Betrachtet man die Entwicklung der vergangenen Jahre, so erkennt man eine Art Paradigmenwechsel im deutschen Schulwesen (Franke, 2008, S.9). Bis in die 1990er Jahre dominierte die Inputsteuerung im Bildungssystem, wobei sich Lehrpläne hauptsächlich auf Inhalte bezogen. Nun geht der Trend zur Outputsteuerung, einem ergebnisorientierten Unterricht. Spätestens seit den großen internationalen Vergleichsstudien TIMSS und PISA sind die Qualitätsverbesserung und -sicherung eins der wichtigsten Themen im deutschen Bildungswesen geworden (Köller, 2007, S.13). Das schlechte Abschneiden machte den Handlungsbedarf aus Sicht der Schulpolitiker mehr als deutlich, so dass als Folge dessen die Bildungsstandards eingeführt wurden „[…], die auf einem theoretisch fixierten, operationalisierbaren und empirisch zu überprüfenden Kompetenzmodell basieren“ (Gogoll, 2009, S.49). Grundlage für die neue Steuerung bildet die Expertise „Zur Entwicklung von Bil-dungsstandards“ aus dem Jahr 2003, die im Auftrag der Bundesregierung und der Kultusministerkonferenz (KMK) innerhalb von nur fünf Monaten erarbeitet wurde. Mit dieser sollte ein grundlegender Wandel zur Verbesserung des Bildungssystems eingeleitet werden, zugleich entstand damit aber auch eines der meist diskutiertesten Themen in der Schuldidaktik und Bildung (Kurz & Gogoll, 2010, S.228 f.; Schierz & Thiele, 2004, S.53).
Standards kennt man ursprünglich aus der Produktion und Wirtschaft. Sie geben Maßstäbe an, bzw. ein einheitliches Muster vor (Ruhloff, 2007, S.48). Ein solcher Transfer auf die Bildung wird von vielen kritisch gesehen und die Ökonomisierung stark hinterfragt, da Standardisierung nicht unbedingt mit Qualität einhergeht (ebenda, S.51). Die Effektivität des Unterrichts soll durch Zielsetzungen gesteigert werden. Es erscheint hierbei jedoch schwierig, die Erwartungen und Interessen von allen Beteiligten Institutionen und Personen auf einen Nenner zu bringen und mit einem einzigen Instrument zu kontrollieren (Herrmann, 2003, S.625-627).
Externe Evaluationen und die daraus entstandenen Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz sind als Fortschritt nicht unumstritten und werden in Anbetracht des vernachlässigten Erziehungs- und Bildungsauftrag hinterfragt. Insgesamt wird jedoch daran festgehalten, dass sie die Zukunft der Qualitätssteuerung sind - auch für nicht getestete Fächer und Themengebiete bei PISA (Menz & Reuter, 2009, S.147)...
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Trend der Standardisierung im Bildungswesen
2.1 Schulentwicklung nach 2000
2.2 Bildungsstandards als neues Qualitätsinstrument
2.2.1 Von der Outputsteuerung zu den Bildungsstandards
2.2.2 Neujustierung der Bildungserwartungen anhand von Kompetenzen
2.2.3 Die Bildungsstandards sind da – und nun?
3 Bildungsstandards im Fach Sport
3.1 Fachpolitische Ansätze
3.2 Fachwissenschaftlicher Diskurs
3.2.1 Chancen
3.2.2 Risiken und Probleme
3.2.3 Kompetenzmodelle
4 Zusammenfassung
5 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Implementierung und Relevanz von Bildungsstandards im Fach Sport vor dem Hintergrund der allgemeinen Bildungsreformen und des Trends zur Outputorientierung. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, ob Bildungsstandards tatsächlich einen geeigneten Weg zur fachlichen Qualitätsentwicklung im Sportunterricht darstellen oder ob sie den spezifischen bildungstheoretischen Anspruch des Fachs gefährden.
- Paradigmenwechsel im deutschen Bildungswesen von der Input- zur Outputsteuerung
- Funktionsweise und Definition von Bildungsstandards und Kompetenzmodellen
- Transfer der Standardisierungsdebatte auf das Fach Sport und dessen pädagogische Besonderheiten
- Diskussion über Chancen und Risiken der Standardisierung im Sportunterricht
- Entwicklungsperspektiven für das Fach Sport im Spannungsfeld von Politik, Pädagogik und Ökonomie
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Von der Outputsteuerung zu den Bildungsstandards
Die Outputsteuerung ist ein wesentlicher Teil der zunehmenden Ökonomisierung und Globalisierung. Beim Blick auf die anderen Länder fällt jedoch auf, dass etwa englische oder amerikanische Erziehungswissenschaftlicher sich deutlich länger mit der Standardisierung beschäftigen, weil dort schon früher eine neue Steuerung thematisiert wurde (Thiele, 2007, S.68).
2003 und 2004 wurden in Deutschland zur systematischen Überprüfung der Bildungserträge verbindliche und länderübergreifende Bildungsstandards formuliert (Köller, 2007, S.13). Das heißt, alle 16 Bundesländer haben sich dazu verpflichtet und tragen Sorge dafür, dass den Schülern ermöglicht wird, die Kompetenzen aus den Standards zu erreichen (ebenda, S.15). Das Qualitätsinstrument ‚Bildungsstandards‘ soll nach Auffassung der KMK: 1. allgemeine Bildungsziele aufgreifen, 2. festlegen, welche Kompetenzen in einer Jahrgangsstufe erworben werden, 3. erwartete Lernergebnisse beschreiben, 4. sich auf Kernbereiche konzentrieren, sowie 5. fachliche und überfachliche Basisqualifikationen formulieren (Franke, 2008, S.9).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Paradigmenwechsel im deutschen Schulwesen hin zu einer Outputorientierung und ordnet die Einführung von Bildungsstandards in den Kontext internationaler Vergleichsstudien ein.
2 Trend der Standardisierung im Bildungswesen: Dieses Kapitel analysiert die historische Entwicklung der Bildungsstandards, ihre Funktion als Qualitätsinstrument sowie die theoretische Neujustierung von Bildungserwartungen durch Kompetenzmodelle.
3 Bildungsstandards im Fach Sport: Der Hauptteil setzt sich kritisch mit der Übertragbarkeit von Standards auf den Sportunterricht auseinander und beleuchtet dabei sowohl die fachpolitischen Ansätze als auch den fachwissenschaftlichen Diskurs um Chancen und Risiken.
4 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die wesentlichen Erkenntnisse und stellt fest, dass die Risiken einer Standardisierung im Sport, insbesondere hinsichtlich der drohenden Reduktion auf messbare Leistung, derzeit überwiegen.
5 Ausblick: Der Ausblick skizziert zukünftige Szenarien für den Schulsport und betont die Notwendigkeit, fachspezifische Modelle zu entwickeln, die den pädagogischen Kern des Sports wahren.
Schlüsselwörter
Bildungsstandards, Outputsteuerung, Kompetenzorientierung, Schulsport, Qualitätssicherung, Fachdidaktik, pädagogischer Anspruch, Sportunterricht, Kernlehrpläne, Bildungsmonitoring, Kompetenzmodell, Standardisierung, Schulentwicklung, Leistungsbewertung, Bewegungsbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Einführung und Umsetzung von Bildungsstandards im Fach Sport im Kontext der allgemeinen Schulentwicklung in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der Wandel von der Input- zur Outputsteuerung, die Definition von Kompetenzen, die fachdidaktische Diskussion im Sport und die Auswirkungen von Standardisierung auf den pädagogischen Auftrag des Sportunterrichts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob Bildungsstandards als Instrument der Qualitätsentwicklung im Schulsport taugen, ohne dabei den spezifischen erzieherischen Anspruch des Fachs preiszugeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse, die aktuelle fachwissenschaftliche Diskurse und bildungspolitische Dokumente kritisch gegeneinander abwägt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil (Kapitel 3) werden fachpolitische Ansätze und fachwissenschaftliche Kontroversen diskutiert, wobei insbesondere die Kategorien Chancen, Risiken und die Problematik von Kompetenzmodellen im Sport detailliert erörtert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Bildungsstandards, Outputsteuerung, Kompetenzorientierung, Schulsport, Qualitätssicherung und Fachdidaktik.
Warum wird das Fach Sport als Sonderfall in der Standardisierungsdebatte betrachtet?
Da Sport nicht in internationalen Vergleichsstudien wie PISA getestet wird, steht es nicht unter dem gleichen unmittelbaren Messdruck wie Kernfächer, sieht sich aber dennoch mit einem zunehmenden Legitimationsdruck konfrontiert.
Was bedeutet der in der Arbeit häufig erwähnte "Doppelauftrag"?
Der Doppelauftrag beschreibt die spezifische Aufgabe des Sportunterrichts, einerseits "Erziehung zum Sport" (motorische Fähigkeiten) und andererseits "Erziehung durch Sport" (soziale Kompetenzen, Persönlichkeitsentwicklung) zu leisten.
- Quote paper
- Kevin Böttger (Author), 2012, Bildungsstandards und Kompetenzen auch im Fach Sport?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204321