P.S.Y.C.H.O angstessenseeleauf - Filmmusik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Das Experiment

Einführung

Die Funktion der Filmmusik

Die Analyse der Filmmusik des Thrillers „Psycho“

Reflexion - das Gefühl des Fürchtens

„In der Traumfabrik“

Die Auswertung von Beatrice Bartsch (B.B.)

Die Auswertung von Beate Thomser (B.T.)

Anhang

Die Historische Entwicklung des Films

Kleines Glossar

Preisrätselfragen und -antworten. Auswertung (Tabellen).

Literatur

Das Experiment

Als „Ouvertüre“ wird die von Bernard Hermann Komponierte dreiteilige „Psychosuite“ aus dem von Alfred Hitchcock gedrehten gleichnamigen Film „Psycho“ eingespielt. Dazu wird der Seminarraum abgedunkelt. An die SeminarteilnehmerInnen werden keine einleitenden Worte gerichtet. Mit Zeitbeginn des Seminares (14. 50) beginnt das Experiment. Das Ziel: Die KomilitonInnen sollen unvorbereitet sein und einen eigenen Modus finden, mit diesem Experiment umzugehen.

B.B.

„Ich bin der Überzeugung, daß Musik im Film das Innenleben der Person erforschen und verstärken kann. Sie kann eine Szene mit Schrecken, Glanz, Freude und Elend ausstatten. Sie kann die Handlung rasch vorantreiben oder verlangsamen. Sie ist in der Lage, den bloßen Dialog in die Gefilde der Poesie emporzuheben. Schließlich schafft sie die Verbindung zwischen Leinwand und Publikum, sie greift aus und faßt alles in einem einzigartigen Erlebnis zusammen“.

Filmmusik - Musik zum Film. Das heißt nichts anderes als komponierte Musik zu Bildern, zu Szenen und meint übertragen Musik zu Gemälden, Photographien, Bühnenbildern oder zu schnellen Bildwechseln im Film. Aber sind die für den Film komponierten oder zusammengeschnittenen Musikstücke mit den Klängen anderer Medien (Werbung, etc.) und Gattungen (z.B. Oper) zu vergleichen? Welches Kriterium unterscheidet Film-Musik von anderen Musiken visueller Bilder? Gibt es überhaupt Unterschiede?

Was bedeutet der Terminus technicus Film (gemeint ist der Tonfilm)?

Das Lexikon1 kennt folgende Definition:

„Film [engl., von altengl. Filmen `Häutchen`]: ist eine mit photograph. oder elektron. Mitteln erzeugte Folge von Einzelbildern, die, relativ schnell nacheinander auf eine Leinwand projiziert oder auf einem Bildschirm sichtbar gemacht werden, den Eindruck von Bewegung hervorrufen.“2

Meine Definition hingegen lautet:

Film ist ein Medium, welches eine mit Musik verbundene Sprache, Theater und Geräuschkulisse ausgewogen miteinander verbindet.

In diesem Kontext erscheint mir die Konstante der Ausgewogenheit das Entscheidende zu sein.

Betrachten wir die Entwicklung der Musikgeschichte:

Die ersten Personen, die das Drama schufen, so wie wir es heutzutage kennen, waren die Griechen. Sie entwickelten eine theatralische Form -Melodram genannt -, welches Musik mit Sprechtheater verband. Sie stießen jedoch in dieser Gattung auf eine Schwierigkeit: sobald die Musik erklang, konnten die Zuschauer die Worte der Schauspieler nur sehr schlecht oder gar nicht verstehen. Weder die Ursache noch eine Lösung für diese Problematik konnte von ihnen gefunden werden. In der fortlaufenden Musikhistorie stießen weitere Menschen auf dieses Defizit. Ein Beispiel: Der

Komponist Claudio Monteverdi (1567 - 1643) unternahm folgenden Versuch: Er ließ die menschliche Stimme in einer bestimmten Tonlage sprechen. Sie konnte von einzelnen Tönen und Harmonien begleitet und somit akzentuiert werden. Somit wurde die Oper durch Monteverdi geboren, welche von diesem Zeitpunkt an eine rasante Entwicklung nahm - Mozart, Gluck, Orff und Berg seien stellvertretend genannt -, jedoch durch die Hervorhebung der Musik der Melodramentwicklung entgegenwirkte. Claude Debussy (1862 -1918) war einer der Komponisten, der mit „Pélleas et Mélisande“ (Oper, 1902) den Versuch unternahm, die Problematik aufzunehmen und zu bewältigen. An den frühen kinematographischen Experimenten konnte er noch teilnehmen und war von diesen begeistert, da im „Kinosaal“ ein Orchester hinter einer Leinwand saß und eigens für den Film komponierte Musik aufführte.

Der Gebrauch und die Funktion von Film - Musik

In den Zeiten des Stummfilmkinos besaß die Musik eine andere Wirkung als in den frühen Tonfilmen und den heutigen Kinofilmen. Im Vordergrund eines Filmes stehen die Bilder und die Sprache. Die Musik fungiert eher unauffällig im Hintergrund. Zu Beginn des Stummfilmes besaß die Musik konkret die Aufgabe, einen Bezug zu der Realität herzustellen, da sich der Zuschauer in noch keiner Filmtradition befand. „The real life“ war dort, wo Töne oder Geräusche erklangen. Die Leinwand hingegen mit ihren gespenstischen stummen Schatten - nichtssagend - gehörte zu der Illusion. Diese Musik sollte auf den Zuschauer beschwichtigend wirken.

Wir Menschen des 21. Jahrhunderts befinden uns in einer Filmtradition. Besuchen wir einen Film im Kino, wissen wir um den Ritus und die Gründe des Abdunkelns. Im Gegensatz zu den „ersten“ Kinogängern haben „wir“ primär keine Angst bezüglich der Dunkelheit im Kinosaal. Aber in diesem Zustand des „Nicht-mehr-richtig-sehen-könnens“ werden auch bei uns Gefühle freigesetzt, die anderweitig gebunden werden wollen (müssen). Dem Ertönen von Musik kommt, bereits mit Erklingen der Titelmelodie, diese Aufgabe zu. Diese Musik vermittelt uns, daß wir nicht mehr in der Realität, sondern im Kino sind. Das Hörfeld wird dabei so ausgefüllt, das wir uns vollkommen in den Film hineinbegeben, uns mit bestimmten Personen identifizieren, etc. können. Der Film wird für uns durch das Ertönen von Musik zur Realität. Sie, die Musik, ist es, die den Film gliedert, in ihm Kontinuität schafft und „der Überwindung der Distanz zum Bild und damit der Verankerung des filmischen Geschehens im Erleben dient“3:

B.B.

„Ich bin der Überzeugung, daß Musik im Film das Innenleben der Personen erforschen und verstärken kann. Sie kann eine Szene mit Schrecken, Glanz, Freude und Elend ausstatten. Sie kann die Handlung rasch vorantreiben oder verlangsamen. Sie ist in der Lage, den bloßen Dialog in die Gefilde der Poesie emporzuheben. Schließlich schafft sie die Verbindung zwischen Leinwand und Publikum, sie greift aus und faßt alles in einem einzigartigen Erlebnis zusammen.“

Bernard Herrmann

Wir Komponisten sind es, die die Gefühle des Publikums dirigieren“ John Barry

Funktionen der Filmmusik

- wird eingesetzt um den Film zu vermitteln, um die Wahrnehmung des Zuschauers zu steuern, um

Einfluß zu nehmen auf seine Empfindungen und seine kognitive Verarbeitung des Sicht- und Hörbaren ‡ Zuordnung der Filmmusik zur „funktionalen Musik“ (im Sinne einer Aufgabe, Dienstleistung)

Funktionen nach Krakauer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Musik kann auch Grundlage des Films sein (Musical, Opernfilm)
- Zusammenwirken von Bild und Musik: Bild gibt einen konkreten einzelnen Inhalt; die Musik verallgemeinert, gibt allgemeine Ausdrucksqualitäten oder Charakteristiken, dehnt damit den Wirkungsbereich des Bildes aus.

Einfluss der Musik im Film nach J. Schneider:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Die Bestimmung der Funktionen der Musik muß den EINZELFALL des Bezugs- und Ausgangspunkt aller Überlegungen wahren - jeder Film könnte potentiell neue Funktionen der Filmmusik „erfinden“
- Genrespezifisch häufig Überakzentuierung eines Aspektes;

Standardisierung zum Ausdrucksstereotyp (z.B. „der Himmel voller Geigen“ - Verbindung von Liebe, Streicherklang und sinnlichem Glück im Walzertakt)
- Film ist keine rein visuelle Kunst - Botschaften sind mehrdimensional verschlüsselt.
Musik nachgeordnetes Mittel (diesen Standpunkt kritisch betrachtenMusik als „nachgeordnetes Mittel“ möglicherweise, weil die Musik im Film häufig nicht bewußt wahrgenommen wird.)
- Musik determiniert Strukturen des Films, indem sie der Wahrnehmung eine Struktur aufprägt. „Sie fügt, indem sie über den Zuschauer verfügt.“- problematisch: interpretierende Leistungen des Zuschauers können auf das Niveau unwillkürlicher Reaktionen, auf Automatismen, schrumpfen
- Affektives Musik-erleben kann filmische Wahrnehmung prägen - Film kann seinerseits die Wahrnehmung von Musik verfremden

B.T.

Filmmusik - Psycho

Film: Paramount 1960, 35mm, s/w, 108 min, R.: A. Hitchcock, B.: J. Stephano nach dem gleichnamigen Roman von Robert Bloch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. phobos

Das Gefühl des Unwohlseins, des Fürchtens [entsprungen der Erwartung eines wirklich oder vermeintlich drohenden Übels, welches die Sorge hervorruft] tritt bereits bei Platon ("Theaitetos“ 156 B) als vierter Affekt4 auf: die Furcht (phobos). Sein Schüler Aristoteles definiert die Affekte als seelische Vorgänge und zählt deren elf auf („Nikomachische Ethik“: II, 4, 1105 b): Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Liebe, Hass, Sehnsucht, Eifer und Mitleid.

In seinen Abhandlungen über die Tragödie5 („Poetik“ 1449 b) verkündet Aristoteles, daß er ergreifende Leidenschaften darstellen möchte, mit dem Ziel, deren Übermaß durch die Wirkung auf den Zuschauer in diesem abzubauen. Arsitoteles verkündet in der „Poetik“:

„Die Tragödie ist die Nachahmung einer edlen und abgeschlossenen Handlung von einer bestimmten Größe in gewählter Redeart, derart, daß jede Form der Rede in gesonderten Teilen erscheint und daß gehandelt wird und nicht berichtet wird und daß mit Hilfe von Mitleid und Furcht eine Reinigung von eben diesen Affekten bewerkstelligt wird.“

Die Reinigung, genannt Kátharsis - welche ursprünglich nur die Reinigung des Körpers durch Abführmittel war und später bei Hippokrates die allgemeine Bezeichnung für die Reinigung des Körpers wurde - ist bei Aristoteles psychologisch definiert: der Zuschauer der Tragödie möge sich mit dem Dargestellten identifizieren und seine dadurch eigenen entstandenen Affekte „auf einer anderen Ebene“ abreagieren - was nichts anderes heißt, als seine Seele von diesen Affekten zu reinigen.

Eben nichts anderes - als das Abreagieren verdrängter Affekte - bedeutet dieser Begriff in der Psychotherapie des 20. Jahrhunderts. Alfred Hitchcock hat seine Filme - speziell PSYCHO - eben auf diese Art und Weise konzipiert. Er erzeugte einen extremen Gruselzustand, um diese extremen Spannungen bei den Zuschauern herauszufordern und zu binden damit sie im Anschluß - wenn der Fall aufgelöst wird - ein Gefühl der Erleichterung verspüren können.

II. Über Emotionen

In Folge der Beantwortung der Frage über die Wirkung von Musik und den von den StudentInnen notierten Antworten, möchte ich einige Bemerkungen hinsichtlich des Gefühls des Fürchtens ausführen.

[...]


1 „Brockhaus-Enzyklopädie: in 24 Bde“. Bd. 19, Mannheim 1988. S. 283, Sp. 1

2 a.a.O.

3 de la Motte: Helga: „Handbuch der Musikpsychologie“. S. unbekannt

4 lat. afficere - in einen Zustand versetzen Zustand (physisch oder psychisch) oder auch Gemütsverfassung und - Bewegung = wird durch äußere Eindrücke bewirkt und meint eine vorübergehende heftige seelische Erregung

5 griech. tragos - Ziegenbock; Tragodia - der dem Opfertier gewidmete Bocksgesang

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
P.S.Y.C.H.O angstessenseeleauf - Filmmusik
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Kunst- und Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Über Wirkungsformen von Musik
Note
1,0
Autoren
Jahr
2001
Seiten
38
Katalognummer
V20454
ISBN (eBook)
9783638243209
ISBN (Buch)
9783656377931
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Hauptseminararbeit ging ein 2,5 h-Referat voraus, in dem mit den TeilnehmerInnen ein Experiment durchgeführt wurde. Die Arbeit beinhaltet und beleuchtet die historische Entwicklung der Filmmusik, die psychologischen Absichten von Musik im Film, diskutiert ihre Funktionen und diskutiert die derzeitige Situation der Forschungsliteratur. Der zentrale Analysegegenstand der Arbeit ist der FILM &quot,Psycho&quot, von Alfred Hitchcock.
Schlagworte
Filmmusik, Wirkungsformen, Musik
Arbeit zitieren
Beatrice Bartsch (Autor)Beate Thomser (Autor), 2001, P.S.Y.C.H.O angstessenseeleauf - Filmmusik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20454

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