Veränderung der Organisation und Institution Krankenhaus durch Krankenhausinformationssysteme (KIS)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
39 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen von Begrifflichkeiten
2.1 Institution
2.2 Organisation
2.3 Krankenhausinformationssystem (KIS)

3 Analyse der allgemeinen Ausgangslage im Gesundheitssystem und an Krankenhausern

4 Veranderungender InstitutionKrankenhausdurch dieEinfah- rung von Krankenhausinformationssystemen (KIS) in den letz- ten 20 Jahren

5 Auswirkungen der Einfuhrung von Krankenhausinformations- systemen (KIS) im Krankenhaus
5.1 Positive Auswirkungen
5.1.1 Positive okonomische Auswirkungen
5.1.2 Positive organisatorische Auswirkungen
5.2 Negative Auswirkungen und Grenzen
5.2.1 Negative okonomische Auswirkungen und Grenzen
5.2.2 Negative organisatorische Auswirkungen und Grenzen

6 Versuch einesAusblicks aufdiekommendenJahre und Entwicklungen

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das deutsche Gesundheitswesen und vor allem das Krankenhauswesen befinden sich in einem tief greifenden Paradigmenwechsel. Was der Arzt1 fur die Therapie beno- tigt, um seine Patienten lege artis zu behandeln, entscheidet er nicht mehr primar selbst als Experte fur die medizinische Behandlung sondern meist der Okonom und Manager in Person des kaufmannischen Geschaftsfuhrers (Grandt 2011; Ehlers et al. 2008). Anders formuliert meint der aktuelle Paradigmenwechsel eine Abwendung von der Ressourcen- und Arzt-Steuerung und eine Hinwendung zur primaren Aus- richtung an der Kostenkalkulation (Munch 2008, S. 230).

Verursacht wird dies vor allem durch die Gesundheitsreformgesetzgebung mit einem Verdrangungswettbewerb zwischen Krankenhausern, mit einem Kampf um (lukrati- ve) Patienten, mit wachsendem Kostendruck und zunehmender Leistungskomplexitat (Eiff2007; Cassel 2004, S. 5; Klaue 2006, S. 23).

Ein durchschnittliches, gut gefuhrtes Krankenhaus wird um Kosten zu senken, versu- chen die Bettenauslastung auf circa 85 - 90% zu steigern. Nur durch Ausnutzung aller Wirtschaftlichkeitsreserven und Erhohung der Fallzahlen konnen Krankenhau- ser im regulierten Wettbewerb uberleben (Bruckenberger et al. 2006, S. 202 ff). Zudem wird bei historischen Vergleichen deutlich, dass die Diffusionsgeschwindig- keit neuer Technologien erheblich gestiegen ist und wir auf diese Weise eine enorme Beschleunigung des Lebens und Arbeitens erfahren (Weyer 2008, S. 19). Die Ent- wicklung der Verzahnung von Technologien mit dem Gesundheitswesen wird be- sonders beim Krankenhaus sichtbar, welches sich zu einer vernetzten, technisch hochgerusteten Institution entwickelt hat (Robert Bosch Stiftung 2007a, S. 41 ff.; Bauschert 2008).

Bei der Einfuhrung von Technologien fur den Stations- und Wohnbereich wird fast immer das Ziel verfolgt, die Mitarbeiter zu entlasten, Leistungen zu verbessern und vor allem Kosten zu reduzieren (Rose 2011; Graf & Jacobs 2011; Rekowski 2009; Schnabel 2011b; Pfenning 2010; Badura 1994, S. 287; Kada et al. 2012).

Jedoch fuhrt die zunehmende und tiefgreifende Wandlung des Krankenhauses in einen „High Tech Intensivreparaturbetrieb“auch zu einer Neustrukturierung der Aufgaben von Arzten und Pflegenden und zu neuen Verantwortungen und Hand- lungsbereichen im Zusammenhang mit der Prozesssteuerung uber Krankenhausin- formationssysteme (KIS) (Bartholomeyczik 2007; Braun & Kuhn 2003; Simon 1997).

Mit steigendem Aufwand und zunehmender Intransparenz der Leistungen ist bei Ent- scheidungstragern - wie auch bei Patienten - das Interesse an zuverlassigen Informa- tionen uber Qualitat und Kosten im Gesundheitswesen permanent gewachsen und hat zu konkreten Anforderungen gefuhrt (Badura 2002, S. 15).

In dieser Hausarbeit mochte ich auf dieses Interesse von Entscheidungstragern wie Krankenkassen und Politik naher eingehen. Weiterhin werde ich aufzeigen, welche positiven als auch negativen Auswirkungen die systematische Einfuhrung von Kran- kenhausinformationssystemen (KIS) in Krankenhausern auf deren Organisation und die Mitarbeiter gehabt hat, zurzeit hat und zukunftig haben konnte.

2 Definition von Begrifflichkeiten

Fur drei wichtige Begrifflichkeiten mochte ich zu Beginn Arbeitsdefinitionen vor- stellen, um deren Verwendung in dieser Hausarbeit einheitlich zu gestalten.

2.1 Institution

Von einer Institution spricht man, wenn ein Gebilde im Zustand einer dauerhaften sozialen Ordnung ist und ein spezifisches Regel- und Normensystem vorhalt. Dar- uber hinaus gelten Institutionen gesellschaftlich als legitim und setzen sich mit Sank- tionen durch (Jansen 2000; Gabler Verlag 2012).

Von Organisationen unterscheiden sich Institutionen derart, dass Institutionen sui generis sozial gebildet sind, um Pflichten zu definieren, wohingegen Organisationen als Instrumente menschlichen Zweckhandelns dienen (Lipp 2000, S. 148).

2.2 Organisation

Organisationen sind dynamische Systeme, deren organisatorische Vernetzungen durch elektronische Datenverarbeitung und Kostenkalkulationen im System reflek- tiert werden konnen (Luhmann 2000, S. 327f.). Jede soziale Organisation beruht auf Ideen- und Wertsystemen, die aus umgebenden sozialen Systemen abgeleitet und legitimiertwerden (Zimmermann2000; Wiswede 1991, S. 393).

Organisationen wie Krankenhauser integrieren oftmals die Mitarbeiter so gut, dass deren Anwesenheit unmerklich wird und es den Anschein macht, dass reibungslose technische Ablaufe stattfanden (Schimank 2010, S. 20f.).

Krankenhauser konnen als formale Organisationen in einer vernetzten Gesellschaft betrachtet werden, welche hochgradig effiziente und zentrale Orte der ungleichen Verteilung knapper Guter wie medizinische Diagnostik, Therapie und pflegerische Versorgung sind (Tauchnitz 2004, S. 50; Turk 2000a, S. 19).

Die formale Strukturierung eines Krankenhauses kann in eine aufiere Organisation (Rechtsform und Tragerschaft) und in eine innere Organisation (Aufbau- und Ab- lauforganisation) unterteilt werden. Bei der inneren Organisation spielen die Aufga- bengliederung, die Bildung von Organisationseinheiten (Stellen, Abteilungen), Wei- sungs- und Informationsbeziehungen, Fragen der Hierarchie, der horizontalen und vertikalen Aufgabenverteilung, Breite und Tiefe der Aufbaustruktur und die forma- len Beziehungen der verschiedenen Abteilungen untereinander eine wichtige Rolle (Gobel 1999, S. 13; Pohlmann & Markova 2011, S.51; Thiele 2002, S. 49 ff.).

2.3 Krankenhausinformationssystem (KIS)

Ein Krankenhaus-Informationssystem (KIS) kann als ein abgeschlossenes integrier- tes System der Ubertragung und Verarbeitung der in einem Krankenhaus entstehen- den Informationen definiert werden. Ein KIS kann in Papierform und/oder als digita- les System vorliegen. Es sind alle Mischformen denkbar und auch umgesetzt (Mett- ler & Rohner 2009; Sellemann 2007)2.

Ein digitales KIS benotigt eine entsprechende Informationstechnologie (IT) mit Ver- netzungsinfrastruktur, welche kabelgebunden (local area network, LAN) oder draht- los (wireless local area network, WLAN) sein kann (Melville et al. 2004).

Ein KIS ist ein Teilsystem des Unternehmens Krankenhaus, welches aus den infor- mationsverarbeitenden Aktivitaten und den an ihnen beteiligten menschlichen und maschinellen Handlungstragern in ihrer informationsverarbeitenden Rolle besteht. Einzelne Personen konnen entweder ein Teil des KIS, ein Benutzer (Enduser oder User) oder beides sein (Schoedon 2004, S. 3).

3 Analyse der allgemeinen Ausgangslage im Gesundheitssystem und an Krankenhausern

Die deutschen Krankenhauser erfuhren durch die im Januar 2003 eingefuhrten und seit Januar 2004 verbindlichen Diagnose Related Groups (DRG), nach denen nicht mehr nach Liegezeit sondern nach festgeschriebenen Fallpauschalen und Behand- lungsprozeduren bezahlt und finanziert wird, einen einschneidenden Veranderungs- prozess. Die Auswirkungen auf den Krankenhausalltag, auf Handlungs- und Ent- scheidungsprozesse und auf die organisatorischen Anforderungen waren erheblich.

Die DRGs hatten folgende Ziele und Auswirkungen (Ebert 2010, S. 20 ff.):

1. Verkurzung der Verweildauer
2. Stabilisierung der Krankenkassenausgaben
3. Leistungsbezogene Vergutung
4. Hohere Transparenz der Kosten und Leistungen
5. Verstarkter Wettbewerb untereinander
6. Vereinheitlichung der Bezahlung medizinischer Leistungen
7. Abbau von Uberkapazitaten von Betten

Eine Kooperation mit anderen Hausern, mit nachsorgenden Einrichtungen und ambu- lanten Arzten wurde dabei immer wichtiger fur den Erfolg der Arbeit im Kranken- haus (Vogd 2007; Keun 2001, S. 82 ff.; Braun et al. 2006; Simon 1997, S. 39f). Weiterhin fuhrten die DRGs zu einer Ausweitung des Leistungskataloges fur ambu- lantes Operieren in den Krankenhausern und zu einer zunehmend flachendeckenden Verzahnung des ambulanten und stationaren Sektors in Form einer integrierten Ver- sorgung in medizinischen Versorgungszentren (Beckers 2002, S.1- 6).

Die Krankenhauser mussen seit der Einfuhrung der DRGs ihr Kostenniveau unter- halb der Werte der Fallpauschalen halten, um ihre Rentabilitat langfristig sicherstel- len zu konnen (Fuchs 2010; Simon 2008, S. 288 ff.; Busse 2012). Mehr Patienten bringen zwar hohere Fallzahlen, aber allein keine auf Dauer messbaren okonomi- schen Vorteile (Klaue 2006, S. 17).

Zunehmende Leistungskomplexitat, Kampf um Patienten, Verdrangungswettbewerb zwischen Krankenhausern, Sicherstellung der Transparenz und Erhohung der Quali- tat der medizinischen und pflegerischen Behandlung charakterisieren das enorme Spannungsfeld im Krankenhaus und machen die Schwierigkeiten bei Reformen die- ser heterogenen und komplexen Organisationsform deutlich (Liebig & Lengfeld 2010, S. 299 ff.; Faust 2010, S. 335 ff.; Busse et al. 2009).

Die daraus resultierenden allgemeinen Kosten im Gesundheitssystem konnen von den Krankenversicherungsbeitragen nicht dauerhaft gedeckt und finanziert werden. Aus diesem Grund haben der Gesetzgeber und die Krankenkassenverbande einen enormen Druck aufgebaut, um Kosten zu reduzieren und effektiveres Arbeiten zu erzwingen (Pfeffer & Salancik 2003, S. 235 ff.).

Eine der Folgen daraus war, dass in den letzten 15 Jahren in Deutschland eine welt- weit einzigartige Privatisierungswelle von Krankenhausern eingesetzt hat. Bezogen auf den Anteil der Krankenhauser mit Bettenzahlen und Umsatz ist die Bedeutung von renditeorientierten Krankenhausern in Deutschland hoher als in alien anderen Industriestaaten (Stumpfogger 2009; Bruckenberger 2006).

Vor allem eine am Gesamtprozess ausgerichtete Leistungserstellung mit enger Zu- sammenarbeit der Berufsgruppen ist erforderlich, um eine reibungslose, schnelle und kostengunstige Abwicklung der auf den externen Kunden gerichteten Geschaftspro- zesse zu erreichen. Dies erfordert eine Optimierung der innerbetrieblichen Ablaufe durch Standardisierung in Form von klinischen Behandlungspfaden (clinical pathways3 /guidelines4 ) und medizinisch-klinischen Uberprufungen (medical/clinical audit5 ) (Frauenknecht 2011; Dent 2003, S. 119 ff.). Die Auswirkung der Behand- lungspfade auf die Qualitat der Pflege am Patienten selbst wurde bezeichnenderweise in vielen Untersuchungen nicht berucksichtigt. Die Korrelation zwischen systemati- scher KIS-Implementation und Kundenzufriedenheit ist wissenschaftlich nicht belegt (Saboor et al. 2006). Die Fokussierung lag auf der Effizienzsteigerung der Prozesse, welche nachweislich verbessern werden konnten (Wolff et al. 2004; Cheah 2000). Diese innerbetrieblichen Veranderungen fuhren allgemein zwangslaufig zu einer Verstarkung des internen Controllings und zu einer multiprofessionellen Prozess- steuerung durch Einfuhrung von medizinisch-pflegerischen Checklisten und Case Management6, zu sektorenubergreifenden Kooperationen und Versorgungsstruktu- ren, was zu einer umfassenden Veranderung der Arbeitsablaufe und organisatori- schen Strukturen fuhrt (Reinhardt, 2006, S. 34 f.; Bohnes et al., 2008, S. 218; Wes- termann Redaktion, 2008, S. 244 f.; Sibbel 2010, S. 55). Medizin-Controlling und Qualitatsmanagement sind auch gefordert, um vorhandene Ressourcen im Kranken- haus transparent und effizient nutzbar zu machen (Ebert 2010,S,33ff; Knall 2011). Die 2166 Krankenhauser in Deutschland unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, so dass ein KIS sehr unterschiedliche Aufgaben erfullen muss. Dabei sind die Kranken- hausfinanzierung und die Abrechnung mit den Kostentragern gesetzlich geregelt und bezogen auf die IT-Unterstutzung umfangreich vorgegeben. Weniger reguliert sind medizinische und pflegerische Prozesse, welche sich aber zumeist an evidenzbasier- ten Leitlinien7 orientieren, um das Handeln transparent, vergleichbar, begrundet, von hoher Qualitat, juristisch abgesichert und nach definierten Kriterien darzustellen (Gethmann et al. 2005, S. 98 ff; Pfaff & Scheibler 2006; Bartholomeyczik 2012; Panke-Kochinke 2012; Buscher & Blumenberg 2012; Meyer & Kopke 2012). Offenbar besteht in vielen Krankenhausern eine negative Korrelation zwischen dem aktuell erreichten wirtschaftlichen Erfolgsniveau und der Bereitschaft zur Nutzung neuer, risikobehafteter Technologien. Erst wenn Krankenhauser massiv in wirtschaft- liche Schwierigkeiten geraten, werden ernsthafte Versuche in Richtung KIS- Implementation unternommen. Jedoch fehlen in Krisensituationen haufig die fur In- novationsprozesse erforderlichen Finanzmittel, sodass diese Krisen nicht selten zur Liquidation an private Krankenhausketten fuhren (Gerpott 2005, S. 1 -6). Grundsatzlich ist mit dem Einzug der digitalen Technik in das Gesundheitswesen ein deutlicher Veranderungsprozess zu einer verstarkten „Industrialisierung“und „Tay- lorisierung“der Gesundheitsversorgung mit Spezialisierungs- und Konzentrations- entwicklung zu bemerken (Oberender & Zerth 2008, 92; Schnabel & Weifi 2010).

4 Veranderungen der Institution Krankenhaus durch die Einfuhrung von KIS in den letzten 20 Jahren

KIS wurden ab den 1950er Jahren in Form von strukturierter papierbezogener Do- kumentation und maschineller Verarbeitung sukzessiv in Deutschland eingefuhrt Von einem KIS im engeren Sinne kann erst ab den 1970er Jahren gesprochen wer­den, welche zuerst an Universitatskliniken (z. B. in Hannover, Frankfurt/Main, Hei­delberg und Munster) eingefuhrt wurden (Kohler 1980).

KIS erlebte seinen „Take off‘ in 1993 und erlebte seit circa 1996 ein rasantes Um- satzwachstum, was den Markt der Anbieter technisch turbulent und strategisch unsi- cher gestaltet hat. Seit ungefahr 10 Jahren setzt eine Konsolidierung ein (Schildhauer 2001, S. 1).

Im Jahre 1972 wurde mit der Einfuhrung des Krankenhausgesetzes die duale Kran- kenhausfinanzierung festgeschrieben, um die wirtschaftliche Sicherung der bis dahin unterfinanzierten Krankenhauser zu sichern. Bei dieser Dualitat wurde von den Bun- deslandern die Finanzierung der Gebaudeinvestitionen und von den Krankenkassen die Finanzierung der Betriebskosten uber krankenhauseinheitliche und abteilungsbe- zogene Pflegesatze mit Behandlungstagen geregelt (Schwintowski 2006).

Da eine Selbstkostendeckung angestrebt war, wurden von den Krankenkassen alle anfallenden Kosten ubernommen, unabhangig von deren Sinn und der Effizienz der Leistungserbringung. Dies fuhrte zu unnotig langem Aufenthalt der Patienten in den Kliniken und somit zu hohen Kosten, wobei die fehlende Transparenz der Kosten- und Leistungsstrukturen eine Kostenreduktion schwierig gestaltete (Schilling 2010). Daraus resultierend wurden die DRGs in 2003 eingefuhrt mit der praktischen Kon- sequenz, dass die geleisteten Diagnosen und Behandlungen mit Verschlusselungsco- des (ICD-10, OPS, PKMS-E 2.0) dokumentiert und an die Krankenkassen digital weitergeleitet werden mussen. Durch den Paradigmenwechsel von der auf Fachauto- ritat basierenden Beziehung zwischen Professionellem (Arzt, Pflegekraft) und Klien- ten (Patient) hin zu einer vertraglichen Beziehung eines Geschaftsmanns (Kranken- hausverwaltung) mit dem Kunden (Patienten) wird die Okonomisierung der Medizin und die volligen Veranderung der ehemals burokratischen Beziehungen evident. Da- bei beeinflusst das Medizin-Controlling vormals relativ autonome Verhaltensweisen in Bezug auf die organisatorischen Ablaufe und Strukturen durch die Offenlegung und Darstellung der Prozesse. Ein Medizin-Controlling hilft dem systematischen KIS auch in seiner Arbeitsfahigkeit (Hovanec 2007, S. 64 ff; Hiltensperger 2011).

Die Intensivierung der Nutzung von KIS im Krankenhaus gilt weiterhin als ein In­strument, um den Herausforderungen im Gesundheitswesen zu begegnen (Drews 2008c). So sind auch krankenhausinterne Qualitatssicherungs- und Qualitatsmana- gementmaBnahmen gesetzlich vorgeschrieben (§§ 135, 137 SGB V und § 20 SGB IX). Daruber hinaus haben etliche Krankenhauser zusatzliche Qualitatsprogramme, Zertifizierungen und Managementmodelle eingefuhrt (Hovanec 2007, S. 62).

Durch die Verpflichtung der Kliniken zur Veroffentlichung von strukturierten Quali- tatsberichten alle 2 Jahre und die ausschlieBlich digitale Abrechnung und Kommuni- kation mit den Krankenkassen wird die digitale Sammlung, Verarbeitung und Wei- terleitung von Daten in den Krankenhausern massiv gefordert (Schulz 2006; Ge- meinsamer Bundesausschuss 2011).

KIS kombiniert die Informationsvermittlung mit Technikeinsatz, weswegen ich nun Grundsatzliches zu Informationen und Technik sagen werde:

- Informationen spielen beim Verandern von Rechten durch das Verandern von Uberzeugungen eine Rolle. In der Kontrolle von Informationen liegt ein enormes Machtpotential (Kappelhoff2000, S. 230).
- Technik steht paradigmatisch fur Produktionskraft. Informations- und Kommuni- kationstechnologien wie KIS werden als vornehmstes Mittel der Effizienzsteige- rung angesehen. Status- und Funktionsinteressen von Akteuren erweisen sich in formal und informed vernetzten Beziehungen und Machtkonstellationen als ein- flussreich und treibend hinsichtlich der Entwicklung, des Einsatzes und der Nut- zung dieser Technologien (Braczyk 2000, S. 541f.).

Ubertragen auf den Krankenhausbereich hat diese Kombination von Informationen und Technik erhebliche Auswirkungen: Stolzenberg et al. und nachfolgende Unter- suchende konnten festhalten, dass in grofien Kliniken die Arbeitsprozesse derart komplex geworden sind, dass diese standardisiert werden mussen. Die interne Kom- munikation produziert grofie Mengen an Daten, welche zur Verarbeitung und zum Verstandnis vertiefte Interpretionsfahigkeiten bei den Mitarbeitern voraussetzen. Fur diese Arbeiten rekrutieren die Unternehmen deshalb zunehmend Personen mit hohe- rer Bildung (Lengfeld 2010,S. 114f.).

Trotz des rasanten Wachstums ist der Durchdringungsgrad mit IT in vielen Kranken- hausern nach Meinung von IT-Experten unzureichend. In einer Studie aus dem Jahre 2006 wird davon gesprochen, dass rund ein Sechstel der deutschen Krankenhauser nicht einmal erste Elemente eines KIS implementiert hatte. Lediglich grofie Institute, private Krankenhausketten und Universitatskliniken wurden ubergreifende und um- fassende IT-Losungen einsetzen (Sunyaev et al. 2006).

Dieser Durchdringungsgrad erscheint zu gering, insbesondere weil rund 20 % der Ausgaben fur das Gesundheitswesen in Deutschland durch Informationsverluste und Mehrfachuntersuchungen entstehen, welche durch KIS vermieden werden konnten. Auch in anderen Landern wie in der US-Studie von Lohr (2004) wird geschatzt, dass durch systematisch implementiertes KIS circa 10% der Gesundheitsausgaben einge- spart werden konnten (Kolpatzik 2005, S. 3 ff.).

Zurzeit arbeiten erst rund 20 Prozent der deutschen Kliniken mit mobilen Endgeraten wie PDA, Tablet-PCs oder Laptops (Kucera 2011). Wichtig ist bei der Verwendung von Mobilsystemen, dass die IT-Verantwortlichen die fur die spezielle Aufgabe pas- senden Endgerate und entsprechende Infrastruktur auswahlen (Strehlitz 2011).

Die Bundesregierung hat deshalb mit dem Konjunkturpaket II in 2009 Infrastruktur- Mafinahmen im Krankenhausbereich wie KIS-Implementierungen finanziell gefor- dert, um die Wirtschaftlichkeit der Hauser zu verbessern (Kraft 2010).

Auch Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse sind zurzeit dabei, ihre Kom- munikation vor allem mit Krankenhausern und Arztpraxen effizienter zu strukturie- ren, indem alle Kommunikationsmittel in einer einheitlichen digitalen Anwendungs- umgebung zusammengebracht werden (Schilling 2010).

[...]


1 Aus Grunden der einfacheren Lesbarkeit wird auf die geschlechtsneutrale Differenzierung (z. B. Arzt/Arztin, User/Userin, Leiter/Leiterin) verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsatzlich fur beide Geschlech- ter.

2 Als ein aussagekraftiges Beispiel fur ein ganzheitliches KIS in Deutschland kann ORBIS von Agfa Healthcare gelten. Siehe http://www.agfahealthcare.com/germany/de/main/products services/Krankenhaus-Informationssvstem/index.isp (Stand: 26.03.2012)

3 Ein klinischer Behandlungspfad (engl.: clinical pathway) ist ein Beschreibungsmodell als Norm fur einen Ablaufplan zur Durchfuhrung einer medizinischen Behandlung in einem Krankenhaus. Dieser Ablaufplan kann als Entscheidungsbaum aber auch als einfacher Tagesablaufplan gestaltet sein (Vanheacht et al. 2007).

4 Zu clinical (practice) guidelines meinen Boyd et al.: ,,Clinical practice guidelines help to define standards of care and focus efforts to improve quality.” (Boyd et al. 2007).

5 NICE and the Healthcare Commission definieren Medical/clinical audit folgendermaben: “Clinical audit is a quality im­ provement process that seeks to improve the patient care and outcomes through systematic review of care against explicit criteria and the implementation of change. Aspects of the structures, processes and outcomes of care are selected and sys­tematically evaluated against explicit criteria.” (Copeland 2005, S. 3)

6 Case Management (Fallmanagement, Casemanagement, Fallsteuerung, Fallfuhrung) bezeichnet ein Ablaufschema in sozialer Arbeit. Das Ziel im Fallmanagement ist eine wohl organisierte und bedarfsgerecht auf den einzelnen Fall zugeschnittene Hil- feleistung, in welcher der Versorgungsbedarf ernes Klienten oder Patienten erbracht wird (Norris et al. 2002; Ehlers 2008).

7 Unter Evidenz-basierter Medizin (engl.: evidence based medicine) oder evidenzbasierter Praxis (engl.: evidence based practi­ce) im engeren Sinne versteht man eine Vorgehensweise des medizinischen Handelns, individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfugung stehenden Daten zu versorgen (EBM-Netzwerk 2012)

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Details

Titel
Veränderung der Organisation und Institution Krankenhaus durch Krankenhausinformationssysteme (KIS)
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Lehrgebiet Soziologie II: Soziologische Gegenwartsdiagnosen)
Veranstaltung
Modul 5b - Soziologie Vertiefung
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
39
Katalognummer
V205110
ISBN (eBook)
9783656315117
ISBN (Buch)
9783656318781
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
veränderung, organisation, institution, krankenhaus, krankenhausinformationssysteme
Arbeit zitieren
Karsten Hartdegen (Autor), 2012, Veränderung der Organisation und Institution Krankenhaus durch Krankenhausinformationssysteme (KIS), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205110

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