Partizipation und Mystagogie als Leistungsmerkmale der Regie

Grundkonzeption eines Fernsehformats


Wissenschaftliche Studie, 2012

50 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage

2 Kommunikationstheorien
2.1 Lasswell und der Wirkungsansatz
2.2 Nutzenansatz und symbolische Interaktion
2.3 Systemtheorie als Strukturmodell
2.4 Konstruktivismus als Wirkungsmodell
2.5 Nutzung der Ansätze

3 Funktionsweisen des Mediums

4 Rezeption von Gottesdienstübertragungen

5 Liturgie als Kommunikation
5.1 Intentionale Partizipation
5.2 Mitfeier

6 Regiekonzeption
6.1 Partizipativ orientierte Regie
6.2 Mystagogisch orientierte Regie
6.3 Synthese: ein partizipativ-mystagogisches Regieformat

7 Ergebnis und Umsetzungsweg

Literatur- und Quellenverzeichnis

Vorwort

Die nachstehende Untersuchung und Konzeptentwicklung entstand zur Vorbereitung sowie als ergänzendes Manuskript eines Vortrags am 14. November 2012, anlässlich einer Tagung der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt.

Sie soll den noch wenig fortgeschrittenen Prozess hin zu einer substantiellen und wiedererkennbaren »Formatbildung« der Gottesdienstübertragungen im deutschen Fernsehen voranbringen helfen.

Angesichts der beschleunigten medialen Weiterentwicklung und der zunehmenden Konvergenz der Medien wird dazu ein tragfähiger Lösungsschritt benötigt. Für dessen Entwicklung berücksichtigt diese Untersuchung die maßgeblichen Positionen aus Kommunikationswissenschaft und Theologie sowie bereits vorhandene empirische Ergebnisse.

Köln / Utrecht, im November 2012

Martin Gertler

1 Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage

Im TV-Programm der öffentlich-rechtlichen TV-Anbieter haben die Gottesdienstübertragungen seit Jahrzehnten ihren festen Platz – entweder als im festen Rhyth­mus platzierte Serie oder als anlassgebundene Programmangebote.

Gottesdienstübertragungen sind also zwar längst fester Programmbestandteil, aber im Unterschied zu anderen festen »Leisten« sind sie bisher noch immer kein originäres Fernsehformat geworden, was sowohl für das Fernsehen als auch für die Kirche wenig befriedigend sein dürfte (vgl. Hertl 2010: 109).

Die Gestaltung solcher Übertragungen folgt einerseits den Gepflogenheiten und Wünschen der jeweils zuständigen Redakteure und Regisseure, andererseits den Handreichungen der Kirchen und ihrer Beauftragten bei den Programmanbietern.

Für die Redakteure und Regisseure der TV-Anstalten ist der Auftrag, eine Gottesdienstübertragung im Fernsehen zu realisieren, eine Herausforderung wie bei vielen anderen Live-Übertragungen; sie können dazu meist auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen, die aus anderen Themenfeldern entstanden sind. Es gilt dabei, ein Live-Ereignis so zu übertragen, dass die Zuschauer in Bild und Ton alles mitbekommen, was gemäß Ablauf des Events vorgesehen ist.

Bei längerer Beobachtung der Übertragungspraxis lassen sich Regie­stile unterscheiden, die allerdings nicht immer konsequent innerhalb ein und derselben Übertragung durchgehalten werden. Sie lassen sich wie folgt kategorisieren:

- Der dokumentarische Ansatz: Es wird anhand des vorgegebenen Ablaufs übertragen, mit möglichst wenig darüber hinaus gehendem Aufwand und harten Schnitten, dabei lässt man auf alles halten, was sich gerade bewegt oder äußert – und man wird zudem immer wieder mal zeigen, was es sonst noch zu sehen gibt in der Kirche.
- Der Show-imitierende Ansatz: Man setzt alle technischen Möglichkeiten ein, um einen Gottesdienst so unterhaltsam wie möglich zu übertragen. Ständige Umschnitte gehören dazu, ständige Kamerafahrten und der Einsatz von Krankamera bzw. SteadiCam.

Diese beiden Ansätze gehen von der Unterstellung eines Ausgangspunktes aus, gemäß dem die Medienschaffenden ihren Rezipienten etwas mediengemäß und auf eine allseits vertraute Weise übermitteln wollen.

Die Kirchen und ihre Beauftragten bringen dazu aber zwei weitere Ansätze ein, die in der beobachteten Übertragungspraxis ebenfalls – punktuell – wahrnehmbar sind. Sie gehen davon aus, dass bei der Übertragung einer liturgischen Feier die Bedeutung der im Ablauf vorgesehenen Elemente nicht immer vorrangig im gerade Sicht- und Hörbaren zu finden ist, sondern in vielen Fällen das Sicht- und Hörbare als symbolische Kraft für die Bedeutungszuweisungen der Gläubigen einzuschätzen und daher auch in der audio-visuellen Umsetzung entsprechend einzusetzen ist.

Ferner beziehen sie – auch durch Begleitkommunikation außerhalb der Sendungen selbst – die Rezipienten in besonderer Weise ein, indem sie sie zur Teilnahme, ja sogar zur Mitfeier daheim explizit einladen.

Aus der Perspektive der Kirche und ihrer Beauftragten bei den Sendern ergeben sich somit zwei weitere Kategorien:

- Der partizipatorische Ansatz : Alle technischen Möglichkeiten, die Bildführung und die Tonwiedergabe werden strikt der Aufgabenstellung untergeordnet, den Zuschauer daheim so optimal wie möglich mitfeiern zu lassen.
- Der mystagogische Ansatz : Die Elemente der Eucharistiefeier werden detailliert und systematisch durch Bildsequenzen visualisiert, die in ihren Motiven das innere Erleben der Gläubigen aufgreifen bzw. aktivieren und dabei eine quasi lehrende Rolle erfüllen.

Diese beiden Ansätze haben zwei unterschiedliche Ausgangspunkte: Der partizipatorische Ansatz dient der allgemeinen Gemeindebildung sowie der Intention der Zielgruppe insbes. der Alten und Kranken, die am Bildschirm teilnehmen und mitfeiern wollen; der mystagogische Ansatz richtet sich auf die Katechese, also die Unterrichtung der Gläubigen.

Der zu erarbeitende Entwurf einer Konzeption für ein konsistentes und erkennbares Format der Gottesdienstübertragungen soll nun versuchen, die jeweiligen Positionen offen zu legen und in die als Zielsetzung zu betrachtende Formatgestaltung einzubringen. Die zugehörige Forschungsfrage lässt sich daher so formulieren:

Welche Kommunikationsziele und welche Regiestile können dazu beitragen, die Gottesdienstübertragungen im Fernsehen als Formate im Sinne sowohl der Ereignisanbieter als auch der Medienanbieter handhaben und festschreiben zu können?

Insofern ist dieser Entwurf als eine Aufgabenstellung zur Formatbildung zu verstehen, die hiermit nicht als abgeschlossen oder erreicht betrachtet wird, sondern als Anstoß zur weiteren wissenschaftlichen Diskussion und zum praktischen Umsetzen angelegt ist.

2 Kommunikationstheorien

Dieses Kapitel bietet eine für den hiesigen Zweck angewandte Aufbereitung aus einem ersten Beitrag über theoriegeleitete Konzeptionsmethodik (vgl. Gertler 2004).

In Kommunikationsvorgängen werden Vor­stel­lungswelten ausgetauscht, die sich dabei ständig verändern. Kommunikation wird immer dazu beitragen, Wirklichkeiten zu kon­struie­ren. Menschen beeinflussen sich gegenseitig durch Kommuni­zieren, so dass dabei ver­schie­dene »Wirklichkeiten« (auch Welt­an­schauungen oder Wahnvorstellungen) ent­ste­hen können, wobei laut Paul Watzlawick die sogenannte Wirklichkeit das Ergeb­nis von Kom­mu­nikation ist (vgl. Watzlawick 2005).

Insbesondere die elektronischen Medien dienen heute der Wirklichkeitskonstruktion der Rezipienten. Interpersonale und massenmediale Kommunikation haben eine vergleichbar starke Bedeutung bei der Einschätzung von medial berichteten Ereignissen und somit bei ihrer Wirklichkeitskonstruktion.

So ist zu verstehen, ­dass häufiges Auf­treten von Amtsträgern im Fernse­hen die ­­­Folge hat, dass das hier­ar­chische Bild von der Kirche dominiert und das von anderen gewünschte Bild einer Glaubens­ge­meinschaft, die auf dem Weg zur Erneuerung ist, in den Hin­ter­grund tritt, obgleich das Zweite Vatikani­sche Konzil dies ­an­gestrebt hatte (vgl. Goddijn 1985: 71). Wie der Papst oder auch der Prie­ster einer Gottes­dienst­übertra­gung im Fern­sehen »an­kommen« mag, das hängt nicht allein von ihm selbst ab, sondern da­von, was man aus ihm macht, in welchem Umfeld er wie dargestellt wird. In ihrer wirklichkeitsbildenden Funktion besteht die Bedeutung des Zusammenspiels inter­personaler und massenmedialer Kommunikation (vgl. Bulck 1996).

Kommunikations- und Medientheorien müssen nicht auf das Reflektieren im Nachhinein beschränkt werden, vielmehr können sie bereits bei der Konzeption sehr hilfreich werden. Es geht hier also um eine konsequent theoriegeleitete Praxis. Und da Theorien vorliegen, die für eine optimierte Praxis nützlich werden können, lohnt es sich für den Praktiker, sich näher mit den theoretischen Modellen zu befassen, um mit diesen Instrumenten eine Optimierung und bessere Begründbarkeit seiner Konzeptionen zu erreichen.

Am Anfang jeder Konzeption eines Medienprodukts und Medienformats steht die Frage nach dem Ziel und damit verknüpft die Frage nach Zielgruppe(n) und Weg(en). In der Regel erfolgt die Zielfindung zwischen mehreren Beteiligten: Auftraggeber, Berater (Agentur, Kreative, etc.), Produzent. Wem soll was auf welche Weise vermittelt werden?

Sinnvoll ist es in den meisten Fällen, sich mit den Sinus-Milieus von Sociovision (vgl. SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH o. J.) zu beschäftigen, um in der Konzeptionsphase die überwiegend erfahrungsgebundenen Vorstellungen, die der Auftraggeber von seinen Rezipienten hat, zu prüfen und zu erweitern. Dieses Modell nimmt Menschen mit ihrem sozialen und materiellen Bezugssystem, ihrer Lebenswelt und ihren Denkrichtungen in den Blick, anstatt für eine Zielgruppen­bestimmung nur eine Handvoll quantitativer Faktoren (Alter, Bildung, Beruf, Einkommen o. ä.) zu bündeln. So kommen Menschen aus verschiedenen statistischen Messfeldern in Gruppen zusammen, die Ähnlichkeiten in Lebensauffassung und Lebensweise zeigen.

Die Sinus-Milieus geben Anhaltspunkte für die Ausrichtung von Kommunikationsmaßnahmen – ein Medienproduzent, der sich mit ihnen auskennt und den Milieus beispielhaft Kommunikationsformen zuordnen kann, wird damit einen weiteren entscheidenden Schritt tun, der zum Gelingen seines Auftrags beitragen kann.

Welche Schritte man auch unternimmt, um die angestrebte Rezipientenorientierung zu gewährleisten – man bewegt sich stets in einem hypothetischen Feld. Insofern ist der Schritt, ein Bild der Zielgruppe zu entwerfen und es nutzbar zu machen, Teil eines komplexen Prozesses.

Zu dem gehört ebenso, die Eigenheiten des zu kommunizierenden Sujets genau heraus­zuarbeiten, sich letztlich mit seiner Kommunikationsmaßnahme in den Programm­auftrag der Redaktion des Senders einzuordnen.

Nach Bestimmung der Zielsetzung – in diesem Falle einer vorgesehenen Gottesdienstübertragung – und ihrer Zielgruppe folgt der Blick auf die theoretischen Modellen medialer Kommunikation.

2.1 Lasswell und der Wirkungsansatz

In der Frühzeit der Kommunikationswissenschaft verwendete man zunächst relativ einfache Modelle und betrachtete den Prozess der medialen Kommunikation als einseitig-lineare Vermittlung einer Aussage vom Kommunikator K zum Rezipienten R. Diese Denkweise bestimmte den Fragesatz: »Who says what in which channel, to whom, with what effect?« (Lasswell 1948), der für die Konzeptionsentwicklung durchaus nützlich sein kann.

Diese »Formel« teilt die mediale Kommunikation in fünf Grundfaktoren auf: Kommunikator, Aussage, Medium, Rezipient, Wirkung. Wenn man dies einmal bei einem Konzeptionsgespräch mit dem Auftraggeber tut, zeigt sich möglicherweise die eine oder andere Unklarheit, die bisher übersehen wurde.

(1) wer
(2) was
(3) mit welchem Medium
(4) zu wem
(5) mit welcher Wirkung

Schon die Frage (1) nach dem Subjekt könnte zu einer Klärungsphase führen. »Wer« bringt in der Gottesdienstübertragung die Botschaft (der Sender oder die Übertragungsgemeinde oder die Kirche allgemein)?

Auch die Frage (2) nach dem »was« ist zu beachten: Die Kommunikationsweise gestaltet nämlich das »was« entscheidend mit. Ist das »was« eine Feier zur Teilnahme oder nur ein Ritual, das rein dokumentarisch oder gar primär unterhaltend übertragen wird?

Die Frage (3) erscheint belanglos, wenn man nur diese Frage beantworten möchte; aber sie wird bedeutsam, wenn man erkennt, dass das Medium unterschiedliche Kommunikationsziele und zugeordnete Kommunikationsformen kennt.

Die Frage (4) wurde vorangehend bereits aufgeworfen; und die Frage (5) korrespondiert erneut mit der grundlegenden Zielsetzung der Übertragungen von Gottesdiensten im Fernsehen.

Bedenklich ist dabei, dass die Lasswell-Formel die Vorstellung von medialer Kommunikation als einem einseitigen, linearen Übertragungsprozess fördert: Demnach wird eine Aussage durch ein Medium verbreitet, trifft auf einen isolierten Rezipienten und bewirkt irgendetwas bei ihm. Zu kurz kommt dabei die Erkenntnis, dass es Wechselbeziehungen der einzelnen Elemente in der Kommunikation gibt.

Dennoch ist es hilfreich, die Lasswell-Formel für die Definition wichtiger Merkmale im Konzeptionsprozess zu nutzen; deswegen braucht man sich ihrer einfachen Wirkungsvorstellung ja nicht vorbehaltlos anzuschließen.

Die Formel von Lasswell korrespondiert mit einem Ansatz, der die Psychologie weithin bestimmte: mit dem Reiz-Reaktions-Ansatz (Stimulus-Reaction = S-R) der behavioristischen Sprach- und Lerntheorie (vgl. Bloomfield 1933).

Ein Stimulus wird demnach gesendet und führt notwendigerweise zu einem Response, einer Wirkung beim Rezipienten. Einfaches Kausaldenken bestimmt dieses Modell. Von der Psychologie übernahm die Kommunikationsforschung zur Untersuchung von Wirkungen damals das Laborexperiment der Naturwissenschaften, die damit Kausalbeziehungen feststellen. Dazu hält man alle Faktoren konstant bis auf den einen, dessen Wirkungen man untersuchen will.

Das simple Reiz-Reaktions-Schema reichte allerdings nicht als Erklärungsmuster menschlichen Verhaltens. Der Mensch als solcher wurde sozusagen als Zwischeninstanz zwischen Reiz und Reaktion eingeschätzt, er verändert die Wirkmöglichkeiten des Reizes. Der Neo-Behaviorismus fügte darum in das S-R-Ablaufmodell den Menschen selbst als Faktor ein, »Organismus« genannt, der intervenierende Variablen einbringt – das S-O-R-Modell (vgl. Woodworth 1929).

Dabei kam man zu der Erkenntnis, dass der Rezipient nicht bloß als eine Variable gesehen werden kann, sondern als ein Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren: Intelligenz, Vorlieben, Abneigungen, Extra- und Introvertiertheit, Beeinflussbarkeit, Begabungen, Wertorientierungen, Alter, Beruf, Bildung, Familiengröße, soziale Schicht usw. Man kann zudem zwischen kognitiven und emotionalen Vorgängen als Faktoren auf dem Wirkungsweg kommunikativer Maßnahmen unterscheiden.

Diese Variablen greifen nicht isoliert in die Kommunikationsprozesse ein, sondern sind funktional miteinander verbunden, hängen voneinander ab und bilden ein schwer durchschaubares Geflecht.

Auch sollte man die Nachteile des immer noch recht einseitig angelegten Ansatzes nicht übersehen:

- Er geht von einer Übertragbarkeit (Transitivität) aus. Das unterstellt, es könnten Stimuli vom Rezipienten unverändert verstanden und umgesetzt werden, wenn nur diese Stimuli optimal auf diese Rezipienten hin ausgelegt waren.
- Er geht von einer Verhältnismäßigkeit (Proportionalität) aus. Man behauptet dadurch eine Abhängigkeit zwischen der Stimulationsstärke und dem Ausmaß der Wirkung: Je lauter ich im Kommunikationsprozess trommle, desto größer die Wirkung.
- Und er geht von einer Ursächlichkeit (Kausalität) aus. Wenn also der Rezipient im Sinne der Wirkungsabsicht reagiert, wird ihm unterstellt, dies sei auf die kommunikative Maßnahme zurückzuführen; dabei kann es natürlich auch ganz andere Gründe und Anstöße dazu gegeben haben.
- Außerdem sieht dieser Ansatz Kommunikation als zeitliche Abfolge von Prozessen. Dies unterstellt, dass durch Inputs im Laufe einer definierbaren Zeit eine Wirkung entsteht; jegliche Rückbezüglichkeiten und andere Kommunikationswege geraten dabei aus dem Blickfeld.

Für die Konzeption der Regie von Gottesdienstübertragungen im Fernsehen lassen sich die Schlüsselbegriffe des S-O-R-Modells dennoch nutzbar machen und dazu operationalisierbare Fragen aufstellen:

- Welche »intervenierenden Variablen« bei der definierten Zielgruppe könnten die beabsichtigte Wirkung der Übertragung beeinträchtigen?
- Welche könnten sie fördern?
- Mit welchen Mitteln der Regie könnte man diese Faktoren optimal berücksichtigen?

Somit dient uns dieses Modell aus der Kommunikationsforschung tatsächlich als Hilfestellung bei dem Vorhaben, eine geeignete Regieweise für Gottesdienstübertragungen zu konzipieren – allerdings kommen andere wichtige Faktoren dabei noch nicht in Betracht, daher lohnt es sich schon, weitere Modelle auf ihre Anwendbarkeit bei der Konzeption zu prüfen.

2.2 Nutzenansatz und symbolische Interaktion

Die bisher skizzierten Ansätze sehen mediale Massenkommunikation noch als einen einseitig verlaufenden Prozess, bei dem die Aussagen eines Kommunikators auf passive Rezipienten treffen müssen, um dort etwas Erhofftes zu »bewirken«. Der Blick richtete sich dabei vom Medienmacher auf den Rezipienten: »Was macht das Medium mit dem Rezipienten?«

Eine neue Perspektive wurde derweil bekannt unter dem Namen »Nutzenansatz«, dem »Uses and Gratifications Approach«, (vgl. Katz und Foulkes 1962). Er kehrt die Blickrichtung um: »Was macht der Rezipient mit dem Medium?«.

Der Rezipient, so die Antwort, sucht im Erleben von Medien eine Bedürfnisbefriedigung, nicht anders als bei jedem anderen freiwilligen Akt von Freizeitgestaltung. Diese Befriedigung bringt ihm einen Nutzen (gratification) ein. Seine Handlungen in der Rolle des Rezipienten erfolgen zielgerichtet und intentional.

Bei diesem Modell ist der Mensch also keineswegs ein passiver Empfänger; vielmehr greift er aktiv in den Prozess der Massenkommunikation ein, denn er wählt aus, er prüft, und verwirft (»zappt« weg); und mitunter setzt er den Medieninhalten auch Widerstand entgegen.

Diese Vorstellung vom aktiven Rezipienten lässt die Annahme der Einseitigkeit der Massenkommunikation als überholt erscheinen. Zwar ist die technische Verbreitung von Medienaussagen in den nicht-interaktiven Medien strukturell ein einseitiger Vorgang, aber dieses Konzept bringt Ergänzungen: jetzt kommt Gegenseitigkeit ins Spiel. Seit dem Aufkommen des Nutzenansatzes gibt es »Interaktion« als Schlüsselbegriff aller nachfolgenden theoretischen Ansätze in der Kommunikationswissenschaft.

Im Kontext des Nutzenansatzes findet man die Theorie symbolischer Interaktionen, abgeleitet von George Herbert Meads Grundkonzept zwischenmenschlichen Verhaltens (vgl. Mead u. a. 1968). Danach beziehen sich Menschen in ihren »symbolischen« Interaktionen auf ihr eigenes und das Bewusstsein anderer, sie berücksichtigen Motive, Mittel, Zwecke und Kenntnisse, die sie von sich selbst kennen und bei anderen antreffen.

Für die Aufgabenstellung der Regiekonzeption von Gottesdienstübertragungen bietet diese Perspektive – »Was macht der Mensch mit den Medien?« – eine interessante Hilfestellung, denn der Wunsch, ggf. möglichst viele Rezipienten zu erreichen, ist nun nicht mehr nur mit einem einfachen Wirkungsdenken umsetzbar. Viel mehr noch als beim Variablen-Ansatz (S-O-R-Modell) steht der Rezipient als selbst Entscheidender dem Medienanbieter gegenüber. Jener muss ihn also gewinnen, damit er das Medienangebot überhaupt nutzt; und es muss so konsistent gestaltet werden, dass der Rezipient nicht zwischendurch abschaltet.

Für die Konzeption der Regie von Gottesdienstübertragungen im Fernsehen lassen sich die Schlüsselbegriffe des Modells zu operationalisierbaren Fragen umsetzen:

- Wie lässt sich erreichen, dass (welche Milieus von) Rezipienten die Übertragung als wirksames Angebot der Bedürfnisbefriedigung erfahren? Welche Belohnung erwartet ihn?
- Wie lässt sich erreichen, dass der Rezipient sein Bedürfnis nach Aktivität nicht in Wegzappen umsetzt, sondern bei dieser Übertragung bleibt und das als Aktivität erfährt?
- Welche Angebote für seinen Wunsch nach symbolischer Interaktion, also nach Abgleich mit den Bedeutungsvorstellungen anderer, realisiert das Regiekonzept – sind erkennbare Angebote in genügendem Maße vorgesehen?

Der Nutzenansatz erweist sich damit für den kreativen Konzeptionisten als gut handhabbar bei der Regiekonzeption von Gottesdienstübertragungen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Partizipation und Mystagogie als Leistungsmerkmale der Regie
Untertitel
Grundkonzeption eines Fernsehformats
Autor
Jahr
2012
Seiten
50
Katalognummer
V203934
ISBN (eBook)
9783656299899
ISBN (Buch)
9783656300847
Dateigröße
803 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese wissenschaftliche Untersuchung und praxisorientierte Konzeptentwicklung soll den noch wenig fortgeschrittenen Prozess hin zu einer substantiellen und wiedererkennbaren »Formatbildung« der Gottesdienstübertragungen im deutschen Fernsehen voranbringen helfen. Angesichts der beschleunigten medialen Weiterentwicklung und der zunehmenden Konvergenz der Medien wird dazu ein tragfähiger Lösungsschritt benötigt. Für dessen Entwicklung berücksichtigt diese Untersuchung die maßgeblichen Positionen aus Kommunikationswissenschaft und Theologie sowie bereits vorhandene empirische Ergebnisse.
Schlagworte
Regie, Konzeption, Kommunikationstheorie, Konstruktivismus, Systemtheorie, Liturgiewissenschaft, Theologie, Konhzeptionsmethodik
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Martin Gertler (Autor), 2012, Partizipation und Mystagogie als Leistungsmerkmale der Regie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203934

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