Das Sonett - Entstehungsgeschichte und Formen


Hausarbeit, 2010
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte

3. Das Sonett in seinen paradigmatischen Formen
3.1. Das italienische Sonett
3.2. Das französische Sonett
3.3. Das englische Sonett
3.4. Das deutsche Sonett

4. Beispiele
4.1. Andreas Gryphius' Es ist alles eitell
4.2. Robert Gernhards Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs

1. Einleitung

Theo Stemmlers Meinung zufolge hat sich

keine Gedichtform […] als so langlebig erwiesen wie das Sonett, keine

hat in so viele Nationalliteraturen Eingang gefunden, und keine andere hat

so viele Varianten eines formalen Grundmusters entwickelt.[1]

Es mag verwundern, dass eine – im Vergleich zu anderen Gattungen - durchaus strenge formale Regelung sich nun seit über 750 Jahren solch großer Popularität erfreut, wenn sie auch zahlreichen Variationen unterlag. Eine lyrische Form, die sich über so lange Zeit hin behauptet hat, muss einen besonderen Reiz ausstrahlen. Und so scheint „das Sonett [...] mit zu den letzten Gedichtformen zu gehören, an der die Beschreibungskategorien normativer Poetik noch funktionieren.“[2]

Angesicht der über 120 Erstveröffentlichungen von Sonettsammlungen in deutscher Sprache in den Jahren 1978-1996[3] wird sogar von einer regelrechten „Sonettwut“[4] gesprochen.

Im Folgenden sollen die Entstehungsgeschichte des Sonetts und dessen Entwicklung nachgezeichnet, sowie anschließend die paradigmatischen Formen des italienischen, des französischen, des englischen und des deutschen Sonetts erläutert werden, wobei die Entwicklung des deutschsprachigen Sonetts bis zur Gegenwart aufgezeigt werden soll. Anhand zweier Beispiele werden formgerechte Anwendungen und Umsetzung einzelner Autoren kurz analysiert.

2. Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte

Das Sonett entstand etwa 1230 am Hofe des Stauferkaisers Friedrich II. in Sizilien als eine vermutlich bewusst konstruierte Gedichtform; Giacomo da Lentini, Hofbeamter und Notar, gilt als Erfinder des Sonetts.[5]

Die Form des italienischen Sonetts zu dessen Entstehungszeit lässt sich als eine „ästhetisch besonders befriedigende Gedichtgestalt“[6] verstehen, was wohl auch ihre bis heute anhaltende Beliebtheit erklärt. Diese Form des italienischen Sonetts wird seither als die klassische Sonettform verstanden. Das Sonett „erfuhr […] in fast allen europäischen Sprachen und Literaturen Nachbildungen.“[7]

Es bestehen Unklarheiten über die Anlehnung des Sonetts an bereits existierende volkstümliche literarische Untergattungen. So geht eine Theorie davon aus, das Sonett orientiere sich an der zweiteiligen provenzalischen Kanzonenstrophe, wofür der ebenfalls in zwei Abschnitte aufgeteilte Aufbau des Sonetts spricht.[8] Eine andere beschreibt das volkstümliche achtzeilige Strambotto sizilianischen Ursprungs als Vorbild für das Oktett im Sonett; eine weitere Gemeinsamkeit bei diesem Vergleich ergibt sich im Versmaß, dem alternierend reimenden Elfsilber.[9]

Der Begriff „Sonett“ lässt sich bis zum lateinischen Wort „sonus“ zurückverfolgen, was „Klang“ oder „Schall“ bedeutet. Etwa 1230, zur Entstehungszeit des Sonetts, war „sonetto“ in das Provenzalische eingegangen und hat sich zum altfranzösischen Begriff „son“ entwickelt, woraus sich wiederum das französische „sonnet“ abgeleitet hat. Diese Bezeichnung setzte sich schließlich im Deutschen durch, allerdings in italienischer Schreibweise.

In seiner klassischen Grundform besteht das Sonett aus 14 Zeilen, aufgeteilt in 4 Strophen, wobei sich zwei Quartette und zwei Terzette – beziehungsweise ein Oktett und ein Sextett - mit jeweils eigenem Reimpaar ausmachen lassen. Nicht selten geht mit der hörbaren Pause sowie optisch sichtbaren Gliederung des Gedichtes „auch eine Gliederung auf gedanklicher Ebene einher.“[10]

Diese Aufteilung

ist das wesentlichste innere Gesetz des Sonetts. Oktave und Sextett

stehen im Verhältnis von Aufgesang und Abgesang. In der Dynamik

seiner Form erkennen wir die Bewegung von Expansion und Kontraktion.

Im Aufgesang haben wir eine Erwartung, im Abgesang einer Erfüllung;

im Aufgesang eine Spannung, im Abgesang eine Entspannung; und so

entspricht die äußere Gliederung des Sonetts der polaren Spannung der

Inhalte: Wenn die Oktave eine Voraussetzung, Verwicklung, Behauptung,

Analyse enthält, so ist das Sextett eine Folgerung, Lösung, ein Beweis,

eine Synthese.[11]

Bei der Analyse der inneren Form lassen sich monistische, dualistische sowie dialektische oder triassische Gedankenführungen unterscheiden. Bei einem Sonett mit monistischer Gedankenführung dominiert ein fortgeführter Gedanke das Gedicht, das dualistisch aufgebaute Sonett behandelt zwei unterschiedliche Aspekte eines Themas und das dialektisch oder triassisch aufgebaute Sonett beschreibt einen, meist in drei Schritte aufgeteilten, Argumentationsgang.[12]

Es besteht Uneinigkeit über die am häufigsten verwendete Art der Gedankenführung. So sind im Handbuch der literarischen Gattungen laut Andreas Wittbrodt dualistische und dialektisch aufgebaute Sonette die beliebtere Form,[13] während im Metzler Lexikon Literatur von Hans Grote monistische Gedankenführungen als häufiger auftretend beschrieben sind.[14]

Bezeichnendes Merkmal des Sonetts als Gedichtform ist neben der 14 vorgegebenen Zeilen seine augenscheinliche Kürze.

Aus der Form des Sonetts – strophische Gliederung, Abgeschlossenheit,

vorgegebene Begrenzung – folgt eine von der Notwendigkeit zur

Konzentration und Neigung zum Reflexiven bestimmte Darstellungsweise.

Eine Beschränkung auf bestimmte Gegenstände ergibt sich daraus jedoch

nicht, wenn sich auch manche Themenbereiche als besonders fruchtbar

erwiesen haben (Liebe, Religion, die conditio humana, Städte und Land-

schaften, Gemälde, Politik usw.).[15]

[...]


[1] Stemmler, Theo: Einige Bemerkungen zur Erfindung des Sonetts und den Folgen. In: Erscheinungsformen des Sonetts. 10. Kolloquium der Forschungsstelle für europäische Lyrik, hrsg. von Theo Stemmler, Tübingen 1999, S. 23.

[2] Schindelbeck, Dirk (Hrsg.): Die Veränderung der Sonettstruktur von der deutschen Lyrik der Jahrhundertwende bis in die Gegenwart. In: Europäische Hochschulschriften. Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 1042, Frankfurt am Main 1988, S. 7.

[3] Horlacher, Stefan: Vorwort: Erscheinungsformen des Sonetts. In: Erscheinungsformen des Sonetts. 10. Kolloquium der Forschungsstelle für europäische Lyrik, hrsg. von Theo Stemmler, Tübingen 1999, S. 7.

[4] Böhn, Andreas: Das zeitgenössische deutschsprachige Sonett. Vielfalt und Aktualität einer literarischen Form, Stuttgart 1999, S. 15.

[5] Vgl.: Borgstedt, Thomas: Art. 'Sonett'. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, hrsg. von Jan-Dirk Müller, Berlin/New York 2003, S. 447-450.

[6] Schlütter, Hans-Jürgen: Sonett. Mit Beiträgen von Raimund Borgmeier und Heinz Willi Wittschier, Stuttgart 1979, S. 1.

[7] Horlacher, Stefan: Vorwort: Erscheinungsformen des Sonetts, S. 10.

[8] Schlüter, Hans-Jürgen: Sonett, S. 1f.

[9] Ebd.

[10] Wittbrodt, Andreas: Art. 'Sonett'. In: Handbuch der literarischen Gattungen, hrsg. von Dieter Lamping, Stuttgart 2009, S. 688.

[11] Mönch, Walter: Das Sonett. Gestalt und Geschichte, Heidelberg 1955, S. 33.

[12] Vgl.: Wittbrodt, Andreas: Art. 'Sonett', S. 688.

[13] Vgl.: Ebd.

[14] Grote, Hans: Art. 'Sonett'. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, 3., völlig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart/Weimar 2007, S. 715.

[15] Meid, Volker: Art. 'Sonett'. In: Literatur Lexikon. Begriffe, Realien, Methoden, hrsg. von Volker Meid, Band 14, München 1993, S. 383.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Sonett - Entstehungsgeschichte und Formen
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Gattungstheorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V203922
ISBN (eBook)
9783656308751
ISBN (Buch)
9783656309505
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gattungstheorie, Literaturtheorie, Sonett
Arbeit zitieren
Gabriela Augustin (Autor), 2010, Das Sonett - Entstehungsgeschichte und Formen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203922

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