Thermodynamische Strukturen in Émile Zolas: „Die Beute“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Émile Zolas „Rougon-Macquart“-Reihe und „Die Beute“

2.Thermodynamik als Literaturtheorie

3. Thermodynamische Aspekte in „Die Beute“
3.1 Renée als „überhitze Maschine“
3.2 Paris als offenes System

4. Resümee

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung: Émile Zolas „Rougon-Macquart“-Reihe und „Die Beute“

Schon im Jahr 1868 legte Zola seinem Verleger Lacroix den ersten Entwurf seiner späteren Rougon-Macquart-Reihe vor. Ausgehend von den naturwissenschaftlichen Grundlagen der Vererbungslehre des Dr. Lucas, der Experimentalphysiologie Claude Bernards und der Gesellschaftsphilosophie Taines sowie dem Gedanken, die Naturwissenschaft mit ihren Fortschritten und Errungenschaften für die Literatur nutzbar zu machen, verfolgte Zola mit dieser Reihe zwei Ziele.

Das erste Ziel lautete, anhand der Familie die Fragen der Veranlagung und des Milieus zu studieren. Zola wollte verfolgen, wie die Kinder ein und desselben Vaters verschiedene Leidenschaften und Charaktereigenschaften entwickeln, als Folge von Kreuzung und besonderer Lebensweise.

Die zweite Absicht Zolas war es, das gesamte zweite Kaiserreich, vom Staatsstreich bis zu seinem Ende, mit den Ereignissen und Gefühlen einer ganzen sozialen Epoche zu beschreiben. So trug seine Buchreihe schließlich auch den Untertitel: „Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich“.

„Die Beute“ als zweiter Roman der Reihe hat als Rahmen die schmutzigen und zügellosen Spekulationen während der großangelegten Bauarbeiten in Paris, die Baron Haussmann, der 1853 von Napoleon III. eingesetzte Präfekt des Departements Seine, veranlasst hatte. Hauptpersonen sind ein typischer Vertreter der Spekulanten, Aristide Saccard, seine Frau Renée und sein Sohn aus erster Ehe, Maxim. Die Geschäfte und Spekulationen, die dargestellt werden, dienen in diesem Hinblick vor allem der Beschreibung des Milieus, in dem sich die Charakterentwicklung und das Verhalten von Renée und Maxime abspielen.

So gliedert sich auch „Die Beute“ in zwei Ebenen. Die erste Ebene, stellt das Liebesdrama zwischen Renée und Maxime dar. Die zweite Ebene, und vielleicht auch die spannendere, beschreibt den Aufstieg Saccards von einem kleinen städtischen Angestellten zu einem der erfolgreichsten Häuserspekulanten von Paris, dessen Vermögen unerschöpflich zu sein scheint. Die Geschäfte mit Toutin-Laroch, die Manipulationen mit dem Crédit Viticole sowie die Beziehungen der Aktionäre des Crédit Viticole zu den offiziellen Verwaltungs- und Regierungsstellen enthüllen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände im zweiten Kaiserreich. So ist es auch nicht verwunderlich, das der Titel „Die Beute“ sich nicht auf die Zentralfigur - Renée - bezieht, sondern auf die Spekulanten, die sich gierig auf ihren ergaunerten Gewinn stürzen.

Im zweiten Punkt dieser Hausarbeit möchte ich knapp die Grundlage für die Anwendung von thermodynamischen Begriffen und Theorien an Zolas Roman „Die Beute“ darstellen.

In den folgenden Punkten möchte ich mich mit den zwei Ebenen des Romans, den zwischenmenschlichen Beziehungen sowie der Ebene der Spekulationen und Geldströme im Paris im zweiten Kaiserreich beschäftigen. Hier werde ich untersuchen, inwieweit sich die thermodynamischen Literaturtheorien auf den Text anwenden lassen, und welche Erkenntnis man daraus erlangt.

2.Thermodynamik als Literaturtheorie

Die Verwendung von Feuer bzw. Wärme als Energielieferant für Wärme-Kraft- Maschinen war eine Grundlage für das Entstehen der Industriegesellschaft. Wärme transformiert Materie und führt zu Zustandsänderungen, welche Modifikationen der inneren Eigenschaften der Stoffe hervorrufen. Die Analyse der Wärmeleitung wurde zum Ausgangspunkt für die Erforschung des Wesens der Irreversibilität. Die Erkenntnis vom Zusammenhang zwischen Komplexität und Irreversibilität zeigte die Abhängigkeit eines Systems von einer Reihe bestimmter Parameter und der Beziehung des Systems zu seiner Umgebung.

Thermodynamik ist somit eine Wissenschaft von einander bedingenden Veränderungen von Eigenschaften.

Das Aufkommen der Thermodynamik im industriellen Zeitalter bringt eine Fülle neuer und bahnbrechender Entdeckungen und Ideen hervor. Ein Beispiel dafür ist das Prinzip der Erhaltung der Energie, welches wiederum die Entwicklung neuer anthropologischer Ansichten, wie den Menschen als Maschine, welche Energie umwandelt, nach sich zog. Die Ablösung der Mechanik durch die Thermodynamik brachte aber auch die Einsicht, dass natürliche Reserven endlich sind und die Angst vor dem beschleunigten Wandel, dem Wärmetod der Erde.

Dieser Angst vor der Überhitzung stellt sich das Modell der Gleichgewichts- Thermodynamik gegenüber. Im letztgenannten Modell koexistieren Hitze und Kälte als eine „lauwarme“ Mischung von Ungleichgewicht und Gleichgewicht. Offene Systeme unterliegen Schwankungen, die eine nutzbringende Funktion haben.

Die Anwendung von thermodynamischen Begriffen und Theorien in der Literaturwissenschaft ist ein Versuch, den Dualismus zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft aufzuheben1. Dadurch werden diese beiden Wissenschaften zusammengebracht und zeigen sich gegenseitig neue Möglichkeiten auf. Das Modell der Gleichgewichts-Thermodynamik lässt sich auch auf anthropologische Fragen, wie das Funktionieren von Städten, übertragen. Lebende, offene Systeme, wie Städte, werden durch den Austausch mit ihrer Umwelt vor dem Sterben bewahrt.

Sie streben kein Gleichgewicht an, sondern entwickeln sich zur Unordnung. Sie unterliegen Schwankungen, die konstruktive Funktion haben und zu neuen Ordnungen führen können.2

Diese Übertragung ist auch für die Literaturwissenschaft interessant, lassen sich doch mit dem betrachteten Modell die komplexen politischen und wirtschaftlichen Ströme beschreiben, die ein solches offenes Stadtmodell funktionieren lassen. Nicht nur Personen in Handlungen können beschrieben werden, sondern vor allem Mehrwertakkumulationen.

Ein berühmter Vertreter der Thermodynamik als literaturwissenschaftlicher Theorie, ist Michel Serres, der, „in seinem Buch über Zola3 die Konzeption untersucht, nach der die Gesellschaft ihre Grundlage in der Erzeugung und im Verbrauch der Energie haben soll.“4 Er geht davon aus, dass die Naturgeschichte bei Zola im abstrakten Modell der Thermodynamik fundiert ist.

3. Thermodynamische Aspekte in „Die Beute“

3.1 Renée als „überhitze Maschine“

Renées Schicksal und Charakter ist, laut der Milieutheorie die Zola vertrat, gesellschaftlich bedingt: Einst ein wohlbehütetes junges Mädchen aus gutbürgerlichem Haus, geht sie in der Umgebung, in die sie durch die Ehe mit Saccard geraten ist, moralisch und körperlich zugrunde.

Diese Annahme lässt sich aber auch sehr gut auf die thermodynamische Theorie übertragen: Renée als „falsche Bourgeoise“ stammt aus einem abgekühlten Stadtteil. Ihr Vater, ein ehemaliger Magistrat, hat den politischen Kampf aufgegeben und führt ein solides, bürgerlich-bescheidenes Leben.

Er hat sie bürgerlich erzogen, mit allen Vor- und Nachteilen dieser Erziehung. Durch die Zwangsehe mit Saccard wird sie aus ihrer kalten, beschränkten und zeitlosen Umgebung herausgerissen und in den Trubel des mondänen Lebens der herrschenden Kreise im zweiten Kaiserreich geworfen, deren offensichtlichste Merkmale Geldgier und moralische Verkommenheit sind.

„Sie dachte an die Seinestadt, die Mitschuldigen, an die flammenden Nächte des Boulevards, an die heißen Nachmittage im Bois de Boulogne, an die zugleich fahlen und grellen Tage in dem großen neuen Palais. Als sie dann den Kopf senkte und mit einem Blick den friedlichen Horizont ihrer Kindheit überschaute, diesen alten, von Bürgern und Arbeitern bewohnten Teil der Stadt, wo sie von einem friedvollen Leben geträumt hatte, stieg eine letzte Bitterkeit in ihr auf.“5

Renée ist mit der raschen Entwicklung, den Veränderungen, der Hitze ihrer neuen Umgebung überfordert. Sie steigert sich immer weiter in diese Hitze hinein, die ihre nervösen Sinne noch mehr reizt und sie krank macht. Anders als bei Saccard, der mit der Hitze umzugehen weiß, und dessen Zuschreibungen von warmen oder heißen Attributen ein Zeichen für seine Begabung im Umgang mit Geldströmen darstellen, haben diese Zuschreibungen bei Renée fast immer eine krankhafte Konnotation. „Sie hatte hohes Fieber.“6 Diese Zuschreibungen sind Ausdruck ihrer Überreiztheit.

„‘Sind wir wirklich schon so weit? Aber, mein Gott, du hast doch alles, was willst du denn noch?’ Renée hob den Kopf. Ein heißer Glanz lag in ihren Augen, ein brennendes Begehren voll ungestillter Neugier. ‘Ich will etwas anderes’, antwortete sie leise.“7

Lassen sich ihr Verlangen und Begehren anfänglich noch äußerlich abkühlen, kann sie später diese Erhitzung nicht mehr kompensieren. Auch die Rückkehr in das Stadtviertel ihrer Kindheit, von dem sie sich erhofft, dass es sie wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt, bringt ihr keine Kühlung.

„Die Hände an die Brust gelegt, wie verbrannt von einem inneren Feuer, dachte sie nach, und in einer plötzlichen Hoffnung auf Erleichterung, auf heilende Kühlung, beugte sie sich vor und rief dem Kutscher zu: ‘Zum Palais Béraud!’“8

Reneé überhitzt durch die Verlockungen der eleganten Welt und Saccards Geldrausch, der Inzest mit Maxime ist nur die letzte Steigerung ihres Wunsches nach immer mehr Vergnügungen und Ablenkungen. Markant ist es auch, dass der Gedanke an die Blutschande in der Kühle der herbstlichen Kutschfahrt noch unterdrückt werden konnte, später im aufgeheizten Gewächshaus aber beherrschend wird.

„Bei jener herbstlichen Spazierfahrt, als der Bois de Boulogne in Schlummer sank, war ihr der noch unklare Gedanke an die Blutschande gekommen wie ein Kitzel, der ihr einen nie gekannten Schauder über die Haut rieseln ließ; und abends dann, in dem halbtrunkenen Zustand nach dem Diner, unter dem Stachel der Eifersucht, hatte dieser Gedanke Gestalt angenommen, hatte sich in der Hitze es Treibhauses und angesichts von Louise und Maxime glühend vor ihr aufgerichtet.“9

Das Treibhaus fungiert als ihr Wärmelieferant, der den Inzest mit Maxime möglich und Renée zu einer „Treibhausblüte“10 macht, die wie eine Tropenpflanze reagiert. Die Erhitzung führt auch zu einem Rollentausch zwischen ihr und Maxime, zu einer Vermännlichung.

[...]


1 vgl. Prigogine, Ilya/Stengers, Isabelle. Dialog mit der Natur. S. III

2 vgl. Ebd. S. 135-138

3 Ebd. S. 333: Feux et signaux de brume. Zola, Paris 1975

4 Ebd. S. 119

5 Ebd. S. 344-345

6 Ebd. S. 174

7 Zola, Émile .(1969) Die Beute S. 12

8 Ebd. S. 342

9 Ebd. S. 202

10 Ebd. S. 221

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Thermodynamische Strukturen in Émile Zolas: „Die Beute“
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Seminar: Literatur, Anthropologie und Medien
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V204175
ISBN (eBook)
9783656307549
ISBN (Buch)
9783656308201
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thermodynamik, Zola, Romanistik, Die Beute, Literaturtheorie, offene Systeme, Paris
Arbeit zitieren
Kathleen Grimm (Autor), 2010, Thermodynamische Strukturen in Émile Zolas: „Die Beute“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204175

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