„Causes and their effects are basic to narrative, but they take place in time.“ – In dieser Feststellung von Bordwell und Thompson lässt sich nicht nur ein grundlegendes Prinzip der Narration erkennen, sondern eine Möglichkeit, den Rezipienten in seinem Verständnis der Erzählung zu manipulieren. Verändert man nämlich den chronologischen Ablauf einer Geschichte, dann sind Ursache und Wirkung unter Umständen nicht mehr in ihrer zu erwartenden Reihenfolge. Ohne die Kenntnis der Ursache, kann es somit zu einer Fehlinterpretation der Wirkungs-Situation kommen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, auf welche Weise Christopher Nolan den Zuschauer in "Memento" (2000) durch die umgekehrt-chronologische Erzählweise des Haupthandlungsstrangs zu Fehlinterpretationen verleitet. Der Fokus soll dabei auf den Figuren Natalie (Carrie-Anne Moss) und Teddy (Joe Pantoliano) liegen, über deren Absichten der Rezipient immer wieder neu spekulieren muss. Der vorwärtslaufende Nebenhandlungsstrang, der als Beispiel für unzuverlässiges Erzählen Gegenstand vieler anderer Arbeiten ist, soll hier jedoch nicht näher untersucht werden.
Zunächst erfolgt in dieser Hausarbeit eine kurze Skizzierung der theoretischen Grundlagen, die für die folgende Untersuchung von "Memento" entscheidend sind.Neben der schon erwähnten These von Bordwell und Thompson soll es dabei auch um die chronologische Struktur einer narrativen Handlung gehen. Dazu beruft sich diese Arbeit auf die Theorienschrift Die Erzählung von Gérard Genette. Im Anschluss werden die Vorüberlegungen dazu genutzt, die Besonderheiten in der Erzählstruktur Mementos offen zu legen und die Momente der Zuschauer-Täuschung anhand der Figuren herauszuarbeiten. Abschließend soll die Frage beantwortet werden, ob die manipulativen Momente des Films von der besonderen Erzählstruktur abhängig sind oder auch in einer linearen Erzählung denkbar wären.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die temporale Ordnung der Erzählung und die daraus resultierenden Manipulationsmöglichkeiten
2 Manipulation anhand der Figuren
2.1 Teddy
2.2 Natalie
3 Zusammenhang zwischen Manipulation und umgekehrter Chronologie
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Christopher Nolan im Film Memento durch eine umgekehrt-chronologische Erzählstruktur den Zuschauer gezielt zu Fehlinterpretationen der Handlung und der Figurenintentionen verleitet. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern die narrative Struktur als Instrument zur Manipulation der Zuschauerwahrnehmung fungiert.
- Narrative Analyse der temporalen Filmstruktur
- Manipulationsmechanismen durch Informationsvorenthaltung
- Ambivalenz der Protagonisten Teddy und Natalie
- Vergleich zwischen chronologischer und umgekehrter Erzählweise
- Erzähltheoretische Einordnung nach Gérard Genette
Auszug aus dem Buch
2.1 Teddy
Erst die letzte Sequenz gibt dem Zuschauer die nötigen Informationen, um Teddys Verhalten angemessen beurteilen zu können: Er ist Polizist und war bei dem Überfall auf Leonard und seine Frau für die Ermittlungen zuständig. Teddy half Leonard, den Täter aufzuspüren und zu töten. Als Leonard dann jedoch vergaß, dass er John G. schon ermordet hatte, begann er die Suche von Neuem. Teils aus Mitleid, teils aus Gier, lieferte Teddy ihm immer wieder neue John Gs., meist Drogendealer, denen er Geld abnehmen konnte, nachdem Leonard sie beseitigt hatte.
Zu Beginn des Films will Christopher Nolan dem Zuschauer jedoch ein ganz anderes Bild von Teddy vermitteln, um den Zuschauer in die Irre zu führen. Sequenz 1 zeigt zunächst die Ermordung der Figur durch Leonard. Erst Sequenz 2 gibt Hinweise auf den Grund für diese Tat und verleiht somit Sequenz 1 erst eine tiefere Bedeutung: Der Rezipient erfährt sowohl durch ein Voice-over, das Leonards Gedanken offenbart, als auch den Dialog, dass der Protagonist wohl schon lange auf der Suche nach Teddy war, um sich für den Tod seiner Frau zu rächen. Der Text unter einem von Leonards Fotos betitelt Teddy zudem als Lügner, dem man nicht trauen darf. Das verdächtige Verhalten des Polizisten scheint diese Informationen zu bestätigen, da er versucht, Leonard zum Verlassen des Ortes zu drängen und ihn schließlich, während er mit einer Pistole bedroht wird, als „Freak“ bezeichnet. Zwar gibt Teddy unter vorgehaltener Waffe schon Hinweise darauf, dass Leonard die Situation möglicherweise falsch beurteilt, jedoch wirken diese wie die Selbstrettungsversuche eines Schuldigen. Da der Zuschauer die wahre Ursache, die zu dieser Situation geführt hat, nicht kennt, ist er gezwungen, die Personen mithilfe der vorhandenen Informationen zu beurteilen, die darauf hinweisen, dass Teddy ein Verbrecher ist, der Leonards Frau in irgendeiner Weise geschädigt haben muss.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der narrativen Manipulation und Darstellung der zentralen Fragestellung bezüglich der Erzählweise in Memento.
1 Die temporale Ordnung der Erzählung und die daraus resultierenden Manipulationsmöglichkeiten: Theoretische Herleitung der Manipulationsstrategien durch das Vorenthalten von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen basierend auf Genette sowie Bordwell und Thompson.
2 Manipulation anhand der Figuren: Analyse der gezielten Täuschung des Zuschauers durch das ambivalente Verhalten der Hauptfiguren Teddy und Natalie.
2.1 Teddy: Untersuchung der Figur Teddy, dessen moralische Rolle durch die umgekehrte Chronologie zunächst falsch als antagonistisch interpretiert wird.
2.2 Natalie: Analyse der Rolle von Natalie, die zwischen Hilfsbereitschaft und Manipulation schwankt und den Zuschauer zur ständigen Neubewertung zwingt.
3 Zusammenhang zwischen Manipulation und umgekehrter Chronologie: Reflexion darüber, ob die Täuschung zwingend an die umgekehrte Chronologie gebunden ist oder durch andere narrative Mittel erreicht werden kann.
Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Ausblick auf weiterführende filmwissenschaftliche Vergleiche.
Schlüsselwörter
Memento, Christopher Nolan, umgekehrte Chronologie, Zuschauermanipulation, Erzählstruktur, Fehlinterpretation, Gérard Genette, Leonard Shelby, narrative Analyse, Film Noir, Ursache und Wirkung, Erzählexperiment, Mindfuck-Movies, Charakterambivalenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie der Film Memento durch seine spezielle rückwärtslaufende Erzählweise den Zuschauer dazu bringt, die Handlungen und Absichten der Figuren falsch zu interpretieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Erzähltheorie, die psychologische Manipulation des Rezipienten durch das Vorenthalten von Ursachen sowie die Charakterisierung von Figuren in komplexen Erzählstrukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, auf welche Weise Christopher Nolan den Zuschauer durch die umgekehrt-chronologische Erzählweise zu Fehlinterpretationen verleitet und ob diese Manipulation untrennbar mit der Filmstruktur verbunden ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche Textanalyse, die auf narratologischen Theorien von Gérard Genette sowie Bordwell und Thompson basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der temporalen Erzählordnung, eine detaillierte Figurenanalyse von Teddy und Natalie sowie eine kritische Prüfung, ob diese Manipulation auch in linearen Erzählungen möglich wäre.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Memento, umgekehrte Chronologie, Zuschauermanipulation, Erzählstruktur, Fehlinterpretation und Charakterambivalenz.
Wie trägt die umgekehrte Zeitstruktur zur Täuschung bei?
Da der Zuschauer die Wirkung vor der Ursache sieht, fehlt ihm der notwendige Kontext. Dies führt zu vorschnellen Schlussfolgerungen, die erst später durch die Enthüllung der tatsächlichen Ursachen revidiert werden müssen.
Warum wird Natalie im Film als ambivalente Figur dargestellt?
Natalie täuscht den Zuschauer durch den Wechsel zwischen mitfühlendem Verhalten und strategischer Manipulation, wodurch ihre tatsächliche Rolle als Unterstützerin oder Ausnutzerin des Protagonisten erst nach und nach erkennbar wird.
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- Markus Hauschild (Author), 2012, Manipulation in "Memento", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204126