Bürokratie als Motiv in Kafkas Werk


Seminararbeit, 2011

17 Seiten


Leseprobe

Inhalt:

Vorwort

1. Der Prozess

2. Das Schloss

3. Erzählungen

Epilog

Literaturhinweis

Vorwort

„Die Fessel der gequälten Menschheit sind aus Kanzleipapier.“ –Franz Kafka.

In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, die Bürokratie in Kafkas Werk zu beschreiben und zu verstehen. Die bisherigen Interpretationen sprechen von Bürokratie als Metapher für die moderne Welt, die Religion, bis hin zu den totalitären Systemen. Der Standpunkt, den diese Arbeit vertritt, ist dass man nicht mit Sicherheit bestimmen kann, was der Autor in seinen Romanen genau sagen wollte. Was wir tun können ist, analysieren und wahrscheinliche Erklärungen nennen. Zuerst aber muss Klarheit zum Begriff der Bürokratie geschaffen werden. Wikipedia definiert den Begriff wie folgt: Bürokratie („Herrschaft der Verwaltung“) ist die Wahrnehmung von Verwaltungstätigkeiten im Rahmen festgelegter Kompetenzen innerhalb einer festen Hierarchie. Eine Übersteigerung der Bürokratie wird als „Bürokratismus“ bezeichnet: eine bürokratisch überzogene Handlungsorientierung, welche die Vorschrift über den Menschen stellt und ihn weitgehend als Objekt behandelt. Umgangssprachlich werden Bürokratie und Bürokratismus oft synonym verwandt.[1]

Max Weber schreibt über Bürokratie: „Man darf sich durch alle scheinbaren Gegeninstanzen, seien es kollegiale Interessentenvertretungen oder Parlamentsausschüsse oder „Räte-Diktaturen“ oder Ehrenbeamte oder Laienrichter oder was immer (und vollends durch das Schelten über den „hl. Bureaukratius“) nicht einen Augenblick darüber täuschen lassen, dass alle kontinuierliche Arbeit durch Beamte in Bureaus erfolgt. Unser gesamtes Alltagsleben ist in diesen Rahmen eingespannt. Denn wenn die bureaukratische Verwaltung überall die – ceteris paribus! – formal-technisch rationalste ist, so ist sie für die Bedürfnisse der Massenverwaltung (personalen oder sachlichen) heute schlechthin unentrinnbar. (…) Wie die Beherrschten sich einer bestehenden bureaukratischen Herrschaft normalerweise nur erwehren können durch Schaffung einer eigenen, ebenso der Bureaukratisierung ausgesetzten Gegenorganisation, so ist auch der bureaukratische Apparat selbst durch zwingende Interessen materieller und rein sachlicher, also: ideeller Art an sein eigenes Weiterfunktionieren gebunden: ohne ihn würde in einer Gesellschaft mit Trennung des Beamten, Angestellten, Arbeiters, von den Verwaltungsmitteln und Unentbehrlichkeit der Disziplin und Geschultheit die moderne Existenzmöglichkeit für alle außer den noch im Besitz der Versorgungsmittel Befindlichen (den Bauern) aufhören. (…) Die bureaukratische Verwaltung bedeutet: Herrschaft kraft Wissen: dies ist ihr spezifisch rationaler Grundcharakter. Über die durch das Fachwissen bedingte gewaltige Machtstellung hinaus hat die Bureaukratie (oder der Herr, der sich ihrer bedient), die Tendenz, ihre Macht noch weiter zu steigern durch das Dienstwissen: die durch Dienstverkehr erworbenen oder „aktenkundigen“ Tatsachenkenntnisse. Der nicht nur, aber allerdings spezifisch bureaukratische Begriff des „Amtsgeheimnisses“ – in seiner Beziehung zum Fachwissen etwa den kommerziellen Betriebsgeheimnissen gegenüber den technischen vergleichbar – entstammt diesem Machtstreben.“[2] Sehr treffend spricht Weber von der „immunen Instanz“, ein Begriff, der auch uns sofort in das Klima der kafkaschen Werke einführt. Sowohl in „Der Prozess“ als auch in „Das Schloss“ spricht Kafka von Gerichtsinstanzen oder Gesetzformen, die kaum Sinn machen, deren Entscheidungen unbegründet und keinem sichtlichen Zweck im Sinne der Gerechtigkeit oder zum Schutze der Menschen zu dienen scheinen.

1. Der Prozess.

(Aus: Tagebücher, Aufzeichnungen aus dem Jahre 1914)

23 Juli. Der Gerichtshof im Hotel.

Die Inspiration zum „Prozess“ kam Kafka laut biografischen Interpretationen durch die Szene seiner Entlobung, da die Niederschrift desselben kurz danach begann. Der „Prozess“ wird auch als Strafphantasie charakterisiert, das Gericht im Fall von Josef K. als eine Metapher von Kafkas Leben. Kafka spielt mit dem Gefühl der bewussten oder unbewussten Schuld in einer frustrierten Umgebung, die Realität mit Groteske und Phantasie vermischt.

In soziologischen Interpretationen wird der Roman als eine Kritik an der Gesellschaft gesehen, insbesondere an Gesetz und System. Das Gericht steht im Roman als das oberste Organ, dem alles andere untergeordnet wird: „eine Organisation, die nicht nur bestechliche Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter, die günstigsten Falles bescheiden sind, beschäftigt, sondern die weiterhin jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades unterhält mit dem zahllosen unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen und anderen Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern (...) dass unschuldige Personen verhaftet und gegen sie ein sinnloses und meistens (...) ergebnisloses Verfahren eingeleitet wird.“ (S. 43-44).

Josef K. hat keine Ahnung, aus welchem Grund er verhaftet wird, verliert aber nicht seine Freiheit, sondern muss regelmäßig Gerichtstermine aufsuchen. Es geht nicht um einen wirklichen Prozess, wie man ihn sich im Allgemeinen vorstellt, sondern um die Vernichtung Josef K.s[3]. Er ist machtlos gegenüber Gericht und System. Das Gericht scheint gänzlich abstrakt, unerreichbar und anonym für ihn, deswegen ist von einer Maschinerie die Rede, denn außer manchen Personen, die zwischen Gericht und Josef K. stehen, wie der Maler Titorelli, findet er sich nie einem tatsächlichen Gerichtsprozess gegenüber. Im Roman wird Gesetz immer axiomatisch definiert, weder werden weitere Erklärungen gegeben, noch gibt es die Möglichkeit Fragen zu stellen. („Das ist das Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?“ S.11). Josef. K. hat nicht die Möglichkeit für seine Freiheit zu kämpfen, er versucht es zwar, aber am Ende sehen wir wie zwangsläufig die Entwicklung der ganzen Geschichte war, ebenso wie seine Versuche, ihr zu entrinnen, aussichtslos sind, denn egal wie lang er wartete oder wie und wie viel er versuchte, sein Ende war vorbestimmt[4].

Bürokratie funktioniert als Macht des Gesetzes. Der Roman wurde auch als eine Satire der modernen Bürokratie charakterisiert, die Grunderlebnis der kapitalistischen Welt ist[5]. Teil der bürokratischen Macht sind die zahlreichen Instanzen, von denen Josef K. aber nur mit den untersten Repräsentanten in Kontakt kommt. Alle reden von Gesetz und Gericht, aber Josef K. kommt, ebenso wenig wie alle Menschen, die er trifft, mit dem Gericht in Kontakt. In dieser Machtmaschinerie darf jeder als Teil einer festen Hierarchie nur mit der Hierarchiestufe in Berührung kommen, die ihm unmittelbar über- oder untergeordnet ist. Gerichtsbeamte erfüllen nur ihre Pflicht. Es interessiert sie nicht, ob das, was sie tun, rechtens ist. Die meisten verhalten sich so, als ob sie auch selbst dieses Gesetz nicht kennen, nehmen ihre Arbeit also nicht bewusst als Auftrag im Dienste der Gesellschaft oder zum Schutz der Gerechtigkeit bzw. Bestrafung von Unrecht. Sie führen nur mechanisch die Aufträge der oberen Instanzen aus. Wegen dieser Unmenschlichkeit und Gleichgültigkeit werden oft Beschwerden über die Beamten und Instanzen der bürokratischen Welt geführt.

Durch eine genauere Beobachtung des Verhaltens der Personen wird das Modell des Machtmechanismus klarer. Die Wächter misshandeln Josef K. in der Annahme, sie hätten Macht über die nächste untere Stufe (Zivilisten). Doch werden die Wächter selbst gerade infolge dieser Handlung von einer Person, die eine Stufe weiter oben steht, nämlich dem Prügler, bestraft. Dieser ist für die Bestrafung der Hierarchiestufe unter ihm zuständig, aber nicht automatisch hierzu ermächtigt: niemand darf selbst entscheiden, sondern alle müssen sich dem System, dem Gesetz unterordnen; wer davon abweicht, macht sich seinerseits strafbar.

Ein weiteres Merkmal dieser Hierarchie ist das Weitergeben von Schuld und Verantwortung. Josef K. und die Wächter beschuldigen sich gegenseitig. Auch der Prügler schiebt die Schuld auf die hohen Beamten, also die oberen Hierarchiestufen. Alle erklären ihre Handlungen mit Aufträgen der Höherstehenden. Niemand denkt selbständig und es gibt nichts feststehendes, wie ein Gesetz (selbst dieses existiert nur als abstrakter Begriff, niemand scheint den eigentlichen Inhalt zu kennen) aufgrund dessen Recht und Falsch objektiviert und definiert werden könnte. Und dass die Beschuldigten nicht wissen, wessen sie beschuldigt werden, macht das ganze System noch undurchsichtiger und jeden einzelnen noch machtloser.

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrokratie

[2] Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, § 5. Die bürokratisch-monokratische aktenmäßige Verwaltung.

[3] Markus Rackow, Bürokratische Herrschaft bei Franz Kafka- Prophezeiung des Totalitarismus?

[4] sehe auch die Türhüterlegende.

[5] Ernst Fischer

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Details

Titel
Bürokratie als Motiv in Kafkas Werk
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V205148
ISBN (eBook)
9783656313762
ISBN (Buch)
9783656314400
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bürokratie, motiv, kafkas, werk
Arbeit zitieren
Anastasia Mavridou (Autor:in), 2011, Bürokratie als Motiv in Kafkas Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205148

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