Das Märe als Gattung - Zur Möglichkeit der Einordnung der mittelalterlichen Kurzerzählung in eine dynamische Gattungskonzeption


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

1 Einleitung

„Jedes wahre Kunstwerk hat eine festgelegte Gattung verletzt und auf diese Weise die Ideen der Kritiker verwirrt, die dadurch gezwungen wurden, die Gattung zu erweitern.“[1]

In dieser Seminararbeit soll der These „Das Märe als Gattung -Zur Möglichkeit der Einordnung der mittelalterlichen Kurzerzählung in eine dynamische Gattungskonzeption“ anhand von expliziten Beispielen nachgegangen werden.

Anfänglich werde ich für ein besseres Verständnis die Probleme der Gattungszuweisung im Mittelalter umreißen, bevor ich die Positionen von Klaus Grubmüller und Walter Haug, in dem Diskurs über eine Gattung Märe, skizziere und auf Ihre Anwendbarkeit hinsichtlich meiner These prüfe. Die Auseinandersetzung mit der scheinbaren Wiederherstellung und Wahrung der Ordo nach dem Regelverstoß in Texten, die das erotische Dreieck integrieren, sowie die Darstellung wichtiger Charakteristika der mittelalterlichen Kurzerzählungen stehen dabei im Mittelpunkt meiner Analyse.

Die überlieferten Texte besitzen ohne Frage bis heute einen besonderen Stilcharakter, der Rätsel aufgibt und den Rezipienten nicht gleich eine eindeutige Interpretationslenkung aushändigt.

Wie wurde der Begriff der Gattung im Mittelalter angewendet?

Wie kann man die Märe in eine Gattungskonzeption einordnen und inwiefern spielt die Interpretation der Texte dabei eine Rolle?

Als wissenschaftliche Grundlage zur Klärung dieser Fragen dienen primär die Texte in Grubmüllers Novellistik des Mittelalters[2]. Aber auch andere Autoren und ihre Arbeiten, unter anderem Wilhelm Voßkamps Gattungen[3], Hanns Fischers Studien zur Märendichtung[4], Helmut Brall-Tuchels Das Motiv des gegessenen Herzens[5] sowie Rüdiger Krohns Die Entdeckung der Moral oder: Ehebruch und Weisheit[6] sollen zum Beweis der eingangs gestellten These herangezogen werden, um Fachleute und deren Meinungen zu integrieren.

2 Gattungen

2.1 Zur Problematik der Bestimmung literarischer Gattungen

Die Zuweisung eines Werkes zu einer Gattung schafft nicht nur eine gewisse Erwartungshaltung, mit der der Leser an den Text herantritt, sondern stellt auch eine Deutungshilfe, eine Interpretationslenkung dar.

Die Fähigkeit literarische Erzeugnisse verschiedenen Arten zuordnen zu können und zu analysieren, ob und in welcher Art mit dieser gespielt wird, setzt jedoch das Verständnis des Begriffs „Gattung“ voraus. Die Fragen: „Was sind Gattungen, welche Kennzeichen besitzen sie und nach welchen Aspekten werden sie eingeteilt?" müssen vor der Anwendung auf das Märe erst noch beantwortet werden.

2.2 Normative und strukturalistische Lösungsansätze im Vergleich

Laut Voßkamps Definition, deren Aussage ich zustimme und die meiner Meinung nach hohe Priorität in diesem Diskurs besitzt, sind Gattungen Institutionen, die das Feld der Künste in Sparten gliedern und dominante Tendenzen sowie signifikante Faktoren dieser herausarbeiten.[7] Er sieht sie als ein kulturelles Konstrukt, was dem Menschen einen "Auslegungsfaden" geben soll, mit dem er zu einer Sinnstiftung gelangt.[8] Dies ist jedoch nicht der erste Versuch, den Gattungsbegriff zu definieren. Schon Platon setzte sich mit dieser Thematik auseinander.

Der Philosoph gehört so wie Goethe, Schlegel und Hegel zu den Vertretern der normativen, geschichtsphilosophischen oder anthropologischen Gattungskonzeption, welche triadische Modelle zur Einteilung nutzen.[9] Laut Goethe „(gibt es) [zum Beispiel] nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik und Drama. Diese drei Dichtweisen können zusammen oder abgesondert wirken.“[10] Die Dreiteilung in die Hauptformen des genus narrativum, genus dramaticum und genus mixtum, heute als Epik, Lyrik und Dramatik bekannt, schaffte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die Emanzipation der Künste ihren Durchbruch.[11] Diese Einteilung, sowie die damit verbundene Unterscheidung von objektiver und subjektiver Dichtung, wurde im volkssprachlichen Mittelalter allerdings noch nicht angewendet. Doch nicht nur dieser Fakt lässt mich von der eben vorgestellten Einteilungssystematik Abstand nehmen. Die Reduktion des Gesamtbereichs der Literatur, mit ihren unsagbar vielen verschieden Spielarten, Erweiterungen, Umkehrungen, Ausgestaltungen und Ausdrucksweisen auf nur drei Formen, sowie das fehlende Einbeziehen historischer Aspekte, führt dazu, dass einzelne Textformen vom Mittelalter bis zur Neuzeit nur unzureichend eingeordnet werden können. Den Vertretern dieser Theorie entfällt meiner Meinung nach, wie wichtig es ist, einen Text nicht aus seinem historischen Kontext zu reißen, da es dadurch passieren kann, dass er eine neue Bedeutung bekommt und sich seine eigentliche Funktion ändert.[12]

Die kommunikationsorientierten sowie struktur- und funktionsgeschichtlich ausgerichteten Gattungskonzepte, in denen dieses „[...] Bewußtsein von der Geschichtlichkeit der Gattungen präsent [bleibt]“[13], gewannen durch den Russischen Formalismus und die Prager Strukturalisten an Bedeutung. Durch rezeptionsgeschichtliche Ansätze von Jauß weiterentwickelt, wird die Gattungsgeschichte als ein zeitlicher Prozess fortgesetzter Horizontstiftung und Veränderung verstanden.[14] Literarische Gattungen und deren Charakteristika werden als wandelbare Gebilde, als Reihen, die keine lineare Entwicklung, sondern ein veränderndes Geflecht von Bezügen und Beziehungen zeigen, begriffen. Die Vertreter dieser Theorie ordnen die Werke, indem sie unter Nutzung der diachronischen Perspektive eine systemprägende Dominante suchen, die „[...] die Abgrenzung zu anderen Gattungen [...]“[15] schafft. Dabei kann die Grenze einer Gattungsstruktur die bloße Reproduktion dieser, welche bei ständiger Wiederholung an Wirkungskraft verliert und umstrukturiert werden muss, aber auch der Bruch mit der Konvention sein. Dieses Reihenmodell kann mit dem Modell der Familienähnlichkeit, in dem gewisse Merkmale erhalten bleiben, verglichen werden und zeichnet sich somit durch Überschneidungsfreiheit, fließende Übergänge und das Fehlen von Grenzen aus. Die vorgestellte dynamische Systematik ermöglicht uns einen Versuch der Gattungs- und Subgattungseinordnung von Literatur, die in einer Zeit verfasst wurde, in der es noch kein formuliertes Gattungsbewusstsein gab[16], sondern nur eine gattungsmäßige Orientierung. Bevor ich mich einigen Charakteristika der Gattung Märe widme, die beweisen sollen, dass die Kriterien zur Einordnung der mittelalterlichen Kurzerzählung in die dynamische Gattungskonzeption erfüllt sind, möchte ich noch auf zwei Wissenschaftler aufmerksam machen, deren Aussagen in diesem Diskurs, meines Erachtens nach, eine hohe Priorität besitzen. Sie haben sich mit der Thematik der Möglichkeit von einer Gattung namens Märe eingehend auseinandergesetzt und sind zu konträren Schlussfolgerungen diesbezüglich gelangt: Klaus Grubmüller und Walter Haug.

2.3 Zur Definition der mittelalterlichen Textform

In Grubmüllers Text Gattungskonstitution im Mittelalter[17] heißt es, dass „[...] eine Gattungspoetik der volkssprachigen Literatur des Mittelalters auf erhebliche Schwierigkeiten (stößt).“[18]

Laut ihm stand der Begriff Märe damals „[...] in aller Regel [für] ein erzählendes Gedicht, [was] dann alle denkbaren Unterarten zwischen Epos und Schwank (umfaßt) – und dazu kann es immer auch unterterminologisch für »Neuigkeiten« oder »Geschichten« stehen.“[19]

Dass das Mittelalter weder eine präskriptive noch eine deskriptive Gattungspoetik kennt, wird anhand dieser Definition verdeutlicht. Eine Gattungspoetik scheint jedoch nicht unmöglich. Dies zeigt der Autor, indem er das Märe „[...] als spezifisch mittelalterliche Ausprägung dessen, was mit Boccacio zur Novelle wurde“[20] kenntlich macht. Da über die Kriterien zur Bestimmung der Gattung aber bis dato keine Einigkeit herrscht, zweifelt Haug die Existenz dieser an. Er gelangt am Ende sogar zu dem Entschluss, dass es sie nicht gibt. Für ihn „[...] handle es sich (beim Märenerzählen) um Erzählen im gattungsfreien Raum, damit fehle der Rahmen, der Sinnstiftung erst ermögliche, und deshalb handle das Märe […] vom Sinnlosen […].“[21] Er ist der Ansicht, dass durch die Vielfalt der Erscheinungen der Kurzgeschichten kein literarisches Regelsystem auszumachen ist, es keine gattungsmäßige Identität gibt und das Märe Literatur ohne Sinnvorgabe darstellt. Literatur, die literarische Erfahrung des Sinnlosen demonstriert. Doch kann man das Märe wirklich auf diese Art definieren? Handelt es sich um Sinnloses anstatt um Sinnhaftes? Meiner Meinung nach stehen die mittelalterlichen Kurzerzählungen nicht in einem gattungsfreien Raum. Der Autor setzt die fehlende Sinnvorgabe der Texte mit der Sinnstiftung der Leser und Hörer gleich. „Die Relation von Sinnvorgabe eines Textes (organisiert in narrativen Strukturen) und Sinnfindung (produziert vom Rezipienten) bleibt bei Haug merkwürdig im Unklaren.“[22] Der Leser muss jedoch immer beachten, dass man ein Erzählung, so wie es auch das Märe ist, auf zwei Ebenen wahrnehmen kann. Der Handlungs- und der Rezipientenebene.

Schließlich könnte auch belegt werden, daß die Bedingungen von Ordnung auf der Handlungebene verunklart werden durch eine bestimmte Erzählstrategie. Dann tun sich mehr Sinnschichten auf, die die Frage provozieren, ob Mehrsinnigkeit zugleich Unsinnigkeit bedeutet.[23]

Noch ein weiterer Fakt lässt darauf schließen, dass Haug mit seiner Theorie falsch liegt. 20 Jahre bevor seine Kriterien für das gattungsfreie Erzählen des Sinnlosen erschienen, wurden diese, von dem Romanisten Neuschäfer, als Kennzeichen einer literarischen Gattung herausgearbeitet, der Boccacio-Novelle, auf die sich auch Grubmüller bezieht.[24] Attribute, die für die Einordnung in die Gattung Novelle sprechen, können meiner Meinung nach nicht gleichzeitig Merkmale für einen gattungsfreien Raum der mittelalterlichen Kurzerzählung sein. Ich stimme de facto Grubmüller zu, der das Märe als Gattung sieht und darauf aufmerksam macht, dass es, trotz fehlendem Gattungsbewusstsein, auch im Mittelalter schon Werkreihen gegeben hat „[...] deren Gattungscharakter nicht in Zweifel gezogen werden kann: in der deutschen Literatur z.B. den Artusroman, das Heldenepos, das Minnelied, den Sangspruch […] und viele andere[...].“[25] Er benutzt für das Märe den Begriff der literarischen Reihen, den schon Ernst Cassierer vertreten hat und „[...] als die »empirische Reihenform der Koexistenz und Sukzession« profiliert[...].“[26]

Um das Märe als Gattung zu etablieren, muss man somit Umkehrungen, Erweiterungen oder auch Spielformen als Beispiele für den Normalfall historischer Abläufe betrachten.

Im Folgenden möchte ich mich demnach von den ahistorischen Gattungskonzepten, die Entwicklungen ausschließen und die Literaturgeschichte sowie ihre zeitliche Erstreckung nicht bedenken, distanzieren und die Gattung Märe als eine literarische Reihe verstehen, die im Laufe der Zeit immer wieder das Verhältnis von Muster und Variation ändert.

Da im Mittelalter oftmals der Verfasser eines Textes für eine Gattung steht, ist der Traditionalismus dieser Zeit „[...] auf Autoritäten und autorisierte Muster gerichtet, nicht auf Begriffe, Regeln und Systeme. Er ist damit […] dem ersten gattungsstiftenden Muster verpflichtet, den »normbildenden Werken (Prototypen)«.“[27] Der Prototyp ist, laut Hanns Fischer, der sich ebenfalls mit einer Definition des Märe auseinandersetzte, der Stricker.[28] Diese Texte, die den Anfang der literarischen Reihe darstellen, wurden in vierhebigen Reimpaarversen verfasst, besitzen einen illustrativen, man kann auch sagen demonstrativen Stil und befassen sich mit dem „[...] Thema: das richtige Verhalten des Menschen gemäß der von Gott gesetzten Ordnung der Welt.“[29] Stricker diskutiert in ihnen die Bedingungen des Zusammenseins, denen er die gesellschaftliche Ordnung gegenüberstellt, thematisiert den Umgang mit Fehltritten sowie Naivität, überzeichnet die Prinzipien der Treue und lässt seine Erzählungen dabei oft höfisch und lehrreich wirken. Dass manche dieser Merkmale zur Einordnung in die Gattung verändert und erweitert werden, ja mit der Zeit wachsen und reifen, wie es auch das Publikum und deren Erwartungshaltung sowie die Gesellschaft tun, die „[...] Mären des Strickers [also] als Anfangspunkt […] einer Textform gelten, die sich nach dieser Tradition in Variierung und Abänderung als und zur Gattung weiterentwickelt [...]“[30], werde ich anhand von expliziten Beispielen mittelalterlicher Kurzerzählungen kenntlich machen.

Um vorerst eine Idee davon zu bekommen, was man sich unter einer veränderten Bezugnahme auf den Prototypen vorstellen kann, liefert die häufige Auseinandersetzung mit dem Thema „Liebe“ in den Mären ein prägnantes Beispiel. Die Liebe überwindet innerhalb der Gattung immer wieder Ordnungen durch List und Betrug und dies „[...] dezent in den eher höfischen Minnemären, deftig und voller Lust am Tabubruch in anderen.“[31] Später verfasste Texte führen zusätzlich oftmals obszöne und fäkalische Situationen vor und beschreiben diese sehr ausführlich. In vielen mittelalterlichen Kurzerzählungen kann „[...] von der gottgewollten Ordnung der Welt, wie sie beim Stricker durchaus als thematisches Gattungskriterium eingesetzt werden muß, […] nicht mehr die Rede sein.“[32] Auch wenn eine deutlich veränderte Bezugnahme, wie es dieser kurze Einblick zeigt, zu sehen ist, denn er macht auf die Entwicklung in den Mären von der anfangs göttlichen Ordnung hin zu einer chaotischen Welt, die auch Gott nicht mehr akzeptabel findet aufmerksam, lässt er meines Erachtens nach, mithilfe der historischen Gattungspoetik, eine Tradition erkennen, die die literarische Reihe der Märe nachweist und etabliert. Grubmülllers Position kann somit zur Bestätigung der eingangs gestellten These herangezogen werden.

Gattungen sind […] zu begreifen als die Rekonstruktion solcher Werkzusammenhänge in ihrer Konstanz und ihrer Veränderung. Das schließt ein, daß Gattungen stets nur im Wandel betrachtet werden können. Nur ein Gattungsbegriff, der auf historische Dynamik gegründet ist, ist den Literaturen des Mittelalters […] angemessen.[33]

Die Gattung Märe wird als Typenbild in einem fortwährenden Prozess der „[...] Traditionsstiftung, Traditionserfüllung und Traditionsveränderung [...]“[34], die die Hervorbringung von Texten lenkt, verstanden. Aufeinanderfolgende Stufen oder Elemente beziehen sich demnach, kontinuierlich oder diskontinuierlich, aber auf jeden Fall erkennbar und beschreibbar aufeinander. So braucht man die anfänglichen Kriterien am Ende nicht mehr erwarten.[35] Ich möchte mich Grubmüllers Position anschließen, die mittelalterliche Gattungen in der volkssprachlichen Literatur als dynamische literarische Reihen ohne feste Merkmalsbündel ansieht und vor der Auseinandersetzung mit den Beispieltexten noch darauf aufmerksam machen, dass im Folgenden stets im Auge behalten werden sollte, dass jede Art von Einordnung einer Erzählung in eine Gattung rückwirkend, also retrospektiv vorgenommen wird.

3 Anwendung auf das Märe

3.1 Das erotische Dreieck und der damit verbundene Regelverstoß

Im Folgenden werde ich mich auf drei Geschichten, die das erotische Dreieck beinhalten, beziehen, da das Hauptmotiv der Märe meiner Meinung nach der Ehebruch ist. Ob in den schwankhaften, in den höfisch-galanten oder in den moralisch-exemplarischen Mären[36], immer wieder fällt auf, dass die literarische Reihe der Märe sich sehr oft mit dem Thema des Ehebruchs, der durchweg von der Frau auszugehen scheint, und den verschiedenen Varianten der Reaktion darauf auseinander.[37] Die Untreue des listigen weiblichen Geschlechts[38] oder das fehlerhafte Verhalten des Ehemanns diesbezüglich, der dann „[...] gegen die Regeln menschlichen Zusammenlebens und mitmenschlicher Achtung [...]“[39] verstößt, stellen dabei einen Verletzung der rechten und gottgewollten Ordnung dar, welche durch die Ahndung des Fauxpas wiederhergestellt werden soll. Im Laufe der Zeit entwickelt und erweitert sich die dynamische Gattung Märe. Die Bestrafungen der Regelverstöße werden immer drastischer. Die thematische Auseinandersetzung der Kurzerzählungen mit der Illoyalität gegenüber der gewöhnlichen Ordnung, die die Texte, welche ein erotisches Dreieck besitzen, aufzeigen, bleibt jedoch sowie der Zusammenhang von Dummheit und Blamage oder auch Unmoral und Strafe immer beibehalten. Sie stellt einen Bezug zum Prototypen dar und ist meiner Meinung nach ein erstes Signal, was auf die Ausbildung einer literarischen Reihe schließen lässt. Für viele Kurzerzählungen ist es dabei kennzeichnend, „[...] daß sie geradezu programmatisch auf eine echte Wiederherstellung der Ordnung [, die am Ende der Erzählungen oftmals durch ein Epimythion verdeutlicht wird] verzichten [...]“[40]. Die Texte Das Schneekind[41], Der begrabene Ehemann[42] und Das Herzmaere[43] befassen sich mit dem erotischen Dreieck, sowie dessen Auswirkungen und werden im Folgenden herangezogen, um meine eingangs gestellte These zu beweisen.

[...]


[1] Benedetto Croce: Gesammelte Philosophische Schriften. Aesthetik. online unter: http://books.google.de/books?id=tyt_sPQfIeMC&pg=PA40&lpg=PA40&dq=%E2%80%9EJedes+wahre+Kunstwerk+hat+eine+festgelegte+Gattung+verletzt+und+auf+diese+Weise+die+Ideen+der+Kritiker+verwirrt,+die+dadurch+gezwungen+wurden,+die+Gattung+zu+erweitern.&source=bl&ots=2BitXUecLJ&sig=zECkiYxENSst5v8z0qYUG36LLxw&hl=de&sa=X&ei=KYcfUJDTKMXtsgaTnoGADw&ved=0CEYQ6AEwAQ#v=onepage&q=%E2%80%9EJedes%20wahre%20Kunstwerk%20hat%20eine%20festgelegte%20Gattung%20verletzt%20und%20auf%20diese%20Weise%20die%20Ideen%20der%20Kritiker%20verwirrt%2C%20die%20dadurch%20gezwungen%20wurden%2C%20die%20Gattung%20zu%20erweitern.&f=false, S. 40, Datum des letzten Zugriffs 11.08.2012.

[2] Novellistik des Mittelalters. Märendichtung. Hrsg., übersetzt und kommentiert von Klaus Grubmüller. Berlin: 2011.

[3] Wilhelm Voßkamp: Gattungen. In: Brackert H.; J. Stückrath (Hrsg.): Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs. o.O.: 1992, S. 253-269.

[4] Hanns Fischer: Studien zur Märendichtung. Tübingen: 1983.

[5] Helmut Brall-Tuchel: Das Motiv des gegessenen Herzens in der mittelalterlichen Novellistik. In: Dallapiazza, Michael; Darconza Giovanni (Hrsg.): La novella europea. Origine, sviluppo, teoria. Rom: 2009, S. 71-89.

[6] Rüdiger Krohn: Die Entdeckung der Moral oder: Ehebruch und Weisheit. Das Märe von der 'Suche nach dem glücklichen Ehepaar' und die Kaufringer-Sammlung im cgm 270. In: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 4. Bielefeld: 1987, S. 257-272.

[7] Vgl. Voßkamp: Gattungen, S. 253.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Johann Wolfgang Goethe: West-östlicher Divan. Studienausgabe. o.O.: 1999, S. 190.

[11] Vgl. Hans Robert Jauß: Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft. Frankfurt am Main: 1970, S. 108.

[12] Vgl. ebd., S. 136.

[13] Voßkamp: Gattungen, S. 255.

[14] Vgl. ebd., S. 257.

[15] Jauß: Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, S. 112.

[16] Vgl. ebd., S. 196.

[17] Klaus Grubmüller: Gattungskonstitution im Mittelalter. In: Nigel F. Palmer, Hans-Jochen Schiewer (Hrsg.): Mittelalterliche Literatur und Kunst im Spannungsfeld von Hof und Kloster. Ergebnisse der Berliner Tagung, 9.-11. Oktober 1997. Tübingen: 1999, S.193-210.

[18] Ebd., S. 209.

[19] Ebd., S. 196.

[20] Ebd., S. 199.

[21] Ebd., S. 200.

[22] Rüdiger Schell: Erzählstrategie, Intertextualität und 'Erfahrungswissen' . Zu Sinn und Sinnlosigkeit spätmittelalterlicher Mären. online unter: http://books.google.de/books?id=G5Il0JyPV4wC&pg=PA370&lpg=PA370&dq=haug+%C3%BCber+das+maere&source=bl&ots=SzMbValWy_&sig=1sgikQnNRKsKnXIr6UdSWYEeS1k&hl=de&sa=X&ei=HIUOUNKdA9Husgbo0oCwDw&ved=0CFAQ6AEwAw#v=onepage&q=haug%20%C3%BCber%20das%20maere&f=false, 370f., Datum des letzten Zugriffs 11.08.2012.

[23] Ebd., S. 372.

[24] Vgl. Hans-Jörg Neuschäfer: Strukturen der Kurzerzählung auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. München: 1983.

[25] Grubmüller: Gattungskonstitution im Mittelalter, S. 200.

[26] Ebd., S. 201.

[27] Ebd., S. 209.

[28] Vgl. ebd., S. 202. (Fischer kam zu folgender Konklusion: „Ein Märe ist eine in paarweise gereimte Viertaktern versifizierte, selbständige und eigenzweckliche Erzählung mittleren (150-2000 Verse) Umfangs, deren Gegenstand fiktive, diesseitig-profane und unter weltlichem Aspekt betrachtete, mit ausschließlich (oder vorwiegend) menschlichen Personal vorgestellte Vorgänge sind.“ Seine Märentypologie teilt sich in drei Grundtypen. Das Schwankmäre, das höfisch-galante Märe und das moralisch-exemplarische Märe. → A. Hofmeister: Didaktische Dichtung. online unter: http://dokumente-online.com/literarische-traditionen-1-3291_21.html, Datum des letzten Zugriffs 11.08.2012.)

[29] Ebd.

[30] Silvan Wagner: Gottesbilder in höfischen Mären des Hochmittelalters.Hhöfische Paradoxie und religiöse Kontingenzbewältigung durch die Grammatik des christlichen Glaubens. Frankfurt amMain: 2009, S. 67.

[31] Grubmüller: Gattungskonstitution im Mittelalter, S. 202.

[32] Ebd., S. 202f. (Hierzu auch: Die Buhlschaft auf dem Baume – körperlicher Angriff auf Petrus)

[33] Ebd., S. 210.

[34] Joachim Heinzle: „Märenbgriff und Novellentheorie“. In: K. H. Schirmer (Hrsg.): „Das Märe“. Darmstadt: 1983, S. 93. (Gattungsbegriff nach Jauß)

[35] Vgl. Grubmüller: Gattungskonstitution im Mittelalter, S. 200 f.

[36] Vgl. Hanns Fischer: Studien zur Märendichtung, S. 101.

[37] Vgl. Krohn: Die Entdeckung der Moral oder: Ehebruch und Weisheit, S. 271.

[38] Hierzu auch: Das Schneekind, Der kluge Knecht, Drei listige Frauen

[39] Klaus Grubmüller: Das Goteske im Märe als Element seiner Geschichte. Skizzen zu einer historischen Gattungspoetik. In: Haug, Walter; Burghart Wachinger. (Hrsg.): Kleinere Erzählformen des 15. und 16. Jahrhunderts. Tübingen: 1993. S. 37-54, hier S. 44. (Hierzu: Der begrabene Ehemann)

[40] Walter Haug: Die Lust am Wahnsinn. Chaos und Komik in der mittelalterlichen Kurzerzählung.In: Ders. (Hrsg.): Die Wahrheit und Fiktion. Studien zur weltlichen und geistlichen Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Tübingen: 2003. S. 347-356, hier S. 347.

[41] Grubmüller: Novellistik des Mittelalters, S. 82-92.

[42] Ebd., S. 30-42.

[43] Ebd., S. 262-294.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Märe als Gattung - Zur Möglichkeit der Einordnung der mittelalterlichen Kurzerzählung in eine dynamische Gattungskonzeption
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V204859
ISBN (eBook)
9783656320425
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
märe, gattung, möglichkeit, einordnung, kurzerzählung, gattungskonzeption
Arbeit zitieren
Claudia Ehrentraut (Autor), 2012, Das Märe als Gattung - Zur Möglichkeit der Einordnung der mittelalterlichen Kurzerzählung in eine dynamische Gattungskonzeption, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204859

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