Das Atelier und das Werk Jackson Pollocks

Eine Heterotopie Foucaults


Hausarbeit, 2012

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

1 Einleitung

Jackson Pollock war einer der Hauptvertreter des sogenannten „Action Paintings“ in den Vereinigten Staaten in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Er hat es geschafft, Amerika künstlerisch von Europa zu emanzipieren und mithilfe europäischer Einflüsse etwas Neues, genuin Amerikanisches zu schaffen. Aufgrund seiner Lebens- und Todesumstände wird er in den USA nach wie vor als der tragisch gebrochene Held gefeiert, der sogar mit Hollywoodgrößen wie James Dean konkurrieren kann.1

Die Expressivität der pollockschen Drip-Paintings2 sind Nova in der Kunstgeschichte, nicht nur in der Amerikas. Seine unverwechselbare Malweise entwickelte der Künstler in einer Scheune in Springs, in der er im Jahr 1946 sein Atelier einrichtete. Diese Gemälde zählen heutzutage zu den teuersten der ganzen Welt.3 An dem Atelier kann man noch heute die Entstehungsweise der Bilder ablesen. Das Atelier als solches ist daher für die Kunst Pollocks von besonderer Relevanz.

In der vorliegenden Hausarbeit wird der Raum des Ateliers genauer betrachtet. Hierzu wird sich besonders auf Michel Foucaults Text Andere R ä ume 4 bezogen. Das Atelier tritt dabei in Wechselwirkung mit dem Gemälde an sich, sodass an dem Werk Pollocks ebenfalls die besondere Raumsituation abgelesen werden kann. Mehr noch: In dem Bild und mit dem Werk entstehen vielerlei „Räume“, die durch dieses sichtbar werden. In der Hausarbeit wird zunächst eine künstlerische Arbeit Pollocks kurz vorgestellt, das in der Scheune entstanden ist. Das Gemälde wird eingeführt, um sich mit Pollocks Schaffen vertraut zu machen und einen Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers zu schaffen. Das Bild führt in

das Atelier, welches anschließend als Raum kurz beschrieben wird. Die beiden Bezugspunkte Werk und Atelier werden schließlich mit der Raumtheorie Foucaults in Beziehung gesetzt, um im Rückschluss aufzuzeigen, dass der besondere Raum des Ateliers sich in Pollocks Werk manifestiert, welches selbst wiederum auf unterschiedliche Art und Weise zum Raum gerät.

2 Pollocks Full Fathom Five

In der Scheune entstand im Jahr 1947 das Bild Full Fathom Five (s. Abb. 1, S. 16).5 Dieses Gemälde ist damit eines der früheren Drip-Paintings Pollocks. Mit seiner Größe von 129,2 cm x 76,5 cm ist es kleiner als die typischen Action-Paintings des Malers, die meist überdimensionale Maße annehmen.6 Das Bild ist mit Öl auf Leinwand gemalt. Unter der Ölfarbe befinden sich mehrere, für die Malerei eher ungewöhnliche Materialien wie Nägel, Münzen und Zigaretten.

Die Hauptfarben des Werkes sind verschiedene Blautöne und Schwarz. Die Farbe wurde zum einen von Pollock über das Bild ausgeschüttet, zum anderen mithilfe eines Spachtelmessers und einer Bürste aufgetragen.7 Diese Maltechnik mit den genannten Werkzeugen ist typisch für das „Action-Painting“, das Pollock in seiner Wirkungskraft perfektionierte. An diesem Bild hat der Künstler mithilfe der Technik des Pourings, nämlich dem Ausschütten von Farbe, und dem Dripping, dem Tropfen und Schleudern von Farbe, gearbeitet. An einigen Stellen des Werkes blitzen warme, leuchtende Farben wie Orange und helle Grüntöne hervor, die dem ansonsten umherschweifenden Auge des Betrachters Halt geben. Besonders die sich im rechten oberen Teil des Bildes befindlichen fünf helle Striche ziehen die Aufmerksamkeit des Beobachtenden auf sich, sie bilden daher das Zentrum von Full Fathom Five.

Den Blick über das Gemälde schweifen lassend, bekommt man den Eindruck, als verberge sich etwas unter der sichtbaren Oberfläche des Bildes. Diese Wirkung entsteht durch die aus dem Untergrund des Werkes hervorscheinenden Farben. Tatsächlich erkennt der Betrachter beim Herantreten an das Bild die bereits genannten Utensilien, die Pollock in Full Fathom Five mit eingearbeitet hat (s. Abb. 2, S. 17) . Das Gemälde bekommt dadurch Tiefe und erhält räumliche Dimension: Auf dem Grund der Leinwand befinden sich die Materialien. Die Farbe, welche als nächstes von Pollock aufgetragen wurde, bildet an sich ebenfalls mehrere Schichten. Das wird gleichfalls deutlich, wenn man das Bild von Nahem betrachtet (s. Abb. 3, S. 18). Das Bild wird so dreidimensional.

Auf diese Weise korrespondiert es mit seinem Titel, Full Fathom Five, welcher auf Deutsch in etwa F ü nf Faden tief bedeutet. Der Faden, auch Klafter genannt, ist ein veraltetes Längenmaß, das das Maß zwischen den ausgestreckten Armen eines erwachsenen Mannes misst. Das entspricht in etwa 6 Fuß, also ca. 1,80 Meter. Das englische Verb „to fathom something“ drückt zum einen „etwas ausloten“, als auch „etwas auf den Grund kommen“, aus. Mit den drei Worten des Titels beginnt zudem die zweite Strophe von Ariels Song in Shakespeares Drama Der Sturm in der zweiten Szene des ersten Aufzugs. Ariel besingt in dem Lied seinen Vater, der „fünf Faden tief“ nach dem Untergang seines Schiffes auf dem Grund des Meeres liegt:

Full fathom five thy father lies; / Of his bones are coral made; / Those are pearls that were his eyes: / Nothing of him that doth fade, / But doth suffer a sea-change / Into something rich and strange. / Sea-nymphs hourly ring his knell: / (Burthen) Ding-dong. / Hark! now I hear them,— Ding-dong, bell.8

[F ü nf Faden tief dein Vater liegt, / Sein Skelett wird zu Koralle, / Seine

Augen Meerkristalle, / Nichts Lebendiges versiegt, / Geht

Verwandlungen des Meeres / Ein in Seltsames und Hehres / Nymphen t ö nen Glockenklang: / (Chor) Ding-dong. / Horch! Ding-dong Klang im Wellensang.] 9

Mit Blick auf das gleichnamige Bild Pollocks könnte die Leinwand den Grund des Meeres darstellen, auf dem sich nach dem Sinken eines Schiffes ebenfalls allerlei ungewöhnliche Dinge wie Nägel und Anderes befinden können. Über diesen Gegenständen befindet sich im Meer teilweise Schlamm, was in Pollocks Werk die gedeckten, dunklen Farben wie Grau- und Grüntöne suggerieren (s. Abb. 2). Die nächste Schicht bildet das Wasser. Dieses wird in Full Fathom Five mit den diversen Blautönen ausgedrückt. Bei größeren Gewässern ist nicht sofort ersichtlich, ob und was sich unter der Wasseroberfläche auf dem Grund befindet. Das wird entweder erst bei genauerem Hinsehen deutlich oder, wenn das Wasser durch eigene Bewegung bestimmte Dinge von selbst freigibt. So verhält es sich auch bei Pollocks Werk.

Interessant ist zudem, dass das Meer als Symbol des Unbewussten und der Erinnerung dient. Die Tiefe des Meeres symbolisiert die schöpferische Kraft der Seele als auch deren ambivalente Seiten. Der Meeresgrund wird als das dem Menschen Unbekannte angesehen, was als prachtvoll, aber auch beängstigend empfunden wird.10 Das Wasser als solches ist bei der jungschen Traumdeutung zentrales Motiv für die „ungeordnete Fülle des Unbewussten“.11 Dies ist unter Berücksichtigung auf das künstlerische Selbstverständnis Pollocks bemerkenswert. Wie unten stehend auf S. 7 näher ausgeführt wird, diente das Unbewusste den Künstlern des Abstrakten Expressionismus, zu denen auch Pollock zählte, als Inspirationsquelle. Psychologisch orientierten sie sich an C. G. Jung. Der Titel des Gemäldes stimmt demnach mit dessen Inhalt, die Symbolik mit dem künstlerischen Selbstverständnis Pollocks, überein.

Anschließend wird der Entstehungsort von Full Fathom Five, nämlich die Scheune, näher betrachtet.

3 Der Entstehungsort: Die Scheune als Atelier

Full Fathom Five wurde, wie bereits genannt, in der Scheune kreiert. Pollock zog im Jahr 1945 mit seiner Ehefrau Lee Krasner, die ebenfalls Künstlerin war, nach Springs, einem Stadtteil in Long Island in New York.12 Das Haus, in dem Pollock und Krasner wohnten, befand sich in einem Areal, welches von Natur, das heißt von Feldern und Wäldern, umgeben war. Pollock richtete sich im Jahr 1946 in der Scheune, die sich hinter dem Haus befand, sein Atelier ein. Es war somit von Natur umgeben.13 Heute befindet sich in dem Haus das Pollock-Krasner Museum. Von dem Boden der Scheune kann man deren zweckentfremdete Nutzung ablesen, denn er ist mit Farbsprenklern übersät (s. Abb. 4, S. 19). Das Atelier an sich ist mit ca. 22 x 22 Fuß gerade einmal so groß wie ein „bescheidenes Wohnzimmer“14 und misst in europäischer Maßeinheit damit in etwa 40 Quadratmeter.15 In dem Atelier befand sich kein künstliches Licht, sondern nur ein hohes, breites Fenster, das gen Norden zeigte.16 Laut Krasner hat Pollock nur bei Tageslicht gearbeitet.17 Verglichen mit der Größe der meisten Action-Paintings Pollocks ist das Atelier ziemlich klein. Beim Zeichnen der großformatigen Bilder konnte er so nur schwerlich hinter das Bild treten, um einen Gesamteindruck von diesem zu bekommen. Und doch hat er es geschafft, aus jedem Blickwinkel seiner Gemälde neue Details hervorscheinen zu lassen.

[...]


1 Das ist an der Inszenierung Pollocks in dem berühmten Artikel des Life Magazins (Ausgabe vom 08.08.1949) erkennbar: Der Maler wird hier mit der im Mundwinkel hängenden obligatorischen Zigarette, lässig an seinem eigenen Bild Summertime: Number 9A (1948) lehnend, gezeigt.

2 Das sogenannte „dripping“ ist eine Technik des Action-Paintings, derer sich Pollock bediente. Nähere Ausführungen folgen unten stehend auf S. 2.

3 Pollocks Gemälde No. 5 (1948) soll heute eines der Bilder sein, die im Direktverkauf zwischen Privatpersonen am meisten kosteten, nämlich 140 Millionen Dollar. Focus-Artikel vom 03.05.2012, 11:00 Uhr: Die zehn teuersten Gemälde der Welt. http://www.focus.de/kultur/kunst/die-zehn-teuersten-gemaelde-der-welt-275-millionen-euro-fuer-einen-pollock_aid_746688.html (Aufruf am 26.09.2012, 19:30 Uhr.)

4 Foucault, Michel: Andere Räume. In: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Hrsg. v. Karlheinz Barck u. a. Leipzig 1993.

5 Full Fathom Five: 1947. Öl auf Leinwand mit Nägeln, Draht, Knöpfen, einem Schlüssel, Münzen, Zigaretten, Streichhölzern etc. 129,2 cm x 76,5 cm. Sammlung des Museum of Modern Art, New York.

6 Das Bild One: No. 31 (1950) ist misst beispielsweise 269,5 cm x 530,8 cm.

7 Bildbeschreibung des Museum of Modern Art: http://www.moma.org/collection/object.php?object_id=79070 (Aufruf am 26.09.2012, 19:33 Uhr).

8 Shakespeare, William: Der Sturm. Zweisprachige Ausgabe. In: Gesamtausgabe Bd 7, Cadolzburg 2001, S. 42

9 Ebd., S. 43.

10 Art. „Meer“, Metzler Lexikon literarischer Symbole. Hrsg. v. Günter Butzer und Joachim Jacob. Stuttgart 2008,S. 227 f.

11 Art. „Wasser“, ebd., S. 414 f.

12 Emmerling, Leonhard: Jackson Pollock: An der Grenze der Malerei. Köln 2009, S. 54.

13 Newhouse, Victoria: Jackson Pollock. How Installation can affect modern art. In: dies. Art and the Power of Placement. New York 2005, S. 200.

14 Ebd., S. 147.

15 Newhouse spricht von „approximately twenty-two feet square“ (S.147). Als Länge und Breite der Räume wird daher von je ungefähr 6,5 Metern ausgegangen.

16 Ebd.

17 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Atelier und das Werk Jackson Pollocks
Untertitel
Eine Heterotopie Foucaults
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Das Atelier des Künstlers
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V203544
ISBN (eBook)
9783656302575
ISBN (Buch)
9783656302681
Dateigröße
8565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jackson Pollock, Michel Foucault, Full Fathom Five, Heterotopie, Action-Painting
Arbeit zitieren
B.A. Julia Hans (Autor), 2012, Das Atelier und das Werk Jackson Pollocks , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203544

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