Es gibt kaum eine kirchengeschichtliche Epoche die so viel Faszination, aber auch Schrecken herauf beschworen hat wie das Mittelalter. Man muss diese nur erwähnen und einem fliegen Unmengen an Assoziationen zu, wie Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Ketzerprozesse. Das Mittelalter wurde von einer Macht regiert gegen die nicht einmal der Kaiser etwas entgegenbringen konnte – die Katholische Kirche, und diese war sich dieser Macht durchaus bewusst. Im 12. Jahrhundert strömten Massen an Menschen in die Heiligen Hallen der Kirche um sich die sehnlichst erwartende Absolution abzuholen oder sich diese zu erkaufen. Je mächtiger und reicher jedoch die Kirche wurde, desto mehr reifte der Wunsch des Volkes nach einem einfachen, evangelischen und klerikalen Vorbild. Um die Jahrhundertwende erfüllte sich dieser, aber nicht aus den Reihen des mächtigen Klerus, sondern in Person eines einfachen Wanderpredigers. Franz von Assisi, einer der aufregendsten Persönlichkeiten der Kirchengeschichte, tritt auf den Plan und lebt dem mittelalterlichem Volke und der Kurie ein Ideal reinster Christusnachfolge vor. Ihm schließen sich so viele Männer und Frauen an, dass es sogar zu einer eigenen und neuen Ordensgründung kommt. Seine Person ist Inbegriff christlicher Jesusnachfolge und seine Theologie mystische Liebe zu Gott und seiner Schöpfung. Hinter jenem, der sich selbst als „der Niedrigste von uns allen“ bezeichnet, steckt eine Faszination die weit über seine Zeit hinausreicht. Es sind vor allem sein theologisches Denken und sein Verständnis einer gelebten Frömmigkeit, die beeindrucken und oft rezipiert werden. In dieser Arbeit sollen deshalb jene beiden Punkte im Bezug zu Bonaventuras Schrift „Pilgerbuch der Seele zu Gott“ untersucht und veranschaulicht werden. Es stellt sich dabei vor allem die Frage welche Aspekte seines theologischen Denkens von Bonaventura aufgegriffen werden und in wie weit die Theologie des Franziskus Einklang in die eher wissenschaftlich geprägte Zeit der Scholastik, in die Bonaventura gehört, gefunden hat.
1. Einleitung
2. Historische Gegebenheiten
2.1. Das Mittelalter zu Zeiten Bonaventuras
2.2. Kurzbiographie Bonaventuras
2.3. Bonaventura und die Franziskanische Schule
3. Die Schrift „Pilgerbuch der Seele zu Gott“
3.1. Quelle
3.2. Inhalt
3.3. Grundgedanken
3.3.1. Philosophie
3.3.2. Theologie
4. Signifikante Textstellen und ihr Bezug zur franziskanischen Theologie
4.1. Frömmigkeit
4.2. Christo- und Theozentrik
4.3. Mystik
5. Interpretation
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das theologische Denken und das Frömmigkeitsverständnis des heiligen Franziskus im Spiegel von Bonaventuras Schrift „Pilgerbuch der Seele zu Gott“. Dabei steht insbesondere die Frage im Fokus, inwieweit Bonaventura die Ansätze des Franziskus in seine scholastisch geprägte Theologie integriert und wie er die franziskanische Spiritualität innerhalb eines systematischen Denksystems vermittelt.
- Die historische Einordnung des Mittelalters und der Franziskanischen Schule.
- Die Analyse des „Itinerarium mentis in Deum“ als zentrales Werk christlicher Mystik.
- Die Verbindung von scholastischer Methodik und mystischer Gottesbegegnung.
- Der Vergleich von Frömmigkeitskonzepten zwischen Franziskus und Bonaventura.
- Die Christo- und Theozentrik als zentrale Pfeiler franziskanischen Denkens.
Auszug aus dem Buch
1. Die Stufen des Aufstieges zu Gott und die Betrachtung Gottes durch seine Spuren im All
»Selig der Mann, dem Hilfe kommt von dir; er hat bei sich beschlossen, durchs Tränental hinaufzusteigen zum Orte, den er sich erwählt« (Ps 83, 6f). Da die Seligkeit nichts anderes ist als der Genuß des höchsten Gutes, dieses aber über uns erhaben ist, so kann nur der selig werden, der über sich selbst hinaussteigt, nicht dem Leibe, sondern dem Herzen nach. über uns selbst aber können wir nur erhoben werden durch eine höhere Kraft, die uns emporzieht. Denn wie sehr auch die Stufen in unserem Inneren wohlgeordnet sein mögen, es nützt nichts, wenn Gottes Hilfe uns nicht zur Seite steht. Die göttliche Hilfe aber begleitet jene, die aus demütigem und andächtigem Herzen bitten; und das heißt, zu ihm aufzuseufzen in diesem Tränentale, und geschieht durch feuriges Gebet. Das Gebet ist also Mutter und Ursprung aller Seelenerhebung. Darum schickt Dionysius seiner »Mystischen Theologie«, in der er uns zu geistigen Entrückungen anleiten will, zuerst ein Gebet voraus. So laßt denn auch uns zu Gott unserm Herrn beten und sprechen: »Leite mich, Herr, auf deinem Wege; in deiner Wahrheit will ich wandeln; mein Herz erfreue sich in der Furcht deines Namens (vgl. Ps 86 [87], 11) «
Indem wir auf diese Weise inbrünstig beten, werden wir erleuchtet, die Stufen des Aufstieges zu Gott zu erkennen. Für uns Menschen im Pilgerstande (secundum statum conditionis nostrae) ist nämlich die Gesamtheit der Dinge eine Leiter, die uns zu Gott emporführt(vgl. Gen 28, 10ff.). Von den Geschöpfen sind nun aber die einen eine Spur (vestigium), die anderen ein Abbild (imago), die einen körperlich, die anderen geistig, die einen zeitlich, die anderen von ewiger Dauer; und somit die einen außer uns, die anderen in uns.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das kirchengeschichtliche Zeitalter des Mittelalters ein und motiviert die Untersuchung von Franziskus’ Frömmigkeit im Werk Bonaventuras.
2. Historische Gegebenheiten: Dieses Kapitel beleuchtet den zeitgeschichtlichen Kontext und die Entstehung der Franziskanischen Schule unter Bonaventura.
3. Die Schrift „Pilgerbuch der Seele zu Gott“: Hier wird das Werk Bonaventuras formal und inhaltlich vorgestellt, inklusive der philosophischen und theologischen Grundgedanken.
4. Signifikante Textstellen und ihr Bezug zur franziskanischen Theologie: Der Hauptteil analysiert zentrale Themen wie Frömmigkeit, Christozentrik und Mystik im Abgleich mit franziskanischen Quellen.
5. Interpretation: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und diskutiert die Bedeutung der Rezeption des Franziskus-Geistes bei Bonaventura.
Schlüsselwörter
Bonaventura, Franziskus von Assisi, Itinerarium mentis in Deum, Mystik, Mittelalter, Franziskanische Schule, Frömmigkeit, Scholastik, Gottesbegegnung, Christozentrik, Theozentrik, Seelenreise, Gnadenlehre, Kontemplation, Trinität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Bonaventura das mystische Denken und die Frömmigkeit des heiligen Franziskus in seine eigene scholastische Theologie integriert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die franziskanische Spiritualität, die Lehre der Gotteserkenntnis durch die Schöpfung sowie die Rolle der Gnade und des Gebets für den Aufstieg der Seele zu Gott.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es herauszufinden, welche Aspekte des theologischen Denkens des Franziskus von Bonaventura aufgegriffen wurden und wie die Spiritualität des Ordensgründers in der wissenschaftlich geprägten Zeit der Scholastik Bestand hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die das erste Kapitel von Bonaventuras Traktat mit den Werken von Franziskus sowie theologisch-philosophischen Einflüssen wie dem Augustinismus vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert signifikante Textstellen hinsichtlich der Frömmigkeit, der Christo- und Theozentrik sowie der mystischen Erfahrung, um Übereinstimmungen und Differenzen zwischen den beiden franziskanischen Autoren aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bonaventura, Franziskus von Assisi, Itinerarium mentis in Deum, Mystik, Schöpfungstheologie und Scholastik charakterisieren.
Inwiefern beeinflusste die Krise des Franziskanerordens die Abfassung des Traktats?
Die Spaltungstendenzen im Orden zwischen den „Spiritualen“ und den „Konventualen“ motivierten Bonaventura dazu, das ursprüngliche franziskanische Ideal mit der Notwendigkeit theologischer Bildung zu versöhnen.
Welche Rolle spielt die „dreifache Daseinsweise der Dinge“ bei Bonaventura?
Diese Lehre bildet das logische System, nach dem der Mensch Gott in der Materie, im Geist und in der ewigen Kunst erkennen kann, was dem stufenweisen Aufstieg zur Kontemplation dient.
- Arbeit zitieren
- Julia Gleich (Autor:in), 2011, Frömmigkeit und theologisches Denken bei Franz von Assisi im Spiegel von Bonaventuras 'Pilgerbuch der Seele zu Gott', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204198