Anarchie in Uwe Timms Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" – das Gewürz menschlich-sinnlichen Aufbegehrens


Essay, 2004
14 Seiten

Leseprobe

Anarchie[1] in Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ – das Gewürz menschlich-sinnlichen Aufbegehrens

I. Manipulation der Sinne führt zur inneren Abstumpfung des Menschen – der Verlust des Geschmackssinns

Die NS-Zeit kann als eine Zeit der Massenideologie angesehen werden. Um diese zu durchzusetzen, ist es notwendig auf eine effiziente Art und Weise große Teile der Bevölkerung für die Ideologie zu gewinnen. Deren Verbreitung und Aufrechterhaltung geschieht über die (Manipulation der) Sinne, welche angesprochen werden. Hierbei kommen neben auditiven Formen der Vermittlung wie z.B. durch den „Volksempfänger“ oder Massenkundgebungen, ebenso visuelle Reize zur Geltung, die durch Wochenschauen, Aufmärsche, Uniformen und Fahnen bewirkt werden.

Die Sinne können sich in diesem starren Gebilde nicht frei entfalten, da sie komplett beherrscht werden. Zudem spielen Angst und Misstrauen eine zentrale Rolle für den Einzelnen im Hinblick auf die allgegenwärtige Kontrolle, da bei Zuwiderhandlung gegen die Doktrinen der Diktatur jederzeit mit Bestrafung zu rechnen wäre. So dürfen beispielsweise keine fremden Radiosender gehört werden, wodurch sich individuelle Geschmäcker nicht ausbilden können. Die nicht selten unfreiwillige Teilnahme an Massenkundgebungen, insbesondere wenn absurde Durchhalteparolen verkündet werden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die elementaren sinnlichen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben.

In der Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ finden wir eine Bevölkerung vor, die an sinnlicher Armut darbt. Ihre Sinne, im besonderen der Geschmackssinn, sind aufgrund der Ermangelung an (gutem) Essen dermaßen beeinträchtigt, dass von einem Esserlebnis nicht gesprochen werden kann. Dies hat zum einen den Grund, dass in der Nazi-Herrschaft der Verzehr von Nahrung lediglich einem organischen Zweck dient. So wird seitens der Machthaber noch bis Kriegsende primitives Unkraut wie die Brennnessel oder der Löwenzahn, die in erster Linie als Hasenfutter –also „Tierfraß“ - dienen und für Menschen allenfalls in größter Nahrungsnot in Frage kommen, beschönigend als „Wildgemüse“ (S. 113) tituliert. Im Gegensatz dazu wird an anderer Stelle erzählt, wie Lena Brücker, die als Leiterin der Kantine der Lebensmittelbehörde u.a. für die Verteilung der Lebensmittel zuständig ist, mit „Frühkarotten“ den „Vitaminbedarf“ (S. 71) der Machthaber sicherstellt.

Nahrung im Sinne der Nazi-Ideologie –und Realität untersteht dem Dogma des Nutzens für das Regime. Sie wird kontrolliert, rationiert und blendet zugleich jegliche Formen sinnlicher Erlebnisse, die nicht zuletzt die Qualität einer Mahlzeit ausmachen, bewusst aus, zumal diese für die Kriegsziele irrelevant sind. Dies gilt freilich nicht für die Entscheidungsträger in diesem System:

Der Geist braucht, hatte Goebbles gesagt, erstklassige Menus, sonst ist er einfallslos, krittelnd (...). Ein leerer Magen vertieft jeden Zweifel (...). Darum müssen in den zentralen Propagandastellen gute Köche arbeiten “ (S.52).

Dieses Zitat bestätigt zugleich, dass auch für die Machthaber der Nutzen der Nahrung (für die gemeinsame Sache) im Vordergrund steht. Obwohl sie über einen mehr oder minder freien Zugang (auch zu kostbaren) Lebensmitteln auch in Kriegszeiten verfügen, sollen sie mithilfe dieser primär effizienter arbeiten und nicht zuletzt dem Staat gegenüber loyal(er) dienen.

Die Bevölkerung hingegen genießt diese Prioritäten nicht, ein Umstand, der Konsequenzen in puncto Lebensqualitäten hat und Spuren hinterlässt. Dies wird deutlich am Beispiel des fahnenflüchtigen Bremers, der quasi ‚aus lauter Hunger’ sein Essen nicht mehr genießen kann: „(...) reinschlingen konnte er nicht, er musste ja schmecken, langsam essen“ (S. 34).

Hierbei besteht die Speise – eine Krebssuppe-, welche ihm Lena Brücker zubereitet hat, nicht aus Original-Zutaten, sondern größtenteils aus Gewürzen, die den Krebssuppengeschmack imitieren sollen. Sie selbst nennt diese zudem „falsche Krebssuppe“ (S. 30). Hinzu kommt, dass aufgrund der andauernden Lebensmittelknappheit auch sie inzwischen nicht mehr weiß, was den charakteristischen Geschmack einer Krebssuppe[2] ausmacht:

„Aus wenigem viel machen, sagte sie, aus der Erinnerung kochen. Man kannte den Geschmack, aber es gab die Zutaten nicht mehr, das war es, die Erinnerung an das Entbehrte, sie suchte nach einem Wort, das diesen Geschmack hätte beschreiben können: ein Erinnerungs-Geschmack“ (S. 35).

Ähnlich verhält es sich mit dem Kaffee-Ersatz „Eichelkaffee“, den Frau Brücker mangels echter Kaffeebohnen nach dem Krieg in ihrer Imbissbude verwendet. Während der Geschmack von echtem Kaffee ohnehin nur in der Erinnerung existiert, die zunehmend verblasst, hat der Eichelkaffee zusätzlich den Effekt, den Geschmackssinn selbst zu töten:

Wer den Kaffee über einen längeren Zeitraum trank, verlor, behauptete meine Mutter, langsam den Geschmack. Der Eichelkaffee hat die Zuge regelrecht gegerbt. So konnten Eichelkaffeetrinker in dem Hungerwinter 47 sogar Sägespäne in das Brot einbacken, und es mundete ihnen wie ein Brot aus bestem Weizenmehl “ (S.11).

Der Verlust des Geschmackssinns hat jedoch nicht nur Ursachen in der mangelnden Qualität der Nahrung, sondern auch psychische, wie in der Figur Bremers, einem desertierten Soldaten, den Lena Brückner in ihrer Wohnung versteckt hält, thematisiert wird: „ Tatsächlich aber versuchte er, überhaupt etwas zu schmecken. Es war der Moment, als er sich selbst sicher wurde, dass er den Geschmack verloren hatte “ (S. 134)[3]. Bremer macht sich Gedanken um seinen Geschmacksverlust: „ Vielleicht verliert man tatsächlich etwas für immer, wenn man sich ergibt oder wenn man flieht, andere im Stich lässt, vielleicht zerbricht etwas Unsichtbares, aber doch Festes in einem, dachte er. [...] , es ist nicht das Rauchen, sondern dass du dich hier von einer Frau verstecken lässt. Du bist ein Schwein, dachte er “ (S.138). Er leidet an der Untätigkeit, zu der ihn seine Flucht verdammt hat. Daneben quält ihn sein schlechtes Gewissen, gegenüber seinen Kameraden, sie im Stich gelassen zu haben und nicht mehr seine Pflicht zu erfüllen. Die Nazi-Doktrin manipuliert die Menschen derart, dass der vollkommen vernünftige und natürliche Wunsch sein Leben zu schützen und sich in den letzten Kriegstagen nicht sinnlos zu opfern, dazu führt, dass sich Bremer nicht mehr als vollwertiger Mensch fühlen kann. Dies hat Auswirkungen auf seine Sinne.

Die oben beschriebene Gleichschaltung in Verbindung mit der Abstumpfung der Sinne führt zu einer kompletten Selbstverfremdung oder gar zum Verlust des Menschseins. Die bloße Zuführung von verträglichen Nährstoffen reicht soeben aus, um lediglich den Körper eine Zeit lang am Funktionieren zu halten. Dieser Umstand führt jedoch zwangsläufig zur inneren Gegenwehr des Menschen, dessen Ausleben von Lust, Sinnlichkeit und somit auch von Vielfalt lebensnotwendig sind.

[...]


[1] An|ar'chie, <auch> A|nar'chie <f. 19> Zustand der Gesetzlosigkeit, polit. Unordnung [<grch. anarchia „Herrenlosigkeit“; zu an „nicht“ + arche „Herrschaft“] (Wahrig Deutsches Wörterbuch)

[2] Dass sie beim Zugeben Zaubersprüche „(Sipprisa, sipprisapprisumm“, S. 31) verwendet, suggeriert, dass sie ihren Geschmackssinnen nicht vollständig vertrauen kann.

[3] An mehreren Textstellen wird das ‚Kau-Erlebnis’ beschrieben, das in der Nazi-Zeit ebenfalls abhanden gekommen ist, vgl. S. 82 Lena Brücker beim Genießen einer Torte: „Sie lutschte diese Happen regelrecht, und beim Lutschen kam etwas in ihr Gesicht [...], ein den Körper verwandelndes Genießen“. Vgl. auch das gemeinsame Kaugummi-Kauen, S. 123: „ Sahen einander an, wie sie die Unterkiefer hin- und herschoben [...], ein Kauen, das einen Geschmack erzeugte [...]. Sie sahen sich kauend an und lachten beide los“

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Details

Titel
Anarchie in Uwe Timms Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" – das Gewürz menschlich-sinnlichen Aufbegehrens
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V204009
ISBN (eBook)
9783656302957
ISBN (Buch)
9783656303589
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anarchie, timms, novelle, entdeckung, currywurst, gewürz, aufbegehrens
Arbeit zitieren
StR Sener Saltürk (Autor), 2004, Anarchie in Uwe Timms Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" – das Gewürz menschlich-sinnlichen Aufbegehrens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204009

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