Rassismus und Eugenik im Deutschen Reich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Tier und Mensch

2. Historische Voraussetzungen
2.1 Aufklärung und Industrialisierung
2.2 Bevölkerungspolitik
2.3 Kolonialismus

3. Die Theorie der Degeneration
3.1 Kulturpessimismus
3.2 Zivilisationskritik nach Rousseau
3.3 Naturalismus und Dekadenz

4. Die Entstehung der Eugenik
4.1 Darwinismus und Eugenik
4.2 Begründung durch Francis Galton
4.3 Entwicklungen in anderen Ländern

5. Die Diskussion im Deutschen Reich
5.1 Struktur der rassenhygienischen Bewegung
5.2 Vertreter der Diskussion
5.3 Selektion und differentielle Fortpflanzung

6. Die Entwicklung der Genetik
6.1 Genetik und Eugenik
6.2 Bedeutsame Forschungslinien

7. Rassische Anthropologie und Eugenik
7.1 Eurozentrismus
7.2 Ideologische Vereinnahmung
7.3 Euthanasie als Forderung

8. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

„Its intention is to touch on various topics more or less

connected with that of the cultivation of race, or, as

we might call it, with 'eugenic' questions (...)“.

Sir Francis Galton

1. Tier und Mensch

Dieses Zitat steht bewusst am Anfang der vorgelegten Arbeit. Denn mit dieser Aussage von Galton 1883 be-ginnt offiziell die Geschichte der Eugenik, die in dieser Arbeit im Mittelpunkt der Betrachtung stehen wird. Die Rede von der „cultivation of race“ als Hauptprogrammpunkt eugenischer Ideen nimmt viel von der Entmenschlichung des Menschen vorweg, die darauf bauend erfolgte. Der Übergang vom religiösen imago dei zum homo sapiens sapiens offenbart in der Ge-schichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts seine hässliche Schattenseiten, die in der Verwendung von Termini wie „Rasse“ oder „Menschenzüchtung“ Aus-druck finden.

In diesem Zusammenhang wird in dieser Arbeit von der Eugenik als Teilbereich rassistischer Ideen die Rede sein. Dabei wird sich auch zeigen, dass eugenische Ideen, obwohl sie nicht in seinem Namen begründet wurden, sich geradezu als prädestiniert für eine ir-rationale Rechtfertigungsideologie wie dem Rassismus erwiesen. Interessant dabei ist, dass dies auch die rezipierte Literatur zur Geltung bringt und damit auch schon die Leitlinien für die Hausarbeit fest-legt.

Somit werden im Folgenden die historischen, kulturel-len und wissenschaftlichen Voraussetzungen der Euge-nik betrachtet, die Rezeption des Phänomens im Deut-schen Reich und die Anknüpfungspunkte zur Genetik aufgezeigt. Dies geschieht im besonderen im Hinblick auf die später erfolgte ideologische Vereinnahmung und deren prägnantesten Auswuchs, der Euthanasie-Ideen. Der Zeitraum der Untersuchung ist hierbei, im weitgefassten Sinne, die Jahrhundertwende, was auch heißt, dass eine Einbeziehung des Nationalsozialismus nicht stattfindet, da sie den Rahmen dieser Arbeit deutlich sprengen würde.

2. Historische Voraussetzungen

2.1 Aufklärung und Industrialisierung

In dieser Arbeit wird noch viel von Rassismus und von Eugenik die Rede sein. Von zentralem Interesse ist dabei die Suche nach den Ursachen. Daher ist die his-torische Rückblende der Fokussierung auf prägnante Entwicklungslinien vonnöten.

Eine jener Linien ist die durch die Aufklärung her-beigeführte Änderung der Sichtweise auf den Menschen, bei gleichzeitiger Änderung der sozialen Struktur durch die sich überall in Europa bemerkbar machende Industrialisierung im beginnenden 19. Jahrhundert. Diese Umwälzung machte die Bevölkerung, selbst die Unterschicht, zu einer Ressource, von der der Wohlstand eines Herrschers oder einer Nation abhing.

Dadurch entstand für die führenden Schichten das vitale Interesse und die Notwendigkeit Mechanismen zu entwickeln, die eine Steuerung des „Rohstoffes Mensch“ ermöglichen würden, die Demografie, durch die das Individuum der Gattung untergeordnet wurde. (WEINGART/ KROLL/ BAYERTZ, 1992: 17f.)

2.2 Bevölkerungspolitik

Die Erfassung und Beurteilung der Geburten- und Sterblichkeitsraten gehörten alsbald zum politischen Gemeingut, um steuernde Interventionen im Interesse der Wirtschaft und des Militärs zu ermöglichen. Zwischen 1816 und 1914 verdreifachte sich die Bevöl-kerung des Deutschen Reiches beinahe (KAISER/ NOWAK/ SCHWARTZ, 1992: 11) was zu Problemen vielerlei Art führte, also beispielsweise die bekannte Soziale Frage aufwarf, aber auch die Märkte revolutionierte. Wesentlich dabei ist, dass Bevölkerungsreichtum aus militärischen und wirtschaftlichen Gründen als grundlegend betrachtet wurde.

Als in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Geburtenrückgang bei einer stagnierender Säuglings-sterblichkeit festgestellt wurde trat das generative Verhalten in den Mittelpunkt öffentlichen und wissen-schaftlichen Interesses. In der Diskussion um mensch-liches Fortpflanzungsverhalten schälten sich alsbald Ideen heraus, die darauf hinaus liefen, das Frucht-barkeitsverhalten staatlich zu steuern und nicht nützlich gesehenen Mitgliedern der Gesellschaft, die Vermehrung unmöglich zu machen. (vgl. KROLL, 1983: 104-114)

2.3 Kolonialismus

Verbunden mit dem in dieser Zeit zum guten Ton gehörenden Rassismus, den das seinen Platz an der Sonne suchende junge Deutsche Reich als Rechtfertigungsideologie in Anspruch nahm, führten derartige Überlegungen schnell weiter. Rassismus, dies sei hier betont, das zeigt ein Blick auf seine Geschichte, entstand nicht einfach durch die Rassismus und Eugenik im Deutschen Reich 5 Begegnung mit fremden Kulturen, sondern vielmehr dort, wo europäische Mächte im Zeitalter des Imperialismus konkrete machtpolitische Ziele verfolgten. (hierzu bes. MOSSE, 1990: 23-86) Aus diesem Grund machten sich Rassisten schnell eugenisches Gedankengut zueigen.

Eine Durchdringung der deutschen Gesellschaft des Kaiserreiches durch rassistische Ideen erfolgte dementsprechend erst mit der Ausuferung des deutschen Kolonialismus. Jene chauvinistischen europäischen Überlegenheitsgefühle im Rahmen des industriell eingefärbten Weltbildes erlebten im Deutschen Reich -eben durch seine besonders rasante Entwicklung, die man auf eine spezifisch deutsche Überlegenheit zurückführte - besondere Beliebtheit. Als Erklärung hierfür boten sich für die naturwissenschaftlich orientierten Zeitgenossen viele biologische Determinanten an. Es ist bezeichnend, dass genau in dieser Phase das deutsche Staatsbürgerrecht entstand, das Deutsch-Sein1 im Sinne des „ius sanguinis“ interpretiert; ein Problemfeld, das bis heute die Politik beschäftigt.2

Die wechselseitige Ergänzung von Kolonialismus und Eugenik wird in der politischen Thematisierung kolo-nialer Mischehen und Rassenmischung besonders deut-lich, da sich hierin die Idee des Rassenhygiene in hohem Maße manifestiert.(vgl. GROSSE, 2000: 10-17) So versuchte man in den Kolonien durch entsprechende Rassengesetze die Vermischung des Blutes zu verhindern. Dass dies praktisch nicht gelang wurde öffentlich nicht wahrgenommen, wofür die bis heute bestehenden Schwierigkeiten nicht-weißer Bundesbürger sprechen. (KRON, 2003)

3. Die Theorie der Degeneration

3.1 Kulturpessimismus

Das 19. Jahrhundert war eine widersprüchliche Epoche: Einerseits bestimmt durch einen ungebrochenen Fort-schrittsglauben, andererseits existierten neben dem offiziell verlautbarten Geschichtsoptimismus der Zeit kulturkritische, pessimistische, und irrationalisti-sche Ideen, Lehren und Theorien eines Niedergangsbe-wusstseins, deren Einfluss auf die weltanschauliche und ideologische Orientierung auf Teile des gebilde-ten und kulturell interessierten Bürgertums kaum zu unterschätzen sind. Dieses sich in der zweiten Jahr-hunderthälfte über ganz Europa ausbreitende Degenera-tionsbewusstsein, das im „fin de siécle“ seinen Höhe-punkt fand, knüpfte an eine lange Tradition von Nie-dergangstheorien an. In der Verankerung der Degenera-tionsangst, sowohl in der Geistesgeschichte aber vor allem in der zeitgenössischen Wahrnehmung, kann eine entscheidende Voraussetzung für die Resonanz gesehen werden, die eugenische Gedanken fanden. (WEINGART/ KROLL/ BAYERTZ, 1992: 67f.)

Die Entstehung und weite Verbreitung von Theorien der Degeneration im 19. Jahrhundert kann nur vor dem Hin-tergrund der dargestellten tiefgreifend empfundenen gesellschaftlichen Veränderungen begriffen werden. Diese Probleme und der Glauben an eine Degeneration der „menschlichen Rasse“ war die Folge einer „gesellschaftlichen Stimmungslage“, (WEINGART/ KROLL/ BAYERTZ, 1992: 42.) die schon im 18. Jahrhundert um sich gegriffen hatte. Der Degenerationsbegriff wurde nicht nur als ein biologischer Terminus gebraucht, sondern nahm vor Allem die Konturen eines politischen beziehungsweise gesellschaftskritischen Begriffs an.

3.2 Zivilisationskritik nach Rousseau

Jean-Jacques Rousseaus Kultur- und Geschichtsphiloso-phie war der zentrale philosophische Bezugspunkt der kultur- und zivilisationskritischen Strömungen, die auch in dem fortschrittsorientierten 19. Jahrhundert nicht an Wirkung verloren. (WEINGART/ KROLL/ BAYERTZ, 1992: 44)

Die Folge der Zivilisation sei, nach Rousseau, die Degeneration. Daraufhin bildeten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts drei inhaltliche Komponenten des De-generationsbegriffes aus, die für das Bewusstsein der Zeitgenossen maßgebliche Bedeutung erhalten sollten.(WEINGART/ KROLL/ BAYERTZ, 1992: 44-46)

Im Rousseaus Niedergangsdiagnose spielt nicht nur die moralische Deprivation bzw. Degeneration des Menschen eine Rolle, sondern auch seine körperliche Degenera-tion.

Die zweite Komponente beinhaltet die Betrachtung des Menschen als ein Naturwesen. Das heißt, der Mensch galt nun nicht mehr als ein Geschöpf unter der Fürsorge Gottes, sondern als ein aus der Natur hervorgegangenes und ihren Gesetzen unterworfenes Wesen. Was bei Rousseau eine philosophische Überzeugung war, wurde im 19. Jahrhundert auf der Basis der Darwinschen Theorie zu einer wissenschaftlichen Tatsache.

[...]


1 Etymologisch interessant: „Deutsch“ geht auf das germanische Substantiv „thiot“, das „Volk“ bedeutet, zurück.

2 Vgl. Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 und Artikel 116 (1) GG.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Rassismus und Eugenik im Deutschen Reich
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lst. für Psychologie)
Veranstaltung
Sozialpsychologie der Fremdenablehnung
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V20418
ISBN (eBook)
9783638242967
ISBN (Buch)
9783638842266
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Eugenik, Deutschen, Reich, Sozialpsychologie, Fremdenablehnung
Arbeit zitieren
Felix Hessmann (Autor), 2003, Rassismus und Eugenik im Deutschen Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20418

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