Konzeption und Produktion eines Imagefilms für das Fraunhofer Institut Stuttgart

Analyse der Entwicklungsgeschichte des Unternehmensfilms, vom Industriefilm zum Corporate Video


Masterarbeit, 2010
82 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhalt

Abstract

Einleitung

1.0 Der Industriefilm, Entwicklung und Besonderheiten
1.1 Definition Industriefilm
1.2 Die Entwicklung des Industriefilms
1.3 Konventionalisierungen im Industriefilm
1.4 Elemente im Industriefilm um Unternehmensziele zu erreichen

2.0 Wie vermittle ich meine Botschaften oder die Erzählmuster im Unternehmensfilm
2.1 Handlung im Film darstellen
2.2 Neue Entwicklungen beim Storytelling im Unternehmensfilm am Beispiel Soundcheck und The Hire

3.0 Wohin entwickelt sich der Unternehmensfilm, Trends und Ausblick
3.1 Entwicklung zum Corporate Video
3.2 Corporate Video heute

4.0 Unternehmensfilme als Bestandteil der Corporate Identity
4.1 Corporate Identity, unternehmerische Aufgabe
4.2 Corporate Identity, Imageforschung und Unternehmens-Leitbild
4.3 Bewegtbild als Teil der CI, z.B. Corporate TV

5.0 Die Ausgangssituation: Einen Imagefilm schaffen für das gesamte Fraunhofer Institut Stuttgart
5.1 Vorüberlegungen
5.2 Benchmarking
5.3 Konzept-Ideen entwickeln
5.4 Festlegen des visuellen Stils
5.5 Die praktische Umsetzung, der Dreh

6.0 Postproduktion
6.1 Vorgehensweise in der Postproduktion
6.2 Schnitt des Films
6.3 Der Off-Text

7.0 Schlussbetrachtung

Abbildungsverzeichnis

Glossar

Literaturverzeichnis

Treatment

Drehbuch

Abstract

Diese Masterthesis behandelt die Entwicklung des Unternehmensfilms.Angefangen von frühen Industriefilmen der 30er und 40er Jahre bis hin zu modernen Corporate Videos. Es wird der Frage nachgegangen ob, bzw. in wie weit sich der Industriefilm als eigene Filmgattung entwickelt hat. Zudem sind kennzeichnende Stilmittel oder Konventionalisierungen weitere Schwerpunkte der Arbeit. Es wird gezeigt, dass typische Elemente im Industriefilm wie z.B. der Panorama-Schwenk kein filmisches Stilmittel ist, sondern ein bildlicher Ausdruck der visuellen Kommunikation. Dieser These liegt die Annahme zu Grunde, dass ein Filmstil erst dann als solcher zu erkennen ist, wenn bestimmte Ausdrucksformen durch feine Variationen durchgehend auftauchen. Es gibt jedoch übergeordnete Stilelemente im Industriefilm, etwa bei der Einheit der Produktionsschritte.

Diese Erkenntnisse fließen in das Thema Unternehmensfilme als Bestandteil der Corporate Identity ein. Hier wird der Unternehmensfilm aus heutiger Sicht beleuchtet. Anhand der Kampagne The Hire von BMW und Soundcheck von Opel werden moderne Spielformen des Storytellings im Unternehmensfilm gezeigt.

Der zweite Teil der Arbeit besteht aus der Umsetzung eines Imagefilms für das Fraunhofer Institut Stuttgart. Hier wird der komplette Entstehungsprozess behandelt, von ersten Vorgesprächen bis zur fertigen Postproduktion. Zudem wir erläutert, wie die Erkenntnisse der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema Unternehmensfilm in den Entstehungsprozess des Fraunhofer Imagefilms eingeflossen sind.

Einleitung

Die Aufgabenstellung dieser Masterthesis besteht aus zwei Teilen. In einer theoretisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Industriefilm wird die Entwicklung dieses Filmgenres aufgezeigt. Dabei geht es darum, die Entstehungsgeschichte des Industriefilms zu beleuchten und seine Entwicklung bis in die heutige Zeit zu erläutern. Ein Imagefilm ist heutzutage nicht alleiniges Kommunikationsmittel, sondern eingebunden in die Corporate Communication eines Unternehmens. Dieser Wandel, vom informierenden Industriefilm der 50er Jahre zum Corporate Video als Bestandteil eines Unternehmens Branding, ist Teil der Auseinandersetzung. Nach Vorstellung typischer Industriefilme der 50er und 60er Jahre, geht es fortan um moderne Ausdrucksformen in Imagefilmen. Konkret geht es darum, wie es gelingt, Handlungen spannend zu verpacken und Storytelling für das eigene Unternehmen zu entdecken. In einer Analyse werden zwei gelungen Beispiele für modernes Storytelling in Unternehmensfilmen dargestellt. Ein Ausblick in die Zukunft der Unternehmensfilme skizziert Trends wie etwa Corporate Video. Branding lautet das Überthema eines weiteren Kapitels. Hier werden Begriffe wie Corporate Identity oder Corporate Image geklärt. Nach dieser theoretischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Industriefilms und der existierenden Fachliteratur, folgt das konkrete Beispiel Fraunhofer IZS-Imagefilm. Ab Kapitel fünf wird gezeigt, wie die bisherigen Erkenntnisse in die Gestaltung des Fraunhofer Films eingeflossen sind. Dargestellt wird der komplette praktische Produktionsablauf; angefangen bei ersten Gesprächen mit dem Auftraggeber bis hin zu einem tragfähigen Konzept und schließlich zu einer erfolgreichen Umsetzung. Hier werden alle Schritte genau beleuchtet, von der ersten Idee bis zum fertigen Schnitt. Abgerundet wird dieser Themenkomplex mit der Betrachtung des Off-Textes. Dieser ist wichtiger Bestandteil des Imagefilms für Fraunhofer.

Über das Fraunhofer Institutszentrum Stuttgart Das Fraunhofer Institutszentrum Stuttgart, kurz IZS, gliedert sich in fünf Einzelinstitute mit jeweils eigenen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten. In einem Imagefilm sollen diese fünf Einzelinstitute gleichwertig vertreten sein und zudem eine Einheit bilden, um in der Öffentlichkeit als Fraunhofer Stuttgart wahrgenommen zu werden.

1.0 Der Industriefilm, Entwicklung und Besonderheiten

Im ersten Kapitel dieser Arbeit soll zunächst der Begriff Industriefilm mit seinen vielen Facetten eingegrenzt und definiert werden. Anschließend möchte ich die Entstehungsgeschichte dieser Filmgattung beleuchten. Es geht um die Frage, wie sich der Industriefilm im Laufe der Zeit entwickelt hat, neben oder zusammen mit anderen Filmgattungen? Weiter versuche ich kennzeichnende Elemente herauszuarbeiten. Es wird untersucht, ob es Stilmittel im Industriefilm gibt, die immer wieder auftauchen. In einem weiteren Unterpunkt geht es um Konventionalisierungen. In diesem Zusammenhang werde ich auch eine kurze Definition des Stil-Begriffs vornehmen. Bevor über wiederkehrende Stilelemente gesprochen wird, muss klar sein was darunter zu verstehen ist. Den Abschluss des ersten Kapitels bildet das Thema Durchsetzen von Unternehmenszielen. Häufige Aufgabe von Industriefilmen oder generell Unternehmensfilmen ist, Ziele zu erreichen. Diese Ziele können sowohl intern aber auch extern angesiedelt sein. In Abschnitt 1.4 möchte ich mich speziell der Erreichung und Durchsetzung dieser Unternehmensziele widmen; das heißt, mit welchen filmischen Mitteln versuchen die Unternehmen ihre Ziele zu erreichen.

1.1 Definition Industriefilm

„Industriefilme werden im Auftrag einer Firma oder von ihrer eigenen Filmabteilung hergestellt. Dabei gibt es ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Anwendungszwecke, die auf jeweils unterschiedliche Publika zielen und sich zum Teil überschneiden“1

Mit dieser Definition versuchte Kay Hoffmann den schwer zu fassenden Begriff Industriefilm einzugrenzen. Er unterteilt den Industriefilm zudem weiter nach Verwendungszweck.

Image- oder Repräsentationsfilme: Filme, die einen umfassenden Überblick über die Firma und deren Produktion bieten und sozusagen die Werkbesichtigung ersparen oder bei Generalversammlungen den Stand der Produktion zeigen. Sie können auch für die allgemeine Öffentlichkeit geplant sein

Vertreterfilme: Filme, die den Kunden die Wirkungsweise und Arbeit von Maschinen und Anlagen zeigen

Messe- und Ausstellungsfilme: Filme, die dem Messebesucher die Maschinen und Anlagen im Betrieb zeigen oder gezielt für ein Fachpublikum über Produkte informieren Lehr- und Ausbildungsfilme: Filme, die speziell für die Ausbildung im Unternehmen oder zur Ausbildung von Bedienungspersonal z.B. im Ausland hergestellt werden2

Der Industriefilm führt mittlerweile ein schwieriges Dasein. War er in den 50er und 60er Jahren noch wichtiger Bestandteil der Produktionslandschaft, führt er seit den 1970er Jahren ein Schattendasein. Auf Kurzfilmfestivals wurde er fortan nicht mehr zugelassen und das Fernsehen weigerte sich ihn auszustrahlen, wegen heimlicher Werbung für Unternehmen oder Produkte. Durch die Finanzierung des Industriefilms von Unternehmen, „war er von der kulturpolitischen Förderung ausgeschlossen. Wann immer der Industrie- bzw. Kurzfilm in Verbindung mit einem Unternehmensauftrag oder Sponsoren gekommen war, neigte man dazu, ihn als parteiisch zu betrachten. So ging das Interesse zurück, da ihm sowohl die Filmwirtschaft als auch die Kulturpolitik nicht mehr genügend Bedeutung beimaßen“.3

1.2 Die Entwicklung des Industriefilms

Der klassische Industriefilm hatte seine Blütezeit in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Namhafte Industrieunternehmen wie Krupp, Siemens oder AEG produzierten aufwändige Industriefilme. Teilweise waren es Auftragsproduktionen, die von Filmproduktionsfirmen realisiert wurden oder es wurden eigene Filmabteilungen gegründet. Siemens leistet sich etwa seit 1912 eine eigene kinematographische Abteilung.4

Generell kann man über die Entwicklung des Industriefilms sagen, dass er sich aus bzw. mit dem Dokumentarfilm entwickelt hat. John Grierson und seine Weggefährten prägten in den frühen 30er Jahren den Begriff documentaire.5 Dieser Begriff aus dem Französischen steht eigentlich für „lehrreiche Reisefilme“.6 Sie deuteten den Begriff um und verstanden darunter einen Film, der ein Argument über soziale Realitäten führt und durch „Sichtweise und Handschrift seines Gestalters geprägt ist“.7 Diese Begriffsdefinition hat auch heute noch ihre Gültigkeit für den Dokumentarfilm, insbesondere für den Autorenfilm. Als Beispiele führte Grierson damals an: Nannook of the North (USA 1924) oder Night Mail (1936). Bei diesen Beispielen wird schon die Schwierigkeit der Definition sichtbar. Bei Night Mail z.B. handelt es sich um einen Auftragsfilm für die Royal Mail.

Die Sichtweise vieler Filmschaffender, die den Industrie- oder Wirtschaftsfilm als klassischen Gegenpol zum Dokumentarfilm sehen, trifft also nicht immer zu.

Night Mail etwa besitzt auch die Eigenschaften eines Dokumentarfilms. Hediger und Vonderau weisen deswegen darauf hin, dass der Autorendokumentarfilm entstehen konnte, weil sich viele Filmemacher vorher ihr Geld bei Auftragsproduktionen für z.B. staatliche Einrichtungen verdient hatten.8 In den Zeiten vor Einführung staatlicher Filmförderungen und den Verwertungsmöglichkeiten des Fernsehens, waren Dokumentarfilme für Industriekonzerne oder staatliche Einrichtungen oft die einzige Möglichkeit für freie Filmemacher an ein ausreichendes Produktionsbudget zu gelangen. Dank dieser Mittel konnten dann freie Autorenfilme entstehen.

Auch der erste Film der Filmgeschichte, Arbeiter verlassen die Lumi è re Werke, ist ein Industriefilm.

„ Was Hollywood für die Amerikaner, ist der

Wirtschaftsfilm für die Schweiz “ (Peter M. Wettler)

Eine besondere Rolle in Sachen Industriefilm nimmt die Schweiz ein. Sie gilt als typisches Industriefilmland. Peter M. Wettler beschreibt es mit den Worten: „Was Hollywood für die Amerikaner, ist der Wirtschaftsfilm für die Schweiz“.9 Yvonne Zimmermann greift diesen Gedanken auf, thematisiert jedoch auch den schweren Stand den der Industriefilm in der Filmwelt hat, indem sie sagt: „Aufgrund der Konzentration auf den Spielfilm ist das Interesse am nicht-fiktionalen Film, dem der Industriefilm zuzurechnen ist, spät erwacht“.10 Ein zweiter Grund für das geringe Interesse am Industriefilm ist, dass er aus Produktionssicht dem Auftragsfilm zuzurechnen ist und pragmatisch gesehen auch dem Gebrauchsfilm. Beide Typen, Auftrags- und Gebrauchsfilm, widersprechen der Auffassung von Film als Werk eines Autors bzw. von Film als Kunst. Somit sind sie für die Filmwissenschaft uninteressant, da sie eine Art der Kunst- und Kulturwissenschaft sind und der Filmkunst verpflichtet sind. Yvonne Zimmermann begründet diese Einschätzung mit der Autorenfilmbewegung der 50er und 60er Jahre. Das Autorenfilmkonzept lehnte radikal jeglichen Auftragsfilm ab. Es verstand diesen als überholt, ideologisch und künstlerisch inakzeptabel. Der Schweizer Regisseur Alexander J. Seiler ging sogar soweit, dass er über den Auftragsfilm sagte: „Der Auftragsfilm ist eine Gefahr für den Hersteller; nur die genaue Kenntnis der Gefahr, nur der eiserne Wille, die Gefahr zu überstehen, vermag den Autor zu retten“.11

Diese radikale Ansicht wandelt sich jedoch zusehends in den letzten Jahren.

Peter M. Wettler verwies schon in den 80er Jahren auf die bedeutende

ökonomische Rolle, die der Industriefilm in manchen Ländern, insbesondere der Schweiz, besitzt. Hier ist er heute noch Rückgrat der einheimischen Filmbranche. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Industriefilm, wie sie seit einigen Jahren in europäischen Ländern passiert, soll aber nicht dazu führen ihn als legitimen Autorenfilm zu nobilitieren. Yvonne Zimmermann sagt deswegen, die „Erhebung des Industriefilms in den Stand der Filmkunst ist wenig sinnvoll, ebenso wenig wie die Beschränkung auf seinen technik-geschichtlichen Quellenwert“.12 Sie schlägt vielmehr vor, sich historisch und theoretisch mit dem Industriefilm als Gebrauchsfilm zu beschäftigen, um Aufschluss über Wesen und Funktion zu erhalten.

Aus diesem Grund unternahm Yvonne Zimmermann den Versuch, den Industriefilm, insbesondere den Schweizer Industriefilm, einer seriellen Filmanalyse und filmhistorischen Kontextanalyse zu unterziehen. Diese Vorgehensweise möchte ich kurz skizzieren. Ihre Analysen basieren auf einer dreieinhalb jährigen Tätigkeit, in der sie im Rahmen eines Forschungsprojektes für den Schweizer Nationalfonds die Geschichte des nicht-fiktionalen Films in der Schweiz untersuchte. Entscheidend dabei sind zwei Punkte. Erstens werden möglichst viele Industriefilme auf widerkehrende dramaturgische, ästhetische oder rhetorische Muster untersucht. Zweitens unternimmt sie eine Kontextanalyse um den jeweiligen Film besser einordnen zu können. Kontextanalyse meint dabei, dass das gesamte Einsatzgebiet des Industriefilms betrachtet wird sowie auch der Rahmen in dem er für ein Unternehmen eingebettet war. Denn meist erscheinen Industriefilme in einem Verbund mit anderen Medien.

Die Ergebnisse der Analysen

Technische Innovation ist ein Motor der Industrie und somit auch des Industriefilms. Der Industriefilm ist die mediale Repräsentation von erfolgreichem Wirtschaften eines Unternehmens und besitzt deswegen eine Innovationsrhetorik. Innovationen darzustellen ist Grundintention des Auftraggebers und vordefiniertes Kommunikationsziel. Weiteres auffälliges Merkmal von Industriefilmen ist, dass sich ihr Wesen erst durch den Gebrauch zeigt. Das bedeutet, dass Anlass und Verbreitung des Films entscheidend für seine Bedeutung und Wahrnehmung sind. Häufige Anlässe für eine Industriefilmproduktion sind z.B. Firmenjubiläen, Veralten eines bisherigen Films, Messen, Ausstellungen oder Produkteinführungen. Anlässe können aber auch globaleren Ausmaßes sein, etwa nationale Abstimmungen, weltpolitische Entwicklungen oder gesellschaftliche Trends. Somit kann der Industriefilm auch dazu genutzt werden, soziale, politische oder gesellschaftliche Stimmungen zu beeinflussen. Die Innovationsrhetorik, die den Industriefilmen zugeschrieben wird, zeigt sich oft in einer Argumentationsstrategie. Oftmals werden Argumente der Gegenpartei im Film angesprochen, z.B. Ängste oder Skepsis gegenüber neuen Produkten. Diese Argumente werden dann im Film aufgegriffen und widerlegt. Oft sind es Problematiken, die einen Kompromiss zwischen Natur und Technik oder Tradition und Fortschritt verlangen. Im Film verläuft die Argumentationsstrategie dann so, dass ein scheinbarer Kompromiss gefunden wird, der die Vorteile der Innovation propagiert.13

Die zweite wichtige Komponente von Industriefilmen ist, wie bereits erwähnt, deren Gebrauch. Grundsätzlich gibt es zwei Gebrauchsmöglichkeiten: Intern oder extern. Bei externer Verwertung kann zudem unterschieden werden zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Verleih. Der kommerzielle macht dabei nur einen geringen Prozentsatz aus. Zur Verdeutlichung der Wichtigkeit des Anwendungszweckes eines Industriefilms für seine funktionale Bedeutung sei ein Beispiel von Yvonne Zimmermann erwähnt. Die Schweizerische Milchkommission ließ 1930 den Auftragsfilm Alpsegen im Glarnerland anfertigen. Der Film handelt von der Herstellung eines sehr speziellen Kräuterkäses. Er wurde zum Beispiel bei einer Veranstaltung der Milchkommission gezeigt und ist somit als Film für PR-Zwecke einzuordnen. Er wurde jedoch auch im Kino-Beiprogramm als eine Art Kulturfilm über das Leben der Sennen auf der Alm gezeigt. Und schließlich im Klassenzimmer als Schulfilm, versehen mit erklärenden Kommentaren des Lehrers. Industriefilme sind somit multiintentional und multifunktional, da sie sich je nach Aufführung mit unterschiedlichen Zielen an unterschiedliche Zielgruppen wenden. Industriefilme sind aber auch multimedial, da sie in einem Verbund mit anderen Medien stehen können. Zum Beispiel Bildern, Schriften, Plakaten usw. Der Film Alpsegen im Glarnerland wurde für seine unterschiedlichen Einsatzzwecke auch umgeschnitten; eine übliche Praxis bei Industriefilmen. Für die Schulfassung etwa wurde er in zwei Teile zerlegt. Das zeigt das typische Baukasten-Prinzip von Industriefilmen. Ein gutes Beispiel dafür ist Tullberg Film, Schwedens führender Industriefilmproduzent der 20er Jahre. Er legte sich ein Filmarchiv mit beliebten Aufnahmen zu, um sie für weitere Produktionen zu nutzen. Industriefilme sind also kein abgeschlossenes Filmwerk, sondern vielmehr Arbeitsmaterial, das im Dienst des Auftraggebers steht. Rottmann sagte deswegen, „sie sollen nicht der Kunst dienen, sondern sich die Kunst zunutze machen“.14

Industriefilme waren also stets Teil eines Aufführungsereignisses, nie das Ereignis selbst.

1.3 Konventionalisierungen im Industriefilm

Jede Filmgattung hat seine Eigenarten und typischen Stilmittel. Im Werbespot kann das etwa das Big Picture sein, welches am Schluss den potentiellen Kunden von den Vorzügen des Produkts überzeugen soll. Und der Dokumentarfilm bedient sich oft der wackeligen Handkamera, teilweise auch mangels Alternativen. Was aber sind Stilelemente im Industriefilm? Gibt es sie? Wenn ja wie haben sie sich entwickelt? Diese und andere Fragen möchte ich nachfolgend behandeln.

Zunächst muss der Frage nachgegangen werden was Stil überhaupt ist, bzw. was ihn charakterisiert. Hediger sagt: „Stil hat in erster Linie etwas mit Ähnlichkeit zu tun und mit Individualität: Stil hat, wessen Handlungen oder wessen Sprechen eine charakteristische Ausprägung aufweist, ein bestimmtes Etwas, das sich in diesen Handlungen durchhält und zugleich variiert wird“.15 Ein Stil ist also etwas Kennzeichnendes, der Stil macht ein Individuum oder ein Objekt unverwechselbar. Doch nicht die exakte und identische Wiederholung ist Hauptmerkmal des Stils, sondern die feinen Variationen. Erst die Variation erlaubt Freiraum und Individualität ohne die übergeordnete Stilrichtung zu verlassen. Überträgt man diesen Stil-Begriff auf den Film, stellt sich heraus, dass auch Filme eindeutige kennzeichnende Elemente besitzen müssen. Diese Elemente können filmische Äußerungen eines Autors oder Regisseurs sein, die bei mehreren Filmen durchgehalten werden. Es sind also kennzeichnende Stilelemente. Nun erlaubt ein Spielfilm oder ein Kunstfilm verschiedenste Variationen von Stilmitteln, doch wie sieht es beim Industriefilm aus? Hediger sagt dazu, Industriefilme sind „funktional überdeterminiert“.16 Er meint damit, dass Industriefilme einen bestimmten Zweck der strategischen Kommunikation erfüllen. Auf die Filmgestaltung bezogen bedeutet das, dass der Filmemacher meist nicht aus dem Vollem schöpfen kann, was Stilmittel oder Experimente angeht, meist sind durch die Entscheidungen des Auftraggebers die gestalterischen Richtungen bereits vordefiniert. Hediger führt dazu auch den Vergleich mit einem Kinotrailer an. Dieser müsse auch immer nach sehr ähnlichen Kriterien gestaltet sein und vor allem als solcher sofort erkennbar werden. Diese sofortige Zuordbarkeit trifft auch auf den Industriefilm zu.

„ putting money on the screen “

(Vinzenz Hedinger)

Wenn also Industriefilme sofort als solche erkannt werden wollen, muss es zwangsläufig kennzeichnende, gleichbleibende Elemente geben. Auch hier bietet sich ein Vergleich an. Hollywood suggeriert seinen Filmfans durch standardisierte Formate stets gleichbleibend gute Filme zu liefern. „Der Hollywood-Film bietet Erfahrungs- und Erlebnistypen an, die an bestimmte rekursiv verwendete Formen der Darstellung geknüpft sind“17 Diese Standardisierung der Darstellungsformen verkauft Hollywood als Qualitätsgarantie. Der nächste Action-Blockbuster ist auf ähnliche Weise aufgebaut - Stichwort Stilvariation - und wird deswegen genauso spannend wie der letzte. Einen vergleichbaren Ansatz verfolgen auch viele Industriefilme. Auch hier wird die Standardisierung der Darstellungsformen dafür benutzt, den Kunden einen Qualitätsnachweis zu liefern. Hediger sagt dazu: „Der Verlässlichkeit des filmischen Stils entspricht die Verlässlichkeit der dargestellten Produkte“.18 Doch wie sieht es mit den Variationen der Stilmittel aus? Erlauben Industriefilme oder besser die Auftraggeber von Industriefilmen solche feinen, stilprägenden Elemente? Anhand von zwei typischen Industriefilmszenen soll dies veranschaulicht werden. Das erste Beispiel betrifft den Schwenk oder auch Panoramaschwenk über das Firmengelände. Dieses filmische Element ist ein Überbleibsel aus der Panorama-Fotografie aus dem 19. Jahrhundert. Etwa 1860 hat es sich in die Industriefotografie integriert. Genauso das zweite Beispiel: Arbeiter verlassen die Fabrik. Auch diese Szene findet ihre Anfänge in der Fotografie und wurde nahtlos ins Filmzeitalter übernommen.

Der typische Schwenk zu Beginn von Industriefilmen, meist zunächst außen über das Fabrikgelände, dann innen über die Produktionsstätten, soll zeigen was ein Unternehmen hat. Hediger nennt es eine „Trope der bürgerliche[n] Prachtentfaltung“.19 Diese standardisierte Einstellung ist von den meisten Auftraggebern gewünscht und lässt dem Filmemacher keinen Spielraum. Der Schwenk ist also kein filmisches Stilmittel des Industriefilms, sondern ein bildlicher Ausdruck der visuellen Kommunikation. Durch die rekursive Verwendung hat sich dieser visuelle Ausdruck etabliert. Somit lässt sich sagen, dass der Schwenk bei Industriefilmen standardisiert ist; gleiches gilt auch für die Szene Arbeiter verlassen Fabrik. Nach vorheriger Stildefinition sind die beiden Elemente Schwenk und Arbeiter verlassen die Fabrik, keine Stilelemente von Industriefilmen; denn ein Filmstil ist erst dann als solcher zu erkennen, wenn bestimmte Ausdrucksformen durch Variationen durchgehend auftauchen.20

Einzelne, gleichbleibend widerkehrende Elemente in Industriefilmen lassen sich also nicht als Stilmerkmale kennzeichnen. Ein Stilelement bei Industriefilmen kann also nur übergeordnet festgestellt werden, nämlich bei der Einheit der Produktionsschritte.

1.4 Elemente im Industriefilm um Unternehmensziele zu erreichen

Jedes Unternehmen das einen Industriefilm in Auftrag gibt, verfolgt damit gewisse Ziele. Entweder soll damit der Öffentlichkeit ein bestimmtes Image vermittelt werden, oder die eigenen Mitarbeiter sollen direkt angesprochen und für gewisse Aufgaben sensibilisiert werden. Doch mit welchen Mitteln versucht man solche Ziele zu erreichen? Gibt es auch hier Standardisierungen, ähnlich wie bei den vorher besprochenen Konventionalisierungen? Dieser Frage gilt es im Folgenden nachzugehen.

Zukunftsvisionen im frühen Industriefilm

Zunächst werden einige Beispiele aus den USA betrachtet. Nach neuesten Schätzungen wurden in den USA zwischen 1896 und 1990 etwa 300.000 Industriefilme produziert.21 Ein typisches Merkmal, vor allem von frühen Produktionen, ist das Spiel mit Zukunftsvisionen. Es werden utopische Visionen von Produkten gezeigt oder futuristische Technologien vorgeführt. Zurückzuführen ist dieser damalige Trend auf die Arbeit von einigen namhaften PR-Agenturen aus den USA. Richard Prelinger, der sich in einem Fachartikel mit diesem Thema auseinandersetzte, sagt dazu: „Futuristisch angehauchte Elemente finden sich im Industriedesign (Heckflossen oder Cafés im 50er-Jahre- Look) oder als grandiose Statements (Weltausstellungen oder futuristisch anmutende 'Traumlimousinen')“.22 Weiter bezeichnet er den Futurismus, der einstmals ein Ensemble rhetorischer Figuren war, um Produkten oder Kampagnen eine unverwechselbare Aura zu verleihen, als Stil. Dieses Stilmittel tritt so gehäuft in den damaligen Industriefilmen auf, dass es nicht mehr als spezielles Attribut wahrgenommen wird, sondern selbstverständlich ist. Es gibt verschiedene Gründe warum Unternehmen immer wieder auf Zukunftsutopien zurückgreifen: Um neue Technologien in der Anfangszeit zu propagieren, das Unternehmensimage in Krisenzeiten lebendig zu halten oder einfach nur um die Öffentlichkeit auf das eigene Tun aufmerksam zu machen. Auffallend bei den damaligen Industriefilmen aus den USA ist, dass sie meist an ähnlichen Schauplätzen spielen. Im Haus, auf der Straße oder bei Weltausstellungen sind beliebte Motive. Das Utopische findet also nicht an außergewöhnlichen Orten statt, sondern an ganz normalen Plätzen des täglichen Lebens. Im Film To new Horizons von 1940 spielen die futuristischen Momente allesamt im Haushalt. Auch bei 1999 A.D. Design for Dreaming ist die Küche Quelle futuristischer Utopien. Mit Hilfe früher Computertechnologie plant die Protagonistin - im Film eine typische amerikanische Hausfrau - ihre Mahlzeiten für die Familie. Fortschrittliche Küchengeräte und sogar ein Roboter für die häusliche Arbeit runden diesen Eindruck ab.23 So stellt man sich Mitte des letzten Jahrhunderts das Leben um die Jahrtausendwende vor. Prelinger nennt all diese Entwicklungen „White Collar Job“.24 Die manuelle Hausarbeit verwandelt sich dabei in einen Job, der aus dem Bedienen von Maschinen, Management und Organisation besteht. Sehr deutlich zeigt sich diese utopische Vorstellung auch in Leave It To Roll-Oh von 1940. Hier liest die Hausfrau in einer Illustrierten während Roll-Oh, ein kastenförmiger Roboter, Konservendosen öffnet, saubermacht und Kerzen anzündet. Zu guter Letzt ruft er sogar zum Dinner. Ganz deutlich wird bei diesen Filmen auch die definierte Zielgruppe. Als Hauptfiguren in den Filmen kommen ausschließlich Frauen vor. Frauen sind auch die Hauptzielgruppe der Filme, denn sie sind es, die für große Anschaffungen im Haushalt verantwortlich sind.

Kennzeichnend für diese Industriefilme sind auch immer widerkehrende Ausstattungselemente. So taucht der Kühlschrank Kitchen of Tomorrow in Industriefilmen, auf Plakaten aber auch auf Messen und im Disneyland auf.

Prelinger sagt dazu: „Wir haben es mit konservativen Utopien zu tun“.25 Es kommt bei den Szenarien dieser Filme also nicht auf einzelne Details an, sondern darauf, die Zuschauer emotional anzusprechen. Ein anderes Beispiel für widerkehrende Ausstattungselemente liefert der amerikanische Telekommunikationskonzern AT&T. Dieser achtete bei den Industriefilmen sehr genau auf sein Image und ließ futuristische Präsentationen von Film zu Film wiederholen.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass in den 50er und 60er Jahren Zukunftsvisionen im Industriefilm häufig vorkamen. In den 70er Jahren verschwanden sie zusehends aus den Produktionen und tauchten erst wieder Mitte der 80er Jahre auf, als die Entwicklung und Verbreitung der Personal Computer einsetzte. Perlinger bezeichnet das Genre heutzutage als „so bekannt, dass es ausgesprochen zurückhaltend auftritt“.26 Das Spiel mit Zukunftsvisionen ist also ein Element im Industriefilm um Ziele, vor allem bei den potentiellen Kunden, zu erreichen.

Neben den Zukunftsvisionen entwickelte sich im Laufe der Zeit ein weiteres Gestaltungselement in Industriefilmen: Abstrakte Inhalte mussten in bewegte Bilder übersetzt werden. Aus diesem Anlass entwickelte sich sogar eine eigene

„ Das Kino für Manager “

(Ram ò n Reichert)

Filmgattung, der Managementfilm. Ramòn Reichert definiert ihn als Film, in dem nichts „ohne Ursache und Wirkung, ohne lineare Abfolge und Kontinuität“27 geschieht. Anders gesagt ist der Managementfilm ein Instrument zur filmischen Popularisierung von Wissen. Mit Hilfe von Tricktechnik und Animationen werden Tabellen, Register, Karten oder Organigramme zum Leben erweckt. Es entwickelten sich filmische Strategien und Narrativen um Wissen zu generieren und zu vermitteln. „Das Kino für Manager war ein Ort, an dem die effektive Übermittlung von betrieblichem Wissen eingeübt wurde“.28 Mit Hilfe von professioneller Visualisierungstechnik wurde der Blick des Zuschauers gelenkt und gesteuert. Der Zeichentrickfilm, eigentlich ein Unterhaltungsgenre vor allem für Kinder, wurde zur sozialen Steuerung und Kontrolle benutzt. Walt Disney ging als erster diesen Weg, indem er in den 40er Jahren Schulungsfilme für die US- Regierung herstellte.29 Neben dieser Art der Visualisierung benennt Reichert folgende Visualisierungsformen als häufig auftretend: Stopptrick-Animation, Zooms, Schiebeblenden. Durch diese Techniken wird die Blickführung des Betrachters beeinflusst. Auch weitere etablierte, nicht filmische Bildrepertoires, treten im Managementfilm häufig auf. Diese sind: Allegorie, Gedächtniskarte, oder Schaltplan. Der Industriefilm trug auch dazu bei, US-amerikanische Managementtheorien in Europa einzuführen. Als Beispiel lässt sich die Filmreihe „Industrial Management Series“ anführen. Sie wurde von der McGraw-Hill Company produziert. Ursprünglich waren die Filme des Verlagshauses McGraw- Hill dafür gedacht, die eigenen Lehrbücher zu bewerben und das Image des Unternehmens zu pflegen. Ab 1950 wurde dann eine Filmreihe herausgegeben, zusammen mit führenden Repräsentanten aus der Betriebswirtschaft und Privatunternehmern. Nach und nach wuchs das Firmenimperium. Durch Zukäufe kleinerer Verlage schaffte es McGraw-Hill, Schulbücher für alle Klassen anzubieten, von der Vorschule bis zur 12. Klasse. McGraw-Hill kooperierte zudem während des zweiten Weltkriegs mit dem War Department, dem United States Information Service/Visual Media Section und dem United States Office of Education/Division of Visual Aids. So gelang es dem Unternehmen seine Lehrfilme als einen Beitrag zur betriebswirtschaftlichen Amerikanisierung Europas zu stilisieren. Diese Entwicklung trug auch einen Teil dazu bei, dass sich in europäischen Unternehmen eine an Amerika angelehnte Managementtheorie durchsetzte.30

Mit diesen Managementfilmen versuchten die Firmen aber auch, sich als avanciertes Unternehmen darzustellen. Viele große Firmen in Deutschland, darunter Siemens oder Andritz, nutzten diese Filme zur betrieblichen Weiterbildung. Hierfür wurden eigens Räume vorbereitet, Filmvorführer engagiert und Diskussionsrunden veranstaltet. Insgesamt war die Filmvorführung in einen kommunikativen Rahmen eingebettet. Interessant bei den McGraw-Hill Filmen ist auch, dass sie für unterschiedlichste Verwendungszwecke genutzt wurden. So z.B. in Schulen als Ausbildungsfilme, in Betrieben als Schulungsfilme oder als Filme zur Weiterbildung bei gemeinnützigen Vereinen. Die Managementfilme der 50er Jahre hatten also einen ganz anderen Ansatz als etwa die Beobachtungsfilme früherer Jahrzehnte. Dort ging es meist darum, betriebliche Abläufe im Film zu zeigen und zu optimieren. Nun sollten aber nicht einfache technische Abläufe visualisiert werden, sondern Strukturen und formale Kriterien industrieller Organisationen sichtbar gemacht werden.31 Ziel von Managementfilme war also, „die lückenlose Transparenz und Planbarkeit eines Unternehmens zu inszenieren“.32 Mit filmischer Tricktechnik wurden komplexe

Inhalte visualisiert. Diese komplexen Thematiken einer Organisation im Film zu vermitteln, ist die wichtigste Aufgabe. Reichert sagt dazu: „Dokumentarische Aufnahmen vom konkreten industriellen Schauplatz liefern in den Lehrfilmen für industrielle Führungskräfte nur die Rahmenhandlung“.33 Es geht nicht darum, sich mit einem konkreten Problem an z.B. einem Arbeitsplatz auseinanderzusetzen, sondern nur um das Vorstellen des Gegenstandes der Administration. Die zentralen Kernpunkte der Filme folgen später. Abstrakte Daten und Zusammenhänge werden grafisch so aufbereitet, dass sie leicht erfasst werden können.

In Managementfilmen werden also typische Filmhandlungen aus Industrie- oder Dokumentarfilmen dafür benutzt, eine Rahmenhandlung für ein übergeordnetes Thema zu schaffen. Diese übergeordneten Themen, meist komplexe Daten und Zusammenhänge aus den Organisationen, werden grafisch und mittels Animationen so aufbereitet, dass sie leicht erfasst und verstanden werden können. Die inszenierte Rahmenhandlung dient so lediglich dazu, den Film im historischen oder sozialen Feld zu verorten. Neben den zuvor erwähnten Zukunftsvisionen, sind Animationen komplexer Organisationsdaten also die zweite Variante, Ziele mit einem Industrie- bzw. Managementfilm zu verfolgen bzw. diese Ziele den Rezipienten näher zu bringen.

Anhand eines konkreten Beispiels lässt sich die Vermittlung der Zielbotschaften im Managementfilm weiter beleuchten. Mit dem Film Internal Organization von 1951 sollte die Management- und Administrationslehre in den USA und Großbritannien eingeübt werden. Der zentrale Teil des Films besteht daraus, typische Managementfunktionen zu visualisieren. Diese sind: Vorausplanung, Organisation, Auftragserteilung, Koordination und Kontrolle. Diese Haupthandlung des Films, die ausschließlich über Animationen von Schaubildern gelöst wird, ist eingebettet in eine kleine Rahmenhandlung. So werden etwa zu Beginn des Films Arbeiter gezeigt, die Stechuhren passieren, kombiniert mit Außen- und Innenaufnahmen eines Fabrikgeländes. Die Filmhandlung nimmt dabei an Komplexität zu und beschäftigt sich zunächst mit allgemeinen Führungsstrukturen um später gezielt auf Personalführung sowie die Verwaltung betrieblichen Wissens einzugehen. Somit lässt sich auch dieser Film als typisches Beispiel der Gattung Managementfilm definieren.

Ob Zukunftsvisionen, wiederkehrende futuristische Ausstattungsmerkmale oder ausgefeilte Animationen komplexer Daten - dies sind alles kennzeichnende Elemente früher Industrie- oder Managementfilme um Unternehmensziele bzw. die gewünschten Aussageziele zu erreichen.

2.0 Wie vermittle ich meine Botschaften oder die Erzählmuster im Unternehmensfilm

In diesem Kapitel geht es um die verschiedenen Erzählstrukturen in Unternehmensfilmen. Das heißt, wie gelingt es den Filmemachern bzw. den Unternehmen ihre Botschaften in eine logische und interessante Handlung zu verpacken. Der Begriff Handlung bezieht sich dabei nicht zwangsläufig auf das Erzählen einer Geschichte wie man es aus dem klassischen Spielfilm kennt, sondern kann auch durch andere Elemente z.B. Grafiken oder Animationen erreicht werden. Übergeordnet wird auch der Frage nachgegangen ob, bzw. in wie weit sich die Erzählweise im Unternehmensfilm im Laufe der Zeit verändert hat. Welche Einflüsse aus dem Kinofilm, Dokumentarfilm oder Musikvideo beeinflussen den Unternehmensfilm? Diese und andere Fragen werden in Kapitel zwei beantwortet.

2.1 Handlung im Film darstellen

Die frühen Industriefilme waren, wie bereits erwähnt, oft Auftragsproduktionen für große Konzerne. Den Auftraggebern ging es meist darum, ihre komplexen Fertigungsabläufe sowie die entstehenden Produkte zu zeigen. Zudem sollte durch eine ansprechende Präsentation des Unternehmens im Film ein Imagegewinn erreicht werden. Der Managementfilm, der später folgte, hatte wie eben gehört, etwas andere Ziele. Ich möchte deswegen noch einmal kurz zurückgehen zum klassischen Industriefilm. Anhand des Films Philips Radio zeigt sich ein typischer Handlungsablauf eines frühen Industriefilms. Der Film Philips Radio entstand 1931 und wurde von Joris Ivens für den niederländischen Konzern Philips umgesetzt. Das Ziel des Unternehmens war, die komplexe Fertigung der Philips Radios zu zeigen. Die Struktur des Films orientiert sich dabei an der Arbeitsstruktur im Industriekonzern. Die hohe Rationalität in den Fertigungshallen von Philips drückt sich darin aus, dass die Herstellung der Radios ausdifferenziert wurde. Die Herstellung des Radios wurde in Teilprozesse zerlegt, die jeweils von Spezialisten erledigt werden. Die Produktion der Radios läuft also nicht in einem linearen Prozess ab, sondern ist aufgegliedert in komplexe Teilbereiche. So lässt sich individuelle Fachkompetenz optimal nutzen und die Produktion optimieren. Genau dieser Logik folgt auch der Film in seiner Handlung bzw. Struktur. Es wird nicht der lineare Prozess der Herstellung gezeigt, also wie entsteht nach und nach aus Einzelkomponenten ein fertiges Radio, sondern der ausdifferenzierte hochspezialisierte Fertigungsprozess. Schwerpunkte des Films sind: Die Arbeit des Glasbläsers, die Feinarbeit beim Zusammenbau der Glühlampen, die Präzision bei der Verschweißung, die akkurate Qualitätskontrolle.34 Joris Ivens hat versucht, die hohe Komplexität der gesamten Produktionskette zum Ausdruck zu bringen. Dafür opfert er die lineare Aufzählung eines Produktionsablaufs. Diese Herangehensweise findet sich in vielen Industriefilmen der damaligen Zeit und zum Teil auch heute noch. Das Publikum und die Reaktionen der Presse waren jedoch zweigeteilt. So lautete etwa eine Pressereaktion „too fragmentarly“.35 Ivens erhielt zwar Lob für die fotografische Qualität seines Films, doch bei der Handlung und Struktur des Films gab es Bedenken. Anders sah das die Firma Philips. Ihre Reaktion lautete: „a good modern film“.36 Doch scheinbar war auch Ivens nicht ganz von seinem Film überzeugt. Jahre später sagte er, Restriktionen von Philips haben ihn bei der Struktur des Films beeinflusst. Er versuchte auch, eine Anlehnung seines Films an das Werk Modern Times von Chaplin herzustellen.37 Diese Verbindung scheint jedoch weit hergeholt, da Chaplin vor allem die Auswirkungen der Fließbandarbeit kritisch betrachtet. Eine derartige Auseinandersetzung gibt es im Film von Ivens nicht. Weder wird die Situation der Arbeiter näher beleuchtet, noch die Auswirkungen eines nach Produktivitätskriterien optimierten Arbeitsablauf auf die sozialen Gefüge im Unternehmen. Der Film lebt durch die sichtbare Faszination für die Geräte, insbesondere die Faszination für die High- Tech-Produktion. Dieser Umstand ist durchaus legitim, da der Film konsequent das Funktionsprinzip eines High-Tech Elektrokonzerns filmisch umsetzt. Der Film von Ivens ist dabei nicht nur auf visueller Ebene in Fragmente zerteilt sondern auch auf der Tonebene. Ohne erklärenden Kommentar besteht der Soundtrack des Films aus Fragmenten von Musik, Geräuschen und Sprachfetzen. Die Fragmentierung der Handlung ist also ein typisches Erzählmuster früher Industriefilme.

2.2 Neue Entwicklungen beim Storytelling im

Unternehmensfilm am Beispiel Soundcheck und The Hire Mittlerweile sind die Handlungsabläufe und auch die gesamte Machart von Unternehmensfilmen wesentlich vielschichtiger geworden. „Storytelling gilt heute den meisten Unternehmen als Kernstück ihrer Repräsentationskultur. Mit dem Erzählen von Geschichten betreiben Unternehmen Markenkommunikation und versuchen, sich mit Markenstories konkurrenzstrategische Vorteile zu verschaffen“.38 Die gesellschaftliche- und wirtschaftliche Entwicklung hin zu einer globalisierten Welt hat auch Einfluss auf die Unternehmens- bzw. Imagefilme genommen. Unternehmen treten heute als Global Player auf und müssen diesem Anspruch auch in ihren Filmen gerecht werden. Reichert sagt dazu, Unternehmen müssen ihre Erzählungen auf „universell gültige Sujets und interkulturelle Motive, Bilder und Werte erweitern“.39

„ What is necessary in sensemaking is a good

story “ (Karl Weick)

Doch nicht nur durch die Globalisierung haben sich die Unternehmensfilme im Vergleich zu den 50er und 60er Jahren geändert. Auch die Entwicklung im Bereich Markenkommunikation hat daran wesentlichen Einfluss. Es geht nicht mehr darum, rationale Argumente oder Produkteigenschaften zu vermitteln, sondern zielgruppenspezifische Identitätswelten zu schaffen. Die Unternehmen wollen also den Zuschauern nicht mehr Fakten über z.B. die Produktion eines Radios näherbringen, sondern ihn für die eigene Unternehmenswelt begeistern. Die angesprochene Zielgruppe soll Teil des Unternehmens werden, sie soll sich zugehörig fühlen. Deswegen sind Unternehmen heutzutage an Medienformaten interessiert, die für Crosspublishing geeignet sind. So werden heute „Handy- Commercials wie Musikclips und Imagefilme wie Action-Blockbuster gedreht“.40 Insgesamt haben sich in Imagefilmen die visuellen Codes des Kinos durchgesetzt. Aus Sicht der Unternehmen durchaus verständlich. Das kommerzielle Kino steht für ein Medienformat, das weltweit rezipiert wird und über eine global verständliche Bildsprache verfügt. Diese Mischung aus Erzählen (die Geschichte bzw. Handlung) und erzählendem Medium (das Kino) ist für Unternehmensstrategien besonders interessant. Ähnlich wie Hollywood- Blockbuster wollen global agierende Unternehmen mit ihren Imagefilmen weltweit präsent sein und auch weltweit verstanden werden. So liegt es nahe, dass sich Imagefilme an die filmische Strategie, die Erzählfiguren oder die Rhetorik der Populärkultur anlehnen. Die öffentliche Wahrnehmung und der Wiedererkennungswert der Marke werden so gesteigert. Durch das Einbetten des Corporate Images in einen etablierten Filmtypus soll die mediale Aufmerksamkeit für die eigene Marke gesteigert werden.41

Nachfolgend möchte ich anhand von zwei Beispielen zeigen wie es gelingen kann, durch raffiniertes Storytelling mit Stilmitteln des Kinos einen modernen Imagefilm zu inszenieren. Zum einen handelt es sich dabei um die BMW Filmreihe The Hire aus dem Jahre 2001, zum anderen um die aktuelle 2009er Kampagne Soundcheck von Opel. BMW erstellte im Rahmen der Hire-Kampagne mehrere Imageclips bzw. Kurzfilme. Mit dem Opel Soundcheck soll die Markteinführung des neuen Astra begleitet werden. Er ist ähnlich angelegt wie ein Kinotrailer, nur dass er keinen kommenden Kinofilm bewirbt, sondern ein neues Auto. Zwei Varianten des Spots gibt es: Eine dreiminutige Online-Variante und einen zweiminutigen TV- und Kinospot.42

Zur Handlung von Soundcheck

Die Filmhandlung entspricht der eines Action-Films. Drei Protagonisten versuchen den Coup ihres Lebens zu landen. Sie alle sind Spione, die versuchen an geheime Unterlagen eines Casino Besitzers heranzukommen. Nachfolgend beziehe ich mich auf die dreiminutige Online-Fassung des Spots. Die Kino- und TV-Variante beträgt nur zwei Minuten und ist etwas anders aufgebaut.

Zu Beginn des Films wird kurz der wichtigste Handlungsort, das Casino, vorgestellt. Anschließend erhalten die drei Protagonisten einen Anruf mit dem Hinweis sich für den Coup bereit zu machen. Bereits zu Beginn gibt es ausgedehnte Fahrszenen, die das Auto von allen Seiten zeigen. Kurz bevor die weibliche Hauptdarstellerin am Zielort eintrifft, zeigt sich auch das Objekt der Begierde. In einem separaten Raum, der durch Bewegungsmelder und Laser geschützt ist, bewahrt der Casino-Besitzer die geheimen Dokumente auf. In der Parallelhandlung liefern sich die beiden männlichen Spione eine Verfolgungsjagd. Dabei werden verschiedene Funktionen des neuen Astra gezeigt und auch als Text-Inserts eingeblendet. Bei einem inszenierten Zusammenstoß mit dem Casino-Chef verpasst ihm die Spionin eine kleine Kamera. So können ihre beiden Komplizen im Opel Astra mit Hilfe eines Laptops, jederzeit das sehen, was auch der Casino-Chef sieht. Mit Hilfe einer ferngesteuerten Kamera und dem Blick des Casino-Besitzers gelingt es den Spionen dann, im Auto sitzend mit einem Laptop die Alarmanlage zu deaktivieren und die geheimen Informationen zu stehlen. In der verkürzten Fassung für das Fernsehen liefert ein Off-Sprecher zusätzliche Informationen. Zudem gibt es viele Texteinblendungen, welche den Zusammenhang von Handlung und Protagonisten erklären.

Zum Look des Films

Der Spot ist sehr aufwendig gedreht, was auch in einem Making-Off auf der Opel- Website deutlich wird. Kamerafahrten mit Dolly, Kran oder aufwendige Verfolgungsfahrten wurden inszeniert. Der materielle und personelle Aufwand ist also mit dem eines typischen Actionfilms vergleichbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Splitscreen mit den drei Hauptdarstellern Quelle: Opel (www.opel.de | 22.02.10)

[...]


1 vgl. (Hoffmann, 2002)

2 vgl. (Hoffmann, 2002)

3 (Richter, 2006)

4 vgl. (Richter, 2006)

5 vgl. (Reichert, 2007 S. 8)

6 (Reichert, 2007 S. 8)

7 (Reichert, 2007 S. 8)

8 vgl. (Reichert, 2007 S. 10)

9 (Zimmermann, 2007 S. 54)

10 (Zimmermann, 2007 S. 54)

11 (Zimmermann, 2007 S. 54)

12 (Zimmermann, 2007 S. 55)

13 vgl. (Hediger, 2007 S. 12)

14 (Hediger, 2007 S. 83)

15 (Hediger, 2007 S. 83)

16 (Hediger, 2007 S. 85)

17 (Hediger, 2007 S. 86)

18 (Hediger, 2007 S. 87)

19 (Hediger, 2007 S. 87)

20 (Hediger, 2007 S. 87)

21 (Prelinger, 2007 S. 16)

22 (Prelinger, 2007 S. 17)

23 (Prelinger, 2007 S. 18)

24 (Prelinger, 2007 S. 18)

25 (Prelinger, 2007 S. 20)

26 (Prelinger, 2007 S. 24)

27 (Reichert, 2007 S. 143)

28 (Reichert, 2007 S. 143)

29 (Reichert, 2007 S. 144)

30 vgl. (Reichert, 2007 S. 145)

31 vgl. (Reichert, 2007 S. 147)

32 (Reichert, 2007)

33 (Reichert, 2007)

34 vgl. (Heller, 2007 S. 52 f.)

35 (Heller, 2007 S. 54)

36 (Heller, 2007 S. 54)

37 vgl. (Heller, 2007 S. 54)

38 (Reichert, 2007 S. 130)

39 (Reichert, 2007 S. 130)

40 (Reichert, 2007 S. 130)

41 vgl. (Reichert, 2007 S. 130)

42 (W&V)

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Konzeption und Produktion eines Imagefilms für das Fraunhofer Institut Stuttgart
Untertitel
Analyse der Entwicklungsgeschichte des Unternehmensfilms, vom Industriefilm zum Corporate Video
Hochschule
Hochschule der Medien Stuttgart  (Fachhochschule)
Veranstaltung
Elektronische Medien Master, Mediengestaltung
Note
1,8
Autor
Jahr
2010
Seiten
82
Katalognummer
V204663
ISBN (eBook)
9783656317500
ISBN (Buch)
9783656319139
Dateigröße
3846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Imagefilm, Unternehmensfilm, Video, Corporate, Konzeption, Produktion, TV-Produktion, Film, Masterarbeit, Industriefilm
Arbeit zitieren
M.A. Andreas Fuchs (Autor), 2010, Konzeption und Produktion eines Imagefilms für das Fraunhofer Institut Stuttgart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204663

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