter Cecri und dann Mirras Vater Ciniro mit seiner Frau, was mit Mirra los ist bzw. ob und für wen sie in Liebe entflammt ist. Die Amme ist sich sicher, dass Mirra nicht Pereo liebt, rätselt aber vergeblich, wer es sonst sein könnte. Alle betonen, wie sehr sie Mirra lieben und wie stolz sie auf deren Wahl von Pereo als Bräu­tigam sind. Gleichzeitig würde Ciniro auf Ehre und Land verzichten, um sein offensichtlich leidendes Kind wieder glücklich zu sehen. Auch Pereo gibt in der ersten Szene des zweiten Aktes zu, dass er zwar weiß, dass Mirra ihn nicht liebt, es jedoch noch hofft. In der zweiten Szene des zweiten Aktes trifft Mirra auf Pereo. Er gesteht ihr seine Freude über die baldige Hochzeit und seine gleichzeitige Sorge über ihren Gemütszustand. Mirra versucht ihn zu beruhigen, versichert ihm, dass sie ihn ehrt (Alfieri 1925: 51, II, 2, V.186) und es nicht bereut, dass sie sich ihn als Bräutigam ausgesucht hat (Alfieri 1925: 51, II, 2, V.185). Als sie ihm jedoch ankündigt, sofort nach der Hochzeit in Pereos Land abzureisen, kann sie ihren Schwermut nicht ganz verstecken und verrät unabsichtlich, fast so als ob sie mit sich selbst reden würde, dass sie vor Trauer und Schmerz sterben würde, wenn sie die Eltern verlassen müsste. (Alfieri 1925: 53, II, 2, V.208-209)

In der kurzen dritten Szene des zweiten Aktes zeigt Mirra, dass sie so unglücklich mit sich und ihrer Situation ist, dass sie nicht einmal mit sich selbst alleine bleiben kann: "Ah! tosto ad Euricléa si voli: nè un istante io rimaner vo’sola con me stessa...” (Alfieri 1925: 51, II, 3, V.227-229) Sie gesteht sich selbst nicht ein, dass etwas sie beschäftigt und verleugnet ihren Gemütszu­stand.

In der vierten Szene des zweiten Aktes, wenn Mirra mit ihrer Amme Euriclea redet, wird am deutlichsten, wie sie mit ihrer Verzweiflung versucht umzugehen. Angesprochen darauf, warum sie weiter auf die Hochzeit besteht, gibt sie unter Tränen zu, den Tod verdient zu haben. (Alfieri 1925: 56, II, 4, V.2246-247) Und auch Euriclea gegenüber leugnet sie, dass sie von der „furie d’amor" (Alfieri 1925: 56, II, 4, V.249) gepeinigt wird. Als die Amme ihr erzählt, dass sich Mirras Mutter ebenfalls Sorgen um ihre Tochter macht und dass sie selbst bei Aphrodite für sie beten würde, entfährt es Mirra unkontrolliert „Oimè! Che ardir? che festi? Venere?... Oh ciel!... contro di me... Lo sdegno della implacabil Dea. Che dico?... Ahi lassa!... Inorridisco,. tremo.”. (Alfieri 1925: 557-58, II, 4, V.269-272) Sie berichtet, dass die Rachegöttinnen bereits von ihr Besitz ergriffen haben (Alfieri 1925: 58, II, 4, V.287-289) und der einzi­ge Ausweg ihr Tod wäre, da „amor, pietà verace, fia 'l procacciarmi morte" (Alfieri 1925: 59, II, 4, V.298-299). Sie bitte sogar Euriclea, sie zu töten, um sie von ihrem Leiden und der Schande (Alfieri 1925: 60, II, 4, V. 307) zu erlö­sen. Im Laufe des verzweifelten Gespräches verliert Mirra den Bezug zur Realität und spricht unbewusst ehrlich, merkt dann aber, dass sie sich fast verraten hat und entschuldigt sich und bittet die Götter um Vergebung (Alfieri 1925: 60, II, 4, V.308-311).

In einem längeren Monolog am Ende des zweiten Aktes überredet Mirra ihre Amme dazu, sie moralisch zu unterstützen und sie auf die heranna­hende Hochzeit vorzubereiten. Sie schiebt ihre wirren Worte „a un cor dolen­te" (Alfieri 1925: 60, II, 4, V.322) und behauptet, weil sie bei ihrer zweiten Mut­ter ihren Tränen freien Lauf lassen konnte, hätte sich ihre Kraft verdoppelt. Euriclea soll sie bestärken in ihrem Entschluss, der ihre Seele rettet. (Alfieri 1925: 61, II, 4, V.329-335)

Bis zu diesem Punkt weiß man nicht, um wen es sich bei Mirras un­glücklicher Liebe handelt. Man bekommt aber einen Einblick in ihre Seele, wie sie mit sich kämpft und wie sie fühlt. Der zweite Akt zeigt, dass Mirra in ihrer Verzweiflung vor sich selbst und allen anderen jegliche Gefühle leugnet und trotz der Verleugnung denkt, sie habe nichts als den Tod verdient. Sie be­schuldigt sich, die Göttin Aphrodite gegen sich aufgebracht zu haben. Diese habe sie verdammt und deshalb muss sie nun leiden.

Im dritten Akt spricht Mirra mit ihren Eltern, die ihre Sorgen von ihr er­fahren wollen. Mirra gibt zwar zu, wegen etwas zu leiden, will aber an der Hochzeit festhalten, weil sie sich zwar bewusst ist, Pereo nicht zu lieben, durch ihn aber die Hoffnung hat, geheilt zu werden. In der zweiten Szene setzt sie den sofortigen Aufbruch ins Land ihres Verlobten gleich nach der Hochzeit fest.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Schuld, Strafe und Sühne im tragischen Theater
Untertitel
Die Frage nach Schuld und Inzest in Alfieris ‚Mirra‘ und Racines ‚Phèdre‘
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Komparatistische Literaturwissenschaft Französisch und Italienisch
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V203392
ISBN (eBook)
9783656295105
ISBN (Buch)
9783656295372
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romanistik, Literatur, Literaturwissenschaft, Schuld, Strafe, Sühne, Theater, tragisches Theater, Französisch, Italienisch, Inzest, Rene Girard, Vittorio Alfieri, Mirra, Sündenbock, Jean Racine, Phèdre, mimetische Theorie, Begehren
Arbeit zitieren
B.A. Katja Wintergerst (Autor), 2011, Schuld, Strafe und Sühne im tragischen Theater, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203392

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