Die Regierungsjahre des Getulio Vargas

Ein Beitrag zur Modernisierung Brasiliens?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 13


Leseprobe

Inhaltliche Gliederung

1. Einleitung

2. Getúlio Vargas – Leben, Wirken, Mythos

3. Vargas‘ Regierungsjahre
3.1. Von der Revolution 1930 bis zur Entstehung des Estado Novo (1930-1937)
3.2. Entstehung und Phase des Estado Novo (1937 - 1945)
3.3. Demokratiephase und Selbstmord Vargas‘ (1945-1954)
3.4. Politikstil, Inszenierungsmethoden, Propaganda

4. Ausgewählte Politikbereiche
4.1. Wirtschaftspolitik
4.2. Sozialpolitik
4.3. Bildungs- und Universitätspolitik
4.4. Außenpolitik und Zweiter Weltkrieg

5. Fazit

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Der ehemalige, brasilianische Präsident und Diktator Getúlio Vargas, der 18 Jahre den lateinamerikanischen Staat regierte, lebt heute noch nach seinem Selbstmord am 24. August 1954 im kollektiven Gedächtnis Brasiliens weiter. Mit dem Titel „Vater der Armen“ versehen gilt er als einer der „charismatischsten, lateinamerikanischen Staatsmänner“ (Prutsch 2007, S. 232). Seine breite Bewunderung seitens der brasilianischen Öffentlichkeit steht im Gegensatz zur wissenschaftlichen Beurteilung, die ihm im Gefüge der historischen Entwicklung eher sekundäre Funktion zuspricht. Auf der einen Seite konnte Vargas durch seine fortschrittliche Sozialpolitik vor allem bei der Arbeiterschaft sein Ansehen aufwerten und leistete zudem einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung der Wirtschaft und zur Erneuerung von Staat und Nation (vgl. ebd. S. 232, vgl. Hentschke 2010, S. 218, vgl. Zoller 2000, S. 246f.). Auf der anderen Seite trug Vargas in enormem Maße durch Propaganda, Inszenierungen und gezielter Mythosbildung seiner selbst zu seinem positiven Bild bei, hielt sich selbst durch Betrug und Lavieren an der Macht und kam seinem endgültigen politischen Scheitern durch Selbstmord zuvor (vgl. Prutsch 2007, S. 231ff., vgl. Zoller 2000, S. 252). Vor dem Hintergrund dieser ambivalenten Bewertung Vargas‘ soll dessen Politik detailliert untersucht und bewertet werden. Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich daher mit folgender Frage, die als roter Faden dienen soll: Wie ist Getúlio Vargas‘ politisches Wirken im Rahmen des brasilianischen Modernisierungsprozesses zu bewerten? Inwiefern Brasilien in der Phase von Vargas‘ politischem Wirken als ein Modernisierungsregime des 20. Jahrhunderts umschrieben werden kann, soll dabei unter anderem an Hand der im zugehörigen Hauptseminar „Sprung nach vorn. Radikale Modernisierungsversuche im 20. Jahrhundert“ erarbeiteten Strukturmerkmale untersucht werden. Die politischen Handlungen sowie Modernisierungsbestrebungen Vargas‘ sollen unter Berücksichtigung seiner Inszenierungsmethoden und seines Politikstils betrachtet werden.

Eine kurze Darstellung zur Person Getúlio Vargas leitet in die Thematik ein. Dabei werden sein Leben, Wirken, Mythos und Persönlichkeit überblicksartig dargestellt. Danach folgen Erläuterungen zu Vargas` Regierungsphase. Beginnend mit der Revolution von 1930 und der Einsetzung Vargas‘ als provisorischen Präsidenten folgen Darstellungen über die Grundzüge seiner politischen Ziele und Handlungen, die später an Hand ausgewählter Politikbereiche differenziert betrachtet werden, und Erläuterungen zu innenpolitischen Probleme. Infolgedessen wird über die Entstehung des Estado Novo, die Festigung der Macht Vargas als Diktator sowie über das Ende des Neuen Staates berichtet. Als letzter Teil der chronologischen Untersuchung wird die Phase der Demokratisierung und die Endphase Vargas‘ als demokratisch gewähltem Präsident geschildert. Zum Abschluss der Darstellung der Regierungsjahre werden Vargas‘ Regierungsstil, Inszenierungs- und Propagandamethoden näher beleuchtet. Im Anschluss folgt eine detaillierte Untersuchung der Politikbereiche Wirtschaft, Soziales, Bildung und Außenpolitik, in denen Vargas verschiedene Veränderungen initiierte. Zum Schluss finden im Fazit eine Zusammenfassung der Ergebnisse sowie die Bewertung seiner Politik statt.

2. Getulio Vargas – Leben, Wirken, Mythos

Getúlio Dornelles Vargas wurde am 19.04.1883 in Sao Borja, Rio Grande do Sul, geboren. Er heiratete 1911 und brachte mit seiner Frau Darci Lima Saramanho fünf Kinder zur Welt. Vor seiner Regierungszeit als Präsident und Diktator war der Jurist politisch von 1923 bis 1926 als Bundesabgeordneter für den Staat Rio Grande do Sul, dann 1926-1927 als Bundesfinanzminister und von 1928 bis 1930 als Gouverneur des Bundesstaats Rio Grande do Sul tätig (vgl. Hentschke 2010, S. 216). Er war Anhänger eines in Rio Grande do Sul bestehenden positivistischen Kreises um Júlio de Castilhos. Der Positivismus war eine politische Ideologie in Brasilien, deren Grundlage die Begriffe Ordnung und Fortschritt (Ordem e Progresso) darstellen und sich bis heute in den Farben grün und gelb der brasilianischen Flagge wiederfinden. Herausragende Merkmale des Positivismus waren technischer Fortschritt, Industrialisierung, Modernisierung, staatliche Lenkung der Wirtschaft, eine starke Exekutive sowie Einflussnahme des Militärs in die Politik. Weltbild, Fortschrittswillen und Staatsvorstellung des Positivismus wandte Vargas auch in seiner Regierungszeit in der Zentralregierung an. Er war zudem Nationalist, der die Politik Mussolinis in Italien bewunderte und dem die eigenständige Entwicklung Brasiliens sehr wichtig war. In Bezug auf seine politische Neigung ist dabei anzufügen, dass ein typisches Charakteristikum seiner Politik das taktische Lavieren zwischen unterschiedlichen Gruppen war. So entschied er in realen politischen Situationen oft eher pragmatisch und nutzenorientiert als ideologisch, was im späteren Teil zu seinem Politikstil noch näher erläutert wird (vgl. Prutsch 2003, S. 4, vgl. Prutsch 2007, S. 232, vgl. Wöhlcke 1991, S. 33, vgl. Zoller 2000, S. 244).

Vargas gelangte durch eine Revolution im Oktober 1930, unterstützt von einigen Bundesstaaten und Teilen der Armee, zum Amt des provisorischen Präsidenten. Bei diesem Umsturz wurde der vorherige Präsident Washington Luís abgesetzt und die Verfassung der Ersten Republik durch ein Dekret außer Kraft gesetzt. Im Juli 1934 folgte eine neue Verfassung und Vargas wurde vom Kongress für vier Jahre zum Präsidenten gewählt. Kurz vor Ende seiner Amtszeit führte er am 10. November 1937 einen Putsch durch und rief den Estado Novo, den Neuen Staat, aus. Diese vierte Verfassung war eine Anlehnung an faschistische, europäische Verfassungen dieser Zeit. Vargas regierte in diesem Zeitraum als Diktator. Das Militär stürzte ihn dann 1945 und sein vorheriger Kriegsminister Dutra übernahm in einer neuen Verfassung für die Jahre 1946 bis 1951 das Amt des demokratisch gewählten Präsidenten, während Vargas 1946-1949 Bundessenator für den Staat Rio Grande do Sul war. Vargas wurde 1951 wieder zum demokratisch legitimierten Präsidenten gewählt und beging dann aber am 24. August 1954 Selbstmord, nachdem er erneut von der Armee zum Rücktritt gezwungen wurde. In seiner Carta Testamento, einem rhetorischen Glanzstück an die Bevölkerung Brasiliens, beschwor er seine selbstlosen Taten für die brasilianische Nation (vgl. Hentschke 2010, S. 218, vgl. Prutsch 2007, S. 231, vgl. Zoller 2000, S. 243).

Er ist unter dem Titel „Vater der Armen“ als Mythos in das brasilianische, kollektive Gedächtnis eingegangen und wird bis heute bewundert. Vor allem als Führer der Arbeiterschaft konnte er sich durch eine Sozialgesetzgebung etablieren, die unter anderem die Einführung eines Mindestlohns 1936 und damit eine wesentliche Verbesserung der Lebensbedingungen der Industriearbeiter mit sich brachte (vgl. Prutsch 2007, S. 232ff.). Aber auch seine wirtschaftlichen Modernisierungsmaßnahmen und die Neugestaltung von Staat und Nation werden als Argumente dafür herangezogen, regelmäßig zu seinen zehnjährigen Todestagen zahlreiche Publikationen hervorzubringen sowie kulturelle Ereignisse zu veranstalten. 2004 wurde für Vargas von der Stadt Rio de Janeiro sogar ein Denkmal als Ehrenbürger errichtet und sein Leichnam in ein vom prominenten Architekten Oscar Niemeyer konzipierten Mausoleum umgebettet, welcher vorher am Friedhof seiner Heimatstadt Sao Borja lag. Er wurde in einer Umfrage 2007, bei der 200 Politiker, Unternehmer und Intellektuelle befragt wurden, des Weiteren zum „größten Brasilianer aller Zeiten“ gewählt. Mit wenigen Ausnahmen wird die Bewunderung Vargas‘ von der breiten, brasilianischen Öffentlichkeit geteilt. Der Mangel an autoritativen Biografien und das weitaus größere, wissenschaftliche Interesse an den strukturellen Entwicklungen seiner Regierungsphase zeigen allerdings einen Gegensatz auf. Gegenüber der brasilianischen Öffentlichkeit sehen Wissenschaftler in Vargas eher eine nebensächliche Figur, die sich in die geschichtliche Entwicklung einfügte (vgl. Hentschke 2010, S. 218f.). Prutsch wirft ihm außerdem vor, dass sein Mythos weniger durch seine Taten als vielmehr durch seine politische Propaganda, gezielte Selbstinszenierung und politisch forcierte Mythosbildung seiner Figur entstanden ist. Sie verweist zudem sowohl auf seinen Politikstil des Taktierens, der ihm anstelle von politischen Erfolgen seinen Machterhalt gewährte als auch auf sein Scheitern am Ende seiner politischen Karriere (vgl. Prutsch 2007, S. 231ff.).

3. Vargas‘ Regierungsjahre

3.1 Von der Revolution 1930 bis zur Entstehung des Estado Novo (1930-1937)

Der Regierungsphase Vargas‘ waren die ersten vier demokratischen Jahrzehnte in Brasilien, der sogenannten Alten Republik bzw. Ersten Republik (1889-1930), vorausgegangen. Dieser Zeitraum war geprägt von verschiedenen Staatskrisen, Konflikten zwischen ziviler und militärischer Macht, Korruption, Aufständen, hoher Auslandsverschuldung sowie Wahlfarcen. Politisch bestand ein Gegensatz zwischen formell demokratischen Strukturen und einer tatsächlich herrschenden Oligarchie, bestehend aus politischen und ökonomischen Eliten. Auf gesellschaftlicher Ebene zeigten sich erste Schritte weg von der agrarischen Struktur hin zu Urbanisierung und Industrialisierung (vgl. Wöhlcke 1991, S. 29f.).

Der Revolution von 1930 selbst ging eine Phase verschiedener gesellschaftlicher Unruhen durch Intellektuelle und junger Leutnants in den 20ern voraus. Letztere, später benannt als die tenentes, führten seit 1922 Aufstände gegen die Regierung und die militärische Organisation. Ziel der Rebellion war es, einen starken Staat zu etablieren, der unter der Führung der Armee die regionalen Ungleichheiten behebt, die Wirtschaft modernisiert und die oligarchische Struktur beseitigt. Aufgrund ungleicher Vorstellungen innerhalb der Bewegung konnten diese ihren Plan jedoch nicht erfolgreich umsetzen. Neben diesen innenpolitischen Unruhen führte die Weltwirtschaftskrise 1929 zudem zu einer enormen, wirtschaftlichen Krise in Brasilien (vgl. Zoller 2000, S. 238ff.).

Bei der Präsidentenwahl 1930 kandidierte Gétulio Vargas, zu diesem Zeitpunkt Gouverneur von Rio Grande do Sul, gegen den vom amtierenden Präsidenten Washington Lúis vorgeschlagenen Nachfolger Júlio Prestes. Vargas wurde von den jungen tenentes und der heterogenen Alianca Liberal, verschiedene politisch unzufriedene Gruppen, unterstützt, verlor aber die Wahl. Auf den Wahlsieg Prestes‘ folgte keine Beruhigung der innenpolitischen Lage, sondern am 3. Oktober 1930 ein Aufstand der Anhänger Vargas‘ (vgl. Zoller 2000, S. 241f., vgl. Prutsch 2003, S. 31). Dieser Verschwörung aus jungen Politikern und Offizieren schloss sich der Eingriff des Oberkommandos an, welches am 24. Oktober den noch amtierenden Präsidenten Lúis absetzte. Straßendemonstrationen und öffentlicher Druck führten dazu, dass sich das Militär zurückzog. Daraufhin wurde Gétulio Vargas am 3. November zum provisorischen Präsidenten eingesetzt (vgl. Cammack 1996, S. 1073). Er versuchte jegliche Macht auf seine Person zu vereinigen und missliebiges, politisches Personal auszuschalten. Durch ein Dekret konzentrierte Vargas Exekutive und Legislative am 11. November 1930 auf sich. Abgesehen vom Bundesstaat Minas Gerais ersetzte Vargas in allen Einzelstaaten die Gouverneure durch Interventoren. Außerdem ließ er den Kongress, die Parlamente der Einzelstaaten, die Vertretungen der Kommunen auflösen und die Rechtsgelehrten der Alten Republik entmachten.

Seinen Amtssitz als Präsident sicherte sich Vargas vier Jahre später durch eine neue, am 16. Juli 1934 verabschiedete Verfassung, die ihn als Präsidenten für die nächsten vier Jahre bestätigte (vgl. Zoller 2000, S. 243ff.). Diese neue Verfassung stellte eine Rückkehr zur vorherigen, konstitutionellen Regierungsform dar, bei der allerdings die Zentralregierung gegenüber der Verfassung der Alten Republik an Macht gewann. Neu war zudem, dass neben gewählten Abgeordneten, indirekt gewählte korporative Interessenvertreter im Kongress saßen, und dass das aktive und passive Frauenwahlrecht in der Verfassung integriert wurde. Zoller weist allerdings daraufhin, dass die neue Verfassung in der Praxis von Vargas sehr häufig umgangen wurde und somit wenig Auswirkungen besaß (vgl. ebd., S. 251).

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Regierungsjahre des Getulio Vargas
Untertitel
Ein Beitrag zur Modernisierung Brasiliens?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
13
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V204947
ISBN (eBook)
9783656315193
ISBN (Buch)
9783656319337
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
regierungsjahre, getulio, vargas, beitrag, modernisierung, brasiliens
Arbeit zitieren
Erstes Staatsexamen Johannes Kolb (Autor), 2010, Die Regierungsjahre des Getulio Vargas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204947

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