Regionale Differenzierung der Industrialisierung in Deutschland

Eine vergleichende Betrachtung von Sachsen und Rheinland-Westfalen


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau

2 Vorbetrachtungen zur Industrialisierung in Deutschland
2.1 Probleme der vergleichenden Analyse
2.2 Stadien und regionale Differenzierung

3 Rahmenbedingungen, Entwicklungen, Durchbruch der Industrialisierung
3.1 Sachsen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
3.2 Rheinland-Westfalen im 18. und 19. Jahrhundert

4 Rheinland-Westfalen und Sachsen im Vergleich

5 Schlussbetrachtung
5.1 Fazit
5.2 Ausblick

6 Quellen / Bibliographie

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Wenngleich Historiker aller Couleur sich bis in die Gegenwart uneins darüber sind, ob die Industrialisierung in Europa als „Revolution“ bezeichnet werden kann, lässt sich nicht bestreiten, dass dieser Prozess der entscheidende Schrittmacher für die menschliche Entwicklungsgeschichte auf dem Weg in die Moderne war. Ausgehend von England breiteten sich neuartige Technologien, Erfindungen und Produktionstechniken ab Ende des 18. Jahrhunderts in immer größerem Umfang aus.

Allerdings gestaltete sich der Ablauf dieses Vorgangs nicht überall gleich, sondern war insbesondere von den spezifischen Gegebenheiten der jeweiligen Region abhängig. Innerhalb der Räumlichkeiten, die wir heute als „Deutschland“ bezeichnen, nahm das Königreich Sachsen eine Vorreiterrolle ein. So wurde Chemnitz aufgrund seiner hohen Fabrikdichte nicht ohne Stolz als „sächsisches Manchester“ bezeichnet. Doch auch andere Räume brachten bedeutende Industriezentren hervor.

Ziel dieser Arbeit ist es, durch einen exemplarischen Vergleich Rheinland-Westfalens mit dem Königreich Sachsen Parallelen, vor allem aber auch mögliche Unterschiede in der industriellen Entwicklung verschiedener Gebiete bzw. Staaten innerhalb Deutschlands herauszustellen. Dazu werden schwerpunktmäßig die notwendigen Voraussetzungen und Einflussfaktoren, aber auch besondere (Rahmen-)Bedingungen betrachtet, die die Industrialisierung erst möglich machten.

1.2 Aufbau

Im folgenden Kapitel sollen die Probleme der vergleichenden Analyse kurz dargelegt werden. Im Anschluss daran folgt die Vorstellung von Modellen, die sich mit den Stadien der Industrialisierung bzw. deren regionaler Differenzierung befassen.

Kapitel 3 wird in zwei Teilen die jeweiligen Rahmenbedingungen und Entwicklungen sowie den Durchbruch der Industrialisierung in Sachsen und Rheinland-Westfalen thematisieren, bevor darauf aufbauend eine vergleichende Betrachtung und Bewertung anhand ausgewählter Kriterien erfolgt.

Die Schlussbetrachtung zieht schließlich ein Fazit und geht auf offen gebliebene oder neue aufgeworfene Fragestellungen ein. Zudem wird ein Ausblick auf mögliche Themensetzungen für künftige Arbeiten gegeben.

2 Vorbetrachtungen zur Industrialisierung in Deutschland

2.1 Probleme der vergleichenden Analyse

Eines der Hauptprobleme, welches der Versuch eines regionalen Vergleichs der deutschen Industrialisierungsgeschichte mit sich bringt, liegt sicherlich in dem Befund, dass ein einheitlicher Nationalstaat selbst im Zuge der politischen und territorialen Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1815 nach wie vor in weiter Ferne lag, denn bis zur Reichsgründung sollten noch einige Jahrzehnte vergehen.

Die volle oder teilweise politische Eigenständigkeit dutzender Staaten, die immerhin zum Deutschen Bund zusammengefasst wurden, erschwert einerseits die Beurteilung der komplexen Zusammenhänge zwischen Regierung, gesellschaftlichen Ordnungssystemen und Industrialisierung. Auf der anderen Seite sind empirische Daten in höchst unterschiedlicher Qualität und Quantität vorhanden und infolgedessen mitunter schwer vergleichbar. Auch das Statistikwesen war – wenn überhaupt – sehr verschieden ausgeprägt. So konstatiert Michael Schäfer beispielsweise, dass „aussagekräftige Zahlen zur Entwicklung des Sozialprodukts, der Investitionsrate oder ähnliche Datenreihen zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum [...] für Sachsen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht [vorliegen]“[1].

Die Gemengelage aus historischen Quellen, Primär- und Sekundärliteratur erscheint überaus diffus – aber auch sehr reichhaltig. Dass die Industrialisierung Deutschlands ausgerechnet ins letzte Jahrhundert der Kleinstaaterei fiel, kann man ökonomisch gesehen nicht unbedingt als vorteilhaft erachten, da dies in den Anfangsjahren noch hemmend wirkte. Für Historiker hingegen könnte es ein Glücksfall sein, ergibt sich so doch eine ungeheure Bandbreite an Forschungsgebieten und Untersuchungsaspekten, die sich vor allem auch auf regionale Entwicklungen konzentrieren. Die Schwierigkeit des Vergleichs liegt schließlich darin, relevante Publikationen und Daten so aufzubereiten, dass ein objektiv stimmiges Gesamtbild entsteht und bestenfalls neue Erkenntnisse zutage gefördert werden.

2.2 Stadien und regionale Differenzierung

Ebenso vielfältig wie das Datenmaterial erscheinen die allgemeinen Erklärungsansätze für die Durchsetzung der Industrialisierung. Zwei von ihnen werden nachfolgend kurz vorgestellt, da sie im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch von Bedeutung sind.

Das Stadienmodell [2]: Walther G. Hoffmann gelangte aufgrund von empirischen Untersuchungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu der Erkenntnis, dass Industrialisierungsprozesse stets in Stadien erfolgten. Demnach bildete die Konsumgüterindustrie während der ersten Phase den zentralen Sektor, während im zweiten die Kapitalgüterindustrien wuchsen. Dieses Wachstum beschleunigte sich derart, dass im dritten Stadium hinsichtlich der Beschäftigtenzahlen bereits Parität zwischen den Industriearten bestand, bevor die Kapitalgüterindustrien in der vierten und letzten Phase schließlich zum wichtigsten industriellen Sektor aufstiegen.

Das Take-Off-Modell [3]: Der amerikanische Ökonom und Wirtschaftshistoriker W.W. Rostow verfasste eine weitaus umfangreichere Theorie, die im wesentlichen auf der Annahme beruht, dass es an einem bestimmten Punkt zum so genannten „Take-Off“ kommt. Dieser Begriff stammt aus der Luftfahrt und beschreibt schlicht das Abheben eines Flugobjekts, wofür – und das ist der relevante Aspekt – kurzfristig natürlich eine gewisse Geschwindigkeit und Dynamik notwendig ist. Übertragen auf die Geschichte der Wirtschaft bedeutet dies zum Beispiel, dass die Investitionsrate unvermittelt stark anstieg bzw. „das Wachstum des Sozialprodukts eine entscheidende Beschleunigung erfuhr. Es ist dies der Punkt, an dem die industrielle Entwicklung in einen selbsttragenden, unumkehrbaren Wachstumsprozess umschlug“[4].

Beide Entwürfe haben ihre Vorzüge, aber auch Nachteile. Während Hoffmanns Variante sich als relativ simpel, dafür aber leicht nachvollzieh- und überprüfbar erweist, ist Rostows Ansatz, auch aufgrund der Komplexität und der damit verbundenen Fehleranfälligkeit, umstritten. Darum wird es hier jedoch nicht gehen. Vielmehr soll später versucht werden, sowohl das Stadien- als auch das Take-Off-Modell auf Sachsen und Rheinland-Westfalen anzuwenden.[5]

Zur Differenzierung der Industrialisierung ist anzumerken, dass einzelne Regionen ebenso wie einzelne Industriezweige („leading sectors“) eine Führungsrolle übernehmen konnten. So führten „das Königreich Sachsen und die preußischen Rheinprovinzen mit Teilen Westfalens [...] den Industrialisierungsprozeß [in Deutschland] an. (Wobei beide natürlich auch ihre unterentwickelten Regionen besaßen, die geographisch oft dicht neben den industriellen Kernregionen lagen.)“[6].

Nicht als generelle Voraussetzungen, zumindest aber als begünstigende Faktoren für die Industrialisierung, benennt Wolfram Fischer unter anderem „Bevölkerungsstruktur und -bewegung, Agrarstruktur und -reformen, vorindustrielle Gewerbestruktur, Rohstoffvorkommen, Erfindungen und deren Verbreitung, Außenhandelsbedingungen, Kapitalbereitstellungen und Kreditapparat, das Vorhandensein von Unternehmerschichten und deren Verhaltensweisen [... sowie] die staatliche Wirtschaftspolitik“[7]. Welcher Stellenwert all diesen Elementen für die industrielle Entwicklung in Sachsen bzw. Rheinland-Westfalen zukommt wird das folgende Kapitel zeigen.

3 Rahmenbedingungen, Entwicklungen, Durchbruch der Industrialisierung

3.1 Sachsen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die Durchsetzung der Industrialisierung in Sachsen war – kurz gesagt – einem Konglomerat aus historischen Gegebenheiten, unternehmerischen Initiativen und staatlichen Maßnahmen zu verdanken, die teils parallel zueinander auftraten und sich nicht selten gegenseitig bedingten bzw. beeinflussten. Doch sei an dieser Stelle auch gesagt, dass niemand, weder Staat noch Unternehmertum, zu irgendeinem Zeitpunkt einen koordinierenden „Masterplan“ hatte, der den weiteren Verlauf der Entwicklungen sicher voraussagen oder gar bestimmen konnte.

Ganz am Anfang standen protoindustrielle Gewerbelandschaften, die sich schon weit vor dem eigentlichen Beginn der Industrialisierung herausbildeten.[8] Ihren Ursprung nahmen sie im frühindustriell geprägten erzgebirgischen Silberbergbau, welcher durch Wohlstandsmehrung und Ausbreitungseffekte einen regionalen Markt für gewerbliche Waren entstehen ließ. Nach seinem Niedergang erfolgte eine Verlagerung der Tätigkeiten auf die zunftfreie Produktion von Gebrauchs- und Haushaltsgegenständen aus Holz sowie Textilien. Auch in anderen Teilen Sachsens wuchsen um 1800, insbesondere mit der Etablierung des baumwollverarbeitenden Gewerbes, protoindustrielle Strukturen heran, bei denen das Manufaktur- und Verlagswesen eine wesentliche Rolle spielte. Die Ausdehnung der neuen Produktionsweisen „ging einher mit einer dichten Einbindung Sachsens in die Netzwerke des europäischen und transatlantischen Handels“[9].

[...]


[1] Schäfer, Michael: Die Wirtschaftsgeschichte Sachsens von 1800 bis 1914. In: Karlsch, Rainer / Schäfer, Michael: Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industriezeitalter, Leipzig 2006, S. 45.

[2] Vgl. Fischer, Wolfram: Wirtschaft und Gesellschaft im Zeitalter der Industrialisierung, Göttingen 1972, S. 464.

[3] Vgl. ebd.

[4] Schäfer (2006), S. 45.

[5] Siehe dazu Kap. 4.

[6] Fischer (1972), S. 465.

[7] Ebd., S. 465f.

[8] Vgl. hier und im weiteren Verlauf: Schäfer (2006), S. 15ff.

[9] Ebd., S. 22.

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Details

Titel
Regionale Differenzierung der Industrialisierung in Deutschland
Untertitel
Eine vergleichende Betrachtung von Sachsen und Rheinland-Westfalen
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V203480
ISBN (eBook)
9783656295587
ISBN (Buch)
9783656297055
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrialisierung, Sachsen, Rheinland-Westfalen, 19. Jahrhundert, Industrielle Revolution, Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Arbeit zitieren
Frank Bodenschatz (Autor), 2011, Regionale Differenzierung der Industrialisierung in Deutschland , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203480

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