Herman Nohl und der Nationalsozialismus

Selbstdemontage eines Pädagogen


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die geisteswissenschaftliche Pädagogik
2.1 Abwendung von der objektiven in die geisteswissenschaftliche Wirklichkeit
2.2 Verstehen statt Erklären - Hermeneutik
2.3 Pädagogische Autonomie - pädagogischer Bezug - pädagogischer Ethos
2.4 Erziehungsziele - Erweckung
2.5 Kritik und Überwindung

3 Nohls problematische Seite
3.1 Perspektivwechsel im pädagogischen Bezug
3.2 die deutsche Bewegung und ihre Theorie
3.3 die Grundlagen nationaler Erziehung

4 Deutschnationalist und kein Nationalsozialist
4.1 Nohl ein Kind seiner Zeit
4.2 Nohls Unterschiede zum Nationalsozialismus

5 Re­sü­mee

6 Bildverzeichnis

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Jedenfalls hat der nationalsozialistische Staat die Überzeugung der pädagogischen Bewegung hinter sich, [...]“ (Nohl 1935, S. 287)

Wenn man mich fragen würde, wieso ich eine Arbeit über Herman Nohl schreibe, dann wäre die Antwort, dass es Aussagen wie diese sind, die mein Interesse daran wecken, was ein Erziehungswissenschaftler gedacht hat, der eine solche Aussage getätigt hat. Vor allem, da Herman Nohl trotz dieses prägnanten Zitats Namensgeber für Schulen in Berlin, Hildesheim und Göttingen ist und auf ihn regelmäßig in Seminaren referiert wird, ohne jedoch weiter auf die Person einzugehen. Aber welche Bedeutung kann man als deutscher Erziehungswissenschaftler im Nationalsozialismus gehabt haben, damit immer noch Schulen nach einem benannt werden? Wie nationalsozialistisch kann die eigene Theorie geprägt gewesen sein, dass man heute noch würdig ist, in einer Universität Erwähnung zu finden?

Ziel meiner Arbeit ist es, zu versuchen, eben jene Fragen zu beantworten, Herman Nohl in seiner Zweischneidigkeit darzustellen und zu verdeutlichen, wie braun seine Ideologie z.T. gefärbt ist. Dazu stelle ich einmal die geisteswissenschaftliche Pädagogik als Strömung der Erziehungswissenschaft vor, um mich dann mit Nohl selbst und einigen seiner kritischen Texte zu befassen.

2 Die geisteswissenschaftliche Pädagogik

2.1 Abwendung von der objektiven in die geisteswissenschaftliche Wirklichkeit

Bei der geisteswissenschaftlichen Pädagogik handelt es sich um einen reformpädagogischen Ansatz, dessen Ideologie sich auf die Philosophie von Wilhelm Dilthey zurückführen lässt (Bollnow 1989, S. 53). Hauptvertreter sind u.A. Erich Weniger, Theodor Litt, Eduard Spranger, Wilhelm Flitner und auch Hermann Nohl. Trotz oder gerade wegen dieser vielen Vertreter bildet die geisteswissenschaftliche Pädagogik keine zusammenhängende Theorie, sondern variiert stark bei den einzelnen Vertretern, weswegen ich mich auch auf Nohl beschränke (Bollnow 1989, ebd.).

Die geisteswissenschaftliche Pädagogik nimmt ihren Ausgang nach dem Ende des 1. Weltkrieges. Der Zusammenbruch des Kaiserreiches kam dem Zusammenbruch des bis dato gültigem Wertesystems gleich und machte die Unbeständigkeit von Ideologien deutlich sowie die geistige Erneuerung des Staates notwendig, sodass die Schüler Diltheys seine Philosophie zu einer Erziehungs- und Bildungstheorie ausgebaut haben (Bollnow 1989, S. 53,61). Herman Nohl ist ein direkter Schüler Diltheys und kann somit zur 1. Generation der geisteswissenschaftlichen Pädagogik gezählt werden (Bast 2000, S. 9).

Kern der Theorie ist das Lebens in zweifacher Hinsicht. Einerseits beinhaltet das Konzept des Lebens die Vielfältigkeit menschlicher Fähigkeiten, also nicht nur Rationalität sondern bspw. auch Kreativität, andererseits verweist der Begriff Leben in diesem Kontext darauf, dass die Wirklichkeit erheblich komplexer ist, als es die menschliche Sprache mit ihren abstrakten Begriffen je fassen könnte. Das Ausblenden eben jener Tatsache, das Klammern an die Rationalität und das Anpassen der Realität an Ideologien und Theorien, zersetzen und negieren jedoch die Vielfältigkeit des menschlichen Lebens (Bollnow 1989, S. 55).

Der Betrachtungsgegenstand der geisteswissenschaftlichen Pädagogik ist die kulturhistorisch gewachsene Erziehungswirklichkeit (Matthes 2011, S. 38). Sie ist die Summe aller gesellschaftlichen Prozesse, die sich auf Erziehung auswirken können. Ihre Grenzen sind damit sehr weit gefasst (Bollnow 1989, S. 57). Allerdings enthält die Erziehungswirklichkeit primär die erzieherische Praxis, die der Theorie voraus geht (Bast 2000, S. 8). Der Rückgriff auf theoretische Überlegungen in Form einer kritischen Reflektion der Praxis findet nur dann statt, wenn in der Praxis Schwierigkeit auftreten (Bollnow 1989, ebd.).

Die geisteswissenschaftliche Pädagogik richtet sich also gegen die Versachlichung, Vertechnisierung und Ideologiesierung der Erziehung und kann als eine Gegenbewegung zum Aufschwung der Ingenieurwissenschaften im 19. Jhd. verstanden werden. Die Menschen haben sich nach der Gründerzeit in einer durchtechnisierten Welt nach Antworten auf Sinnfragen gesehnt, die ihnen die Kirchen nicht mehr liefern konnten, die Geisteswissenschaften aber schon (Bast 2000, S. 9).

So richtet sich Nohls Sozialpädagogik gegen die „universelle Not“, die in der „trostlosen Lage im Massendasein der modernen Industriegesellschaft gelegen ist.“ (Bollnow 1989, S. 63)

2.2 Verstehen statt Erklären - Hermeneutik

Dilthey unterscheidet die wissenschaftliche Erkenntnis in das naturwissenschaftliche Erklären von gesetzmäßigen Sinnzusammenhängen in der natürlichen Welt und das geisteswissenschaftliche Verstehen von Kulturhandlungen in einer geistigen Sphäre, wie sie die Erziehungswirklichkeit darstellt.

Er knüpft hier an die Hermeneutik Schleiermachers an, der damit ein wissenschaftlich gestütztes Verstehen meint (Matthes 2011, S. 32-33). Die Hermeneutik soll in der geisteswissenschaftlichen Pädagogik dafür sorgen, dass die Erziehungswirklichkeit eine bewusstere wird, indem sie ein System gemeinsamer Grundbegriffe und Kategorien erarbeitet, also anstatt einer naturwissenschaftlichen Objektivität eine geisteswissenschaftliche Intersubjektivität setzt (Bast 2000, S.9; Matthes 2011, S. 33).

Die hermeneutische Methode wird von Dilthey mit dem hermeneutischen Zirkel verdeutlicht. Er meint damit eine eigentlich spiralförmige, geistige Bewegung, in der sich das Vorverständnis für einen kulturellen Sachverhalt und das Verständnis für den Sachverhalt reziprok beeinflussen und kommunikative Differenzen zwischen Mitteilendem und Verstehendem abgebaut werden sollen (Matthes 2011, S. 33). Am Ende dieses Prozesses steht ein größtmögliches gemeinsames Verständnis für eine kulturelle Handlung.

2.3 Pädagogische Autonomie - pädagogischer Bezug - pädagogischer Ethos

Pädagogische Autonomie, pädagogischer Bezug und pädagogischer Ethos sind drei Konzepte, die in der geisteswissenschaftlichen Pädagogik eine Trias bilden.

Unter pädagogischer Autonomie verstehen die Theoretiker der geisteswissenschaftlichen Pädagogik die Autonomie der Pädagogik gegenüber den anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen. So versteht Herman Nohl die Pädagogik als ein Mittel, um eine gesellschaftliche Einheit herzustellen und wehrt sich dagegen, dass die Pädagogik nur ein Mittel zum Zweck anderer Mächte wird (Stühmer 2004, S. 154-155). Ihre Autonomie ergibt sich auch aus der Bedeutung, die die Pädagogik für die Gesellschaft übernimmt und aus ihrer Eigentümlichkeit (Matthes 2011, S. 38).

Der pädagogische Bezug meint „das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen, und zwar um seiner selbst willen, daß er zu seinem Leben und seiner Form komme.“ (Nohl in Bollnow 1989, S. 63) Um die pädagogische Autonomie an dieser Stelle inhaltlich weiter einzugrenzen, geht es Nohl nicht nur nicht um jedweder Ideologien und externe Einflüsse, sondern allein um den Zögling als solchen „um seiner selbst willen“, damit er seine Anlagen entfalten kann „zu seinem Leben und seiner Form komme“. Auf diese Weise bildet sich die pädagogische Anatomie im pädagogischen Bezug als angestrebtem Erziehungsverhältnis ab. Der Erzieher gründet sein Verhältnis zum Zögling, in dem er sich um den Zögling und dessen Vertrauen bemüht (Bollnow 1989, ebd.). Er muss sich selbst als Diener einer pädagogischen Idee um des Zöglings willen sehen (Stühmer 2004, S. 153). Ein weiteres Element der Erzieher-Zögling Beziehung im Rahmen des pädagogischen Bezuges ist die Freiwilligkeit des Zöglings. Der Zögling muss sich dem Erzieher freiwillig unterordnen (Stühmer 2004, ebd.). Da der Erzieher einerseits dem Zögling andererseits aber auch der Gesellschaft verpflichtet ist, kann es zu Interessenkonflikten kommen, die Zugunsten des Zöglings ausgehen sollen (Bast 2000, S.12). Das Erziehungsverhältnis löst sich, wenn der Zögling mündig wird (Matthes 2011, S. 50).

Das Ausleben von wissenschaftlicher Hermeneutik und den Werten des pädagogischen Bezuges und Autonomie sollen den Erzieher befähigen, sich über „Sektiererei und Fanatismus zu erheben“ und bildet den pädagogischen Ethos als „lauteren Stil pädagogischen Wirkens“ (Matthes 2011, S. 46).

Ein Beispiel für die pädagogische Autonomie und die Ideologielosigkeit der geisteswissenschaftlichen Pädagogik können Nohls Vorträge „Der Reichsschulgesetzentwurf“ (1928) sowie „Konfessionalität und Erziehung“ (1933) sein. In beiden Vorträgen wendet sich Nohl nicht nur gegen religiösen Fanatismus und die Bekenntnisschule, sondern auch den Fanatismus der NSDAP (Ortmeyer 2009, S. 121).

Die Kritik an dieser Trias richtet sich gegen die Orientierung am Zögling und die dadurch resultierende Vernachlässigung der gesellschaftlichen Verantwortung der Pädagogik (Bollnow 1989, S. 63). Der pädagogische Bezug setzt aber ein weiteres Verständnis von Nohls Theorie voraus. Es handelt sich um eine sozialpädagogische Theorie, die in Heimen und Anstalten einen Platz finden und dort Demütigung und Strafe durch Erziehung und Vertrauen ersetzen sollte (Bollnow 1989, ebd; Matthes 2011, S. 152-153). Diese für den kriminalpädagoischen Ausnahmefall geschaffene Beziehung, hätte ebenso auch im Haushalt oder der Schule zum Wohle aller Kinder Anwendung finden sollen (Bollnow 1989, S. 63).

2.4 Erziehungsziele - Erweckung

Matthes (2011, S. 47 - 48) beschreibt Nohls Erziehungsziele auf drei Ebenen, die an Platon angelehnt sind und jede einer eigenen, ihre Rangordnung befolgende Erziehung bedürfen:

1. Die unterste Schicht ist die Triebschicht des Menschen. Seine Triebe müssen seiner Geistigkeit unterworfen werden. Nohl meint damit die Ausbildung von Fertigkeiten sowie Disziplinierung und Gewöhnung jeder Art.
2. Die Willensschicht stellt in diesem Modell die nächste Schicht dar. Der Wille eines Zöglings soll auf die Probe gestellt werden, damit das Gefühl des Gelingens eine Relation zu der Kraftanstrengung erfährt. Das Brechen des Willens hält Nohl für überholt und verweist auf die Willensschwäche von Straftätern und die logisch folgende Stärkung des Willens als Erziehungsziel.
3. Die dritte Stufe stellt die Geistigkeit dar. Sie erfordert die Konfrontation des Zöglings mit Bildungsinhalten. Ihr Ziel ist es, dass der Zögling den eigenen Egoismus überwindet und sich für die bzw. für eine Sache und für die Gesellschaft einsetzt. Dieser Prozess findet sich auch unter der Bezeichnung Erweckung oder „das Erwecken des produktiven geistigen Lebens“ (Nohl in Matthes 2011, S. 47). Nach Nohl ist diese Erweckung primär durch die Gemeinschaft und die Tätigkeit erfahrbar. Der religiöse Duktus des Wortes Erweckung ist bewusst gewählt, da die Erweckung und der daraus resultierende Glaube religiösen Charakter haben (Bollnow 1989, S. 61).

Es wird auch deutlich, wie die Schichten aufeinander aufbauen. Ohne Disziplin und innere Härte, kann man seinen Willen nicht gegen Widerstände aufrecht erhalten. Disziplin und Willen sind Grundlagen für das gesellschaftliche Engagement, dass auf der dritten Stufe anerzogen werden soll.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Herman Nohl und der Nationalsozialismus
Untertitel
Selbstdemontage eines Pädagogen
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1.0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V204202
ISBN (eBook)
9783656314219
ISBN (Buch)
9783656314622
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herman Nohl, Nohl, Geisteswissenschaftliche Pädagogik, Pädagogik im Nationalsozialismus, Nationalsozialismus, Hermeneutik
Arbeit zitieren
Lennart Sieg (Autor), 2012, Herman Nohl und der Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204202

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