Die Darstellung der Phönizier in Homers Epen


Hausarbeit, 2003

18 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1) Einleitung

2) Die Phönizier in Homers Epen
2.1) Die Phönizier als „Helden der Schiffahrt“
2.2) Die Phönizier als „kunstgeübte Sidonier“
2.3) Die Phönizier als „phoinikische Strolche“
2.4) „Sidonier“ und „Phoiniker“

3) Resümee

4) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Die Epen Homers sind nicht denkbar ohne die Phönizier, denn hätten die Griechen nicht um 800 v. Chr. die Alphabetschrift von den Phöniziern übernommen, hätten die Epen nicht schriftlich fixiert und zum Ausgangspunkt der europäischen Literaturgeschichte werden könne.[1] Archäologische Quellen belegen den phönizischen Handel, ausgehend von den Stadtstaaten Tyrus, Sidon, Byblos und Arvad, mit und in Griechenland seit etwa dem 10. Jh. v.Chr..[2] Durch den auf herausragenden nautischen Kenntnissen und Fähigkeiten aufbauenden Fernhandel kamen die Phönizier in den gesamten Mittelmeerraum und sogar durch die Säulen des Herakles (die Straße von Gibraltar).[3] Durch diese rege Handelstätigkeit im gesamten Mittelmeerraum kamen die Phönizier in Kontakt mit vielen Kulturen, woraus natürlich eine wechselseitige Beeinflussung der jeweiligen Kulturen erwuchs. Dabei waren die Phönizier nicht nur Träger einer eigenen Kultur, sondern auch Mittler und Bindeglied zwischen Orient und Okzident.[4] So haben offensichtlich babylonische und orientalische Mythen, die in provinzieller Redaktion zum Teil auch im Alten Testament vorliegen, Eingang in die homerischen Epen gefunden.[5] Als Beispiel sei hier nur die Parallele zwischen dem biblischen Turmbau zu Babel zu dem Mauerbau in der Ilias genannt: So ist es nicht unwahrscheinlich, daß es den Phöniziern zu verdanken ist, daß das Motiv einer nach göttlicher Beratung verhinderten menschlichen, gegen Gott bzw. die Götter gerichteten Emanzipation in zwei ansonsten nicht in direktem Kontakt stehenden Kulturkreisen auftrat.[6] Die frühen Griechen bezogen offensichtlich viele Informationen und Motive aus den Kulturen des Nahen Ostens und fügten diese in den eigenen gesellschaftlichen und geistigen Zusammenhang ein.[7] Bei der Frage nach den Übermittlern dieser Mythen bieten sich die Phönizier geradezu an.

Der Geschichtsschreiber Herodot nun weiß in seinen Historien davon zu berichten, daß die griechische Buchstabenschrift von den Phöniziern in Griechenland eingeführt wurde, er spricht an dieser Stelle auch von weiteren „Wissenschaften und Künsten“, die durch die Phönizier zu den Griechen gelangten (Hdt. 5,58), er weiß auch vom Wissensaustausch im Bereich der Musik (Hdt. 2,79) und Technik zu berichten (Hdt. 7,23). Offensichtlich übernahmen die Griechen auch das Maßsystem von den Phöniziern.[8]

Der Einfluß der Phönizier auf die griechische Kultur war also, wie hier nur kurz angedeutet, sehr groß. Da die Phönizier aber kein Grenzvolk der Griechen waren, bleibt das Wissen der Griechen über diese recht vage und tendiert zu einer Typisierung[9] Doch während die andere überlegene Zivilisation in Homers Epen, die Phäaken, nicht real einzuordnen bzw. zu identifizieren sind und deutlich märchenhafte Züge tragen, beruht die Beschreibung der Phönizier auf realer Grundlage. Die Fragestellung dieser Arbeit ist nun, wie die Phönizier in den Epen Homers dargestellt werden. Diese Darstellung kann nun ein gewichtiges Indiz sein, wie die Griechen die Phönizier, denen sie, wie bereits angesprochen, viel zu verdanken haben (ohne sich dessen immer bewußt sein zu müssen), wahrgenommen haben. Dabei erfolgt eine Berücksichtigung zweier anderer literarischer Quellen: Zum einen Herodots Historien als zeitlich spätere Quelle (Mitte des 5. Jh.) aus dem selben Kulturraum, und zum anderen des Alte Testaments als Quelle aus einem anderen, den Phöniziern benachbartem Kulturraum, die in zeitlicher Nähe zu den Epen Homers als Herodot entstand.[10]

Die Untersuchung der Darstellung erfolgt nun gegliedert nach den verschiedenen Darstellungsebenen, auf die ein Erklärungsansatz für die jeweiligen Darstellungen folgt. Um die unterschiedlichen Schreibweisen auf einen Nenner zu bringen, erfolgt in dieser Arbeit die durchgängige Schreibweise ‚Phönizier’ und nicht als ‚Phöniker’, ,Phoiniker’ oder ‚Phönikier’. Bei einer Zitation von Stellen der Epen stehen die Übersetzungen aus der Sammlung Tusculum in Anführungszeichen, während andere eventuell mögliche Übersetzungen mit Apostroph umrahmt sind.

2) Die Phönizier in Homers Epen

2.1) Die Phönizier als „Helden der Schiffahrt“

Die Phönizier in ihrer Eigenschaft als hervorragende Seefahrer werden in dieser Eigenschaft bei Homer nur in der Odyssee angesprochen. Zuerst kommt dieses Motiv in der Lügengeschichte vor, die Odysseus Athene über seine Fahrt auf einem phönizischen Schiff erzählt (13,272-286). Das phönizische Schiff beschreibt er dabei als glaphyros („geräumig“, 283). Im Hinblick darauf, daß glaphyros auch mit ‚gewölbt’ oder ‚hohl’ übersetzt werden kann, scheint Homer hier ein gaulos, also ein ‚Frachtschiff’ oder ‚Rundschiff’ zu beschreiben, das durch sein rundes Bug und Heck markante Züge trug.[11] Im nächsten Gesang erzählt Odysseus, wie er auf dem Schiff eines betrügerischen Phöniziers war (14,287-309). Hier wird das Schiff ohne besondere Eigenschaft als melaina (307, „schwarz“ oder ‚dunkel’) beschrieben. Die nächste Erwähnung eines phönizischen Schiffes bzw. der phönizischen Schiffahrt beinhaltet eine eindeutige Bewertung (15,415): phoinikes nausiklutoi andres - „phoinikische Männer, Helden der Schiffahrt“ (oder, textnäher: ‚schiffsberühmte phönizische Männer’). Diese Attribuierung bezüglich der nautischen Fähigkeiten ist bei Homer so singulär wie unmißverständlich. Kurz darauf schließlich beschreibt Eumaios das Schiff, mit dem er von Phöniziern entführt wurde. Dabei kommt erneut das Wort glaphyros (15,456; „geräumig“, ‚gewölbt’, ‚hohl’) vor, an zwei anderen Stellen ist jeweils von einem koilos naus (15, 457.464; „hohles Schiff“) die Rede. Diese Beschreibung deutet wiederum auf ein Fracht- bzw. Rundschiff hin, was durchaus in den Kontext dieses Mikrotextes paßt, da die phönizischen Ankömmlinge und späteren Entführer offensichtlich ursprünglich mit der Absicht ankamen, Handel zu treiben, wofür sich ein geräumiges Schiff für die Aufnahme vieler Waren und Güter natürlich am besten eignet. Zu allem Überfluß ist dieses Schiff auch noch okualos (15, 473; „eilig schwingend“ oder einfach ‚schnell’).

Die phönizische Schiffahrt war bereits in der späten Bronzezeit hochentwickelt und in der Antike berühmt. So waren die Phönizier aufgrund vertiefter astronomischer Kenntnisse in der Lage, außer Sichtweite von Land und nachts zu fahren und sie konnten, für die Antike ungewöhnlich und singulär, über den Sommer hinaus bis in den späten Herbst hinein das Mittelmeer befahren.[12]

Homer verzichtet auf eine eingehende Beschreibung der phönizischen Schiffe und Schiffahrt, und nur an einer Stelle kommt eine eindeutig positive Bewertung der nautischen Fähigkeiten der Phönizier vor. Die Schiffe werden nur in wenigen Worten in ihrer Eigenschaft beschrieben, während z.B. Produkte des phönizischen Kunsthandwerks eingehend beschrieben und sogar taxiert werden (siehe bei 2.2). Scheinbar bedarf es keiner expliziten Beschreibung der phönizischen Schiffe und Schiffahrt. Die Kenntnis über diese Dinge scheint ein Topos in der Welt Homers zu sein.

Diese These wird durch Herodot und das Alte Testament gestützt. Herodot erwähnt an einer Stelle: „Die Phoiniker brachten die besten Segler mit, und von diesen wieder die Sidonier“ (Hdt. 7,96,2).[13] Wenig später berichtet er von den Schiffen von Artemisia, die „nach den Sidoniern die ruhmvollsten der ganzen Seemacht“ (Hdt. 7,99,6) waren. Wie Homer, so hält es auch Herodot nicht für notwenig, auf die nautischen Fähigkeiten der Phönizier genauer einzugehen – ein Indiz dafür, daß dieser Topos auch drei Jahrhunderte später noch aktuell war. Er berichtet schließlich ganz lapidar von einer außergewöhnlichen Leistung der phönizischen Seefahrt, ohne daß ihm vermutlich die Größe dieser Leistung bewußt war: Die Umschiffung Afrikas kurz nach 600 v. Chr..[14]

Das Alte Testament nun erwähnt die phönizische Seefahrt nur am Rande. In 1.Kön 10,22 ist die Rede davon, daß Schiffe Salomos zusammen mit phönizischen Schiffen Hirams (des Königs von Tyrus von 969-936[15] ) unterwegs waren. Die rege Handelstätigkeit der Phönizier, die im Alten Testament vor allem in Jes 23 und Hes 26 und 27 (in den Klageliedern und Gerichtsprophetien über Tyrus und Sidon) angesprochen wird, ist nicht denkbar ohne eine funktionierende Seefahrt. Explizit wird diese an zwei Stellen angesprochen: Hes 26,17 berichtet von Tyrus, „die du am Meer lagst und so mächtig warst auf dem Meer samt deinen Einwohnern“, in Hes 27,8 heißt es von Tyrus: „Die Edlen von Sidon und Arvard waren deine Ruderknechte, und die kundigsten Männer von Tyrus hattest du als deine Steuerleute.“

[...]


[1] Vgl. Latacz 1990, S. 12

[2] Vgl. Patzek 1996, S. 28

[3] Vgl. Niemeyer 2000a, S. 161

[4] Vgl. Latacz 1990, S. 12

[5] Vgl. Niemeyer 1984, S. 69

[6] Poseidon und Zeus beraten sich im 7. Gesang der Ilias wegen der von den Achaiern gebauten Mauer und beschließen deren Zerstörung wegen des erwarteten Ruhmes der Mauer, die anscheinend selbst göttliche Werke in den Schatten stellen könnte. Ein verblüffend ähnliches Motiv findet sich im Alten Testament in der Geschichte vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9): Der Turmbau mit dem Ziel, sich einen Namen zu machen, gefährdet den göttlichen Wirkungskreis, „nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun“ (6), nach dieser Beratung wird der Turmbau durch einen göttlichen Eingriff (hier: Sprachverwirrung) verhindert, wobei von dieser Aktion im Plural berichtet wird(!): „Wohlan, laßt uns herniederfahren ...“ (7).

[7] Vgl. Patzek 1996, S. 31

[8] Vgl. Niemeyer 1984, S. 69

[9] Vgl. Patzek 1996, S. 11

[10] Die hier relevanten Bücher der Könige (vgl. Zenger 2001, S. 221) und Hesekiels (vgl. a.a.O., S. 454f.) werden auf Anfang des 6. Jh. datiert, das Buch Jesaja wird bis Kapitel 39 („Protojesaja“, vgl. Levin 2001, S. 90) auf Ende des 8. Jh. datiert (zu allen vgl. Zenger 2001, S. 535)

[11] Vgl. Briese 2000b, S. 167

[12] Vgl. Niemeyer 2000e, S. 160 f.

[13] Zu der Unterscheidung zwischen „Sidoniern“ und „Phoinikern“ siehe in dieser Arbeit im Kapitel 2.4

[14] Vgl. Huss 2000, S. 218

[15] Vgl. Röllig 2000, S. 916

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Phönizier in Homers Epen
Hochschule
Universität Kassel  (FB 5: Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Die Gesellschaft der Zeit Homers
Note
2+
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V20504
ISBN (eBook)
9783638243612
ISBN (Buch)
9783638853842
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Phönizier, Homers, Epen, Gesellschaft, Zeit, Homers
Arbeit zitieren
Thomas Diehl (Autor), 2003, Die Darstellung der Phönizier in Homers Epen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20504

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