Der Grammatikalisierungsprozess von habēre während der Entwicklung des Futurs vom Lateinischen zum Spanischen


Hausarbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff Grammatikalisierung

3. Das Futur im Lateinischen
3.1 Die Formen des Futurs der vokalischen Konjugationen
3.2 Die Formen des Futurs der konsonantischen Konjugationen

4. Der Grammatikalisierungsprozess von habĒre zum auxiliar

5. Die Futurbildung im Altspanischen

6. Die Entwicklung zum neuspanischen Futur

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Menschliche Sprache stellt ein generatives Zeichensystem dar, welches vielen wissenschaftlichen Disziplinen als Untersuchungsgegenstand dient. Gerade auch die Linguistik beschäftigt sich innerhalb ihrer verschiedenen Bereiche mit der Betrachtung jenes Systems aus verschieden Blickwinkeln heraus, um mit Hilfe von diversen wissenschaftlichen Ansätzen jeweils inhärente Untersuchungsziele zu erarbeiten.

Eine besondere Charakteristik der menschlichen Sprache ist dabei, dass sie keineswegs ein unveränderliches und starres Wesen besitzt, sondern sich in immerwährender Veränderung befindet. Infolgedessen beschäftigt sich die Linguistik, neben der wissenschaftlichen Beschreibung der menschlichen Sprache selbst, mit den auftretenden Veränderungen in der Sprachstruktur. Eben diese Forschung unter dem Aspekt des historischen Sprachwandels wird auch von der linguistischen Disziplin der Syntax betrieben.

Einen speziellen Bereich innerhalb der Syntaxdisziplin stellt dabei die Grammatikalisierungsforschung dar, deren Untersuchungsgegenstand die Entwicklung von lexikalischen Zeichen hin zu formalen Kategorien ist. Die vorliegende Arbeit widmet sich einem dieser Grammatikalisierungsprozesse, welcher bei der Entwicklung des Futurs, ausgehend von der lateinischen Sprache bis hin zum heutigen Spanischen, stattgefunden hat.

Diese Untersuchung hat zum Ziel, dass ein grober Überblick über die Veränderungen der Futurbildung und der damit einhergehenden Grammatikalisierung des lateinischen Verbes habēre vom Lateinischen zum Neuspanischen gegeben wird, um daran die elementar theoretischen Eigenschaften vom Prozess der Grammatikalisierung selbst beispielgebend zu erläutern. Dabei verzichtet diese Arbeit auf den Anspruch einer detailgetreuen Darstellung der einzelnen Evolutionsschritte sowie deren wissenschaftliche Analyse, da eine intensive Auseinandersetzung mit diesen, den Rahmen der vorliegenden Arbeit überstiege und die Absicht einer übersichtlichen Darstellung der Veränderungen des Futurs zerstörte. Daher wird sie ihre Aufmerksamkeit eher auf die verständliche Erläuterung der ausschlaggebendsten und grundlegendsten Mechanismen sowie Erscheinungen jener Grammatikalisierungs-prozedur widmen.

Die Grundlage wird dabei das Themengebiet der Grammatikalisierung darstellen, deren Charakterisierung die Basis des untersuchten Themas bildet, um im weiteren Verlauf auf die Schilderung der ursprünglichen Ausgangsbasis des Futurs im Lateinischen zu sprechen zu kommen. Dessen Ausfall und die Suche nach einer Ersatzform, sowie die damit einhergehende Grammatikalisierung des lateinischen Verbes habēre, führen unweigerlich im weiteren Verlauf der Arbeit zur Erscheinungsform des Futurs im Altspanischen, die unter Verwendung einer Verbalperiphrase mit dem Verb habēre realisiert wurde. Um den gesamten Themenkomplex zu vervollständigen und abzurunden, werden zuletzt die Übergänge der altspanischen zur heutigen Futurbildung erläutert und deren Motivation geschildert.

2. Zum Begriff Grammatikalisierung

Das Thema der Grammatikalisierung wird in der Linguistik kontrovers diskutiert. Es be­steht eine reichhaltige Auswahl an Definitions- und Erklärungsversuchen, um dieses, in jeder Sprache auftretende, Phänomen zu beschreiben. Nach Scott DeLancey, um nur einige wenige ausgewählte Auslegungsbeispiele zu nennen, sind unter dem Vorgang der Gramma­tikalisierung diachrone Sprachwandelprozesse zu verstehen, die an konkreten Lexemen beobachtet werden können. Durch den häufigen und alltäglichen Gebrauch ver­schleift sich deren lexikalische Bedeutung und weicht einer Verwendung als grammatikalischer Einheit. Somit verliert sich ihre autonom semantische Bedeutung, indem sie selbst eine neue grammatikalische Kategorie bilden.[1] Auch Antoine Meillet beschrieb, als einer der wichtigsten französischen Linguisten des 20. Jahrhunderts, die­sen Vorgang schon 1912 mit den Worten: "le passage d`un mot autonome au rôle d`élément grammatical."[2]

Um diesen Übergang allerdings nachvollziehen zu können, müssen zunächst einige grundlegend begriffliche und terminologische Gegebenheiten geklärt werden. Sprachli­che Zeichen, ausgenommen der Eigennamen, können in zwei große Gruppen eingeteilt werden: die grammatischen Zeichen und die lexikalischen Zeichen. In der linguistischen Literatur findet man allerdings neben diesen Bezeichnungen zahlreiche weitere Deklarationen ähnlicher Einteilungen, wie beispielsweise Grammem vs. Lexem oder Funktionswörter vs. Inhaltswörter.

Doch trotz der unterschiedlichen Nomenklatur, wohnt nach Diewald (1997) allen diesen Gruppierungen eine gemeinsame Eigenschaft inne: lexikalische Zeichen sind referentiell, wogegen grammatische Zeichen insbesondere diese Eigenschaft nicht aufzeigen. Folglich benennen lexikalische Zeichen außersprachlich Inhalte, wie zum Beispiel die Beschreibung von Dingen oder Vorgängen, wobei grammatische Zeichen dazu dienen, Beziehungen zwischen verschiedenen Sprachzeichen herzustellen. Jedoch muss gegen aller Logik dieser Einteilung zugegeben werden, dass keine dieser akkurat und unfehlbar ist, denn sie vereinfachen die Einteilung zu stark und charakterisieren sprachliche Zeichen lediglich nach einer Eigenschaft die zwar prototypisch für ihre Gruppe ist, dennoch aber nicht auf alle ihre Vertreter zutrifft.

Um diese Unterscheidung aller sprachlichen Zeichen zu veranschaulichen betrachte man eine reale Sprachäußerung:

(1) María tiene que ir en bicicleta porque se perdió el autobús.

In diesem Beispielsatz stellen ir, el autobús und se perdió lexikalische Zeichen dar, die sich auf außersprachliche Dinge beziehen. Porque und se perdió (dieses Mal allerdings als Tempus- und Subjetktsmarker) sind grammatische Zeichen, da se perdió in Form der spanischen Vergangenheit als Indefinido, das Verhältnis zwischen Sprechzeit und Ereigniszeit zum Ausdruck bringt und porque die beiden Teilsätzen miteinander in Beziehung setzt.

Doch bereits in diesem Beispiel wird offensichtlich, dass die zuvor eingeführte Einteilung der sprachlichen Zeichen in grammatisch und lexikalisch nicht mehr ausreicht. Denn betrachtet man das Verb se perdió, stellt man fest, dass das Verb perderse zwar einerseits referentiell ist und einen außersprachlichen Vorgang beschreibt, jedoch gleichzeitig eine grammatische Information der Erzählzeit beziehungsweise den Bezug zum Subjekt ausdrückt.

Somit wird klar, dass grammatische und lexikalische Zeichen in freier oder gebundener Form auftreten können. Zur Erläuterung betrachte man beispielsweise ein Wort wie bicicletas. Auf den ersten Blick stellt dieses Wort natürlich ein lexikalisches Zeichen dar, das dem deutschen Substantiv Fahrräder entspricht. Wenn man dieses lexikalische Zeichen in seine Bestandteile zerlegt, nämlich in bicicleta (I) und -s (II), erkennt man aber, dass es sich, nicht wie zuvor angenommen um ein rein referentielles Zeichen handelt, sondern eine Kombination aus einer lexikalischen (I) und einer gebundenen grammatischen (II) Einheit ist. Diesen Sachverhalt fasst Diewald (1997) wie folgt zusammen:

Zwar können sowohl grammatische und lexikalische Zeichen frei oder gebunden auftreten, doch besteht die Tendenz, grammatische Zeichen als gebundene Morpheme zu realisieren, was sich u.a. darin zeigt, daß beim Sprachwandel freie grammatische Morpheme häufig zu gebundenen werden und folglich freie grammatische Morpheme seltener sind als gebundene.[3]

[...]


[1] Scott DeLancey, Eugene (2004): “Grammaticalization: from syntax to morphology”, in: Booij, Geert u.a. (ed.): Morphology / Morphologie. Teilband 2, Berlin / New-York: Walter de Gruyter.

[2] Meillet, Antoine (1912): "L'évolution des formes grammaticales."Scientia 12(26): 6ff. Repr.: Meillet, Antoine 1921, Linguistique historique et linguistique générale [Tome I]. Paris: Klincksieck: S. 130-148.

[3] Diewald, Gabriele (1997): „Grammatikalisierung. Eine Einführung in Sein und Werden grammatischer Formen“, in: Werner, Otmar / Hundsnurscher, Franz (ed.): Germanistische Arbeitshefte Band 36, Tübingen: Niemeyer, S. 3. Dabei bezieht sich Diewald auf Ergebnisse von Edward Sapir (1921) und Joan L. Bybee (1985).

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Details

Titel
Der Grammatikalisierungsprozess von habēre während der Entwicklung des Futurs vom Lateinischen zum Spanischen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachen und Literaturen)
Veranstaltung
Syntax des Spanischen und Portugiesischen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V203774
ISBN (eBook)
9783656304272
ISBN (Buch)
9783656304623
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grammatikalisierung, habere, Futur, Entwicklung, Futurbildung, altspanisches Futur, Auxiliar, lateinisches Futur
Arbeit zitieren
B.A. Patrick Siebeneicher (Autor), 2011, Der Grammatikalisierungsprozess von habēre während der Entwicklung des Futurs vom Lateinischen zum Spanischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203774

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