Manipulation in "Memento"

Wie der Zuschauer durch die umgekehrte Chronologie zu Fehlinterpretationen verleitet wird


Hausarbeit, 2012

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die temporale Ordnung der Erzählung und die daraus resultierenden Manipulationsmöglichkeiten

2 Manipulation anhand der Figuren
2.1 Teddy
2.2 Natalie

3 Zusammenhang zwischen Manipulation und umgekehrter Chronologie

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Filmographie

Einleitung

„Causes and their effects are basic to narrative, but they take place in time.“[1] – In dieser Feststellung von Bordwell und Thompson lässt sich nicht nur ein grundlegendes Prinzip der Narration erkennen, sondern eine Möglichkeit, den Rezipienten in seinem Verständnis der Erzählung zu manipulieren. Verändert man nämlich den chronologischen Ablauf einer Geschichte, dann sind Ursache und Wirkung unter Umständen nicht mehr in ihrer zu erwartenden Reihenfolge. Ohne die Kenntnis der Ursache, kann es somit zu einer Fehlinterpretation der Wirkungs-Situation kommen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, auf welche Weise Christopher Nolan den Zuschauer in Memento (2000) durch die umgekehrt-chronologische Erzählweise des Haupthandlungsstrangs zu Fehlinterpretationen verleitet. Der Fokus soll dabei auf den Figuren Natalie (Carrie-Anne Moss) und Teddy (Joe Pantoliano) liegen, über deren Absichten der Rezipient immer wieder neu spekulieren muss. Der vorwärtslaufende Nebenhandlungsstrang, der als Beispiel für unzuverlässiges Erzählen Gegenstand vieler anderer Arbeiten ist, soll hier jedoch nicht näher untersucht werden.

Zunächst erfolgt in dieser Hausarbeit eine kurze Skizzierung der theoretischen Grundlagen, die für die folgende Untersuchung von Memento entscheidend sind. Neben der schon erwähnten These von Bordwell und Thompson soll es dabei auch um die chronologische Struktur einer narrativen Handlung gehen. Dazu beruft sich diese Arbeit auf die Theorienschrift Die Erzählung von Gérard Genette. Im Anschluss werden die Vorüberlegungen dazu genutzt, die Besonderheiten in der Erzählstruktur Memento s offen zu legen und die Momente der Zuschauer-Täuschung anhand der Figuren herauszuarbeiten. Abschließend soll die Frage beantwortet werden, ob die manipulativen Momente des Films von der besonderen Erzählstruktur abhängig sind oder auch in einer linearen Erzählung denkbar wären.

1 Die temporale Ordnung der Erzählung und die daraus resultierenden Manipulationsmöglichkeiten

„Im klassischen Verständnis bedeutet das Erzählen einer Geschichte, ihre kausal-logischen Ereignisse in ihrer Chronologie wiederzugeben.“[2] Auch filmische Erzählungen, besonders solche aus dem Mainstream-Kino, achten in der Regel auf einen größtenteils chronologischen Ablauf der Ereignisse.[3] Diese Konvention entspringt der Tatsache, dass der Rezipient anhand des gesehenen Materials die chronologische Abfolge der Geschichte herstellen muss, um der Handlung folgen zu können.[4] Gibt es in einem Film jedoch viele Zeitsprünge, wird diese Aufgabe ungemein schwerer und gefährdet das Verständnis der Geschichte, ,,da sich die kausal-logischen Zusammenhänge verschieben und nicht mehr direkt erfahrbar sind.“[5] Allerdings arbeiten viele filmische Werke dennoch häufig mit Analepsen, seltener auch mit Prolepsen. In der Literatur ist eine streng chronologische Narration sogar kaum noch zu finden, am ehesten noch in volkstümlichen Geschichten.[6] Zeitliche Rück- und Vorgriffe, die Genette unter dem Begriff „Anachronien“[7] zusammenfasst, werden meistens dazu verwendet, dem Rezipienten mehr Informationen zu Figuren und Handlung zu liefern. Beispielsweise scheint die starke emotionale Reaktion der Protagonistin in Hitchcocks Marnie auf die Farbe Rot zunächst unverständlich, bis ein Flashback ihr Kindheitstrauma als Ursache enthüllt. Da dem Zuschauer der Grund bis zum Ende der Erzählung vorenthalten wird, ist dieser somit gezwungen, Marnies Verhalten ohne dieses Hintergrundwissen zu beurteilen. Das Vorenthalten der Informationen kann also als gezielte Manipulation des Rezipienten verstanden werden, da eine vorschnelle Beurteilung des Charakters provoziert wird, die fast zwangsläufig durch die Enthüllung der Ursache zum Schluss hin revidiert werden muss.

Doch noch einmal zurück zu Genette. Dieser geht davon aus, dass es in jeder Geschichte eine „Basiserzählung“[8] gibt, „in Bezug auf die sich eine Anachronie als solche definiert.“[9] Genau hier stellt sich eine Schwierigkeit in Bezug auf das Untersuchungsobjekt dieser Arbeit, Memento, dar. Der Haupthandlungsstrang des Films wird rückwärts erzählt, das heißt, die einzelnen Szenen bzw. Sequenzen laufen in umgekehrter Reihenfolge ab. Zwar erwähnt Genette in Die Erzählung viele Beispiele für zeitlich-komplexe Narrationen, diese lassen sich in ihrem Aufbau aber letztendlich durch die Begriffe „Basiserzählung“ und „Anachronien“ angemessen erklären, jedoch gilt dies nicht für den Haupthandlungsstrang von Memento. Müsste man in diesem nämlich eine Basiserzählung ausmachen, wäre dies äußerst schwierig, da sich jede Sequenz in Bezug auf alle anderen entweder als Pro- oder Analepse definiert, sodass man wiederum jede beliebige Sequenz als Basiserzählung betiteln könnte.[10] Dies impliziert, dass Memento eine völlig chaotische Zeitstruktur hat – zu Unrecht, da der Film in seiner „Zerstückelung der Chronologie eine klare Systematik aufweis[t]“[11].

Die Schwierigkeiten mit den Begriffen Genettes machen deutlich, dass Memento sehr ungewöhnlich aufgebaut ist und zu Recht als Erzählexperiment gilt. Die temporale Ordnung des Films fordert viel Aufmerksamkeit vom Zuschauer, um die Geschichte verstehen und chronologisch zusammensetzen zu können. Er wird von Nolan sozusagen zum Rekonstrukteur der Erzählung gemacht[12] und gezwungen ,,vertraute, beinahe automatisierte Rezeptionsweisen aufzugeben.“[13] Der Zuschauer muss sich zudem „an die Wirkung von Handlungen erinnern, wenn [er] deren Ursache beobachte[t]“[14], was eine große Anzahl an Möglichkeiten bietet, den Rezipienten zu manipulieren. In dem oben erwähnten Beispiel Marnie macht der Flachback es also möglich, die Ursache erst nach der Wirkung zu präsentieren und zwingt den Zuschauer so zu einer voreiligen Interpretation – Dies ist in Memento durch die umgekehrte Zeitordnung in nahezu jeder Szene der Fall.

2 Manipulation anhand der Figuren

Anhand der Figuren lässt sich besonders gut erkennen, wie Christopher Nolan den Rezipienten durch die aufgebrochenen kausal-chronologischen Zusammenhänge zu Fehlinterpretationen verleitet.

In Memento ist der Versicherungsagent Leonard Shelby (Guy Pearce) auf der Suche nach dem Vergewaltiger und Mörder seiner Frau, einem Mann namens John G.. Da der Protagonist sein Kurzzeitgedächtnis dauerhaft verloren hat, ist er dabei auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Der Film rückt dabei besonders die Personen Teddy und Natalie in den Vordergrund, deren abwechselnd hilfsbereites und manipulatives Verhalten den Zuschauer zur ständigen Neu-Beurteilung der Charaktere zwingt.

Im Folgenden geht diese Arbeit auf einzelne Sequenzen des Films ein. Die Sequenzen des Haupthandlungsstrangs wurden von 1-23 durchnummeriert, dabei markiert jeder zeitliche Rücksprung den Beginn einer neuen Sequenz. Sequenz 23 beschreibt die Endsequenz, die den Übergang zum Nebenhandlungsstrang markiert.

[...]


[1] Bordwell; Thompson 2010, S.84.

[2] Runge 2008. S. 13.

[3] Vgl. ebd., S. 18.

[4] Vgl. Bordwell; Thompson 2010, S. 84.

[5] Runge 2008. S.13.

[6] Vgl. Genette 2010, S. 18.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 27.

[9] Ebd.

[10] Ausgenommen die kurzen, untergeordneten Flashbacks, die Lennys Frau und den Überfall zeigen.

[11] Bildhauer 2007, S. 82.

[12] Herborn 2006, S.60.

[13] Mihm 2001. S46.

[14] Paech 2004, S.160.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Manipulation in "Memento"
Untertitel
Wie der Zuschauer durch die umgekehrte Chronologie zu Fehlinterpretationen verleitet wird
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar - Dramaturgie der Genres
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V204126
ISBN (eBook)
9783656310198
ISBN (Buch)
9783656311713
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Memento, Christopher Nolan, The Dark Knight, David Bordwell, Gerard Genette, 2x4, Irreversibel, Gaspar Noe, Chronologie
Arbeit zitieren
Markus Hauschild (Autor), 2012, Manipulation in "Memento", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204126

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