Text und das narrative Vertextungsmuster

Textlinguistische Analyse einer Alltagserzählung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

55 Seiten, Note: 1,7

Lucius Burgess (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil I
1. Kapitel - „Amelie et la concierge" als Manifestation von „Text"
2. Fazit - „Amelie et la concierge" als Manifestation von „Text"

Teil II
1. Kapitel - Forschungsuberblick zum „narrativen Vertextungsmuster"
2. Kapitel - „Amelie et la concierge" als Manifestation des narrativen Vertextungsmusters
3. Fazit - „Amelie et la concierge" als Manifestation des narrativen Vertextungsmusters

Anhang (Transkription der Szene „Amelie et la concierge")

Bibliographie

Einleitung

Bereits eine oberflachliche Auseinandersetzung mit demjenigen Bereich der Linguist!k, der sich mit der Analyse von satzubergreifenden sprachlichen Strukturen befasst und der Textlinguistik genannt wird, lasst den Eindruck einer gewissen Unubersichtlichkeit1 bezuglich terminologischer Abgrenzungen und den sich dahinter verbergenden Ideen, entstehen. Schon die fundamentale Frage nach der Einordnung der Textlinguistik im Spektrum der verwandten Forschungsfelder Grammatik, Literaturwissenschaft und Psychologie ist auRerst problematisch. Dies spiegelt sich im Vorhandensein verschiedener Stromungen und Forschungsansatze, die sich teilweise gegenseitig ausschlieRen, wider. K. Adamzik unterscheidet dazu zum Beispiel drei Ansatze: "1. den sog. transphrastischen Ansatz, der ganz auf sprachlichen Mittel konzentriert ist, mit Hilfe derer Satze zu koharenten Folgen verbunden werden; 2. den kommunikativ-pragmatischen Ansatz, der den Text nicht so sehr als (sich aus kleineren sprachlichen Einheiten aufbauende) Satzfolge sieht, sondern ihn als Ganzheit betrachtet, der eine bestimmt kommunikative Funktion zukommt; 3. den kognitivistischen Ansatz, der die Prozesse der Produktion und Rezeption von Texten in den Vordergrund stellt."2 Vergleichbare Zuordnungen finden sich auch bei Brinker und Gansel/Jurgens.

Als beispielhaft fur das begriffliche Chaos, das in der Textlinguistik herrscht, darf wohl auch C. Gansels und F. Jurgens' Versuch, die Termini Textsorte, Textklasse, Textart, Texttyp3 sowie Textsortenklasse und Textsortenvariante4 zu entwirren, gesehen werden. Die schiere Zahl von unterschiedlichen Kategorien, Subkategorien, Klassen und sonstigen taxonomischen Einheiten, die sich insgesamt nicht in ein einheitliches System einordnen lassen, scheinen Zweifel an der grundsatzlichen Berechtigung einer Kategorisierung von Texten und damit der Textlinguistik als unabhangigen Wissenschaftsbereich nahezulegen. Wenn es nicht gelingt, ein System zu konstruieren, dass es erlaubt, jeden einzelnen vorhandenen oder moglichen Text darin zu erfassen, drangt sich die Frage auf, ob die Produktion und Rezeption von Text denn uberhaupt einer Regelhaftigkeit unterliegen, die uber die sprachlichen Strukturen von "Satz" hinausgehen.

Als Indiz fur die akademische Kunstlichkeit dieses Forschungsfeldes konnte der Umstand, dass die Textlinguistik eine noch "relativ junge Teildisziplin der Linguistik"5 ist, herhalten. Andererseits konnte auch genau derselbe Sachverhalt fur die herrschende Unordnung gerade ursachlich sein.

Die bisher gewonnenen einzelnen Erkenntnisse der Textlinguistik immer wieder auf deren praktische Anwendbarkeit hin zu prufen, ist vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Fragen nicht nur interessant, sondern auch notwendig, um sie voranzutreiben oder gegebenenfalls Ihre Berechtigung weiterzu relativieren6.

Im Folgenden soll die Szene „Amelie et la concierge" aus dem Spielfilm „Le fabuleux destin d'Amelie Poulain" von Jean Pierre Jeunet und Gauillaume Laurant einer textlinguistischen Analyse unterzogen werden. In der betreffenden Szene sucht die Figur Amelie Poulain (Sprecherin 1), die Protagonistin des Films, die Hausmeisterin (Sprecherin 2) ihres Wohnhauses in deren Wohnung auf, um dort Erkundigungen uber einen ehemaligen Bewohner des Hauses einzuholen. Statt unmittelbar auf die Fragen der Amelie Poulain einzugehen, nutzt la concierge ihrerseits die Gelegenheit, um der Besucherin die vermeintliche Tragik ihres personlichen Schicksals darzulegen und sucht dafur offenbar Mitgefuhl bei ihrem Gegenuber.

Der Text wird im Film mundlich vorgetragen und wurde fur diese Hausarbeit transkribiert. Diese Transkription dient der Arbeit als wesentlicher Untersuchungsgegenstand.

Besonderes Augenmerk wird bei der Analyse auf Elemente des narrativen Vertextungsmusters gelegt werden, denn stark emotional eingefarbte fragmentarisch- biografische Textinhalte wie im vorliegenden Fall werden vorzugsweise erzahlend vermittelt. Daruber hinaus berechtigt auch eine bestimmte Bemerkung von einer der beiden Sprecherinnen zu der Annahme, dass es sich hier um einen Erzahltext handelt. Bevor la concierge zu ihrem Monolog ansetzt, benutzt sie mit Bezug auf den zu kommunizierenden Textgegenstand das Wort „raconter". Sie sagt: „Mon mari a travaille pour a la 'coccinelle assurance ', et les gens, ils adorent raconter qu'il couchait avec sa secretaire" und leitet damit ihren Sprechakt ein. Die Sprecherin beabsichtigt offenbar, etwas zu "erzahlen", denn anderenfalls hatte sie wahlweise Verben wie „decrire", „argumenter", „dire", „relater", „informer" etc. dem etymologisch mit dem Substantiv „conte" verwandten „raconter" vorgezogen.

Da diese Arbeit einem sprachwissenschaftlichen und nicht etwa einem literaturwissenschaftlichen Ansatz verpflichtet ist, werden Fragen, die mit der Fiktionalitat und der Literarizitat des Textes zu tun haben, auRer Acht gelassen werden. Der Text ist zwar nicht unmittelbar aus einer realen Alltagssituation heraus entstanden, sondern das Ergebnis reflektierter Textproduktion der Drehbuchautoren, darf aber wohl und gerade deswegen fur die Vertextung des Textgegenstandes "personliche (biographische) Erlebnisse" mit der Textfunktion (oder kommunikativen Handlungsabsicht) "Mitgefuhl beim Rezipienten gewinnen" als prototypisch begriffen werden - wenigstens im individuellen, nicht- akademischen Verstandnis der Autoren. Aus kognitivistisch-textlinguistischer Sicht hatten die Autoren aus einem Paradigma von Vertextungselementen gerade diejenigen zu wahlen, die ihnen fur die konzipierte Szene am geeignetsten erschienen, das heiRt, sie hatten gerade solche Muster zu wahlen, die bei dem jeweiligen fiktiven Rezipienten die erwunschte Wirkung erzielen wurden, ohne dass die Szene unglaubwurdig wirkt. Es ist daher anzunehmen, dass „Amelie et la concierge" eine Abstraktion aller vergleichbaren, von den Autoren durchlebten Situationen ist, was den vorliegenden Text insgesamt zu einem geeigneten und in gewisser Hinsicht auch reprasentativen Untersuchungssubstrat macht. Bisher war hier relativ frei mit dem Begriff Text umgegangen worden, ohne dass geklart wurde, was Text uberhaupt ist, ob sich im Rahmen der Szene „Amelie et la concierge" so etwas wie Text aufspuren lasst und wo gegebenenfalls dessen Grenzen auszumachen sind. Diesen Fragestellungen soll auf der Grundlage der Textdefinition von Klaus Brinker im ersten Teil dieser Arbeit nachgegangen werden.

Der zweite Teil wird dann zunachst einen Oberblick uber den akademischen Diskurs im Bereich der narrativen Strukturierungsmuster geben. Darauf aufbauend soll anschlieRend die Praktikabilitat der im Rahmen der Narrationsforschung gewonnenen Resultate anhand des Textes „Amelie et la concierge" uberpruft werden.

Teil I

1. Kapitel - „Amelie et la concierge" als Manifestation von „Text"

Das vermutlich wichtigste Problem, mit dem sich die Textlinguistik zu befassen hat, ist das des Findens einesTextbegriffs. Was ist Text? Auf diese Frage gibt es so viele unterschiedliche Antworten wie textorientiert-linguistische Schriften. Es ist nicht Anliegen dieser Arbeit, uber die Richtigkeit diverser Textdefinitionen zu befinden oder gar eine weitere eigene Definition anzubieten. Vielmehr soll hier auf der Grundlage einer konkreten Begriffsbestimmung von „Text", namlich derjenigen von Klaus Brinker, versucht werden, sich einer mutmaRlichen Manifestation von Text mit den Mitteln der Linguistik kritisch zu nahern. Diese Definition wird gewissermaRen instrumentalisiert, um weiter mit dem Untersuchungsgegenstand operieren zu konnen, denn bevor ein Text analysiert werden kann, muss zumindest geklart sein, dass es sich uberhaupt um „Text" handelt.

Dass einer Analyse auf der Basis dieser Pramisse nur begrenzte Aussagekraft zukommt, muss als Notwendigkeit akzeptiert werden.

Brinkers Definition wurde anderen Definitionen gegenuber unter anderem deswegen Vorzug gegeben, weil er in seiner „Einfuhrung in die Textanalyse" gerade der Diskussion des Textbegriffs auRergewohnlich viel Platz einraumt. Unter Berucksichtigung fruherer Ansatze anderer Textlinguisten kommt er zu dem Schluss, dass „der Terminus Text [...] eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen [bezeichnet], die in sich koharent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert"7.

Mit dem Postulat, „Text" musse eine „Folge sprachlicher Zeichen" sein, kommt der strukturalistisch beeinflusste, sprachsystematische Anspruch der Textlinguistik zum Ausdruck. Zweifelsohne wird „Amelie et la concierge" diesem Anspruch gerecht, denn die hier vorgelegte Transkription beweist, dass die AuRerungen von Sprecherin 1 und Sprecherin 2 sich graphisch in Form von Lexemen darstellen lassen, die konventionalisiert und daher enzyklopadisch nachweisbarer Bestandteil des franzosischen Lexikons sind. Diese Lexeme wiederum sind zu komplexeren Zeichen wie Wortgruppen und Satzen gebunden. Auch an der Adaquatheit dieser komplexen Zeichen besteht kein Zweifel. Sie lasst sich einerseits ausdrucksorientiert an der franzosischen Grammatik, insbesondere der Syntax ermessen und kann auf der inhaltsorientierten Seite mithilfe der Sprechakttheorie von J. L. Austin und J. R. Searle gepruft werden.

Problematischer gestaltet es sich dagegen, zu entscheiden, wo die Grenzen der dem „Satz" ubergeordneten Einheit „Text" zu finden sind. Brinker verweist dazu auf die sogenannten Textbegrenzungsmerkmale, die fur ihn diejenigen „Zeichen- und Satzfolgen [kennzeichnen], die fur den Emittenten den Charakter relativer Selbststandigkeit und Abgeschlossenheit besitzen, kurz: die er als Text verstanden wissen will"8. Diese insgesamt sehr vage gehaltene Festlegung schlieRt implizit das Vorhandensein weiterer Emittenten, die den „Text" mit konstituieren, aus. Tatsachlich weist Brinker dialogische Gebilde eher der Dialog- und Gesprachsanalyse zu und begrundet dies damit, dass „bei Dialogen und Gesprachen in der Regel nur die AuRerungen mehrerer Kommunikationsteilnehmer ein koharentes sprachliches Gebilde [ausmachen]. Der fur die Textdefinition grundlegende Begriff der kommunikativen Funktion ist aber primar auf einen einzelnen Sprecher [...] bezogen [...], so dass die Anwendung des Textbegriffs zumindest als problematisch erscheint"9. Dass dieser Bestimmung keinesfalls eine Allgemeingultigkeit zukommt, raumt Brinker selbst ein, indem er sie mit dem Zusatz „in der Regel" relativiert. Eine Trennlinie zwischen Dialog und Monolog zu ziehen, ist nicht in jedem Fall ohne weiteres moglich. Obwohl zum Beispiel ein Redner im Bundestag mit dem Auditorium in Interaktion treten kann, etwa indem er es am Anfang seiner Rede begruRt oder indem er auf Zurufe reagiert, wurde eine Bundestagsrede insgesamt kaum als Dialog betrachtet werden, da der uberwiegende Teil einer Rede meist monologisch ist und auch ohne weitere Emittenten ein koharentes sprachliches Gebilde darstellt10. Ahnliches lasst sich auch uber die Szene „Amelie et la concierge" sagen. Global gesehen liegt hier zwar ein Dialog vor, aber bei genauerer Betrachtung kann eine monologische Sequenz ausgegliedert und vom restlichen dialogischen Teil gesondert behandelt werden. Es handelt sich um den Abschnitt von Zeile 13 („Heu, tiens [...]") bis Zeile 36 (,,[...] ga vous dit que j'etais predestine aux larmes."). Fur diese Einteilung spricht einerseits die unterschiedliche Verteilung der Redeanteile im Verlauf der Szene - in dem ausgegliederten Abschnitt kommt Sprecherin 1 praktisch nicht zu Wort, wohingegen im restlichen Verlauf der Begegnung Sprecherin 1 und Sprecherin 2 etwa gleich viel reden - und andererseits die deutliche thematische Zweiteilung des Textes, die an den Propositionen „[...] un petit gargon qui habitait chez moi dans les annees 50, ga vous dit rien?" (Zeile 3f.) und „Ma vie s'est arretee." festgemacht werden kann. Sprecherin 1 tritt im ersten Teil des Dialogs mit einer konkreten Frage an Sprecherin 2 heran, namlich mit der Frage, ob sich Sprecherin 2 an einen bestimmten kleinen Jungen erinnern konne. Im zweiten Teil des Dialogs geht es nicht mehr um den Jungen, sondern um etwas ganz anderes. Sprecherin 2 erzahlt aus ihrem eigenen Leben und zwar auf eine Weise, die keinen Zusammenhang zu der eingangs von Sprecherin 1 gestellten Frage erkennen lasst. Dass es im Rahmen eines organisch verlaufenden Gesprachs Themenwechsel gibt, ist nicht ungewohnlich, jedoch bedeutet der Monolog von Sprecherin 2 nicht etwa einen naturlichen Themenwechsel sondern einen krassen Bruch im Gesprachsfluss. Sprecherin 1 gibt zwar Sprecherin 2 einen Impuls fur das Erzahlen ihrer Geschichte, indem sie fragt, wie lange sie schon in dem Wohnhaus lebe, doch ist das, was Sprecherin 2 darauf erwidert keinesfalls eine Antwort auf die Frage ,,[...] vous etes arrivee ici en quelle annee?", sondern erfullt vielmehr eine vollkommen andere kommunikative Funktion. La concierge geht es darum, Mitgefuhl von der Besucherin zu bekommen, was zum Beispiel an ihrem auffallig hochfrequenten Gebrauch stark emotiver sprachlicher Zeichen deutlich wird. Mit Wendungen wie „pauvre", „mourir de chagrin" (Zeile 23), „ma vie s'est arretee" (Zeile 22), „mort" (Zeile 21), Jarrnes" (Zeile 36), „pleurer" (Zeile 34) etc. bringt sie Ihre Bedrucktheit uber ihr Leben, das nach dem Tod ihres Ehemannes einfach aufgehort hat (Vgl. Zeile 22), zum Ausdruck. Die herausgestellte Textpassage besitzt also durchaus „den Charakter relativer Selbststandigkeit und Abgeschlossenheit". Wenn Sprecherin 2 mit der AuRerung "Ah, oui, pour votre affaire." (Zeile 37) das Gesprach wieder auf den ursprunglichen Gesprachsgegenstand lenkt, so beweist dies, dass auch ihr der besondere Status des gerade beendeten Monologes im Gesprachsverlauf bewusst ist. Insofern ist das Textualitatskriterium „Begrenztheit der Folge sprachlicher Zeichen" zumindest fur die Zeilen 13 bis 36 der Transkription erfullt. Der ubrige Teil derTranskription ist laut Brinker nicht Text, sondern Gesprach und damit als Gegenstand fur eine textlinguistische Untersuchung nicht relevant. Der Fokus dieser Arbeit wird daher im Folgenden auf dem monologischen Teil der Filmszene liegen.

Als drittes Kriterium fur die Textualitat einer sprachlichen AuRerung fuhrt Brinker den Begriff der Koharenz, die sich aus seiner Sicht auf thematischer und auf grammatischer Ebene konstituiert, an.

Als Referenztrager der ersten Proposition des Textes wird „mon mari" eingefuhrt. Dass der Sprecher (hier Sprecherin 2), also das „je", welches ein wichtiges Bedeutungselement und gleichzeitig Bezugsausdruck von „mon" ist, dem Rezipienten bekannt ist, ist fur eine Alltagssituation wie die, in der sich Sprecherin 1 und Sprecherin 2 befinden, ganz naturlich und beruht auf dem Phanomen der Deixis. Sprecherin 1 kann Sprecherin 2 mit allen Sinnen wahrnehmen und verfugt mindestens uber die wesentliche, durch textimmanente Bedeutungsbeziehungen hergestellte Information, dass dieses „je" diejenige Person ist, die gerade Text produziert.

Noch im ersten Satz wird mit „les gens" bereits ein zweiter Referenztrager vorgestellt. Der Gebrauch des definiten Artikels „les" konnte irrefuhrend sein und zu dem Trugschluss fuhren, dass dieser Referenztrager schon in irgendeiner Form im Text erwahnt worden war. Da dies jedoch nicht der Fall ist, konnte weiter angenommen werden, der Text sei nicht koharent, da ja zwischen „gens", das innerhalb des Textes noch nicht mit dem Merkmal „bekannt" belegt worden ist, und dem bestimmten Artikel „les", der auf etwas Bekanntes verweist, eine Spannung besteht, die das Verstandnis des Textes gefahrden wurde. Tatsachlich jedoch liegt die mit dem bestimmten Artikel implizierte Bekanntheit von „gens" auRertextlich begrundet, genauer gesagt, in dem allgemein vorausgesetzten Vorwissen der Sprachteilnehmer, in ihrer als gegeben angenommenen Weltkenntnis11.

In der dritten Proposition des Textes („il couchait avec sa secretaire") wird das „mon mari" des ersten Satzes mittels des Personalpronomens „il" explizit wiederaufgenommen. Zwischen „il" und „mon mari" besteht Referenzidentitat. „Mon mari" wird auch im darauffolgenden Satz wiederaufgenommen. Dieses Mal tritt es in semantischer Einheit mit dem Prapositionalobjekt „sa secretaire" aus dem vorangegangenen Satz auf und wird so durch das Personalpronomen „ils" verkorpert.

Der Satz „Et pas les plus miteux" ist trotz seiner grammatisch-elliptischen Struktur verstandlich. Seine Bedeutung ergibt sich aus dem Kontext. Objekt des vorigen Satzes war namlich „tous les hotels des Batignolles" und so schlieRt der Rezipient, dass sich „les plus miteux" auch ebendarauf bezieht und abermals Objekt des Satzes ist. Das grammatische Subjekt sowie auch die propositionale Referenz des Satzes werden ebenfalls nicht expliziert, was darauf zuruckzufuhren ist, dass wiederum „ils" Referenztrager ist. Mit der Auslassung wird einer „infantilisierenden Wirkung des Textes"12 entgegengewirkt.

AnschlieRend wird „sa secretaire" mit „la greluche" wiederaufgenommen. Der bestimmte Artikel „la" signalisiert die Bekanntheit des auRersprachlichen Objekts, auf das Bezug genommen wird (namlich die Sekretarin des Ehemannes von Sprecherin 2) und der Kontext stellt die Verbindung zwischen den beiden Begriffen („sa secretaire" und „la greluche") her, die anderenfalls durchaus nicht selbstverstandlich ware, denn „(sa) secretaire" und „greluche" sind nicht bedeutungsgleich . Da jedoch beiden Begriffen das Merkmal „weiblich" anhaftet und die Gefahr der Verwechslung mit anderen bereits im Text erwahnten Personen nicht besteht, ist der Zusammenhang zwischen „greluche" und „(sa) secretaire" hergestellt. Auch die erganzende Bemerkung „mais il fallait du satin" greift vorangegangene Gedanken auf. Wie schon an anderer Stelle im Text, offenbaren sich auch hier Entsprechungen nur bedingt an der Textoberflache. Der Bezug wird namlich nicht durch eindeutig zuordenbare Referenten hergestellt, sondern muss apperzeptiv vom Rezipienten erfasst werden. Die durch Konventionen begrundete Erwartungshaltung des Horers, dass ein irgendwie gearteter Zusammenhang zwischen den kumulierten sprachlichen AuRerungen eines Sprechers bestehen muss, fuhrt dazu, dass der Horer die Wortgruppe „mais il fallait du satin" zu allererst auf die unmittelbar vorangegangene AuRerung bezieht, also auf „la greluche, c'etait le genre a ecarter les cuisses". So vervollstandigt der Horer die Wortgruppe „mais il fallait du satin" gedanklich ganz naturlich zu „mais il fallait du satin pour qu'elle ecartat les cuisses".

Mit „satin" werden daruber hinaus auch noch „tous les hotels des Batignolles" und „et pas les plus miteux" wieder aufgenommen. Zwischen diesen Referenzentragern und „satin" bestehen sogenannte Tell- und Enthaltenseinsrelationen. „Satin" soll als Teil von luxurios ausgestatten Betten verstanden werden und dabei stellvertretend fur teure Hotels stehen. Im Unterschied zu den bisher aufgefuhrten Wiederaufnahmestrategien liegt hier eine implizite und keine explizite Wiederaufnahme vor.

Im Anschluss kommt Sprecherin 2 wieder direkt auf „mon mari", das schon aus dem ersten Satz des Monologs bekannt ist, zu sprechen. Die gesamte Proposition, deren Referent „mon mari" ist, wird dann spezifizierend bei „d'abord un peu" und „et puis 50 millions d'un coup" gedanklich wieder aufgenommen. Wiederum erfolgt die Wiederaufnahme nicht an der Textoberflache, sondern ergibt sich auf der Grundlage der Erwartungshaltung des Horers durch semantisch abstrakte Verwandtschaftsverhaltnisse zwischen den Propositionen, die in der Sprachkompetenz der Sprachteilnehmer verankert sind.

Da „mon mari" und „sa secretaire" neben der Sprecherin die einzigen bisher erwahnten belebten Referenztrager des Textes sind, ist es klar, dass in Zeile 19 der Transkription mit „tous les deux" auf eben diese Personen verwiesen wird.

Die AuRerung „Buvez!" bezieht deiktisch Sprecherin 1 mit ein. Diese Aufforderung kann allerdings nur dann vollstandig verstanden werden, wenn klar ist, dass Sprecherin 2 dem Horer zeitgleich zur Sprechhandlung in der Filmszene ein Getrank offeriert. Insofern ist die vorliegende Transkription der Sprechhandlungen fur eine textlinguistische Analyse nur bedingt aussagekraftig. Es gilt, auch situative Elemente zu berucksichtigen. Aus textlinguistischer Sicht stellt das interaktive Moment der AuRerung „Buvez!" ein Problem dar. Zwar wird der ursprungliche thematische Faden nach diesem kurzen Einwurf wieder aufgenommen, aber einen Bruch bedeutet sie nichtsdestotrotz. Dass sie die Textkoharenz dennoch nicht zerstort, liegt daran, dass dem Horer vollkommen klar ist, dass „Buvez!" inhaltlich nicht Bestandteil der vorangegangenen Schilderungen von Sprecherin 2 ist. Es verweist vielmehr auf eine vom bisher untersuchten Text unabhangige Ebene, die mit dem situativen Rahmen der Sprechhandlungen zu tun hat und die die Literaturwissenschaft Extradiegese nennt. Fraglich bleibt allein, inwieweit die AuRerung noch als Bestandteil des Textes verstanden werden darf. Das von Brinker angebotene Instrumentarium zur Untersuchung von Textkoharenz berucksichtigt Textebenenwechsel und situative Faktoren nicht. Die Binnenstellung der Aufforderung zwischen den anderen AuRerungen jedoch deutet auf eine Zugehorigkeit zum ubrigen Text hin. Hier ist die textlinguistische Forschung noch defizitar und halt sich im Vagen, was wohl darauf zuruckzufuhren ist, dass ein Regelkatalog, der auch situativ bedingte komplexe thematische Sprunge berucksichtigt, so allgemein gehalten sein musste, dass danach womoglich auch lose Konglomerate von AuRerungen als Texte verstanden werden mussten. In Anlehnung an das von Brinker implizierte Textverstandnis, soll „Buvez!" hier als Bestandteil eines vom Untersuchungsgegenstand verschiedenen Textes begriffen werden.

Im nachsten Satz wird mit „quelqu'un" ein neuer Referenztrager eingefuhrt. Dem Indefinitpronomen haftet per definitionem das Merkmal „unbekannt" an. Es fugt sich somit

ohne Weiteres in den Fluss des Textes ein und bereitet auf die nachfolgende eingeschobene wortliche Rede vor. Statt wie bisher im Text das Possessivpronomen „mon", gebraucht Sprecherin 2 nun „votre", um „mari" zu definieren und signalisiert auf diese Weise, dass sie „quelqu'un" zitiert. Anderenfalls wurde mit „votre mari" nur noch der Ehemann von Sprecherin 1 gemeint sein konnen, was in dem gegebenen Kontext keinen Sinn ergeben wurde. Eine einleitende Formel wie zum Beispiel „ll disait..." wird durch den Perspektivwechsel, den „votre" ausdruckt, uberflussig. Nichtsdestotrotz wird „quelqu'un", wenn auch nur stillschweigend, wiederaufgenommen.

Es schlieRen sich kausale und konsekutive Verknupfungen an, die allerdings jeglicher syntaktisch-semantischer Verknupfungssignale entbehren. Die Reihe „Voila votre mari est mort. Accident de bagnole, en Amerique du Sud.", „Ma vie s'est arretee et Lion Noir ici s'est mourir de chagrin" wird ohne Probleme als „Voila votre mari est mort parce qu'il a eu un accident de bagnole, en Amerique du Sud. Par consequent ma vie s'est arretee et Lion Noir ici s'est laisse mourir de chagrin" interpretiert. Schon wenig erfahrene Sprachteilnehmer konnen mit dem Begriff des Todes ein umfassendes Paradigma moglicher Todesursachen assoziieren, darunter auch „accident de bagnole". Andere Verknupfungsmoglichkeiten wie zum Beispiel die konsekutive, die finale oder die konditionale, sind weit weniger wahrscheinlich beziehungsweise wurden das Verstandnis des Textes erschweren oder unmoglich machen. Der inhaltliche Bezug ist hier sogar so offensichtlich, dass nicht einmal der Referenztrager „mon mari" oder „votre mari" explizit wieder aufgenommen werden muss.

Auf ahnliche Weise funktioniert die thematische Verbindung mit dem folgenden Satz. Dem Tod eines geliebten Angehorigen begegnet man gewohnlich mit Trauer und Niedergeschlagenheit. Lediglich die konkreten Auswirkungen eines solchen Verlustes auf das eigene Leben unterscheiden sich von Mensch zu Mensch und sind es daher unter Umstanden wert, kommuniziert zu werden. Eine Moglichkeit der (Nicht-) Bewaltigung gibt Sprecherin 2 an, wenn sie sagt „ma vie s'est arretee". Wiederum gibt es nur eine Verknupfungsmoglichkeit, die in dem gegebenen Kontext und ohne ausdruckliche Angabe konkreter Verknupfungssignale, wahrscheinlich ist, namlich die konsekutive. Der erneute Gebrauch des Possessivpronomens in der ersten Person Singular und die damit verbundene Artikulation sehr personlicher Gefuhle deutet auRerdem darauf hin, dass die wortliche Rede von „quelqu'un" beendet ist. Es ware durchaus auch denkbar, dass es „quelqu'un" ist, der von sich sagt „ma vie s'est arretee". Wegen der ausgesprochenen Anonymitat und Profillosigkeit, die der Text dem „quelqu'un" aufzwingt, wurde eine solche plotzliche Gefuhlsbekundung allerdings eher befremdlich wirken.

„Pauvre bete" ist als Rudiment von „Lion Noir est un pauvre bete" zu verstehen, denn „pauvre bete" allein ist, genau genommen, weder ein Satz noch eine Proposition. Dass es sich bei „Lion Noir" um den Eigennamen eines Hundes handelt, hat Sprecher 2 deiktisch mit dem Hinweis „ici" und einer entsprechenden Geste klargestellt. Die Bedeutungsbeziehungen zwischen „bete" und „chien" sind vom Sprachsystem vorgegeben, „chien" ist ein Hyponym von „bete". Insofern rechtfertigen auch der Kontext und situative Elemente die Annahme, dass mit „Pauvre bete" tatsachlich „Lion Noir est un pauvre bete" gemeint ist.

Der Satz „Regardez avec quel amour il continue a garder son maitre." referiert auf drei Bezugseinheiten: Das Morphem „-ez" ist stellvertretend fur "vous", den Angeredeten, also Sprecherin 1. Mit „il" muss „Lion Noir" gemeint sein, weil von allen vormalig erwahnten Bezugsausdrucken nur „Lion Noir" und „mon mari" im grammatischen Geschlecht mit „il" ubereinstimmen, wobei „Lion Noir" der zuletzt erwahnte und damit der am wahrscheinlichsten gemeinte Bezugsausdruck ist. Daruber hinaus bestehen konventionell fixierte semantische Beziehungen zwischen „chien" und „maitre". Im Weltwissen der Sprachteilnehmer ist das Faktum, dass domestizierte Tiere - insbesondere Hunde - von Menschen ernahrt und gehalten werden, fest verankert. Im Franzosischen werden solche Hundehalter unter anderem „maitre" genannt. Fur eine vergleichbare semantische Verbindung zwischen „maitre" und irgendeinem anderen Bezugsausdruck im Text liefern weder Kontext noch Weltwissen einen Anhaltspunkt. „Maitre" selbst evoziert abermals „mon mari". Hinter „s'est laisse mourir de chagrin" verbirgt sich namlich der Gedanke von „amour", der als ein Bindeglied zwischen „mon mari" und „Lion Noir" fungiert. Das Semem „mon mari" wurde damit durch den Text um das Sem „aime de Lion Noir" bereichert. In „Regardez avec quel amour il continue a garder son maitre." wiederum wird „amour" explizit wieder aufgenommen und dem Bezugsausdruck „Lion Noir" zugeschrieben. Die referenzidentische Verknupfung von „maitre" und „mon mari" wird also erst in diesem Text und durch diesen Text aufgebaut13.

Rein formal kann bereits das explizite Miteinbeziehen des Horers in Zeile 23 als Hinweis darauf interpretiert werden, dass Sprecher 2 sich dort auf die extradiegetische Ebene begibt.

Angesichts der Tatsache, dass der inhaltliche Schwerpunkt dieses Satzes jedoch nicht etwa auf „regardez" sondern vielmehr auf dem stark diegetisch gepragten Gedanken „il a beaucoup aime son maitre" liegt, lieRe sich eine solche Behauptung nur schwerlich aufrecht erhalten.

[...]


1 Vgl. Adamzik 2004, Vorwort.

2 Ebd.

3 Vgl. Gansel und Jurgens 2007, S. 65ff.

4 Vgl. Gansel und Jurgens 2007, S. 67ff.

5 Adamzik 2004, S. 1.

6 „Textlinguistik als Wissenschaftsdisziplin sollte n. u. A. nicht ausschlieBlich auf die - ohne Frage notwendigen - theoretischen Reflexionen beschrankt bleiben, sondern vor allem Anregung und Hilfe geben fur das praktische Umgehen mit Texten [...]." (Heinemann und Viehweger 1991, S. 216).

7 Brinker 2005, S. 17.

8 Brinker 2005, S. 19.

9 Brinker 2005, S. 20.

10 Umgekehrt „kann jeder noch so umfangreiche Monolog als eine ,Zerdehnung', als Ausweitung eines Gesprachsausschnitts der dialogischen Kommunikation angesehen werden" (Ehlich, Konrad: Zum Textbegriff.
In: Rothkegel, A. und Sandig, B. (Hrsg.): Text, Textsorten, Semantik: Linguistische Modelle und maschinelle Verfahren. Buske, Hamburg 1984, S. 18. Zitiert nach Heinemann und Viehweger 1991, S. 210). Vgl. auch Gulich und Hausendorf, S. 373.

11 Vgl. Brinker 2005, S. 30.

12 Vgl. Brinker 2005, S. 37.

13 Vgl. Brinker 2005, S. 31.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Text und das narrative Vertextungsmuster
Untertitel
Textlinguistische Analyse einer Alltagserzählung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Romanistik)
Veranstaltung
Linguistique textuelle
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
55
Katalognummer
V205001
ISBN (eBook)
9783656321712
ISBN (Buch)
9783656324874
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brinker, Labov, Waletzky, Narration, Textualität, Erzählanalyse, narrative analysis
Arbeit zitieren
Lucius Burgess (Autor), 2010, Text und das narrative Vertextungsmuster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205001

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