[...] Auf die Bedeutung der Vermittlung fachsprachlicher Kompetenzen sowohl im Deutsch- als
auch im Fachunterricht wird in der einschlägigen DaF/DaZ-Fachliteratur seit geraumer Zeit
hingewiesen. SuS mit Mh erfahren im Fachunterricht frappierende Benachteiligungen, da ihre
Schwierigkeiten, z.B. eine Mathematikaufgabe zu lösen, zum größten Teil auf fehlenden
sprachlichen – nicht jedoch in erster Linie auf mathematischen – Kenntnissen beruht. So
werden bestimmte Aufgabenstellungen mangels angemessener Fach- und Textkenntnisse
überhaupt nicht erfasst bzw. nicht verstanden.
Insofern scheint es nicht verwunderlich, dass das Ministerium für Schule und Weiterbildung,
Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen die „Förderung in der
deutschen Sprache als Aufgabe des Unterrichts in allen Fächern“ einfordert. Wie jedoch sieht
eine solche Förderung aus? Und an welchen konkreten Kenntnissen muss sich diese
orientieren, d.h. über welche deutschsprachigen Kenntnisse verfügen DaZ-Lernende und
inwieweit sind diese hilfreich (oder hinderlich) bei der Arbeit an Fachtexten?
Im Rahmen dieser Arbeit soll sich diesen Fragen zuerst gewidmet werden. Im Anschluss
daran folgt eine Beschreibung typischer Verarbeitungsprozesse von DaZ-Lernenden beim
Lesen deutschsprachiger Texte. Ebenfalls soll in diesem Zusammenhang dargelegt werden,
welche Fachtextstrukturen ihnen dabei i.d.R. am meisten Schwierigkeiten bereiten und daher
gezielt im Unterricht behandelt werden müssen. Dies bedarf jedoch einer vorherigen Klärung
der sprachlichen Charakteristika und Besonderheiten von Fachtexten. Im letzten Teil werden praktische Beispiele der Förderung des Leseverständnisses anhand von
Textentlastungsstrategien vorgestellt, u.a. aus dem Biologie- und Geschichtsunterricht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Problemlage im Umgang mit schulischen Fachtexten für SuS mit Mh
2.1 Die sprachliche Ausgangslage von DaZ-Lernenden
2.2 Besonderheiten von Fachtexten
2.2.1 Wortschatz
2.2.2 Morphologie
2.2.3 Syntax
3. Textverarbeitungsprozesse in der Erst- und Zweitsprache
3.1 Zur Textverarbeitung in der Erstsprache
3.2 Zu den Unterschieden in der Textverarbeitung in der Erst- und Zweitsprache
4. Beispiele und Möglichkeiten zur Förderung des Leseverständnisses im Unterricht
4.1 Textentlastungsstrategien im DaZ-Unterricht
4.1.1 Satz- und Textverknüpfungsmittel
4.2 Textentlastungsstrategien im Biologie-Unterricht
4.2.1 Kerninformationen klären und innere Struktur verstehen
4.3 Textentlastungsstrategien im Geschichtsunterricht
4.3.1 Vorgegebene Aussagen zuordnen
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen, mit denen Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bei der Bewältigung deutschsprachiger Fachtexte konfrontiert sind. Ziel ist es, fachsprachliche Barrieren zu identifizieren und didaktische Strategien aufzuzeigen, wie Lehrkräfte diese Hürden durch gezielte Textentlastung abbauen können, um den Schulerfolg in allen Fächern zu sichern.
- Analyse der sprachlichen Ausgangslage von DaZ-Lernenden im Kontext von Fachtexten.
- Untersuchung morphologischer, syntaktischer und lexikalischer Besonderheiten von Fachsprache.
- Gegenüberstellung kognitiver Textverarbeitungsprozesse in der Erst- und Zweitsprache.
- Vorstellung praktischer Textentlastungsstrategien für den Biologie- und Geschichtsunterricht.
- Bedeutung der systematischen Sprachförderung als fächerübergreifende Aufgabe.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Wortschatz
Charakteristisch für jeden Fachtext sind fachspezifische Terminologien, die aus dem fachwissenschaftlichen Diskurs in den Unterricht einfließen. Umgangssprachliche Begriffe gehören typischerweise nicht dazu. Im Mathematikunterricht wären diese u.a. Standardbegriffe wie „Hypotenuse“, „Funktion“ oder „Graph“. „Epidermis“ oder „Chromosom“ sind hingegen gängige (Fach-)Begriffe aus dem Biologieunterricht. Umgangssprachliche Ausdrücke gehören ebenfalls zum Wortschatz eines Fachtextes. Zwar nehmen die Begriffe im Fachunterricht andere Bedeutungen an, dennoch ist eine gemeinsame semantische Schnittmenge zwischen ihrer jeweiligen Bedeutung in der Umgangs- und Fachsprache zu erkennen. Beispiele hierfür wären: „Der See kippt um“ (hier: ökologische Bedeutung); „Multiplizieren und Dividieren mit der gleichen Zahl heben einander auf“ (hier: mathematische Bedeutung).
Entlehnungen aus anderen Sprachen tragen ebenfalls zum Vokabular von Fachsprachen bei, so z.B. „Know-how“, „Server“ etc. Ferner geben Bildungen aus Eigennamen zumeist den Urheber einer Erfindung oder Entdeckung an, so z.B. röntgen (nach dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen), Bunsenbrenner (nach dem Chemiker Robert Wilhelm Bunsen) sowie Ottomotor (nach dem Erfinder Nikolaus Otto). Fachspezifische Abkürzungen wie m/f/n (für die Angabe des Genus im Sprachenunterricht) oder g, cm, dl etc. (als Maß- und Mengenangaben) sind ebenso charakteristisch für Fachtexte wie Mehrwortkomplexe (wie z.B. Gewinn-Verlust-Rechnung).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die entscheidende Rolle fachsprachlicher Kompetenzen für den Schulerfolg und fordert eine fächerübergreifende Sprachförderung für Lernende mit Migrationshintergrund.
2. Zur Problemlage im Umgang mit schulischen Fachtexten für SuS mit Mh: Es wird analysiert, warum die vermeintliche umgangssprachliche Kompetenz von DaZ-Lernenden nicht ausreicht, um komplexe Fachtexte zu verstehen, und welche linguistischen Besonderheiten dabei Hürden bilden.
3. Textverarbeitungsprozesse in der Erst- und Zweitsprache: Anhand kognitiver Schemata wird aufgezeigt, wie Leser Texte verarbeiten und warum Zweitsprachenlernende bei der Dekodierung häufiger auf riskante Erwartungsstrategien statt auf datengestützte Analysen angewiesen sind.
4. Beispiele und Möglichkeiten zur Förderung des Leseverständnisses im Unterricht: Dieses Kapitel stellt konkrete didaktische Aktivitäten vor, um durch Textentlastung – etwa durch Konnektoren-Training oder Strukturanalysen – das Verständnis von Sachtexten in verschiedenen Schulfächern zu unterstützen.
5. Schlussbemerkungen: Der Autor resümiert, dass eine systematisierte Förderung der Lesekompetenz unumgänglich ist, um den Bildungsauftrag der Schule gegenüber allen Lernenden gerecht zu werden.
Schlüsselwörter
Fachtexte, Leseverständnis, DaZ, Migration, Fachsprache, Textentlastungsstrategien, Sprachförderung, Leseforschung, kognitive Schemata, Wortschatz, Syntax, Morphologie, Biologieunterricht, Geschichtsunterricht, Textverarbeitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die sprachlichen Herausforderungen für Schüler mit Migrationshintergrund bei der Arbeit mit schulischen Fachtexten und plädiert für eine gezielte, fächerübergreifende Förderung der fachsprachlichen Kompetenz.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der sprachlichen Ausgangslage von DaZ-Lernenden, der linguistischen Untersuchung von Fachtextmerkmalen sowie der Darstellung praxiserprobter Förderstrategien im Fachunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lehrer durch spezifische Entlastungsstrategien Schülern mit Migrationshintergrund helfen können, komplexe Fachtexte erfolgreich zu erschließen, statt an sprachlichen Hürden zu scheitern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung aktueller DaF/DaZ-Fachliteratur sowie der Anwendung kognitionspsychologischer Modelle zur Textverarbeitung (wie dem Schema-Konzept von Wolff) auf den schulischen Kontext.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Fehler- und Problemanalyse der sprachlichen Defizite bei Fachtexten, eine theoretische Einordnung von Textverarbeitungsprozessen und eine praktische Anleitung zu konkreten Entlastungsmethoden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Fachsprache, Textentlastungsstrategien, DaZ, Leseverständnis, Kohäsion und kognitive Verarbeitungsprozesse.
Wie unterscheiden sich Data-Driven- und Concept-Driven-Prozesse laut Wolff?
Data-Driven-Prozesse basieren direkt auf den Informationen im Text, während Concept-Driven-Prozesse auf dem Vorwissen und den Erwartungen des Lesers beruhen. DaZ-Lernende müssen mangels Sprachkenntnissen oft zu stark auf zweitere setzen, was zu Fehlinterpretationen führen kann.
Warum ist der "Schaltplan zum Knacken deutscher Texte" relevant?
Er dient als methodischer Leitfaden, der Schülern eine strukturierte Herangehensweise an unbekannte Fachtexte ermöglicht, indem er den Fokus von einer reinen Übersetzungsleistung auf ein ganzheitliches Textverständnis verschiebt.
Inwiefern ist der Geschichtsunterricht bei der Textarbeit besonders?
Im Geschichtsunterricht fehlt oft der direkte Bezug zu physikalisch greifbaren Gegenständen. Die Schüler müssen sich durch Texte eine „versunkene Welt“ mental erschließen, was eine hohe Kompetenz in der kritischen Quellenarbeit und Kontextualisierung erfordert.
- Arbeit zitieren
- StR Sener Saltürk (Autor:in), 2008, Förderung des Leseverständnisses bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im Bereich Fachtexte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204003