Die Veränderung der Familie Samsa in Franz Kafkas Erzählung 'Die Verwandlung'


Hausarbeit, 2010

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gregor Samsas Vorgeschichte
2.1. Das Leben der Familie Samsa

3. Die Veränderung der Familie
3.1. Der Vater
3.2. Die Mutter
3.3. Die Schwester

4. Die Bedeutung der drei Zimmerherren

5. Die Veränderung der Familie nach Gregors Tod

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Neben „Urteil“ und „Heizer“ ist „Die Verwandlung“ das dritte große Werk Kafkas der Jahre 1912/1913. Es behandelt die äußerliche Verwandlung von Gregor Samsa in ein „ungeheures Ungeziefer“1 und seine Metamorphose von einem reisenden Händler zu einem Schmarotzer der Gesellschaft. Doch nicht nur Gregor macht eine Wandlung durch: Auch seine Familie ist gezwungen, ihr bisheriges Leben aufzugeben und sich der neuen Situation anzupassen.

In dieser Hausarbeit soll es primär um die Verwandlung der Familie gehen. Dazu wird zunächst geklärt, welche Ausgangssituation bei den Samsas vorherrscht und welche Stellung Gregor innerhalb seiner Familie hatte. Darauf folgt, wie sich schließlich Gregors Ungezieferdasein auf die einzelnen Familienmitglieder, die Mutter, den Vater und die Schwester, auswirkt und welche Veränderungen sie im Laufe der Geschichte durchmachen. Zum Schluss wird auch das plötzliche Erscheinen der drei Zimmerherren analysiert, da diese die Wandlung der Familie verdeutlichen. In einem abschließendem Fazit werden dann die Ergebnisse zusammengefasst.

2. Gregor Samsas Vorgeschichte

Bevor sich Gregor Samsa an einem Morgen in seinem Bett „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ (S. 96) vorfindet, ist er ein reisender Kaufmann und muss mit seinem Einkommen die Familie versorgen. Fünf Jahre zuvor (S. 123) ist das Geschäft des Vaters zusammengebrochen und seitdem sitzt er „im Schlafrock und Lehnstuhl“ zu Hause. Gregor hat somit die Stellung als Ernährer der Familie übernommen. Doch seine Anteilnahme am Familienleben ist sehr begrenzt und unpersönlich.2 Dies spiegelt sich auch in seinem Zimmer wieder. Es ist „ein etwas zu kleines Menschenzimmer“ mit jeweils einer Verbindungstür zur Mutter, zum Vater und zur Schwester. Obwohl er eingekreist ist von seiner Familie, ist er doch kein Teil von ihr. Er schläft oft auswärts und sonst hindern ihn die Gedanken an das Geschäft daran, am Familienleben teilzunehmen.3Sie haben sich daran gewöhnt, dass Gregor den Aufwand der ganzen Familie trägt und sie nehmen das Geld auch dankbar an. Jedoch will sich eine „besondere Wärme“ (hier S. 124) nicht mehr ergeben. Diese findet er auch nicht in seinem Beruf oder seinem Arbeitgeber. Im Geschäft „liebt“ man ihn nicht, da man ihm mit einem Vorurteil begegnet. Man glaubt, er führe ein schönes Leben und verdiene gut. Das Bild aus Gregors Militärzeit gibt dem Leser zusätzlich Auskunft darüber, wie er im Bewusstsein der Familie vertreten ist: „sorglos lächelnd, Respekt für seine Haltung und Uniform“. Seine Eltern kümmert es nicht, dass er in einem ihm verhassten Beruf arbeitet und ihnen gegenüber verpflichtet ist.4Er ist gefangen zwischen seinem Beruf und seiner Familie und möchte sich aus dieser befreien. Und obwohl er unter der Situation leidet, sieht er keine Möglichkeit, diese in der Gegenwart zu ändern. Deshalb flüchtet er sich in Zukunftsträume: „(...)es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern(...)dann wird der große Schnitt gemacht.“ (S. 9 8 ) Gregor möchte vor seinen Chef treten und ihm seine bisher unterdrückte Meinung sagen. Und auch in der Familie möchte er sich neu integrieren. Er möchte die Situation mit seinem „geheimen Plan“ (S. 124) wieder so herstellen, wie sie vor dem Zusammenbruch des Geschäfts des Vaters war. Doch Gregor kann nicht „die Welt wiederherstellen wollen, wie sie vor dem Unglück war und zugleich für diese Tat Anerkennung verlangen.“5

Der einzige Weg aus dieser Situation bietet ihm seine Verwandlung. Er ist „begierig zu erfahren, was die anderen, die jetzt so nach ihm verlangten, bei seinem Anblick sagen würden.“ (S. 107) Wenn sie erschrecken, dann hatte er keine Verantwortung mehr und könnte ruhig sein (vgl. S. 107). Daraus lässt sich folgern dass sein Panzer eine Verbildlichung seiner Weigerung ist, weiterhin für die Familie aufzukommen.6Und zugleich ist es für sie eine Möglichkeit, aus der selbstgeschaffenen Scheinwelt herauszutreten und ein eigenständiges Leben zu führen.

2.1. Das Leben der Familie Samsa

Gregor hat in den Gang der Ereignisse eingegriffen und somit die Familie vor den Folgen des Unglücks bewahrt. Dadurch leben sie aber in einer Scheinwelt und in einem Zustand von „scheinbarer Sorglosigkeit und Sicherheit.“7 Sie vergessen, was geschehen ist und lassen sich durch Gregors Einsatz täuschen. Jedoch verweigern sie eben diesem den Eintritt in diese Scheinwelt und grenzen ihn vom Familienleben ab. Er muss „sehnsüchtig zur Welt seiner Familie“8 hinüberblicken, die er alleine geschaffen hat. Deshalb flüchtet er sich in Träume und seinen geheimen Plan, mit der Absicht, Anerkennung von seiner Familie zu erlangen. Gleichzeitig macht er aber die Familie von sich abhängig.

Die Situation spitzt sich in dem Vater-Sohn Konflikt zu: Der Vater muss seine Stellung an den Sohn abtreten. „Der geschäftliche Widerspruch hat sich auf die familiäre Ebene verschoben.“9 Gregor übt sämtliche Vaterfunktionen aus, doch der Vater bleibt „innerlich vollständig ausgehöhlt“10 Inhaber seiner Rolle und Repräsentant der Macht. Da der Sohn allerdings die Vaterrolle durch seine Verweigerung wieder abtreten muss, kann der Konflikt nie zum Ausbruch kommen. Und auch die restlichen Familienmitglieder sind durch die neuen Umstände gezwungen, ihre Rolle innerhalb der Familie neu zu definieren.

3. Die Veränderung der Familie

Nach Gregors Verwandlung ist die Familie gezwungen, ihr bisher „stilles Leben“ (S. 118 ) aufzugeben und selbst das Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Anstatt der von Gregor erhofften Wiederkehr der alten Verhältnisse, findet eine „Umkehr der Rollen“11 statt: Gregor wird ein „alter Invalide“ während der Vater wieder frisch und „recht gut aufgerichtet“ (S. 137) erscheint.12 Er hat eine Stelle in einem Bankinstitut übernommen, während die Mutter für ein Wäschegeschäft näht. Auch die Schwester hat eine Stelle als Verkäuferin angenommen. Sie machen sich zum Diener für andere, während Gregor vom „Sohn“ und „Bruder“ über das „Untier“ und „Tier“ zum „Es“ und „Zeug“13 wird.

3.1. Der Vater

Der Vater und Gregor entwickeln sich im Verlauf der Geschichte umgekehrt proportional zueinander. Der Zusammenruch des Geschäftes ist fünf Jahre her und in dieser Zeit hat der Vater „viel Fett angesetzt“ und war „recht schwerfällig“ geworden (S.126). Er ist zwar gesund, aber alt und sitzt den ganzen Tag über in seinem Lehnstuhl. Wenn er das Haus für einen seltenen Spaziergang verlässt, dann nur „stets vorsichtig mit aufgesetztem Krückstock“ (S. 137). Doch die „Untätigkeit Gregors, der durch nichts zu bewegen ist, sein Zimmer zu verlassen, zwingt den Vater, aktiv zu werden.“14 Dadurch beginnt die rückläufige Entwicklung und der Vater nimmt langsam wieder seine ursprüngliche Funktion in der Familie ein. Er nimmt eine Stelle als Diener in einem Bankinstitut an, trägt eine blaue Uniform und seine Haare sind zu einer „peinlich genauen Scheitelfrisur“ (S. 137) gekämmt. Unter seinen buschigen Augenbrauen dringt der Blick der „schwarzen Augen frisch und aufmerksam“ (S. 137) hervor. Sogar zu Hause weigert er sich, seine Dieneruniform abzulegen. „Als Kontrast zur extremen Vereinzelung der Ungeziefer-Existenz symbolisiert die Uniform (...) die Uniformität des Lebens (...)“15 Diese wird auch im Verlauf der Geschichte durch das Auftauchen der Zimmerherren deutlich.

[...]


1 Franz Kafka: „Die Verwandlung“. In: ders.: Die Erzählungen u.a. ausgewählte Prosa. Hg. Von Roger Hermes. Frankfurt am Main. 1996/2002. S. 96-161, hier: S. 96.

2 Karl-Bernhard Bödecker: Frau und Familie im erzählerischen Werk Franz Kafkas. Frankfurt am Main: 1974. S. 37.

3 Urs Ruf: Franz Kafka. Das Dilemma der Söhne. Berlin. 1974. S. 58.

4 Bödecker (wie Anm. 2), S. 38.

5 Ruf (wie Anm. 3), S. 60.

6 Bödecker (wie Anm. 2) S. 38.

7 Ruf (wie Anm. 3) S. 61.

8 Ebd.

9 Ebd. S. 64.

10 Ebd. S. 65.

11 Ebd. S. 39.

12 Ebd.

13 Vgl. Ebd. S. 40.

14 Ruf (wie Anm. 3), S. 66.

15 Reinhard Meurer: Franz Kafka Erzählungen. München. 1984. S. 57.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Veränderung der Familie Samsa in Franz Kafkas Erzählung 'Die Verwandlung'
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V203882
ISBN (eBook)
9783656302551
ISBN (Buch)
9783656303718
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Kafka, Die Verwandlung, Gregor Samsa, Kafka, Samsa
Arbeit zitieren
Annika Bolten (Autor), 2010, Die Veränderung der Familie Samsa in Franz Kafkas Erzählung 'Die Verwandlung', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203882

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