Sowohl Afghanistan als auch der Irak gerieten nach dem 11. September 2001 im Rahmen der Terrorismusbekämpfung in den Blickpunkt der Welt und auf die Abschussliste der Amerikaner und ihrer Verbündeten. In beiden Fällen waren die USA die treibende Kraft, die versuchten, Partner für ihren Krieg gegen den internationalen Terrorismus zu finden. In beiden Ländern gab es keine Demokratie und keinen Rechtsstaat. Es waren totalitäre Regime an der Macht, welche mit harter Hand vor allem gegen das eigene Volk regierten. Beide Länder liegen im Nahen Osten und sind eindeutig zu den weniger entwickelten Nationen dieser Welt zu zählen.
Womit lässt sich also die unterschiedliche Verhaltensweise Deutschlands erklären? Warum sind deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz, nicht aber im Irak? Warum unterstützte die deutsche Regierung ihre Verbündeten im Einsatz gegen Afghanistan ohne zu zögern, sprach sich aber vehement gegen das Einrücken in den Irak aus?
Es soll versucht werden, diese Frage in der vorliegenden Arbeit mit Hilfe der Rollentheorie zu klären, die davon ausgeht, dass Staaten eine bestimmte „Rolle“ erfüllen, anhand derer sich ihr außenpolitisches Verhalten ausrichtet. Die Rollentheorie bietet sich vor allem deshalb zur Außenpolitikanalyse an, weil sie durch die Einbeziehung individueller, gouvernementaler, gesellschaftlicher und systemischer Analyseebenen quasi als Scharnier zwischen der Akteurs- und der Systemebene fungiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die klassische Rollentheorie
2.1 Die Rollentheorie – Ein konstruktivistischer Ansatz
2.2 Die Entstehung der Rollentheorie
2.3 Die Rollentheorie als Analyseinstrument
2.4 Rollentheoretische Modelle der Außenpolitik und ihre Prüfkriterien
2.4.1 Das realistische Modell des Machtstaates
2.4.2 Das liberale Modell des Handelsstaates
2.4.3 Das idealistische Modell des Zivilstaates
2.5 Hypothesen zum außenpolitischen Verhalten Deutschlands in Krisensituationen
2.5.1 Deutschland als Machtstaat
2.5.2 Deutschland als Handelsstaat
2.5.3 Deutschland als Zivilstaat
3. Der Afghanistan-Krieg
3.1 Deutschlands Einbindung in und sein Einfluss auf Internationale Institutionen im Bezug auf den Afghanistan-Krieg
3.2 Deutsche Truppenorganisation/Truppenbindung und militärisches Verhalten vor und während des Afghanistan-Krieges
3.3 Deutschlands Rolle im Afghanistan-Krieg
4. Der Irak-Krieg
4.1 Deutschlands Einbindung in und sein Einfluss auf Internationale Institutionen im Bezug auf den Irak-Krieg
4.2 Deutsche Truppenorganisation/Truppenbindung und militärisches Verhalten vor und während des Irak-Krieges
4.3 Deutschlands Rolle im Irak-Krieg
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Diplomarbeit untersucht das außenpolitische Verhalten Deutschlands in den Krisensituationen Afghanistan und Irak unter Anwendung der klassischen Rollentheorie, um zu klären, inwieweit deutsche Entscheidungsträger dabei den idealtypischen Modellen des Macht-, Handels- oder Zivilstaates folgen.
- Konstruktivistische Fundierung der Rollentheorie und ihre Anwendung als Analyseinstrument für die Außenpolitik.
- Erarbeitung idealtypischer Rollenmodelle (Machtstaat, Handelsstaat, Zivilstaat) als Analysegrundlage.
- Empirische Untersuchung des deutschen Verhaltens im Afghanistan-Krieg sowie im Irak-Krieg unter Berücksichtigung von Einbindung in internationale Institutionen und Truppenorganisation.
- Vergleichende Analyse der deutschen Rollenkonzeptionen und Klärung der Frage, ob eine konsistente deutsche Außenpolitik erkennbar ist.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Am Morgen des 11. September 2001 schlugen wenige Minuten nacheinander zwei vollbesetzte Passagierflugzeuge in die Türme des New Yorker World Trade Centers ein, explodierten und brachten die „Twin Towers“ zum Einsturz. Eine knappe Stunde nach der ersten Explosion stürzte eine Boeing 757 ins Washingtoner Pentagon, eine vierte Maschine stürzte über Pennsylvania ab. Bereits einen Tag nach den Terroranschlägen in New York und Washington verurteilte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen diese als Angriff auf die Vereinigten Staaten sowie als Bedrohung für den weltweiten Frieden und die internationale Sicherheit. Die transnationalen Rahmenbedingungen veränderten sich durch die Anschläge grundlegend und die in ihrer Folge beginnenden Kriege in Afghanistan und im Irak stellten die Regierenden der Bundesrepublik Deutschland vor schwierige Entscheidungen und das außenpolitische Rollenkonzept Deutschlands auf die Probe.
Beginnend mit den Anschlägen in den USA, sah sich die westliche Welt einer neuen Form des internationalen Terrorismus gegenüber. Nie zuvor war es letzterem gelungen, Amerika und zugleich die gesamte westliche Welt so systematisch zu attackieren, wie mit den Anschlägen auf das World Trade Center. Die Terroristen wollten nicht nur den Hegemon USA, sondern das Herz einer westlichen Zivilisation treffen, die sie mit Inbrunst hassen. Doch weil Amerika in einer Feldschlacht nicht zu besiegen ist, wird der Krieg von den Terroristen „asymmetrisch“ geführt und unterscheidet sich von früheren Kriegen sowohl hinsichtlich der Ziele, als auch bezüglich der Art der Kriegführung und der Finanzierung. Die neuen Kriege haben, im Gegensatz zu den geopolitischen oder ideologischen Motiven früherer Konflikte, eine Politik der – in diesem Fall religiösen - Identität zum Ziel und ihre Strategien machen sich gleichermaßen die Erfahrungen des Guerillakrieges wie des Anti-Guerillakampfes zunutze.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die durch die Anschläge vom 11. September 2001 veränderten Rahmenbedingungen und die daraus resultierenden Herausforderungen für das außenpolitische Rollenkonzept Deutschlands.
2. Die klassische Rollentheorie: Legt das theoretische Fundament dar, definiert das Konzept des Rollenmodells und erarbeitet die Idealtypen des Macht-, Handels- und Zivilstaates als Prüfkriterien für die empirische Analyse.
3. Der Afghanistan-Krieg: Analysiert das deutsche Verhalten im Afghanistan-Konflikt, insbesondere hinsichtlich der internationalen Einbindung und der militärischen Rolle der Bundeswehr.
4. Der Irak-Krieg: Untersucht das deutsche Verhalten im Irak-Krieg unter Anwendung der erarbeiteten Rollenmodelle und beleuchtet den Bruch mit der multilateralen Tradition der deutschen Außenpolitik.
5. Fazit: Resümiert die Ergebnisse der Fallstudien und kommt zu dem Schluss, dass die deutsche Außenpolitik keine eindeutige Rollenkonzeption verfolgt, sondern sich in Widersprüchlichkeiten zwischen den Idealtypen bewegt.
Schlüsselwörter
Außenpolitik, Rollentheorie, Deutschland, Afghanistan-Krieg, Irak-Krieg, Zivilmacht, Handelsstaat, Machtstaat, Multilateralismus, Internationale Institutionen, Bundeswehr, Sicherheitspolitik, Krisensituationen, Rollenkonzept, Außenpolitikanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das außenpolitische Handeln Deutschlands nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den Konflikten in Afghanistan und im Irak unter dem Fokus der Rollentheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf die Anwendung theoretischer Modelle (Macht-, Handels- und Zivilstaat) auf die deutsche Außenpolitik, die Analyse internationaler Einsätze der Bundeswehr und die Untersuchung von Entscheidungsprozessen in Krisenzeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, welches außenpolitische Rollenverhalten Deutschland in den beiden Krisenfällen Afghanistan und Irak eingenommen hat und ob dies einem der idealtypischen Modelle der Rollentheorie entspricht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine qualitative Analyse auf Basis rollentheoretischer Konzepte (nach Rittberger und Holsti) durchgeführt, die empirische Daten und Dokumente (z.B. Weißbücher, Reden) nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Rollentheorie sowie die Modelle des Macht-, Handels- und Zivilstaates erläutert. Anschließend werden diese Modelle anhand der Fallbeispiele Afghanistan und Irak auf die deutsche Außenpolitik angewendet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Außenpolitik, Rollentheorie, Zivilmacht, Handelsstaat, Multilateralismus und Krisenbewältigung charakterisiert.
Inwiefern beeinflusste das Grundgesetz die deutsche Position im Irak-Krieg?
Die Arbeit legt dar, dass die Grundwerte des Grundgesetzes, insbesondere Artikel 26 (Verbot der Vorbereitung eines Angriffskrieges), eine zentrale Grundlage für die Entscheidung bildeten, sich nicht am Irak-Krieg zu beteiligen.
Warum lässt sich das deutsche Verhalten in den beiden Krisenfällen nicht eindeutig einem einzigen Rollenmodell zuordnen?
Das Fazit der Arbeit betont, dass Deutschland sowohl zivil- als auch handelsstaatliche Instrumente einsetzt und in den untersuchten Krisen keine konsistente, sondern eine widersprüchliche Rollenkonzeption zeigt, die durch eine gewisse Strategielosigkeit und den Wandel des Selbstverständnisses geprägt ist.
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- Carolin Münzel (Author), 2010, Außenpolitische Entscheidungen Deutschlands in Krisensituationen: Afghanistan und Irak, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205056