Seitdem Maurice Duverger in seinem Bericht: „The Political Role of Women“, in welchem er sich auf die empirischen Ergebnisse einer Erhebung des damaligen Social Science Department der UNESCO für die beiden Jahre 1952 und 1953 stützte und diese kritisch hinterfragte, auf die geringe Anzahl an Frauen als Kandidatinnen bei Wahlen, im Parlament, in Ministerien sowie in politischen Führungspositionen aufmerksam machte (Duverger 1955: 123), gab es zahlreiche Studien und Analysen, in denen Politikwissenschaftler sowie Politikwissenschaftlerinnen erklären wollten, worin die Ursachen für den geringen Frauenanteil in Parlamenten liegen und inwiefern die unter-schiedlichen Wahlsystemtypen die Repräsentation von Frauen beeinflussen.
Insgesamt wird die Inklusion als einer der grundlegenden Werte von Demokratie verstanden (Habermas 1996; Young 2000), während die Inklusion von Frauen ins Parlament eine Dimension der gesellschaftlichen Vielfalt beinhaltet (vgl. Norris 2006: 198). Der Politikwissenschaftlerin Iris Marion Young zufolge kann Inklusion als ein grundlegender Wert von demokratischen Institutionen dahingehend erklärt werden, dass sie die Legitimität von denselben erhöht (vgl. Young 2000: 5f.). Denn je mehr Perspektiven in den politischen Entscheidungsprozess miteinfließen – „Input-Legitimität“ –, desto mehr können auch die demokratischen Ergebnisse verbessert werden – „Output-Legitimität“ (vgl. Dovi 2009: 1175).
Die normative Idee, welche dem Argument der Inklusion zugrunde liegt, ist die Annahme, dass die Zusammensetzung des Parlaments die Gesellschaft widerspiegelt, welche sie im politischen Entscheidungsprozess repräsentiert (vgl. Norris 2006: 198). Demnach geht es normativ bei der Umwandlung von Wählerstimmen in Mandate da-rum, die wahlpolitisch bedeutsamen Konfliktlinien abzubilden. Auf diese Weise treffen gewählte Institutionen auf das Kriterium „deskriptive Repräsentation“, ein Begriff der von der Politikwissenschaftlerin Hanna F. Pitkin (1967) stammt (vgl. Norris 2006: 198).
Die Dimension der Inklusion begreift demokratische Repräsentation in erster Linie als einen Prozess, bei dem die demokratischen Bürger (oder zumindest ihre Stimmen, Interessen und Ansichten) im politischen Entscheidungsprozess durch die gewählten Repräsentanten vertreten werden (vgl. Dovi 2009: 1172).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Die normativen Ursprünge der Inklusion von Frauen im Parlament
2 Überblick über den aktuellen Forschungs- und Literaturstand
2.1 Effekte von Wahlsystemen auf den Frauenanteil im Parlament
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den aktuellen Forschungsstand zu den Auswirkungen verschiedener Wahlsysteme auf die Repräsentation von Frauen in Parlamenten, um Kausalmechanismen zu identifizieren und Forschungslücken aufzuzeigen.
- Normative Grundlagen der Inklusion von Frauen in parlamentarische Institutionen
- Vergleich von Verhältniswahl-, Mehrheitswahl- und Mischwahlsystemen
- Einflussfaktoren wie Wahlkreisgröße, Parteigröße und Frauenquoten
- Diskussion theoretischer Ansätze und empirischer Befunde
- Identifikation von Forschungslücken und Ausblick auf zukünftige Analysemethoden
Auszug aus dem Buch
2.1 Effekte von Wahlsystemen auf den Frauenanteil im Parlament
Eine Reihe von Studien seit Mitte der 1980er Jahre bestätigten die Annahme, dass Frauen häufiger ins Parlament gewählt werden, wenn es sich um ein Verhältniswahlsystem mit Listen handelt, währenddessen Mehrheitswahlsysteme die Wahlchance von Frauen erschweren (Norris 1985; Rule 1987; Rule 1994; Lijphart 1994; Paxton 1997; Matland 1998; Caul 1999; Kenworthy and Malami 1999; Reynolds 1999; Siaroff 2000; Moser 2001; McAllister and Studlar 2002; Norris 2004; Matland 2005, Norris 2006).
Dieses Muster gilt sowohl innerhalb der etablierten Demokratien als auch für eine Vielzahl der sich noch entwickelnden Gesellschaften weltweit (vgl. Norris 2006: 201). Als Begründung dieser Annahme wird häufig mit der starken Personenorientierung im Mehrheitswahlrecht argumentiert, denn im Gegensatz zur Listenwahl geht es bei der Mehrheitswahl darum, dass die Wähler für einen Kandidaten oder eine Kandidatin direkt stimmen (vgl. Fuchs 2010: 551).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Unterrepräsentation von Frauen in Parlamenten ein und erläutert die normativen sowie demokratischen Hintergründe der Inklusion.
2 Überblick über den aktuellen Forschungs- und Literaturstand: Hier werden zentrale Studien und theoretische Ansätze diskutiert, die den Einfluss von Wahlsystemen und spezifischen Faktoren wie der Wahlkreisgröße auf den Frauenanteil analysieren.
3 Fazit: Das Kapitel fasst die empirischen Erkenntnisse zusammen, identifiziert eine Konzentration der Forschung auf Verhältniswahlsysteme und plädiert für eine stärkere mikroanalytische Betrachtung technischer Wahlsystem-Dimensionen.
Schlüsselwörter
Wahlsysteme, Frauenanteil, Parlament, Verhältniswahl, Mehrheitswahl, Mischwahlsystem, Inklusion, deskriptive Repräsentation, Parteien, Nominierung, Wahlkreisgröße, Frauenquoten, politische Partizipation, Demokratiedefizit, Forschungslücke
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet einen Literatur-Review über den Forschungsstand zum Einfluss verschiedener Wahlsysteme auf die Repräsentation von Frauen in nationalen Parlamenten.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Arbeit behandelt die normativen Grundlagen der Inklusion, die Unterschiede zwischen Wahlsystemtypen sowie diverse Einflussfaktoren wie Parteigröße, Nominierungsverfahren und Quotenregelungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist ein „State of Art Report“, der bestehende Ansätze, Methoden und Ergebnisse synthetisiert, um ein besseres Verständnis des Kausalmechanismus zwischen Wahlsystemen und Frauenanteil zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse (Literatur-Review), die bestehende empirische Studien und theoretische Diskurse der Politikwissenschaft systematisch auswertet.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert, warum Verhältniswahlsysteme im Vergleich zu Mehrheitswahlsystemen meist als frauenfreundlicher gelten und welche spezifischen Variablen – etwa Wahlkreisgröße oder Listenformen – diesen Effekt beeinflussen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Wahlsysteme, Frauenanteil, Inklusion, deskriptive Repräsentation und politische Partizipation definiert.
Welche Rolle spielt die Wahlkreisgröße für Frauen in der Politik?
Die Forschung zeigt, dass größere Wahlkreise mit Verhältniswahl-Listen die Chancen für Frauen erhöhen, da Parteien hier stärker Anreize haben, ausgeglichene Listen zur Vermeidung von Stimmenverlusten zu erstellen.
Wie bewertet die Autorin bzw. der Autor die Generalisierbarkeit der bisherigen Forschung?
Es wird zur Vorsicht bei Generalisierungen gemahnt; stattdessen wird empfohlen, den Fokus stärker auf die spezifische technische Ausgestaltung von Wahlsystemen zu legen, da auch innerhalb der Kategorien erhebliche Variationen existieren.
- Arbeit zitieren
- M.A. Politikwissenschaft Anja Kegel (Autor:in), 2012, Effekte von Wahlsystemen auf den Frauenanteil im Parlament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204063