Aktive Leserlenkung in "Jeder stirbt für sich allein" (Hans Fallada)


Hausarbeit, 2010
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leserlenkung von Anfang an

3. Die Helden des Romans: Das Ehepaar Quangel

4. Fazit

1. Einleitung

Der letzte Roman Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein bildet ein ausgesprochen authentisches Zeugnis vom Leben im nationalsozialistisch geprägten Deutschland und lässt auch nach über 60 Jahren den Leser kopfschüttelnd und sprachlos über den gigantischen und konsequent durchdachten Machtapparat Hitlers und dessen Grausamkeiten zurück. Erschreckend realistisch werden die Folgen für jeglichen noch so kleinen Versuch des Widerstandes aufgezeigt und auch Generationen nach den Verbrechen der Nationalsozialisten beginnen zu erahnen, unter welch enormen Druck und mit welch großer Angst ein Jeder zu leben hatte, der anderer Meinung als das NS-Regime war. Veröffentlicht im Oktober 1946, nur wenige Monate vor Falladas Tod, handelt es sich um den letzten Roman des Autors. Das Werk bildet

de[n] erste[n] im Nachkriegsdeutschland entstandene[n] Roman über

die antifaschistische Widerstandsbewegung [und] zeugt […] von Falladas

echter Bereitschaft, mit der Vergangenheit abzurechnen.[1]

Jeder stirbt für sich allein erzählt die Geschichte des Ehepaars Quangel, dessen schon bestehende Vorbehalte und Abneigungen dem NS-Staat gegenüber noch verstärkt werden, nachdem sie die Nachricht vom Tod des Sohnes im Krieg erreicht. Aus unterschwelliger und leiser Missbilligung der Politik Hitlers werden tiefer Hass und das zu befriedigende Gefühl, selbst aktiv zu werden im Kampf gegen undurchschaubare Abhörmethoden und ein ausgeklügeltes Spitzelsystem, Willkür in Bestrafung politischer Gegner, immer öffentlicher praktizierter Antisemitismus sowie Massendeportationen in Konzentrationslager.

Das Ehepaar beginnt, Postkarten mit antifaschistischen Botschaften zu verteilen. Stets in der Hoffnung, mehr und mehr Menschen von der herrschenden Ungerechtigkeit zu überzeugen und für den Kampf gegen Hitler zu gewinnen, gehen die Quangels geschickt und vorsichtig vor. Eines Tages werden sie jedoch ihrer Taten überführt und völlig fassungslos muss Otto Quangel bei seiner Festnahme feststellen, dass der Großteil der Postkarten sofort bei der Gestapo abgegeben wurde – ihr Inhalt wurde nicht verbreitet. Quangel sieht sich konfrontiert mit der immensen Angst seiner Mitbürger, unter Verdacht des Verrates zu gelangen und muss einsehen, dass er so gut wie nichts mit seinen Taten erreicht hat und dennoch am Ende mit dem Leben dafür bezahlen muss.

Bis zuletzt ungebrochen in Glaube und Überzeugung steht das Ehepaar zu seiner Meinung und wird schließlich selbst Opfer eines Regimes, das keinerlei Widerstand duldet, sei dieser noch so klein und wirkungslos.

Die folgende Arbeit konzentriert sich auf das erste Kapitel des Romans, in welchem es Fallada durch aktive Leserlenkung sehr früh gelingt, Sympathie sowie Antipathie einzelnen Figuren gegenüber beim Leser zu erzeugen. Das erste Kapitel legt erstaunlich viele wichtige Grundsteine für den folgenden Handlungsverlauf. Die bewusste Leserlenkung Falladas führt dazu, dass der Leser von Beginn an die Protagonisten grob in Helden und Bösewichte einteilt und ihr Verhalten bewertet. Die großen Helden dieses Romans, das Widerstand leistende Ehepaar Otto und Anna Quangel, sollen vorgestellt werden. Im Hinblick auf ihren Charakter und ihr Handeln wird aufgezeigt, was für eine Entwicklung vor allem Otto Quangel während des Romans durchläuft. Ein weiteres Augenmerk liegt auf der Analyse des Schreibstils Falladas und auf welche Weise dadurch bewusst die Aufmerksamkeit und auch die Bewertung einzelner Figuren des Leser beeinflusst wird.

2. Leserlenkung von Anfang an

Schon im ersten Kapitel des Romans Jeder stirbt für sich allein schafft es Hans Fallada auf außergewöhnliche Weise, Sympathien sowie Antipathien für die einzelnen Protagonisten beim Leser zu wecken. Scheinbar nebensächlich, wie zufällig und äußerst geschickt werden verschiedene Figuren eingeführt und mit einer Wertung belegt. Erst bei wiederholter Lektüre fällt die gekonnte Leserlenkung Falladas auf. Schon die ersten Seiten aus J eder stirbt für sich allein lassen sich als sehr „gelungene[n] Romananfang“[2] verstehen.

Eigentlich noch früher, nämlich schon beim Titel des Romans werden Gedanken und Gefühle beim Leser geweckt. Eindeutig tragische und beängstigende Assoziationen werden hervorgerufen;

die Endgültigkeit, die Unabwendbarkeit des Romanausgangs spiegelt sich

sowohl in der für einen Titel ungewöhnlichen Form des vollständigen Satzes

wie auch der Dopplung, mit der das 'für sich' durch das 'allein' gestützt wird.

Dem Leser wird also von vornherein kein Zweifel über den tödlichen Ausgang

der Geschichte gelassen, der Titel erfüllt die Funktion einer – massiven –

Vorausdeutung.[3]

Als interessante Überlegung erweist sich die Frage, aus welchem Grund sich ein potentieller Käufer ausgerechnet beim Entdecken einer solchen, durchaus negativ und traurig konnotierten Titelgebung zur Lektüre des Buches entschließen sollte – „gehört doch der Tod zu den grossen Tabus unserer Kultur.“[4] Beim Lesen des Klappentextes oder des Vorwortes des Autors ist die historische Einordnung in die Zeit des Nationalsozialismus' schnell vollzogen; der Leser trifft also bewusst die Entscheidung, sich mit diesem traurigen und furchtbaren Kapitel deutscher Geschichte zu beschäftigen. Vermutlich liegt das Interesse am Roman hauptsächlich in dessen ausdrücklichen Authentizitätsanspruch[5], während das Indefinitpronomen „jeder“ im Titel die Identifizierung des Lesers mit den Figuren im Roman unterstützt.[6]

Auch bei der Überschrift des ersten Teils Die Quangels gelingt es Fallada, eventuelle Identifikationsprobleme sofort zu zerstören. Äußerst familiär und alles andere als förmlich wie beispielsweise Das Ehepaar Otto und Anna Quangel benennt er seine Protagonisten direkt und in Alltagssprache.[7]

Die Überschrift des ersten Kapitels im ersten Teil Die Post bringt eine schlimme Nachricht beinhaltet eine weitere massive Vorausdeutung, das Interesse des Lesers ist sofort geweckt und die Motivation zum Weiterlesen gegeben.

Die Geschichte dreht sich um die Bewohner der Jablonskistraße 55 im Norden

der Berliner Innenstadt. Die Erzählung setzt damit ein, dass die Briefträgerin

Eva Kluge das Mietshaus betritt, in dem die Quangels, Frau Rosenthal,

Richter Fromm, die Persickes – eine Nazi-Familie – als auch Emil Borkhausen,

ein Kleinkrimineller und Gestapo-Spitzel, wohnen.[8]

Derart unterschiedliche Personen – von den zurückgezogen lebenden, späteren Widerstandskämpfern Quangels über die Nazi-Familie Persicke bis hin zur jüdischen Frau Rosenthal - vereint unter einem Dach bieten genug Zündstoff in solch unruhigen Zeiten. Erweitert um Verwandte und Kontakte in die Arbeitswelt knüpft Fallada ein spannendes, ereignisreiches Personennetz, das an eine moderne daily soap erinnert. Der Leser beginnt schnell, Verbindungen zwischen den einzelnen Parteien herzustellen und wird durch frühe Spannungserzeugung zum Weiterlesen animiert. So liest sich Jeder stirbt für sich allein

wie ein Thriller. Der Leser wird rasch in die Lebensläufe gewöhnlicher

Menschen hineingezogen; er will nicht nur in Erfahrung bringen, wie die

Unternehmung der Quangels ausgeht, sondern auch herausfinden, [wie die

Schicksale der anderen Figuren verlaufen]. Wird Frau Rosenthal gerettet

werden? Wird [Baldur Persicke] in den Reihen der SS Karriere machen? Wie

werden sich die Quangels vor dem Volksgerichtshof behaupten?[9]

Fallada wählt geschickt die Figur der Briefträgerin Eva Kluge, die seit Jahren die Post in der Berliner Jablonskistraße austrägt, um die einzelnen Parteien im Hochhaus vorzustellen. Eva Kluge, die nach und nach die einzelnen Stockwerke betritt, lässt den Leser an ihren Gedanken und Gefühlen der einzelnen Bewohner gegenüber teilhaben. Durch die Einführung ihrerseits erhält der Leser einen ersten Eindruck vom Leben der Menschen, ihrer Stellung der gegenwärtigen Politik gegenüber und durch Kluges teilweise fein durchdringende Bewertung einzelner Bewohner ist der Leser geneigt, ihrem Urteil zu folgen.

[...]


[1] Gessler, Alfred: Hans Fallada. Leben und Werk, 2., durchgesehen Auflage, Berlin 1976, S. 156.

[2] Kieder-Reinke, Angelika: Techniken der Leserlenkung bei Hans Fallada. Ein Beitrag zur empirischen Untersuchung des Romans „Jeder stirbt für sich allein“ (1946), in: Europäische Hochschulschriften. Reihe I: Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 318, Bern 1979, S. 71.

[3] Ebd., S. 77.

[4] Ebd., S. 79.

[5] Fallada, Hans: Vorwort des Verfassers. In: Jeder stirbt für sich allein, hrsg. von Hellmuth Karasek, Berlin 1994, S. 5.

[6] Vgl.: Kieder-Reinke, Angelika: Techniken der Leserlenkung bei Hans Fallada, S. 79.

[7] Vgl.: Ebd., S. 80.

[8] Williams, Jenny: Mehr als ein Leben. Hans Fallada Biographie, aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Berlin 2002, S. 342.

[9] Ebd., S. 342f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Aktive Leserlenkung in "Jeder stirbt für sich allein" (Hans Fallada)
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hans Fallada
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V204351
ISBN (eBook)
9783656305231
ISBN (Buch)
9783656306115
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein, Leserlenkung, Erzähltechnik
Arbeit zitieren
Gabriela Augustin (Autor), 2010, Aktive Leserlenkung in "Jeder stirbt für sich allein" (Hans Fallada), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204351

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