Kirche als Weltkirche


Seminararbeit, 2011
15 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Katholizität

3. Weltweite im II. Vatikanischen Konzil
3.1. Realisierung von Weltkirche durch das II. Vatikanum
3.2. Der Volk-Gottes-Begriff in Lumen Gentium

4. Mission
4.1. Missionspraxis in der Vergangenheit
4.2. Prinzipien von Mission heute

5. Realisierung von Weltkirche
5.1. Kontextuelle Theologie
5.2. Austausch von Ortskirchen
5.3. Aufgaben Roms

1. Einleitung

Die katholische Kirche ist Weltkirche – faktisch und auch von ihrem Wesen her. Doch neben den weltkirchlichen Entwicklungen gibt es auch den Prozess der Globalisierung und seine Vorläufer, den Kolonialismus. Diese haben zu einem Großteil der Ungleichheiten, finanziellen sowie politischen Ungerechtigkeiten beigetragen. Eine Kirche, die in der Welt ist und weltweit vertreten ist, hat die Aufgabe, sich gegen Tendenzen zu stellen, die Menschen unterdrücken und ausbeuten. Sie hat auch die Aufgabe, sich in ihrer eigenen Entwicklung nicht einfach von Globalisierungsprozessen leiten zu lassen, sondern sich insbesondere der Armen und in jeglicher Weise Geknechteten anzunehmen und ihre Theologie von ihnen her zu entfalten. Dies ist eine Kritik am europäischen Christentum, das vielerorts eine bürgerliche Wohlstandsreligion geworden ist. Häufig lässt Ignoranz und mangelnder Weitblich vergessen, dass gerade Europa in der Vergangenheit viel Unrecht begangen hat und Folgen dieses Unrechts bis heute nachwirken. Dies kann und darf in der katholischen Weltkirche nicht unterschlagen werden und bleibt auch weiterhin ein Gebot der Stunde für Theologie und Diakonie.

2. Katholizität

Vom griechischen Begriff καθολικός stammend, bedeutet Katholizität so viel wie „Allumfassendheit“ oder „Fülle“.[1] Mit dem Adjektiv „katholisch“ ist häufig die Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche gemeint. Dennoch kann dieser Begriff nicht monokonfessionell besetzt werden, da auch andere Kirchen und Konfessionen sich als „katholisch“ verstehen. Wie Silvia Hell in ihrem Aufsatz gezeigt hat, wird der Begriff der Katholizität allerdings unterschiedlich verwendet und aufgefasst.[2] So wird es notwendig das, was mit diesem Begriff aus der römisch-katholischen Perspektive ausgesagt wird, inhaltlich zu umgrenzen.

Nach dem Apostolischen Glaubensbekenntnis ist Katholizität eines der vier Wesensmerkmale von Kirche.[3] Franz Weber beschreibt sie als eine Grundhaltung „innerer und äußerer Weite“[4], verbindet damit „Grenzüberschreitung und Gesprächsbereitschaft, [...] Weltoffenheit, [...] Interkulturalität, [...] ökumenische[n] und interreligiöse[n] Dialog“[5]. Aufgrund der Geschichtlichkeit von Kirche ist Katholizität aber nicht nur ein Wesensmerkmal, das ihr einfach innewohnt, sondern eine dynamische Dimension, die sich erst realisieren muss und an verschiedenen Orten unterschiedlich realisiert.[6] Das Katholisch-Sein ist der Kirche also sowohl mitgegeben als auch zur Verwirklichung aufgegeben.

Im Zusammenhang mit dem ökumenischen Dialog ist zu sehen, dass die römisch-katholische Kirche für sich selbst zwar beansprucht, die katholischen Merkmale am adäquatesten zu verwirklichen, dass aber mit den Worten Johannes‘ Paul II. in seiner Enzyklika „Ut unum sint“ in anderen Kirchen „gewisse Aspekte des christlichen Geheimnisses bisweilen sogar wirkungsvoller zutage treten“[7]. Diese Einschätzung eröffnet Raum für den Dialog und zeigt an, dass auch die römisch-katholische Kirche sich noch auf dem Weg befindet, ihre ihr mitgegebene Katholizität einzulösen. Es ergibt sich also aus dem Begriff der Katholizität, den die Kirche in ihrem Namen trägt, eine weltweite Dimension, die letztlich auch alle Menschen ansprechen will, die sich ansprechen lassen.

3. Weltweite im II. Vatikanischen Konzil

In diesem Kapitel möchte ich darauf eingehen, inwieweit das II. Vatikanische Konzil einen Beitrag zur Verwirklichung des weltkirchlichen Charakters geleistet hat, zunächst im Entstehungs- und Abhaltungskontext des Konzils und anschließend anhand des Volk-Gottes-Begriffs, den das Konzil v.a. in der Konstitution Lumen Gentium ausgearbeitet hat.

3.1. Realisierung von Weltkirche durch das II. Vatikanum

Am Tag der Ankündigung eines Konzils sprach Johannes XXIII. u.a. von der veränderten Lage in der Stadt Rom, die sich seit seiner Jugend immer mehr gewandelt, immer mehr ein Schauplatz der global vor sich gehenden Veränderungen geworden war.[8] So kündigte der Papst ein Konzil an, das nicht nur ein aggiornamento, sondern mit Kardinal Lehmanns Worten ein „Konzil des historischen Übergangs“[9] sein sollte, das die Kirche aus der nachtridentinischen, ja sogar der konstantinischen Zeit herausführt und einen neue Phase einleitet.[10] Der Blick auf die veränderte Lage der Welt hatte den Papst also zu diesem Schritt bewogen. Diese Intention zur Einberufung eines Konzils unterschied sich sehr von Programmen anderer Kirchenversammlungen, die hauptsächlich aus dogmatischen Gründen stattfanden.[11]

Mit dem II. Vatikanischen Konzil sollte die alte Vorstellung von der Kirche als ein Gegenüber zur Welt überwunden werden, so dass sie wieder in einen Dialog mit der Welt treten konnte. Sehr deutlich zeigt sich das an der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“, die „das Verhältnis der Kirche zur Welt und zu den Menschen von heute darzustellen beabsichtigt“[12] und sich gezielt an die Menschen in ihren konkreten Lebenssituationen richtet. Das Konzil brachte die Kirche von ihrer weltabgewandten Einstellung zu einer Weltzugewandtheit.

Dieser Schritt war notwendig und Voraussetzung dafür in einem weiteren Schritt auch die Vielgestaltigkeit der kulturellen Räume angemessen wahrnehmen und theologisch aufarbeiten zu können. In einer viel zitierten Aussage Karl Rahners heißt es, das II. Vatikanische Konzil sei „der erste amtliche Selbstvollzug der Kirche als Weltkirche[13]. Gleich im Anschluss geht er darauf ein, dass die „Kirche ‚in potentia‘ immer Weltkirche war“[14], sich aber bis dato nicht als solche vollzogen hatte. Allerdings wertet er das Tun des Konzils so, dass auch hier das „Wesen[...] der Kirche als Weltkirche erst recht sehr anfanghaft und schüchtern in Erscheinung getreten war“[15].

Was aber macht das Weltkirchliche des Konzils aus? Zum einen zeigte die Zusammensetzung der Konzilsväter bereits die Präsenz der Weltkirche. Denn kamen zum I. Vatikanischen Konzil „nur“ Missionsbischöfe aus den nicht-westlichen Erdteilen, so waren beim II. Vatikanum zum ersten Mal auch einheimische Bischöfe aus Asien und Afrika vertreten, wenn auch noch nicht in angemessener Zahl.[16] Theologisch ging das Konzil auf einige Problemfelder ein, welche die weltkirchliche Dimension betrafen. So wurde in Bezug auf die Mission angesprochen, dass der Glaube eines freien Ja bedarf und jeglicher Zwang fehl am Platz ist. Die Autonomie der Regionalkirchen wurde hervorgehoben, da es die kontextuelle Verortung der jeweiligen Kirchen ermöglicht, die Konkretheit verschiedenster Lebenssituationen in den Blick zu nehmen.

Rahner selbst nennt als eine Begründung seiner These, dass die dem Konzil vorangegangenen großkirchlichen Ereignisse noch „keine Rückwirkungen auf die europäisch-nordamerikanische Kirche hatten“[17], die er bis dahin als dominierend ansah. Die Teilnahme eines Weltepiskopats am Konzil wertet er als einen „qualitative[n] Sprung“[18], der dazu führte, dass die Kirche nicht mehr nur eine Kirche des Abendlandes war, die mit dem Tun einer Exportfirma verglichen werden konnte, sondern dass sie immer mehr ihr Wesen als Weltkirche aktualisierte.[19] Auch in den Konzilsdokumenten werde das deutlich. So nennt Rahner beispielsweise die Einführung der Muttersprache, wozu das Konzil den entscheidenden Anstoß gegeben hatte. Denn Latein war nur die Sprache eines kleinen partikulären Kulturkreises und keinesfalls geeignet als Liturgiesprache für die ganze Welt zu fungieren.[20] Außerdem konstatiert Rahner, dass selbst die lehrhaften Dekrete bemüht sind, sich nicht allzu stark an den neuscholastischen Sprachstil anzulehnen, der vorwiegend in der europäischen Theologie verwendet und verstanden wird, sondern die Aussagen so zu formulieren, dass sie leichter in die verschiedenen Sprachen und Kulturen übersetzbar sind.[21]

Der Übergang zur Weltkirche, der durch das II. Vatikanische Konzil eingeleitet worden ist, sei laut Rahner in seiner historischen Dimension einzig mit dem Übergang des Judenchristentums zum hellenisierten Christentum durch Paulus vergleichbar.[22] Für ihn stellte das Konzil also eine entscheidende Zäsur dar. Bei dieser Gesamtinterpretation des Konzils ist Rahner möglicherweise allzu sehr innerkirchlich verhaftet geblieben. Denn Hoping kritisiert, Rahner habe die gesellschaftlichen und politischen Faktoren außer Acht gelassen und somit übersehen, dass das Konzil nicht zufällig mit dem Prozess der Globalisierung zusammentraf, welcher erst den religiösen und kulturellen Pluralismus zum Thema machte.[23] So gesehen trug das Konzil einer Entwicklung Rechnung, die von außen her auch die Kirche beeinflusste. Die Öffnung der Kirche, die sich mit dem II. Vatikanum vollzog, wäre somit nicht von inneren theologischen Gründen geleitet gewesen. Meiner Meinung nach ist es jedoch entscheidend, dass diese Entwicklung stattgefunden hat und auch gut theologisch begründet werden kann.

[...]


[1] Vgl. Hell, Aspekte, 150.

[2] Vgl. Hell, Aspekte.

[3] Vgl. Weber, Katholizität, 115.

[4] Ebd., 116.

[5] Ebd.

[6] Vgl Weber, Katholizität, 117.

[7] Johannes Paul II.: Ut unum sint (25.05.1995) Nr. 14.

[8] Vgl. Johannes XXIII., Ansprache, 387.

[9] Lehmann, Einleitung, 11.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd., 12.

[12] GS, Fußnote zur Überschrift.

[13] Rahner, Grundinterpretation, 288.

[14] Ebd.

[15] Ebd., 289.

[16] Vgl. Collet, Kirche, 99. Ebenso Rahner, Grundinterpretation, 290.

[17] Rahner, Grundinterpretation, 289.

[18] Ebd., 291.

[19] Vgl. Rahner, Grundinterpretation, 291.

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. ebd., 292.

[22] Vgl. ebd., 294-297.

[23] Vgl. Hoping, Pragmatik, 85.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kirche als Weltkirche
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Liturgiewissenschaft, Christliche Kunst und Hymnologie)
Veranstaltung
Volk Gottes Heute (SE)
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V204865
ISBN (eBook)
9783656313892
ISBN (Buch)
9783656314301
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirche, Weltkriche, Mission, II. Vatikanisches Konzil, Ortskirchen
Arbeit zitieren
Johanna Bulin (Autor), 2011, Kirche als Weltkirche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204865

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