Die Geschichte um Tristan und Isolde ist diejenige zweier Liebender, „die – von einer
glühenden, alles vergessen machenden Leidenschaft überwältigt – alle Vernunft, alle Normen
gesellschaftlichen Zusammenlebens, alle Not und Gefahr ignorieren.“ Das zutiefst
Menschliche des spannungsreichen Mit- und Gegeneinanders von Mann und Frau garantiert
dabei die Unvergänglichkeit des Stoffes, der auch in der Gegenwart noch verarbeitet wird.
Als Grundlage der Tristandichtung nimmt man in der Forschung ein in der Mitte des 12.
Jahrhunderts altfranzösisches Versepos, die so genannte »Estoire«, an. Von dieser leitet sich
das altfranzösische Epos eines Mannes namens Berol (um 1179/80), ein ebenso nur
fragmentarisch erhaltenes Werk des Autors Thomas de Bretagne (zwischen 1172-1235), der
altfranzösische Prosa-Tristan (um 1225-1235) und das vollständig überlieferte
mittelhochdeutsche Versepos des Dichters Eilhardt von Oberg (um 1170) ab.
Der deutsche Epiker Gottfried von Straßburg stützt sich auf die Version von Thomas de
Bretagne und dichtet zwischen 1200 und 1210 das unvollendete Werk ‚Tristan’, das als
„klassische Stoffrepräsentation des Mittelalters gilt“. Da der Roman aufgrund Gottfrieds Tod
zu keinem Abschluss kommt, setzen Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg die
Handlung im 13. Jahrhundert fort.
Da die den Protagonisten umgebenden weiblichen Nebenfiguren allesamt einen bedeutenden
Einfluss auf die epische Gesamtentwicklung des Romans haben, soll die vorliegende Arbeit
zu ihrer näheren Untersuchung beitragen. Gottfried setzt bei der Ausarbeitung der Frauen
überdies Akzente, die vor dem Horizont des Mittelalters sehr modern erscheinen. Ferner
entwirft er innerhalb des Romans ein weibliches Idealbild, das einer näheren Untersuchung
bedarf.
Die weiblichen Nebenfiguren werden deshalb zunächst anhand ihrer Charakterisierung auf
der Textebene genauer beleuchtet. Dem folgt eine Analyse der Funktionen, welche die Frauen
innerhalb der einzelnen Szenen einnehmen. Diese Vorgehensweise ermöglicht im weiteren Verlauf der Arbeit die Feststellung von Abweichungen oder Entsprechungen zum
mittelalterlichen Frauenbild.
Zuvor jedoch bleibt es unerlässlich, das generelle Konzept der Frauenrolle im Mittelalter zu
klären und die Weiblichkeitsvorstellung des Autors in den Exkursen zu durchleuchten.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführende Bemerkungen
2. Die Stellung der Frau vor dem zeitgenössischen Horizont des Mittelalters
2.1. Die kultur- und sozialhistorische Perspektive
2.2. Die Sicht der Kirche auf die Frau
2.3. Die Frau in der feudalen Adelsgesellschaft
2.4. Die mittelalterliche Ehepolitik unter den Bedingungen des Klerus
2.5. Die mittelalterliche Ehepolitik im feudaladeligen Kontext
2.6. Die adelige Ehefrau - Erziehung, Aufgaben und Handlungsspielraum
2.7. Das Frauenbild in der höfischen Literatur
3. Gottfrieds Frauenideal in den Exkursen
3.1. Die Exkurse im Tristan
3.2. Gottfrieds Kritik an Gesellschaft und Ehepolitik in der rede von guoten minnen
3.3. Die Minnegrottenallegorese: Gottfrieds Wunsch nach Vereinbarung von minne und ere
3.4. Der huote-Exkurs: Gottfrieds Entwicklung der idealen Weiblichkeit
3.4.1. Die huote als Ursache des Selbst- und Ehrverlusts der Frau
3.4.2. Erster Entwurf der Frau: Êve und die eliminierte Sinnlichkeit
3.4.3. Zweiter Entwurf der Frau: Das reine wîp im Kampf zwischen lîp und êre
3.4.4. Dritter Entwurf der Frau: Das saelige wîp und die Versöhnung von innen und uzzen
4. Blanscheflur
4.1. Blanscheflurs Charakterisierung auf der Ebene des Textes
4.2. Blanscheflurs Funktion im epischen Gefüge
4.2.1. Die Elterngeschichte als Vorstellung zentraler Themen und Motive
4.2.2. Das Rätsel um Blanscheflurs Gefühle
4.2.3. Die Verwirrung der Verliebten und ihre Annäherung
4.2.4. Blanscheflurs Griff zur List
4.2.5. Die Liebesbegegnung am Krankenbett
4.2.6. Riwalins letzter Kampf in Parmenien
4.2.7. Blanscheflurs Liebestod
4.2.8. Die Vereinigung von Souveränität und Leiden in der Figur der Blanscheflur
4.2.9. Fazit zu Blanscheflurs Funktion im epischen Gefüge
4.3. Blanscheflurs Wirken vor dem Erwartungshorizont des Mittelalters
4.3.1. Die zeitgenössische Idealität ihrer Erscheinung
5. Floraete
5.1. Floraetes Charakterisierung auf der Ebene des Textes
5.2. Floraetes Funktion im epischen Gefüge
5.2.1. Floraete und Rual als Existenzsicherung für Tristan
5.2.2. Die richtungweisende Funktion der Eheleute
5.2.3. Der Betrug im Dienste der Sittlichkeit
5.2.4. Floraetes erziehende und lehrende Funktion
5.2.5. Floraetes aufopfernde Mutterliebe
5.2.6. Fazit zu Floraetes Funktion im epischen Gefüge
5.3. Floraetes Wirken vor dem Erwartungshorizont des Mittelalters
6. Brangäne
6.1. Brangänes Charakterisierung auf der Ebene des Textes
6.2. Brangänes Funktion im epischen Gefüge
6.2.1. Die Identifikation des wahren Drachentöters
6.2.2. Brangäne als Lebensretterin Tristans
6.2.3. Brangänes Verantwortlichkeit für die Liebe zwischen Tristan und Isolde
6.2.4. Die Zofe als Stellvertretung Isoldes in der Liebesnacht mit Marke
6.2.5. Isoldes Mordpläne an Brangäne
6.2.6. Brangänes Vergesslichkeit in der Marjodo-Episode
6.2.7. Brangäne: Urheberin der Gegenlisten
6.2.8. Brangänes Idee für ein heimliches Treffen
6.2.9. Ihre Aufgabe als Schlichterin während der Verbannung
6.2.10. Brangänes Verantwortung bei der Entdeckung der Liebenden
6.2.11. Die Figur der Brangäne in den Fortsetzungen bei Ulrich und Heinrich
6.2.12. Fazit zu Brangänes Funktion im epischen Gefüge
6.3. Brangänes Wirken vor dem Erwartungshorizont des Mittelalters
7. Die ältere Isolde
7.1. Die Charakterisierung der älteren Isolde auf der Ebene des Textes
7.2. Die Funktion der älteren Isolde im epischen Gefüge
7.2.1. Die irische Königin als Erzieherin und Mutter
7.2.2. Die ältere Isolde als Katalysator der Handlung
7.2.3. Isoldes Mutter als Heilerin und Lebensretterin
7.2.4. Die Mutter als bedeutende Hilfe bei der Partnerwahl
7.2.5. Isoldes Dominanz und Sachverstand vor Gericht
7.2.6. Fazit zur Funktion der älteren Isolde im epischen Gefüge
7.3. Das Wirken der älteren Isolde vor dem Erwartungshorizont des Mittelalters
8. Die blonde Isolde
8.1. Isoldes Charakterisierung auf der Ebene des Textes
8.2. Isoldes Funktion im epischen Gefüge
8.2.1. Isolde als Trägerin der Haupthandlung
8.2.2. Die Ermöglichung und Verschleierung der Minne
8.2.3. Der Brautunterschub
8.2.4. Die Marjodo-Episode
8.2.5. Die erste Baumgarten-Szene
8.2.6. Das Gottesurteil
8.2.7. Isolde als Mittel der Gesellschaftskritik
8.2.8. Isolde als Verkörperung Gottfrieds neuer Minnekonzeption
8.2.9. Isolde als Spiegelfläche Tristans
8.2.10. Fazit zur Funktion Isoldes im epischen Gefüge
8.3. Isoldes Wirken vor dem Erwartungshorizont des Mittelalters
9. Isolde Weißhand
9.1. Isolde Weißhands Charakterisierung auf der Ebene des Textes
9.2. Isolde Weißhands Funktion im epischen Gefüge
9.2.1. Die Weißhändige als Mittel zur Erneuerung Tristans Kummer und Erinnerung
9.2.2. Die dritte Isolde als kontrastierende Hervorhebung der blonden Isolde
9.2.3. Die weibliche Hilfe zur Verringerung der Liebesqual
9.2.4. Aussicht auf Frieden: Isolde als Hoffnungsträgerin
9.2.5. Tristans erster Rückzug von Isolde Weißhand
9.2.6. Tristans zweiter Rückzug von Isolde Weißhand
9.2.7. Tristans dritter Rückzug von Isolde Weißhand
9.2.8. Isolde Weißhand als Tristans Weg in die Identitätskrise
9.2.9. Fazit zur Funktion Isolde Weißhands im epischen Gefüge
9.3. Isolde Weißhands Wirken vor dem Erwartungshorizont des Mittelalters
9.3.1. Die weißhändige Isolde im Spiegel der Gesellschaft
9.3.2. Ihr Verhältnis gegenüber der männlichen Autorität
9.3.3. Die Figur als Ausdruck von mittelalterlicher Misogynität?
9.3.4. Der Wandel von der passiven zur aktiven Nebenfigur
9.3.5. Fazit zum Vergleich Isoldes Weißhands mit dem mittelalterlichen Frauenbild
9.4. Isolde Weißhands Handlungsrolle in den Fortsetzungen
9.4.1. Die weißhändige Isolde bei Ulrich von Türheim
9.4.2. Die weißhändige Isolde bei Heinrich von Freiberg
9.4.3 Fazit zur Rolle der Isolde Weißhand in den Fortsetzungen
9.5. Isolde Weißhand unter Berücksichtigung der Aspekte der übrigen Frauenfiguren
10. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion der weiblichen Nebenfiguren in Gottfrieds von Straßburg ‚Tristan‘. Dabei wird analysiert, inwieweit diese Frauenfiguren das Handlungsgeschehen maßgeblich mitbestimmen und wie ihre Darstellung sowohl den mittelalterlichen Erwartungshorizont widerspiegelt als auch durch innovative, moderne Züge oder Kritik am gesellschaftlichen Frauenbild Gottfrieds eigene Konzeption von Liebe und Individualität verdeutlicht.
- Rolle und Funktion der Frauenfiguren im epischen Gefüge des Tristanromans.
- Untersuchung des mittelalterlichen Frauenbildes im Vergleich zu Gottfrieds literarischer Darstellung.
- Analyse der Minnekonzeption in Gottfrieds Exkursen und deren Bedeutung für die weiblichen Figuren.
- Beziehungsmuster und Machtdynamiken zwischen den Protagonisten und den weiblichen Nebenfiguren.
- Einordnung der verschiedenen Frauenfiguren (Blanscheflur, Floraete, Brangäne, die zwei Isolden) in ihrer jeweiligen Handlungsrolle.
Auszug aus dem Buch
Die Exkurse im Tristan
Tomasek gliedert die Gesamtheit der Exkurse unter einem thematischen Gesichtspunkt und gelangt zur Einteilung in eine kleine Gruppe literaturtheoretisch und stoffgeschichtlich motivierter Exkurse einerseits sowie in die drei großen Minneexkurse, welche die aktuelle Bedeutung des Handlungsgeschehens herausheben sollen, andererseits. Besonders aufschlussreich für eine Analyse des Gottfried’schen Frauenbildes gestalten sich dabei Letztere, deren Funktion Tomasek treffend beschreibt: „Ihre Aufgabe ist, das auf der Handlungsebene Geschehende ins Exemplarische und Gegenwärtig-Aktuelle zu erheben und dadurch die literarische Welt mit dem Leben des Rezipienten zu korrelieren“.
Die Minnexkurse setzen sich zusammen aus der sogenannten Minnebußpredigt, der Grottenallegorese und dem huote-Exkurs und haben die Aufgabe, als Exkurshaltung auf das an Tristan und Isolde vollzogene Schicksal zu reagieren und somit eine gewisse interpretatorische Distanz zu erlauben. Da der Autor in allen drei Exkursen den Zustand der Wirklichkeit als unzureichend empfindet, entwirft er jeweils ein utopisches Idealbild, welches seine Wünsche und Vorstellungen bezüglich einer gesellschaftlichen Veränderung widerspiegelt. Die Stellung der drei großen Exkurse im epischen Gefüge ist dabei nicht unwesentlich: „Die rede von minnen steht unmittelbar nach dem ersten Vollzug der Liebesgemeinschaft nach dem Minnetrank, der huote-Exkurs direkt vor dem letzten Beisammensein vor der Trennung, die Grottenallegorese zwischen diesen beiden auf dem Höhepunkt der Liebesbeziehung“
Somit befinden sich die Exkurse an denjenigen Punkten des Handlungsstranges, an denen Tristan und Isolde eine Kombination der Liebesgemeinschaft mit dem höfischen Zusammenleben noch nicht versagt ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführende Bemerkungen: Einleitung in die Rezeption des Tristan-Stoffes und Zielsetzung der Untersuchung der weiblichen Nebenfiguren.
2. Die Stellung der Frau vor dem zeitgenössischen Horizont des Mittelalters: Analyse der historischen Realität der Frau in Kirche und feudaler Adelsgesellschaft.
3. Gottfrieds Frauenideal in den Exkursen: Untersuchung von Gottfrieds eigener Minnekonzeption in den Exkursen und dessen utopischem Idealbild.
4. Blanscheflur: Betrachtung der Rolle von Tristans Mutter als erste weibliche Figur mit Einfluss auf das epische Gefüge.
5. Floraete: Analyse von Floraetes Rolle als Pflegemutter, ihre erziehende Funktion und ihr Einsatz von List für das Wohl Tristans.
6. Brangäne: Untersuchung der Zofe als entscheidende Vertraute, Vermittlerin und Mitverantwortliche für den Verlauf der Liebesgeschichte.
7. Die ältere Isolde: Beleuchtung der irischen Königin als Heilerin, Erzieherin und strategische Kraft im Hintergrund.
8. Die blonde Isolde: Analyse der jungen Isolde als zentrale weibliche Hauptfigur und Trägerin der Liebesgeschichte.
9. Isolde Weißhand: Untersuchung der dritten Isolde als Spiegel- und Kontrastfigur mit weitreichenden Konsequenzen für Tristan.
10. Abschließende Bemerkungen: Zusammenfassende Reflexion über die Rolle der Frauenfiguren als Aktionspotentiale innerhalb der höfischen Welt.
11. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten primären und sekundären Quellen.
Schlüsselwörter
Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, Mittelalterliche Frauenrolle, Minne, Ehepolitik, Blanscheflur, Floraete, Brangäne, Ältere Isolde, Blonde Isolde, Isolde Weißhand, Minnegrotte, höfische Literatur, Weiblichkeitsideal, höfische Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Bedeutung der weiblichen Nebenfiguren im ‚Tristan‘ von Gottfried von Straßburg und untersucht deren Verhältnis zu mittelalterlichen Rollenbildern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentral sind die Aspekte der höfischen Ehepolitik, das Verhältnis von individueller Liebe zu gesellschaftlichen Konventionen, das Frauenbild der Zeit sowie Gottfrieds spezifische Minnekonzeption.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss der Frauenfiguren auf die epische Entwicklung aufzuzeigen und zu prüfen, inwieweit sie Gottfrieds Kritik an gesellschaftlichen Strukturen verkörpern.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext sowie relevante Sekundärliteratur zu historisch-kulturellen Aspekten des Mittelalters methodisch verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des zeitgenössischen Frauenbildes, eine Analyse der theoretischen Exkurse Gottfrieds sowie eine detaillierte Charakterisierung der einzelnen weiblichen Figuren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Gottfried von Straßburg, Tristan-Minne, mittelalterliches Frauenbild, gesellschaftliche Konventionen und die Analyse der spezifischen Identität der verschiedenen ‚Isolden‘.
Welche Rolle spielt Blanscheflur für den weiteren Verlauf des Epos?
Als biologische Mutter Tristans fungiert sie als Vorausdeutung auf das Schicksal des Protagonisten und führt die Motive der geheimen Liebe sowie der ritterlichen Abkunft ein.
Warum ist die Identifikation der Identität des Drachentöters durch Brangäne so bedeutend?
Durch die Identifikation Tristans verhindert Brangäne Isoldes Zwangsheirat mit dem Truchsess und rettet damit maßgeblich den Handlungsfortgang des Romans.
Warum spielt die Namensgleichheit der verschiedenen ‚Isolden‘ eine so große Rolle bei Tristan?
Die Namensgleichheit führt bei Tristan zu einer psychologischen Identitätskrise, da er die neue Liebe (Isolde Weißhand) ständig mit seiner Erinnerung an die blonde Isolde verknüpft.
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- Barbara Bauer (Autor:in), 2012, Die weiblichen Nebenfiguren in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205278