Mitte der Fünfzigerjahre galt das katholische Unterschichtenmädchen vom Lande für Pädagogen und Soziologen als Sinnbild für jene Schicht, der der Zugang zur Bildung am schwersten möglich war, heute jedoch werden Mädchen als Bildungsgewinner gesehen. Mädchen verfügen über die gleichen Chancen in der Schule und schließen diese sogar mit besseren und höheren Abschlüssen ab (vgl. Abbildung 1).
Jedoch hat sich der Erfolg der Mädchen in der Schule nicht auf die beruflichen Chancen von Frauen ausgeweitet. Trotz einer höheren Studienberechtigtenquote (vgl. Abbildung 2) nehmen Frauen seltener ein Studium auf (vgl. Abbildung 1) und immatrikulieren sich eher für einen Studiengang im sozialen Bereich. In den MINT -Studiengängen, welche oft zu gut bezahlten und angesehenen Jobs führen, sind Frauen hingegen unterrepräsentiert (vgl. Abbildung 3) und auch bei Promotionen, Habilitationen (vgl. Abbildung 4) und in Führungsebenen dominieren die Männer . Ebenfalls unverändert ist die Tatsache, dass die Hauptverantwortung für den Haushalt mehrheitlich das weibliche Geschlecht trägt (vgl. Abbildung 5), eine Gleichberechtigung der Geschlechter im Beruf ist noch nicht erreicht.
Die Diskrepanz zwischen dem schulischen und dem beruflichen Erfolg von Frauen ist unter anderem auf die geschlechtsspezifische Sozialisation zurückzuführen. Die klassische Eigenschaftszuteilung und die daraus resultierende Rollenverteilung, bei welcher der liebenden Frau die Pflege des Haushaltes und der Kinder zukommt und der herrschende Mann für die Ernährung der Familie zuständig ist, sind in unserer modernen Gesellschaft noch von großer Bedeutung. Dies zeigt beispielsweise die Einteilung in typische Männer- und Frauenberufe, sowie das Ansehen und die Bewertung dieser geschlechtsspezifischen Berufe.
Die geschlechtstypische Sozialisation wird von verschiedenen Sozialisationsinstanzen, wie beispielsweise Familie oder Freunden, durchgeführt. Aber auch die Schule spielt hierbei ein wichtige Rolle, denn so sind es unter anderem „die „helfenden“ Hände der Pädagogen, die […] durch die bewusste oder unbewusste Vermittlung überkommener sexistischer Ideologien“ das Bestehen der traditionellen Männer- und Frauenbilder sichern.
Aus diesem Grund wird im Folgenden dargestellt: Einfluss der Schule auf die Geschlechter-Stereotypisierung,aktuelle Erkenntnisse der Geschlechterforschung, geschlechtsspezifische Sozialisation in der Schule, geschlechtergerechter Unterricht
Inhaltsverzeichnis
I) Zur Diskrepanz zwischen dem schulischen und beruflichen Erfolg von Frauen
II) Zur aktuellen Theorie der Geschlechterkonstruktion
III) Schule als Ort geschlechtsspezifischer Sozialisation
3.1 Schule als Subsystem der Gesellschaft
3.2 Doing Gender in der Schule
3.2.1 Doing Gender durch die Unterrichtsmethodik
3.2.2 Doing Gender durch die Schüler
3.2.3 Doing Gender durch die Lehrkraft
3.2.4 Folgen von Doing Gender
3.3 Benachteiligung von Jungen
IV) Geschlechtergerechter Unterricht
4.1 Reflexive Koedukation
4.1.1 Konzept der Reflexiven Koedukation
4.1.2 Zufällige methodische Trennung
4.1.3 Einbeziehende Erziehung
4. 2 Jungenarbeit
V) Der bedeutende Einfluss der Schule auf die Geschlechter-Stereotypisierung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss der Schule auf die Entstehung und Verfestigung von Geschlechterstereotypen und analysiert, wie schulische Strukturen, Unterrichtsmethoden und die Interaktion zwischen Lehrkräften und Schülern zur geschlechtsspezifischen Sozialisation beitragen.
- Die theoretische Einordnung der Geschlechterkonstruktion (Doing Gender)
- Der Einfluss des schulischen Subsystems auf die Rollenbilder von Mädchen und Jungen
- Die Analyse von Interaktionsmustern im Unterricht und deren Folgen für die Selbstkonzepte
- Strategien und Konzepte für einen geschlechtergerechten Unterricht
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Doing Gender durch die Unterrichtsmethodik
Verschiedene Studien fanden heraus, dass die Wahl der Unterrichtsmethodik mitentscheidend für den Erfolg eines Geschlechtes in einem Unterrichtsfach ist. So kam beispielsweise Jungwirth 1990 in seiner Studie „Geschlechtsdifferenzierende Interaktion im Mathematikunterricht“ zu dem Ergebnis, dass Jungen mit dem im Mathematikunterricht bevorzugten Frontalunterricht, dem fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch, besser zu Recht kommen als Mädchen. Laut Jungwirth antworten Jungen schneller auf Fragen, kaschieren ihre Fehler und ihr Nichtwissen besser, indem sie diese als Irrtürmer bezeichnen oder auf Konzentrationsmangel zurückführen und trauen sich bei mehrdeutigen Fragen eher zu raten. Im Gegensatz dazu emergiert das Nichtwissen bei Mädchen häufiger, da sie auf das Fortführen ihres vorgeschlagenen Lösungsweges beharren, auch wenn dieser vom Lehrer schon als falsch dargestellt wurde. Desweiteren reagieren die Mädchen bei mehrdeutigen Fragen mit abwartendem Schweigen, was von der Lehrkraft als Ideenarmut oder Wissenslücken interpretiert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
I) Zur Diskrepanz zwischen dem schulischen und beruflichen Erfolg von Frauen: Das Kapitel thematisiert den Widerspruch zwischen schulischem Bildungserfolg und der nachfolgenden beruflichen Benachteiligung von Frauen in der modernen Gesellschaft.
II) Zur aktuellen Theorie der Geschlechterkonstruktion: Hier werden theoretische Ansätze der Geschlechterforschung vorgestellt, insbesondere die konstruktivistische Sichtweise und das Konzept des "Doing Gender".
III) Schule als Ort geschlechtsspezifischer Sozialisation: Es wird analysiert, wie die Schule durch pädagogische Interaktionen und gesellschaftliche Kopplungen aktiv an der Reproduktion von Geschlechterrollen beteiligt ist.
IV) Geschlechtergerechter Unterricht: Dieses Kapitel stellt Lösungsansätze wie die Reflexive Koedukation und die Jungenarbeit vor, um Benachteiligungen im Bildungsalltag entgegenzuwirken.
V) Der bedeutende Einfluss der Schule auf die Geschlechter-Stereotypisierung: Das Fazit fasst zusammen, dass Stereotypisierung ein heimliches Lernziel ist und unterstreicht die Notwendigkeit bewusster Gegenmaßnahmen in der pädagogischen Arbeit.
Schlüsselwörter
Geschlechter-Stereotypisierung, Doing Gender, Sozialisation, Reflexive Koedukation, Schule, Mädchen, Jungen, MINT-Bereich, Geschlechterrolle, Unterrichtsmethodik, Bildungssoziologie, Selbstkonzept, Genderforschung, Chancengleichheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss der Schule als Sozialisationsinstanz auf die Geschlechter-Stereotypisierung von Kindern und Jugendlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die theoretische Konstruktion von Geschlecht, die Auswirkungen der Unterrichtsmethodik, das Verhalten von Lehrkräften sowie die Benachteiligung beider Geschlechter im schulischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie geschlechtsspezifische Verhaltensweisen durch Schule entstehen, und Ansätze für einen geschlechtergerechten Unterricht zu skizzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die auf Basis aktueller Forschungsergebnisse und Studien der Geschlechterforschung argumentiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt das "Doing Gender" durch Schüler und Lehrer, die Benachteiligung von Jungen und Konzepte zur reflexiven Koedukation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Doing Gender, Geschlechter-Stereotypisierung, Koedukation, Sozialisation und schulische Bildungserfolge.
Wie unterscheidet sich die Erfolgsattribuierung zwischen Jungen und Mädchen im Fach Mathematik?
Mädchen führen Erfolge oft auf externe Faktoren (Glück, Anstrengung) zurück, während Jungen diese auf ihre Begabung beziehen; bei Misserfolgen ist es genau umgekehrt.
Was versteht man unter dem Prinzip der "Zufälligen methodischen Trennung"?
Es handelt sich um ein Konzept der Reflexiven Koedukation, bei dem Schüler zeitweise geschlechtergetrennt unterrichtet werden, um Stereotype abzubauen und Flexibilität in den Lernarrangements zu fördern.
Warum wird auch die Benachteiligung von Jungen in der Arbeit thematisiert?
Obwohl die Forschung lange primär auf Mädchen fokussierte, zeigt sich, dass auch Jungen unter dem Druck von starren Geschlechterrollen und einem Mangel an männlichen Identifikationsfiguren an Grundschulen leiden.
- Quote paper
- Julia Müller (Author), 2011, Der Einfluss der Schule auf die Geschlechter-Stereotypisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204896