Einstiegsprozesse in die jugendkulturelle rechtsextreme Szene

Jugend, Rechtsextremismus, Gewalt – was kann Soziale Arbeit tun?


Hausarbeit, 2006

39 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsklärung
1.1. Die Kernelemente der rechtsextremen Weltanschauung
1.2. Jugendkulturen
1.3. Die rechtsextreme Jugendkultur

2. Begünstigende Faktoren für den Einstieg in die Szene
2.1. Wirtschaftliche und soziale Faktoren
2.2. Die Adoleszenzphase
2.3. Autoritärer Charakter und Verherrlichung des Männerbildes

3. Einstiegszugänge
3.1. Zugehörigkeit zu einer Clique / Szene
3.2. Musik
3.3. Kleidung und Symbole
3.4. Actionorientierung

4. Strategien der NPD, um Jugendliche zu gewinnen
4.1. Öffnung der Partei gegenüber jugendlichen Rechtsextremen
4.2. Anwerbung von unpolitischen Jugendlichen
4.3. Die Schulhof-CD

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit der Wiedervereinigung Deutschlands ist in verstärktem Maße von rechtsextremen Gewalttaten zu hören, deren Opfer häufig Ausländer, Obdachlose und andere gesellschaftliche Minderheiten sind. Zu diesen Gewalttaten gehören z. B. Brandanschläge auf Heime von Asylbewerbern sowie Angriffe und Drohungen gegenüber Farbigen und anderen gesellschaftlichen Minderheiten. Ein großer Teil dieser Übergriffe wird von Jugendlichen verübt, die der rechtsextremen Szene angehören. Die rechtsextreme Jugendkultur übt gerade in den neuen Bundesländern eine Attraktivität auf Jugendliche aus.

In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich mit Einstiegsprozessen in die jugendkulturelle rechtsextreme Szene. Da ich mir beim Anschauen von Filmen über den Nationalsozialismus sowie beim Besuch der hebräischen Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem die Frage stellte, wie es möglich sein kann, dass trotz der deutschen Geschichte junge Menschen eine rechtsextreme Einstellung vertreten und diese nicht selten in Gewalttaten umsetzen, möchte ich in der Hausarbeit der Frage nachgehen, was speziell Jugendliche zum Einstieg in die rechtsextreme Szene motiviert. Dabei interessiert mich vor allem, ob es immer eine rechtsextreme Einstellung ist, die Jugendliche veranlasst, sich dieser Szene anzuschließen, oder ob der Zugang auch ganz andere Ursachen haben kann.

Beginnen werde ich die Arbeit mit einer Begriffsklärung, in der ich einige Hauptpunkte der rechtsextremen Weltanschauung aufgreife, den Begriff der Jugendkulturen erläutere und kurz auf die rechtsextreme Jugendkultur eingehe. Dann möchte ich mir anschauen, welche Faktoren in der Literatur genannt werden, die eine rechtsextreme Einstellung bzw. den Einstieg in die rechtsextreme Szene begünstigen können. Dabei werde ich die Aussagen verschiedener Autoren gegenüberstellen, um danach meine eigene Einschätzung abzugeben. Im nächsten Schritt beschäftige ich mich mit einigen Einstiegszugängen in die rechtsextreme Szene. Abschließen werde ich meine Arbeit mit Strategien, die die NPD nutzt, um sowohl Jugendliche aus der rechtsextremen Szene als auch unpolitische Jugendliche für ihre Politik zu gewinnen.

1. Begriffsklärung

In den Sozialwissenschaften existiert keine allgemein anerkannte Definition des Rechtsextremismusbegriffes, er ist umstritten und unklar (vgl. Stöss 2000, S. 13). Von den Verfassungsschutzbehörden wird der Begriff „extremistisch“ verwendet, wenn der begründete Verdacht auf verfassungswidrige Bestrebungen besteht (vgl. Kohlstruck 2002, S. 29).

Rechtsextreme Phänomene werden aus verschiedenen Perspektiven beschrieben und wahrgenommen. „Es kann deshalb nicht einen einzigen und „richtigen“ Begriff des Rechtsextremismus geben“ (Kohlstruck 2002, S. 26). Im allgemeinen Sprachgebrauch und in den Medien werden auch häufig Begriffe wie Rechtsradikalismus oder Neofaschismus für den Begriff des Rechtsextremismus eingesetzt.

Da es keine einheitliche Definition des Begriffes gibt, möchte ich im folgenden auf die Aspekte eingehen, die für meine Arbeit wichtig sind. Bei der rechtsextremen Jugendkultur handelt es sich um eine Mischung aus Politik und Jugendkultur, deshalb werde ich sowohl herausragende Elemente der rechtsextremen Weltanschauung als auch den Begriff der Jugendkulturen erläutern und dann auf die rechtsextreme Jugendkultur eingehen.

1.1. Die Kernelemente der rechtsextremen Weltanschauung

Zwei zentrale Elemente des rechtsextremen Denkens sind „Natur“ und „Volk“. Das Element „Natur“ meint im rechtsextremen Weltbild die Vorstellung von einer „natürlichen Ordnung“, wonach die Unterschiede zwischen Menschen nicht als normale Gegebenheiten angesehen werden, sondern eine naturgewollte Ungleichwertigkeit darstellen. Die Ungleichartigkeiten zwischen den Menschen werden zum alleinigen gesellschaftlichen Ordnungsmodell aufgewertet, so dass die in Deutschland gesetzlich festgelegte Gleichheit der Staatsbürger abgelehnt wird. Dies basiert auf der Vorstellung im rechtsextremen Denken, dass eine vorgeschichtliche „Natur“ den Wert des Einzelnen ausmache (vgl. Kohlstruck 2002, S. 21).

Unter „Volk“ wird im rechtsextremen Weltbild eine Abstammungsgemeinschaft verstanden, so dass das Volk nicht des jeweilige Staatsvolk eines demokratischen Verfassungsstaates darstellt, sondern aus einer geschichtlichen Herkunftsgemeinschaft im biologischen Sinn oder einer in sich homogenen Kulturgemeinschaft besteht. Um diese Herkunftsgemeinschaft zu wahren, wird „Reinheit“ gefordert. Das bedeutet, dass jeder Mensch, der nicht die biologische Blutgleichheit oder die gleiche kulturelle Identität besitzt, als Fremdkörper angesehen wird und eine existenzielle Gefährdung für das Volk darstellt. Dies erklärt, warum die Integration von Migranten und die Regulierung von Zuwanderung besondere Ablehnung von Seiten der Rechtsextremisten erfährt. Das eigene Volk ist die ranghöchste Einheit des Lebens, der einzelne Mensch gewinnt nur durch die Zugehörigkeit zum Volk Rang und Würde. Das Volk hat somit im rechtsextremen Denken absoluten Vorrang vor dem Einzelnen, so dass sich das Individuum unter das Ganze des Kollektivs unterordnen muss (vgl. Kohlstruck 2002, S. 22 f.). Durch den Vorrang von „Natur“ und „Volk“ und die sich daraus ergebende Ungleichwertigkeit der Menschen wird der demokratische Verfassungsstaat und eine liberale politische Kultur abgelehnt, so dass die Demokratie nicht nur Fehler hat, sondern ein Fehler ist. Von den Rechtsextremisten wird ein starker, autoritärer Staat angestrebt, der nach dem Führerprinzip organisiert ist (vgl. Kohlstruck 2002, S. 25). Eine Bedrohung für die Einheit im Volk stellen nicht nur die Menschen dar, die eine andere Abstammung haben, sondern auch solche, die durch einen individuellen oder „undeutschen“ Lebensstil auffallen, denn sie sind für Rechtsextremisten ein Indiz für eine mangelnde Geschlossenheit der Gesellschaft (vgl. Kohlstruck 2002, S. 25 f.).

Nach Stöss werden sechs Bestandteile zu einem rechtsextremen Einstellungsmuster gezählt. Erst wenn eine Person überdurchschnittliche viele der folgenden Einstellungen vertritt, kann man von einer rechtsextremen Einstellung sprechen. Diese Bestandteile sind folgende: Erstens eine autoritäre Einstellung, zu der die freiwillige Unterwerfung unter Stärke und die Neigung, Schwächere zu beherrschen, gehören. Zweiter Bestandteil sind nationalistische Einstellungen, wobei die Wahrung und Stärkung der eigenen Nation oberstes Prinzip der Politik sein soll und andere Nationen abgewertet werden. Als drittes werden fremdenfeindliche und ethnozentrische Einstellungen genannt, die Steigerung von ethnozentrischen Haltungen sind rassistische Einstellungen, bei denen die eigene Gruppe aufgewertet wird und fremde Gruppen abgewertet werden. Als viertes nennt Stöss wohlstandschauvinistische Einstellungen, bei denen die Mitglieder fremder Volksgruppen zwar nicht abgelehnt werden, sie aber keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung aus öffentlichen Mitteln erhalten sollen, fünfter Bestandteil sind antisemitische Einstellungen, also eine verfestigte feindselige Haltung dem Judentum gegenüber, und sechster Bestandteil sind pronazistische Einstellungen, die den historischen Nationalsozialismus im Ganzen positiv bewerten (vgl. Kohlstruck 2002, S. 36 f.).

1.2. Jugendkulturen

Unter Jugendkulturen versteht man altershomogene Gruppen, in denen sich junge Menschen zusammenfinden, und - je nach Jugendkultur unterschiedliche - eigene, jugendtypische Verhaltensweisen praktizieren. So schließen sich viele Jugendliche Cliquen und überlokalen Szenen an, die sich durch die Bevorzugung bestimmter Kleidungsstile, Musik oder Drogen bewusst voneinander abgrenzen. Es gibt eine Vielzahl an jugendkulturellen Szenen, darunter sind z. B. die Skater-Szene, die Graffiti-Szene, die Techno-Szene, die Antifa-Szene und auch die rechtsextreme Szene (vgl. Kohlstruck 2003, S. 190).

1.3. Die rechtsextreme Jugendkultur

In der rechtsextremen Jugendkultur besteht ein Doppelcharakter durch die Überlagerung von politischer Aktion und gewöhnlicher Jugendkultur. So wird sie vielfach von einer Dynamik bestimmt, die auch in anderen Jugendkulturen vorhanden ist, andererseits befindet sie sich, ebenso wie rechtsextreme Parteien, am rechten Rand der Politik mit radikalen Positionen. Diese Jugendkultur bewegt sich zwar im Umfeld von Parteien und Organisationen, ist aber nicht deren Jugendabteilung. Durch ihre Einstellungen bildet sie jedoch für rechtsextreme Parteien ein mögliches Rekrutierungsfeld für politischen Nachwuchs (vgl. Kohlstruck 2003, S. 189).

Symbole aus rechtsextremen Zusammenhängen gehören zu dem Stilrepertoire dieser Jugendkultur, außerdem sind die Ausübung und Androhung von physischer Gewalt und ein minderheiten- und fremdenfeindlicher, intoleranter Deutungsstil von Bedeutung (vgl. Kohlstruck 2003, S. 194). Die rechtsextreme Jugendkultur besitzt eine maskuline Prägung, zu ihr gehören ständige Gewaltdrohungen und Gewalttätigkeiten sowie ein aggressives Gebaren. Basierend auf einer minderheitenfeindlichen Einstellungen greifen die Jugendlichen Angehörige anderer Gruppierungen wie z. B. Ausländer oder Obdachlose an, aber auch Linke und Jugendliche aus anderen Jugendkulturen gehören zu den Opfern. Eine Dominanz Männern gegenüber den Frauen in den Cliquen ist typisch, Konflikte werden häufig körperlich ausagiert. Außerdem spielt Alkohol eine große Rolle in dieser Jugendkultur (vgl. Kohlstruck 2002, S. 79 f.).

Wie gefestigt das rechtsextreme Weltbild bei den einzelnen Jugendlichen ist, ist unterschiedlich. Bei einigen bleibt es beim provokanten Spiel mit Zeichen, bei anderen kommt es zu einer Übernahme der Weltanschauung (vgl. Kohlstruck 2002, S. 12).

2. Begünstigende Faktoren für den Einstieg in die Szene

Neben den Einstiegszugängen, auf die ich an späterer Stelle zu sprechen kommen werde, gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die den Einstieg in die rechtsextreme Szene bzw. eine rechtsextreme Einstellung begünstigen können. Diese sind extrem vielseitig, so dass es mir bei weitem nicht möglich ist, alle Faktoren in dieser Arbeit aufzugreifen. Im folgenden werde ich auf drei Ansatzpunkte, die mir in der Literatur häufig begegnet sind, näher eingehen. Beginnen möchte ich mit wirtschaftlichen und sozialen Faktoren, anschließend werde ich auf die Phase der Adoleszenz und am Ende auf den Autoritären Charakter und den Männlichkeitskult zu sprechen kommen. Dabei werde ich Aussagen verschiedener Autoren anführen und am Ende der jeweiligen Passagen meine eigene Einschätzung abgeben.

2.1. Wirtschaftliche und soziale Faktoren

Armin Pfahl-Traughber beleuchtet verschiedene Ansatzpunkte, die rechtsextreme Einstellungen fördern können. Er führt bezüglich rechtsextremistischer Wahlerfolge bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg im Jahre 1992 die Analysen von Wahlforschern an, die besagen, dass eine weitverbreitete Verunsicherung angesichts sozialer Belastungen und einer drohenden Wirtschaftsflaute herrsche und dass dies auf das Ausländer- und Asylbewerberproblem projiziert werde. Gerade die sozialen Unterschichten wählten rechtsextreme Parteien, weil sie sich von den großen Volksparteien als Wählerschicht vernachlässigt fühlten (vgl. Pfahl-Traughber 1999, S. 84 f.).

Außerdem geht Pfahl-Traughber auf die Theorie der Soziologen Scheuch und Klingemann ein, die davon ausgingen, dass bedingt durch raschen gesellschaftlichen Wandel tradierte Verhaltensweisen und Werte mit diesem in Konflikt gerieten und dadurch Spannungen entstünden, die das Individuum ängstlich abwehre, wenn es diese nicht verarbeiten kann. Dies würde seinen politischen Ausdruck in der Akzeptanz rechtsextremistischer Einstellungen finden, so dass Rechtsextremismus eine Reaktion auf soziale Umbrüche in der Gesellschaft darstelle (vgl. Pfahl-Traughber 1999, S. 101). Etwas verständlicher wird dies, wenn man die von dem Pädagogen Heitmeyer 1987 formulierte These von den Desintegrations- bzw. Modernisierungsverlierern betrachtet, die ebenfalls besagt, dass durch den Zerfall traditioneller Werte und Verhaltensweisen bzw. durch gesellschaftliche Desintegration rechtsextremistischen Verhaltensweisen und Einstellungen Vorschub geleistet wird. Dieser These zufolge wird dem Individuum durch die rechtsextremen Einstellungen eine vermeintliche Stabilität geboten, indem es sich mit einer „Nation“ oder „Rasse“ identifizieren kann (vgl. Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 2001, S. 91).

Im folgenden möchte ich auf die relative Deprivation zu sprechen kommen, wobei ich mich auf die Ausführungen von Jörg Neumann beziehe. „Relative Deprivation resultiert allgemein aus der Wahrnehmung einer Differenz zwischen dem, über das die Person oder Gruppe verfügt und dem, über das sie nach eigener Ansicht verfügen sollte“ (Neumann 2001, S. 68). Dies kann sowohl im Vergleich einer Person mit einer anderen, aber auch im Vergleich von einer sozialen Gruppe mit einer anderen zutreffen. Neumann nimmt Bezug auf die Hofstadter-Lipset-Hypothese, die besagt, dass die Unzufriedenheit über den vorhandenen eigenen Status, der niedriger ist als der gewünschte oder erwartete, eine stärkere Neigung zu rechtsextremen Orientierungen hervorruft. Der Hypothese zufolge geschieht das aber nur, wenn eine Person eine autoritäre Persönlichkeit aufweist. Bei der These wird darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Deprivationserleben nicht um eine tatsächliche Benachteiligung handeln muss, viel häufiger handelt es sich nur die Angst vor einem Statusverlust und die Befürchtung vor einer Benachteiligung, die rechtsextreme Orientierungen fördern (vgl. Neumann 2001, S. 68 f.).

Jürgen R. Winkler erwähnt, dass der Zustand der Unzufriedenheit und Enttäuschung über die Differenz zwischen dem Ist und dem Wunsch bewirken kann, dass sich Menschen gegen diejenigen zusammenschließen, die sie als Verursacher der Benachteiligung wahrnehmen. Bei seinen Ausführungen stellt er die berechtigte Frage, warum Deprivation und andere Ungleichgewichtszustände gerade als Erklärung für die Erfolge rechtsextremer Bewegungen genutzt werden und warum durch diese Zustände nicht auch anderen politischen Gruppierungen zu einem Aufschwung verholfen wird (vgl. Winkler 2001, S. 54 f.).

Als mögliche Antwort möchte ich Bölting anführen, der sagt, dass Gewalt gegenüber Fremden von den Tätern häufig durch Gefühle der Benachteiligung und der Ungleichbehandlung legitimiert wird. Sie empfinden oder befürchten eine Konkurrenz um Wohnungen, Arbeitsplätze und materielle Zuwendungen (vgl. Bölting 1997, S. 79). Hieran wird deutlich, dass rechtsextreme Einstellungen nicht die Folge von Arbeitslosigkeit und anderen Benachteiligungen sind, sondern eher die Angst davor.

In einem von Mairitsch und Trinkel geführten Interview mit Jugendlichen wird diese Haltung den Ausländern gegenüber sichtbar: Diese Jugendlichen vertraten die Auffassung, Ausländer würden die Deutschen ausnutzen, indem sie z. B. Kinderbeihilfe für nicht vorhandene Kinder erhielten oder erbetteltes Geld später in einer Spielhalle ausgeben würden. Außerdem wurden die Ausländer von den Jugendlichen als Konkurrenz wahrgenommen, die den Deutschen die Wohnungen und die Arbeitsplätze wegnehmen würden (vgl. Mairitsch/Trinkel 2002, S. 97).

Dies kommt auch in der von Werner Bergmann erwähnten Shell Jugendstudie von 2000 zum Ausdruck, nach der Konkurrenzgefühle und die Angst vor wachsender Konkurrenz um Arbeitsplätze und Zukunftschancen den Kern der Ausländerfeindlichkeit bei Jugendlichen darstellen. Vor allem sehen sich Personen mit geringer Selbsteinschätzung und geringen Bildungsressourcen benachteiligt und wehren als Reaktion darauf Ausländer ab (vgl. Bergmann 2001, S. 150).

Passend dazu sagt Michael Kohlstruck, dass Feindbilder geschaffen werden, die für Situationen wie fehlende Arbeitsplätze, Wohnungsnot und zu geringe soziale Unterstützung verantwortlich gemacht werden (vgl. Kohlstruck 2002, S. 136). Bölting führt aus, dass Ausländer bzw. Fremde häufig eine Sündenbockfunktion einnehmen. Durch Vorurteile Ausländern gegenüber, die z. B. durch Gerüchte über Angriffe auf Personen, sexuelle Belästigung von Frauen und höhere Kriminalität genährt werden, findet es eine scheinbare Berechtigung, Ausländer zum Feindbild zu erklären (vgl. Bölting 1997, S. 84).

Richard Stöss führt aus, dass Erfolgsphasen des Rechtsextremismus immer Begleiterscheinungen von spürbaren Einschnitten in der Entwicklung der Bundesrepublik darstellten. Zu diesen Einschnitten zählt er unter anderem konjunkturelle oder strukturelle Krisen, Machtwechsel und Veränderungen in der politischen Lage, die sich in Armut, Arbeitslosigkeit, unbefriedigenden Wohn- und Lebensbedingungen, schlechten Infrastrukturen und vielem mehr bemerkbar machten. Er macht deutlich, dass ein Geflecht von unterschiedlichen Faktoren, die aber in der Regel miteinander verknüpft sind, rechtsextremistisches Verhalten begünstigen (vgl. Stöss 2000, S. 36 f.).

Als einen dieser Faktoren möchte ich die Jugendarbeitslosigkeit herausgreifen. Ulrich Chaussy macht deutlich, dass es rechtsextremen Gruppen durch Jugendarbeitslosigkeit ermöglicht wird, Ausländerfeindlichkeit zu schüren. Dass die Forderungen dieser Gruppen, Ausländer auszuweisen, weil sie Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen, haltlos sind, führt er im folgenden aus, denn gerade ausländische Arbeiter waren bei Krisen die ersten, die ihre Arbeitsplätze verloren. Jugendarbeitslosigkeit führt heutzutage nicht mehr dazu, dass die Jugendlichen hungern müssen, aber sie vermittelt ihnen das Gefühl, dass niemand Wert auf ihre Leistung legt. Weiter führt Chaussy bezugnehmend auf Wilhelm Heitmeyer aus, dass der Modernisierungsprozess der Gesellschaft und des Arbeitslebens große Verunsicherungen auslöst. Anforderungen und Arbeitsbedingungen verändern sich, außerdem hat jeder Einzelne eine breite Palette von beruflichen Wahlmöglichkeiten, zwischen denen er sich entscheiden muss. Dies war früher nicht der Fall, da durch das soziale Milieu, zu dem man gehörte, schon viele Entscheidungen vorgegeben waren. Durch diese Vorgabe war man zwar eingeschränkt, doch auf der anderen Seite gab sie auch Halt und Verhaltenssicherheit. In rechtsextremistischen Gruppen wird der Verunsicherung begegnet. Um den bei Arbeitslosigkeit entstandenen Verlust der gesellschaftlichen Bestätigung zu kompensieren, bietet die Gruppe eine Identität als Kämpfer. Bei der Bewerbung auf einen Arbeitsplatz werden die Jugendliche teilweise erbarmungslos nach Noten und Einzelleistungen bewertet, von der rechtsextremen Gruppe bekommen sie auch ohne Leistung den Status zugeschrieben, etwas besonderes zu sein, weil sie deutsch sind (vgl. Chaussy 1994, S. 101 ff.).

Im Vorfeld des Seminars beschäftigte mich unter anderem die Frage, warum gerade in den neuen Bundesländern die rechtsextremen Einstellungen starke Zustimmung finden. Unter anderem liefert Stöss viele Antworten darauf, von denen ich einige wiedergeben möchte:

In Ostdeutschland herrschte nach der Wiedervereinigung eine optimistische Stimmung, knapp die Hälfte der neuen Bundesbürger war noch 1994 der Auffassung, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in den kommenden Jahren verbessern würden, in Westdeutschland waren es 33 %. Doch bereits 1997 vertraten nur noch 14 % der ostdeutschen und 13 % der westdeutschen Bürger diese optimistische Auffassung. Stöss folgert daraus, dass in den neuen Bundesländern die Ernüchterung dramatischer ausgefallen sei als in den alten, so dass sich die Stimmung zwar in beiden Teilen Deutschlands verschlechtert habe, jedoch in den neuen Bundesländern der Absturz besonders gravierend sei, da die anfangs sehr positive Grundhaltung enttäuscht wurde. Auch eine Enttäuschung über das westliche System von Demokratie und Marktwirtschaft macht Stöss für die Zunahme des Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern mit verantwortlich (vgl. Stöss 2000, S. 30 ff.). Der Systemwechsel brachte den Niedergang der DDR-Wirtschaft, Massenarbeitslosigkeit und eine Enttäuschung darüber, dass sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht sofort besserten, mit sich (vgl. Stöss 2000, S. 169). Außerdem bedeutete der Fall der Mauer und der damit einhergehende Zusammenbruch der alten Ordnung für viele Ostdeutsche eine starke psychische Belastung, die als Verlust von Sicherheit und Geborgenheit, als Entwertung von Lebensleistungen und als Identitätskrise erfahren wurde. Ein Wunsch nach der Ordnung, Stabilität und Berechenbarkeit des alten Systems machte sich breit (vgl. Stöss 2000, S. 169 f.). In dem früheren System wurden die Lebenswege vom Staat umfassend gestaltet, der Staat sorgte für Schule, Ausbildung, Berufstätigkeit und Freizeit. Dies bedeutete Sicherheit, Entlastung von Risiken und Verlässlichkeit. Nach der Wende war es für viele Menschen schwierig, Orientierung zu finden und eine neue Identität zu entwickeln, häufig mussten Selbständigkeit, Selbstbehauptungswille und Flexibilität erst gelernt werden, um sich in der westlichen Ellenbogengesellschaft durchzusetzen. Durch tiefgreifende Orientierungsverluste und Identitätskrisen konnte ein rechtsextremistisches Einstellungsmuster Fuß fassen, das die Bereitschaft zu einer freiwilligen Unterwerfung unter Stärkere und die Neigung zur Beherrschung Schwächerer und damit die Abwertung oder Ausgrenzung anderer Völker beinhaltete (vgl. Stöss 2000, S. 68 f.). Stöss bringt außerdem eine Aussage aus der Skinhead-Broschüre des Bundesamts für Verfassungsschutz an. Diese vertritt die Meinung, dass die große Gewaltbereitschaft im Osten darauf basiert, dass sich manche ostdeutschen Bundesbürger als Menschen zweiter Klasse deklassiert fühlen, weil die Wiedervereinigung von ihnen als Dominanz des westdeutschen Lebensstils empfunden wird. Sie haben das Empfinden, dass sie von den Westdeutschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden und agieren ihr Unterlegenheitsgefühl aus, indem sie sich an Schwächeren wie Ausländern, Behinderten und Obdachlosen abreagieren (vgl. Stöss 2000, S. 159 f.).

Bei der Betrachtung der angeführten Aussagen fällt mir auf, dass immer wieder die „Sündenbockfunktion“ erwähnt wird, die ausländischen Mitbürgern angesichts schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse zuteil wird. Sowohl in den Ansätzen, die besagen, dass soziale und wirtschaftliche Verunsicherungen und Krisen dazu beitragen können, dem Rechtsextremismus Vorschub zu leisten, als auch in der Deprivationsthese wird immer wieder sichtbar, dass Ausländer mit diesen Problemen in erster Linie gar nichts zu tun haben. Es wird deutlich, dass von vielen Menschen eine Benachteiligung empfunden wird und dass häufig die Meinung anzutreffen ist, Ausländer würden die Deutschen ausnutzen und Arbeitsplätze wegnehmen, doch konkrete Beispiele dafür werden selten genannt. Sehr bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass gerade in den neuen Bundesländern ein sehr hoher Anteil an rechtsextremen Einstellungen zu finden ist, auch in Regionen mit einem minimalen Ausländeranteil. Daran wird für mich sichtbar, dass sich die Ausländerfeindlichkeit nicht an konkreten Beispielen nährt, sondern dass sie eher die Funktion hat, jemanden für das empfundene Unrecht und die erlebten Nachteile verantwortlich zu machen. Ich vermute, dass unter anderem eine große Perspektivlosigkeit junge Menschen dazu führen kann, eine rechtsextreme Einstellung zu übernehmen. In dieser Einstellung finden sie die Möglichkeit, ihren Frust abzureagieren und die Schuld für den Zustand anderen zuzuschieben. Auch wenn es keine konkreten Anhaltspunkte für sie gibt, dass Ausländer an ihrem Desaster schuld wären, können sie sich in der rechtsextremen Gruppe gegenseitig in dieser Meinung bestärken und somit einen Sündenbock für die Situation schaffen. Außerdem kann die Abwertung anderer zur eigenen Aufwertung beitragen. So kann z. B. Jugendlichen, die keine berufliche Bestätigung erfahren, die gewünschte Bestätigung durch die Zugehörigkeit zur Gruppe widerfahren, indem sie sich als Gruppenmitglieder über andere Gruppierungen erheben.

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Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Einstiegsprozesse in die jugendkulturelle rechtsextreme Szene
Untertitel
Jugend, Rechtsextremismus, Gewalt – was kann Soziale Arbeit tun?
Hochschule
Hochschule Hannover
Jahr
2006
Seiten
39
Katalognummer
V203967
ISBN (eBook)
9783656308706
ISBN (Buch)
9783656309666
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
einstiegsprozesse, szene, jugend, rechtsextremismus, gewalt, soziale, arbeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Einstiegsprozesse in die jugendkulturelle rechtsextreme Szene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203967

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