Von zentraler Bedeutung für die Ausführungen in der vorliegenden Arbeit ist die Hypothese, dass künftig zum einen der Journalismus pädagogische Aufgaben, wie das Selektieren von Informationen, das Schaffen von Wissensgrundlagen und die Förderung von Reflexion übernehmen könnte (Vgl. Dr. Bernhofer, 2003: 23), während sich auf der anderen Seite die Pädagogen, in erster Linie die Lehrer, an die veränderten Lernbedingungen, die eine informationstechnisch vernetzte Schule mit sich bringt, anpassen müssen. Dies könnte geschehen, indem pädagogische Lehrkräfte Aufgaben des Journalismus wie Recherche, Redaktion, Herausgabe und Moderation von Kommunikationsprozessen übernehmen (Vgl. ebd.). Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Aspekt der Entgrenzung, der beide Systeme gleichermaßen betrifft. Bildungs- und Lernprozesse finden längst nicht mehr nur in den dafür geschaffenen Institutionen statt, sondern gehören zur täglichen Praxis vor Ort - also dort, wo das Gelernte angewendet werden soll - im Betrieb und im Unternehmen. Weiterbildungsmaßnahmen wie Sprach- und IT-Kurse werden häufig betriebsintern angeboten.
Der Journalismus muss sich ebenfalls mit dem Phänomen der Entgrenzung auseinandersetzen. Gründe für das Auflösen von Grenzen sind "vor allem die Ökonomisierung, Kommerzialisierung und Einführung des Internets, also ökonomische und technische Randbedingungen" (Neuberger, 2004: 4). Das Internet, dessen Nutzerzahlen seit Anfang 2011 auf über zwei Milliarden angestiegen sind – womit etwa ein Drittel der Weltbevölkerung online ist –, ermöglicht es, dass eine nahezu undefinierbar große Menge an Informationen frei zugänglich ist. Der Online-Journalismus hat gegenüber dem herkömmlichen Medium Zeitung den Vorteil, unmittelbare Aktualität zu gewährleisten. In der vorliegenden Arbeit werden die Pädagogik und Journalismus hinsichtlich des strukturellen Wandels in der Wissensgesellschaft näher beleuchtet. Die beiden Disziplinen werden als soziale Systeme angesehen, da in ihnen „Handlungen mehrerer Personen sinnhaft aufeinander bezogen werden und dadurch in ihrem Zusammenhang abgrenzbar sind von einer nichtdazugehörigen Umwelt. Sobald überhaupt Kommunikation unter Menschen stattfindet, entstehen soziale Systeme“ (Luhmann, 2008: 210). Die Pädagogik ist der Motor der Bildung und damit ein entscheidender Faktor, um die zentrale Ressource unserer Gesellschaft, das Wissen, qualitativ zu sichern.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Motivation und Hinweise
1.2 Kontext des Untersuchungsfeldes
1.3 Aufgabenstellung und Thesenformulierung
1.4 Konzept und Methoden
1.5 Vorgehensweise
2 Teilbereiche der Wissensgesellschaft
2.1 Wissen und Wissenschaft
2.2 Wirtschaft
2.3 Politik
2.4 Medien
2.5 Kultur
3 Der Wandel sozialer Systeme in der Wissensgesellschaft
3.1 Pädagogik
3.1.1 Ökonomisierung des Bildungssystems
3.1.2 Entgrenzungen
3.1.3 Neue Lernkultur
3.1.4 Bildung in der Pädagogik
3.2 Journalismus
3.2.1 Verlust des Informationsmonopols
3.2.2 Entgrenzungen
3.2.3 Multimediale Berichterstattung
3.2.4 Bildung im Journalismus
4 Grundlegende Berührungspunkte
4.1 Gesellschaftlicher Auftrag
4.2 Kommunikation
4.3 Didaktik
5 Arbeitstechnische Berührungspunkte
5.1 Vermittlung
5.2 (Online-) Recherche
5.3 Moderation
6 Thematische Berührungspunkte
6.1 Medienpädagogik
6.2 Nutzwertjournalismus
6.3 Informationspädagogik
6.4 Bildungsjournalismus
7 Drei-Phasen-Modell der Bildung
7.1 Digitalisierung der Allgemeinbildung (Phase I)
7.2 Neue Bildungskultur (Phase II)
7.3 Erweiterung des Bildungsbegriffs (Phase III)
8 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zunehmende Notwendigkeit von Allianzen zwischen den sozialen Systemen Pädagogik und Journalismus in der Wissensgesellschaft. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie diese beiden Disziplinen angesichts eines tiefgreifenden sozialstrukturellen Wandels ihre professionellen Arbeitsweisen und Strukturen neu konzipieren müssen, um als Orientierungshilfen in einer zunehmend komplexen und informationsüberfluteten Gesellschaft fungieren zu können.
- Struktureller Wandel der Wissensgesellschaft und seine Auswirkungen auf Bildung und Information.
- Analyse der Berührungspunkte zwischen Pädagogik und Journalismus (grundlegend, arbeitstechnisch, thematisch).
- Die Rolle der Medienkompetenz und deren Bedeutung für die künftige Gestaltung von Bildungsprozessen.
- Entwicklung eines zukunftsorientierten Drei-Phasen-Modells der Bildung.
- Reflexion der Rolle von Journalisten und Pädagogen als "Welterklärer" und Orientierungsstifter.
Auszug aus dem Buch
1.1 Motivation und Hinweise
Vor rund eineinhalb Jahren wechselte ich von der Universität Trier an die Gutenberg-Universität Mainz. Ein Standortwechsel, der es mir ermöglichen sollte, zum einen das Wahlpflichtfach Medienpädagogik belegen zu können und zum anderen meinem Berufsweg durch unterschiedliche Praktika näher zu kommen. Zum Zeitpunkt meines Wechsels waren meine beruflichen Vorstellungen sehr vage. Ich wusste nur, dass ich gerne etwas im Medienbereich machen möchte. Ein loser Wunsch, den Berufsberater heutzutage sicherlich oft zu hören bekommen. Durch eine Aushilfstätigkeit in der Fachredaktion Jugend und Bildung der Universum Kommunikation und Medien AG begann ich mich für den Journalismus zu interessieren. Ein paar Monate zuvor hatte ich bereits damit begonnen, kürzere Texte zu verfassen, sodass ich dieses aufkeimende Interesse als logische Folge empfand, kurzum: Ich hatte einen echten Anhaltspunkt gefunden, was meine beruflichen Ziele angeht.
Ich erhielt ein Praktikum bei der Tageszeitung Frankfurter Neue Presse, wo ich die Grundlagen des journalistischen Arbeitens kennenlernte. Im Anschluss daran absolvierte ich zwei Praktika bei der Verlagsgruppe Rhein-Main im Online-Desk und bei der Allgemeinen Zeitung. In beiden Bereichen bin ich heute als Aushilfe beziehungsweise freier Mitarbeiter tätig. Ich habe meine Prinzipien, Ideale und Werte, die mich einst zur Pädagogik führten, nicht ad acta gelegt, sondern meine grundlegende Einstellung lediglich auf ein anderes berufliches Segment projiziert. Aufgrund dieser journalistischen Tätigkeiten während meines Studiums begann ich darüber nachzudenken, welche konkreten Verbindungen es zwischen der Pädagogik und dem Journalismus geben könnte. Als zusätzliche Motivation diente diesbezüglich, dass ich bei vielen Kommilitonen und Berufstätigen häufig auf Unverständnis stieß, wenn ich von meinem Pädagogik-Studium und meinem Berufswunsch Journalist erzählte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Motivation des Verfassers, den Kontext der Wissensgesellschaft sowie die zentralen Thesen und methodischen Ansätze der Arbeit.
2 Teilbereiche der Wissensgesellschaft: Dieses Kapitel analysiert die Rahmenbedingungen der modernen Wissensgesellschaft durch die Betrachtung von Wissen, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur.
3 Der Wandel sozialer Systeme in der Wissensgesellschaft: Hier werden die Entwicklungen der Pädagogik und des Journalismus im Kontext der Wissensgesellschaft, insbesondere unter dem Aspekt der Entgrenzung, skizziert.
4 Grundlegende Berührungspunkte: Untersuchung von Schnittstellen zwischen Pädagogik und Journalismus in Bezug auf gesellschaftlichen Auftrag, Kommunikation und Didaktik.
5 Arbeitstechnische Berührungspunkte: Detaillierte Betrachtung der Arbeitstechniken Vermittlung, (Online-) Recherche und Moderation als gemeinsame Kompetenzfelder.
6 Thematische Berührungspunkte: Anwendung der Ergebnisse auf spezifische Arbeitsfelder wie Medienpädagogik, Nutzwertjournalismus, Informationspädagogik und Bildungsjournalismus.
7 Drei-Phasen-Modell der Bildung: Vorstellung eines zukunftsorientierten Bildungsmodells in drei Phasen, basierend auf den Erkenntnissen der vorherigen Kapitel.
8 Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse und Reflexion über die Leitthese sowie einen Ausblick auf die zukünftige Ko-Evolution beider Systeme.
Schlüsselwörter
Wissensgesellschaft, Pädagogik, Journalismus, Bildung, Entgrenzung, Medienkompetenz, Nutzwertjournalismus, Informationsgesellschaft, Orientierung, Digitalisierung, Online-Recherche, Bildungsjournalismus, Qualitätsjournalismus, Kommunikation, Medienpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Verbindungen und notwendigen Allianzen zwischen den sozialen Systemen Pädagogik und Journalismus innerhalb der Wissensgesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem sozio-ökonomischen Wandel, der Medienkompetenz, den gemeinsamen Arbeitstechniken der beiden Disziplinen sowie der Entwicklung einer neuen Lernkultur.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, Schnittpunkte zu identifizieren, um zu zeigen, wie beide Systeme durch Kooperation Orientierung in einer komplexen Informationswelt bieten können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Literaturarbeit, die durch qualitative problemzentrierte Experteninterviews ergänzt wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Rahmenbedingungen, führt einen Transfer auf praktische Arbeitstechniken durch und mündet in einem Drei-Phasen-Modell der Bildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wissensgesellschaft, Pädagogik, Journalismus, Bildung, Entgrenzung, Medienkompetenz und Digitalisierung sind die prägenden Begriffe.
Was besagt das Drei-Phasen-Modell?
Es prognostiziert die Zukunft der Bildung in drei Schritten: Digitalisierung der Allgemeinbildung (Phase I), Entstehung einer neuen Bildungskultur (Phase II) und eine notwendige Erweiterung des Bildungsbegriffs (Phase III).
Wie bewertet der Autor die Rolle des Journalismus?
Der Autor sieht im Journalismus weniger eine eigene Bildungsinstanz, sondern vielmehr ein Medium, das Bildungsprozesse initiieren, vermitteln und kritisch begleiten kann.
- Arbeit zitieren
- Michael Sowada (Autor:in), 2012, Medienkompetenz als Rettungsanker der Bildung? Pädagogik und Journalismus vor neuen Aufgaben in der Wissensgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203557