Der englische Roman des 20. Jahrhunderts kann in vielen Bereichen als Fortsetzung des 19.
Jahrhunderts gelten, da wichtige Elemente wie Struktur und Themenvielfalt übernommen und integriert wurden.
Dabei kristallisierten sich Realismus und Naturalismus als seine beiden Hauptströmungen heraus (Bradbury, 1973, S. 175).1
Dennoch setzen parallel zu dieser Eingliederung bekannter Elemente stilistische und themenmäßige Neuerungen ein, die völlig neue Facetten und Strömungen in den Roman als literarischem Genre implantieren.2
So begann etwa mit den Werken von Joseph Conrad eine bisher unbekannte Illusionskritik, die durch die Überlagerung der erzählten Geschichte durch Erzählvorgang und Interpretationsverhalten dem Roman völlig neue Wege eröffnete (Seeber, 1999, S. 317).
Psychologie und Existentialismus verschafften sich ebenfalls zunehmend einen literarischen Zugang und fanden ihre wohl intellektuellste Verwendung bei Virginia Wolf und James Joyce.
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1 Neben Realismus und Naturalismus als literarische Strömungen verweist die Forschung immer wieder auf die Strömung des Postmodernismus als wichtigem Ansatz. So spricht Lodge (1992) im Zusammenhang mit der Entwicklung des modernen englischen Romans zwischen Dokumentation, Realismus und Postmodernismus von einem „supermarket of styles“ (ebd., S. 209). Broich (1993) konstatierte für Großbritannien einen ´gedämpften Postmodernismus`, da der englische Roman – von der langen Tradition des realistischen Erzählens herkommend – nur sporadisch modernistische Einflüsse zulässt. Daraus entwickelt sich für Zerweck (2007) ein heterogener Ansatz, den er auch als Sammelbegriff für gegensätzliche kulturelle Phänomene aus verschiedenen Kontexten ansieht.
2 Zur Kontinuität der Romanentwicklung zwischen 19. und 20. Jahrhundert vgl. bes. Schirmer/Esch, (1973, S. 345). Seeber (1999) spricht bezüglich des Verhaftetsein im 19. Jahrhundert von einem „außerordentlichen Beharrungsvermögen“ des Romans des 19. Jahrhunderts, der oft nur „moderne Themen“ wie Sexualität, Entfremdung oder eine gestörte zwischenmenschliche Kommunikation integrierte (ebd., S. 309). Einen historisch-politisch geprägten Ansatz verfolgt Firdous (1993). Für ihn ist der Roman ein „carrier of bourgeois ideology“ (ebd., S. 26), weil für ihn die Entwicklung des Romans besonders im 19. Jahrhundert an den europäischen Kolonialismus gekoppelt ist und er für ihn „imperial messages enthält“ (ebd., S. 30/32). Vgl. hierzu auch Moon (1963).
Inhaltsverzeichnis
1. Der gegenwärtige englische Roman
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Entwicklung des englischen Romans im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, politischer und kultureller Transformationen. Im Zentrum steht dabei die Untersuchung, wie Autoren – insbesondere solche mit Migrationshintergrund – auf den Wandel von Traditionen, die postkoloniale Gegenwart und die damit verbundene Identitätsproblematik reagieren und diese in neuen, hybriden Erzählformen verarbeiten.
- Evolution des englischen Romans von der Moderne zur Postmoderne
- Einfluss gesellschaftspolitischer Veränderungen auf literarische Strömungen
- Die Rolle von Migration, Postkolonialismus und hybrider kultureller Identität
- Theoretische Konzepte von Hybridität, "Third Space" und Identitätskonstruktion
- Relevanz biographischer und autobiographischer Erzählweisen im aktuellen Roman
Auszug aus dem Buch
Der gegenwärtige englische Roman
Der englische Roman des 20. Jahrhunderts kann in vielen Bereichen als Fortsetzung des 19. Jahrhunderts gelten, da wichtige Elemente wie Struktur und Themenvielfalt übernommen und integriert wurden.
Dabei kristallisierten sich Realismus und Naturalismus als seine beiden Hauptströmungen heraus (Bradbury, 1973, S. 175). Dennoch setzen parallel zu dieser Eingliederung bekannter Elemente stilistische und themenmäßige Neuerungen ein, die völlig neue Facetten und Strömungen in den Roman als literarischem Genre implantieren.
So begann etwa mit den Werken von Joseph Conrad eine bisher unbekannte Illusionskritik, die durch die Überlagerung der erzählten Geschichte durch Erzählvorgang und Interpretationsverhalten dem Roman völlig neue Wege eröffnete (Seeber, 1999, S. 317). Psychologie und Existentialismus verschafften sich ebenfalls zunehmend einen literarischen Zugang und fanden ihre wohl intellektuellste Verwendung bei Virginia Wolf und James Joyce. So gelten Mrs. Dalloway (1925) oder Ulysses (1922) als klassische Beispiele für den experimentellen Roman. Die Verwendung von neuen Stilformen wie der 'stream-of consciousness-technique' oder der Epiphanie-Technik symbolisierten gleichsam den Bruch mit dem klassischen Realismus und verdeutlichten den Spagat zwischen Tradition und Moderne in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der gegenwärtige englische Roman: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die Entwicklung des englischen Romans im 20. Jahrhundert, diskutiert den Einfluss von Realismus, Modernismus und gesellschaftlichen Umbrüchen auf die literarische Form und führt zentrale Konzepte wie Hybridität und die literarische Auseinandersetzung mit postkolonialen Identitäten ein.
Schlüsselwörter
Englischer Roman, 20. Jahrhundert, Postkolonialismus, Migrationsliteratur, Hybridität, Identität, Modernismus, Realismus, Kulturtransfer, Erzählformen, Autobiographie, gesellschaftspolitischer Wandel, 'Third Space', postmoderne Literatur, britische Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Transformation des englischen Romans im 20. und frühen 21. Jahrhundert unter Berücksichtigung gesellschaftlicher und historischer Kontexte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kontinuität und der Bruch mit literarischen Traditionen, die Auswirkungen des Postkolonialismus, der Einfluss von Migration auf die Literatur sowie die Konstruktion kultureller Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie aktuelle englische Romane, insbesondere von Autoren mit Migrationshintergrund, auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen reagieren und diese in neuen, hybriden Erzählformen reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Theorieanalyse, die sich auf einschlägige Fachliteratur zur Literaturgeschichte, Postcolonial Studies und Romanistik stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die literarischen Strömungen, theoretische Konzepte wie Hybridität und der 'dritte Raum' nach Homi Bhabha sowie die narrative Verarbeitung von Migrationserfahrung und Identitätsproblematik analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Hybridität, postkoloniale Literatur, Migrationshintergrund, britische Identität und literarische Transformation charakterisiert.
Wie definiert Homi Bhabha das Konzept des 'dritten Ortes'?
Bhabha versteht den 'dritten Ort' oder 'dritten Raum' als einen Zwischenraum, in dem sich unterschiedliche kulturelle Entwürfe in einem permanent offenen Prozess begegnen und Neues schaffen.
Warum spielt die Biografie im modernen englischen Roman eine so wichtige Rolle?
Die Biografie und Autobiografie dienen Autoren als literarischer Rahmen, um eigene Erfahrungen unter dem Fokus von Migration und Immigration gezielt zu verarbeiten und komplexe Identitätsproblematiken darzustellen.
- Quote paper
- Matthias Dickert (Author), 2012, Der gegenwärtige englische Roman, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204799