The Costs of Development - Menschenrechte in der Krise

Anthropology of Displacement


Hausarbeit, 2011
31 Seiten, Note: sehr gut - gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Entwicklung
2.1 Definition
2.2 Das Konzept der Entwicklung
2.3 Indien - ein Entwicklungsland (?)
2.3.1 Scheduled Tribes - Das Tribal Development Project

3 Menschenrechte
3.1 Definition
3.1.1 Definition von Recht
3.1.2 Die Universal Declaration of Human Rights
3.2 Indien - Nach der Universal Declaration of Human Rights
3.3 Das Recht auf Entwicklung

4 Displacement
4.1 Definition
4.2 Die World Bank
4.3 Die World Commission on Dams
4.4 Indien - Ein Beispiel

5 Does Development displace Human Rights?

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einführung

In meiner Arbeit möchte ich im Rahmen des Hauptseminars Anthropology of Displacement den Zusammenhang zwischen Entwicklung und Displace­ment diskutieren. Als Displacement wird in dieser Arbeit durch Entwick­lungsprojekte erzwungene Migration bezeichnet. Das Konzept wird in Ka­pitel 4 detailliert erläutert. In diesem Kontext möchte ich beschreiben, wie aus einem positiven Konzept im falschen Kontext ein problematisches werden kann. Konkret möchte ich dafür skizzieren, wie sich aus dem ur­sprünglichen Diskurs um Menschenrechte und insbesondere dem Recht auf Entwicklung, die Pflicht zur Entwicklung und somit eine eindeutige Ver­nachlässigung der Menschenrechte entwickelt hat. Dieser Gesichtspunkt bildet meiner Meinung nach einen enorm bedeutungsvollen Aspekt des Gesamtthemas, da häufig nur eine Seite der Menschenrechte gesehen wird. Diese wird verständlicherweise als rein positive Angelegenheit emp­funden. Selten wird wahrgenommen, dass diese eindeutig vorteilhafte Ein­richtung von grundlegenden Menschenrechten auf falsche Weise ausge­legt und ausgenutzt werden kann. Um mein Thema behandeln zu können, werde ich diverse Literatur verwenden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Li­teratur aus den Feldern Entwicklung, Entwicklung in Verbindung mit Dis­placement und Menschenrechten, hierbei konzentriere ich mich vor allem auf Menschenrechte in Indien. Entwicklung wird in der von mir ausgewähl­ten Literatur kritisch hinterfragt und von allen Seiten beleuchtet. Dadurch erhoffe ich, eine neue Einsicht in diese Materie zu erfahren. Auch Men­schenrechte werden kritisch hinterfragt und von diversen Positionen disku­tiert. Mit Hilfe dieser Mannigfaltigkeit an Standpunkten erhoffe ich mir, eine gute Gesamtübersicht erhalten zu können. Zusätzlich habe ich Literatur zum Thema Displacement ausgewählt, die dieses im Detail untersucht und in jeglicher Hinsicht analysiert.

Um den zu Anfang erwähnten Werdegang erörtern zu können, werde ich erst die Geschichte der Menschenrechte kurz skizzieren. Anschliessend werde ich erläutern, wie diese in der heutigen Zeit in der Realität umge­setzt werden. Hierbei liegt der Fokus auf Indien, an einem konkreten Bei­spiel werde ich beschreiben, wo und wie dafür gesorgt wird, dass Men­schenrechte praktisch umgesetzt werden können. Dann präsentiere ich in Kürze, wie aus dem Recht auf Entwicklung aus ökonomischen Gründen eine Pflicht wurde. Abschliessend werde ich prüfen, wie die beiden Kon­zepte zusammen passen, ob bei verpflichteten Rechten die tatsächlichen Rechte noch an erster Stelle stehen, beziehungsweise überhaupt noch eine Rolle spielen. Ich möchte das Zusammenspiel von (dem Recht auf) Entwicklung und Displacement kritisch diskutieren und das unscharfe Kon­zept der Entwicklung verstehen sowie herausfinden, was genau sich da­hinter versteckt. Am Schluss möchte ich beantworten können, ob Recht, also Entwicklung, ohne Pflicht, also Displacement, in die Tat umgesetzt werden kann. Oder ob Entwicklung nicht teilweise dafür sorgt, dass Men­schenrechte verdrängt werden.

2 Entwicklung

2.1 Definition

Wenn ich über Entwicklung schreibe, möchte ich zwei Definitionen des Begriffs berücksichtigen. Eine der beiden liefert Gilbert Rist in seinem 2011 erschienenem Werk The History of Development. Rist betont die Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit des Begriffs der Entwicklung. Er zitiert die Definition des Human Development Report des Entwicklungspro­gramms der Vereinten Nationen aus dem Jahre 1991 (2011:9). Dieser be­zeichnet menschliche Entwicklung als Grundlage für eine Erweiterung der den Menschen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (ebd.). Dadurch soll Entwicklung schlussendlich demokratische Züge erhalten und unter Mitwirkung der Betroffenen fortlaufend durchgesetzt werden (ebd.). Rist argumentiert, dass gängige Definitionen entweder instrumentell oder nor­mativ sind (ebd.). Sie dienen also entweder einem bestimmten Zweck oder sind Idealvorstellungen. Daher schlägt er folgende Definition vor:

Development consists of a set of practices, sometimes to conflict with one another, which require [...] the general transformation and destruction of the natural environment and of social relations . Its aim is to increase the production of commodities [...] geared, by way of exchange, to effective demand.(2011:13)

Besonders interessant für diese Arbeit ist, dass Rist Entwicklung mit ei­nem allgemeinen Wandel und der Zerstörung der Umwelt und der sozialen Verhältnisse in Verbindung setzt. Denn schlussendlich führt ein Wandel der Umwelt, beispielsweise der Bau eines Damms oder einer Pipeline, zum Displacement und resultiert in der Zerstörung sozialer Verhältnisse. Die zweite, in meiner Arbeit relevante Definition des Begriffs, liefert die Einführung zu Displacement by Development: Ethics, Rights and Respon­sibilities herausgegeben von Peter Penz, Jay Drydyk, Pablo S. Bose aus dem Jahre 2011. Darin wird Entwicklung als Erweiterung der Produktion oder des Vertriebs der privaten oder öffentlichen Güter definiert (2011:6). Der Brockhaus definiert Entwicklung als eine „Veränderung und Entfaltung von Organismen, Sozialkörpern auf ein vorgeformtes Ziel hin."(O A 2000:242). Entwicklung beinhaltet also gegebenenfalls Verbesserung, in jedem Fall jedoch Veränderung.

2.2 Das Konzept der Entwicklung

Das Konzept der Entwicklung geht jedoch über die ursprüngliche Bedeu­tung des Begriffs hinaus, es beinhaltet weit mehr als Veränderung. Ent­wicklung kann als Prozess der Erweiterung der Freiheiten über die Men­schen verfügen, betrachtet werden (Sen 1999:3). Freiheit ist im Entwick­lungsprozess aus zwei Gründen ein zentraler Aspekt: Die Einschätzung von Fortschritt muss in erster Linie darauf basieren, ob die Freiheiten der Menschen sich tatsächlich ausgedehnt haben, darüber hinaus ist das Er­reichen von Entwicklung zwangsläufig mit freiem Handeln verknüpft (ebd.:4). So ist Freiheit, also freies Handeln, nicht nur ein Ziel von Entwick­lung, sondern vielmehr ein grundlegendes Mittel Entwicklung zu erreichen (ebd.:10).

Das Konzept der Entwicklung fand nach dem zweiten Weltkrieg Einzug in internationale ökonomische und politische Debatten (Oliver-Smith 2010:5). Der zweite Weltkrieg verschob den machtpolitischen Fokus internationaler Beziehungen von Westeuropa auf die Vereinigten Staaten (ebd.). In der Nachkriegszeit entwickelte sich eine Art moralische Verpflichtung, postko­loniale Gesellschaften bei ihrer Entwicklung zu unterstützen (ebd.:15).

Es ist kaum möglich, Entwicklung getrennt von seinen sozialen und um­weltlichen Konsequenzen zu betrachten (Baker 2006:211). Natürlich ver­ursacht jegliche menschliche Aktivität eine Veränderung der Umwelt, aber die Ausbreitung der Industrialisierung hat das Niveau der tatsächlich und potentiell schädlichen Einflüsse des Menschen auf eine noch nie da gewe- sene Stufe von enormer Intensität gehoben (Faucheux, O’Connor, und Straaten 1998:1). Die sozialen Konsequenzen von Entwicklung dürfen gleichwohl nicht vernachlässigt werden. Das konventionelle Entwicklungs­konzept beinhaltet, dass eine Gesellschaft unterschiedliche Entwicklungs­stufen durchläuft (Baker 2006:2). Traditionelle Gesellschaften würden so eine wirtschaftliche Anlaufphase durchlaufen, woran eine Stufe ansch- liesst, in der stetes ökonomisches Wachstum das Bevölkerungswachstum überholt (ebd.). Die höchste Stufe ist erreicht, wenn Massenkonsum die Bildung sozialen Wohlstands erlaubt (ebd.). Diese west-zentristische An­sicht ermöglicht einen Einblick in die potentiellen sozialen Konsequenzen von Entwicklung. Sie stellt die westliche Gesellschaft als idealtypisch dar und verlangt eine weltweite Anwendung derselben. Es besteht Grund zu der Annahme, dass eine Folge von Entwicklung ein Identitätsverlust der traditionellen Gesellschaft ist. Hierbei sind folglich insbesondere Gesell­schaften gemeint die nicht im westlichen Sinne „entwickelt" sind. Denn wer - nach dieser Logik - nicht westlichen Massstäben entspricht, gilt schein­bar gleichzeitig als nicht entwickelt. So hat Entwicklung auf gewisse Weise einen negativen Einfluss auf die nicht „entwickelte" Gesellschaft, da diese in einem gewissen Umfang ihre ursprüngliche Identität zu Gunsten einer an westlichen Massstäben orientierten Entwicklung verliert.

2.3 Indien - ein Entwicklungsland (?)

Indien liegt im Vergleich zu anderen Industriestaaten bezüglich Infrastruk­tur und auch im sozialen Bereich zurück, weist also Charakteristika eines Entwicklungslandes auf (Fischer 2004:45). Enormes Wirtschaftswachs­tum, welches das eines Entwicklungslandes weit übertrifft, und der sich nur schleppend vollziehende gesellschaftliche Wandel stehen sich im krassen Gegensatz gegenüber (ebd.). Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist beträchtlich, nur jeder vierte Inder profitiert tatsächlich von der fortschreitenden Industrialisierung (ebd.). Darüber hinaus verschlechtert sich der Lebensstandard in Indien, trotz des Fortschritts auf unzähligen Gebieten (Agrawal und Aggarwal 1992:195). „Vor einigen Jahren hat die indische Regierung stolz verkündet, dass nur noch 19% der indischen Be­völkerung unterhalb der Armutsgrenze leben", die Armutsgrenze orientiert sich jedoch am Lebensstandard des jeweiligen Landes (Rothermund 2008:255). Auf der Suche nach einer „objektiven" Messeinheit hat Indien früh begonnen, das Minimum an überlebensnotwendigen Kalorien als Messeinheit für die in ihrem Land gültige Armutsgrenze zu verwenden (ebd.).

2.3.1 Scheduled Tribes - Das Tribal Development Project

Indiens Verfassung beinhaltet diverse Massnahmen die absichern, dass die Interessen von Stammesvölkern geschützt werden (Agrawal und Ag­garwal 1992:439). Die Verantwortung Indiens bezüglich tribaler Entwick­lung erstreckt sich hierbei nicht nur auf finanzielle Aspekte, sondern auch auf die Erarbeitung von Richtlinien und Entwicklungsprogrammen für eine rasche, harmonische Entwicklung (ebd.). Der sogenannte Tribal Sub Plan beinhaltet 191 Integrated Tribal Development Projects (ITDP) (ebd.:440). Etwa 8% der indischen Bevölkerung gehört sogenannten Scheduled Tri­bes an (Burman 2000:50). Scheduled Tribes leben in abgelegenen Gebie­ten und unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Kultur, Sprache und Religion stark vom Rest der Bevölkerung (P.K. Mohanty 2006:x). Sie leben häufig unter der Armutsgrenze in weniger entwickelten, isolierten Gebieten, mit meist unfruchtbarem oder schwer zu bearbeitendem Boden (ebd. f.). Un­mittelbar nach Erreichung der Unabhängigkeit gab es in Indien zahlreiche Massnahmen zur allgemeinen Entwicklung der Stammesgebiete (ebd.).

Um die sozioökonomischen Zustände der Scheduled Tribes zu verbes­sern, wurde im Norden Indiens - an der Grenze zu Nepal, in der Region Uttar Pradesh im Lakhimpur-Kheri Distrikt - das Tribal Development Pro­ject, als Teil des ITDP, ins Leben gerufen (Verma 1996:239). Dieses Pro­jekt wurde 1976 bewilligt (ebd.:237). In der Region besteht die mehrheitli­che Bevölkerung (97,2%) aus Scheduled Tribes, die Analphabetenrate lag dort gemäss des im Jahre 1981 durchgeführten Zensus' bei 91,39% (ebd.:238). Das Projekt bestand hauptsächlich aus Programmen für eine Entwicklung der Landwirtschaft, Industrie, Bildung, Kommunikation, des Wohnungswesens, der medizinischen Versorgung und allgemeinen Ge­sundheit (ebd.). Ziel des Projekts war eine allgemeine Verbesserung der Situation der Stämme, konkret sollte die Kluft in Hinblick auf Entwicklung, die in den Stammesgebieten im Vergleich zu anderen Gegenden herrsch­te, geschlossen werden (ebd.:240). Es sollten Genossenschaften gebildet und der Lebensstandard erhöht werden (ebd.). Durch eine verbesserte Bil­dung sollte erreicht werden, dass die Ausbeutung durch den Rest der Be­völkerung ins Bewusstsein tritt und dadurch ein Ende nimmt (ebd.). Neben diesen Massnahmen, welche in erster Linie ökonomische Entwicklung för­derten, wurde den Stämmen geholfen mit dem Verlust ihres Landes durch aggressive Landaneignung klar zu kommen (Strahorn 2009:114).

Mit der Aufnahme des ITDP (1974-1979) wurde die Unterstützung von Stammesvölkern in ganz Indien kritisch überdacht (Verma 1996:232). Auf Basis früherer Defizite des Entwicklungsprojekts, wurde dann ein Integra­ted Area Development Approach ausgearbeitet (ebd.). Diese Herange­hensweise berücksichtigte Charakteristika der einzelnen Stämme, die ver­schiedenen Lebensweisen, Ökologie und andere spezifische Aspekte (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
The Costs of Development - Menschenrechte in der Krise
Untertitel
Anthropology of Displacement
Hochschule
Universität Luzern
Note
sehr gut - gut
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V203712
ISBN (eBook)
9783656298205
ISBN (Buch)
9783656299080
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
costs, development, menschenrechte, krise, anthropology, displacement
Arbeit zitieren
Franziska Höppke (Autor), 2011, The Costs of Development - Menschenrechte in der Krise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203712

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