Gegner oder Freunde? - Das Verhältnis zwischen dem Herrn und Mephisto im Prolog im Himmel


Seminararbeit, 2012
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt:

1. Von der Notwendigkeit eines Gegners

2. Die Feindschaft zwischen dem Herrn und Mephisto
2.1 Herr und Mephisto als Vertreter des Guten und des Bösen
2.2 Gegensätzliche Menschenbilder

3. Die Freundschaft zwischen Herr und Mephisto
3.1 Der Schalk unter den bösen Geistern
3.2 Mephisto als Teil des Gesindes
3.3 Die Wette als bloßes Spiel. Oder: Die Kontrolle des Herrn

4. Conclusio

5. Mephisto - (k)ein typischer Gegenspieler

Literaturverzeichnis

1. Von der Notwendigkeit eines Gegners

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr. Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.“ (Gen 1, 1-5)

Die Bibel der Christen beginnt mit Gegenüberstellungen. Der Autor der priesterlichen Schöpfungserzählung oppositioniert schon am ersten Schöpfungstag Himmel und Erde, Licht und Finsternis. Das Eine macht jeweils das Andere notwendig, das Eine ist erst durchs Andere. Alles was nicht Tag ist, ist Nacht. Alles was nicht im Himmel ist, ist auf der Erde. Ein Gedankenmodell, das viele Wissenschaftler über Jahrhunderte bewegt, ist geboren. Viele Theologen und Philosophen, darunter die Religions-Pädagogin Mirjam Schambeck, versuchen aller Welt zu zeigen: Das Böse ist ein notwendiges Übel - Wir brauchen die Nacht, wenn wir einen Tag genießen wollen. Schambeck schreibt: „Differenz wird […] nicht zu etwas Widergöttlichem degradiert oder als Abfall […] interpretiert. […] Differenz wird vielmehr zur Weise wie Gott sich aussagt […].“[1]

Natürlich schlägt sich dieser Dualismus in der Literatur nieder. Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Hagen und Siegfried im Nibelungenlied und letztlich Gott und Teufel, in zahllosen Erscheinungsformen. Grund genug für Thomas Cramer einen Sammelband zu veröffentlichen mit dem Titel „Gegenspieler“. Darin thematisieren Wissenschaftler berühmte „Gegenspieler“ der Literatur und Cramer selbst nennt in der Einleitung die Existenz solcher „Gegenspieler“ ein „Weltprinzip“[2]. Er geht sogar soweit, dass er behauptet, die Schöpfung eines Garten Eden, eines Paradieses ohne Kontrapunkt, also die Schöpfung des durchweg Guten, musste scheitern. „[D]er Schlange ist die Einsicht zu danken, der Garten Eden sei ein Verstoß gegen das Kunstprinzip, nach welchem Gott vom ersten Schöpfungstag an sich entschlossen hat, die Welt als Drama zu konzipieren.“[3]

Die Welt als Drama. Kein Werk der deutschsprachigen Literatur erhebt in der öffentlichen Wahrnehmung diesen Anspruch so sehr, wie Goethes Faust. Allein die Existenz des Prologs im Himmel, einem Zusammentreffen des Herrn mit der Teufelsgestalt Mephisto, ist der perfekte Anknüpfungspunkt für Cramers „Weltprinzip“. Es treten also zwei Gegenpole auf, die in den Wettstreit treten. Doch sind sie wirklich Feinde? Sind es nicht gerade Freunde, die sich in des Öfteren im kumpelhaften Kräftemessen duellieren? In der Projektion von Cramer, der das Böse als notwendigen Teil göttlicher Schöpfung betrachtet, wirkt dieses „Spiel der Mächte“ nicht mehr allzu bedrohlich. Doch wie ist es bestellt, um das Verhältnis zwischen den beiden Mächten im Prolog im Himmel? Sind sie Freunde oder Feinde? Oder am Ende beides? Diese Fragen sollen nun beleuchtet und erörtert werden.

2. Die Feindschaft zwischen dem Herrn und Mephisto

2.1 Herr und Mephisto als Vertreter des Guten und des Bösen

Im Folgenden sollen Argumente gefunden werden, die den Herrn und Mephisto als Gegner oppositionieren. Am offensichtlichsten ist wohl das Argument, dass die beiden Figuren schlicht die Vertreter eines typisch dualistischen Weltbildes sind: Das Gute ist Gott, also die Figur des Herrn. Sein Gegenspieler ist der Teufel und Mephisto ist eben eine solche Teufelsgestalt.[1] Zunächst fällt in diesem Zusammenhang auf, dass das Stück Mephisto als einen der „Geister die verneinen“ (V. 338) bezeichnet. Diese Aussage des Herrn stellt Mephisto auf eine ihm feindliche Seite.

„Als Verneiner profiliert sich Mephisto vor allem bei seinem ersten Auftritt im ‚Prolog im Himmel‘: Den hohen Worten der Engel über ‚Sonn` und Welten‘ setzt er seine Kenntnisse der sich plagenden Menschen entgegen, und die Licht-Gabe der Vernunft - ein Hinweis auf die Symbolik der Aufklärung - zieht er zweifach in Zweifel: Nur ‚den Schein des Himmelslichts‘ habe der Mensch vom Herrn erhalten, und er brauche es ‚allein, / [n]ur tierischer als jedes Tier zu sein‘ (V. 283-286). Und geradezu programmatisch verneinend klingt Mephistos ‚Nein Herr!‘ (V. 296), mit dem er dem Herrn entgegentritt, der doch alles gut gemacht und dies auch bestätigt haben möchte.“[2]

Außerdem ist der Prolog im Himmel an den Rahmen Buches Hiob aus der Bibel angelehnt. In der Bibel heißt es: „Der Herr sprach zum Satan: Hast du auf meinen Knecht Hiob geachtet?“ (Hiob 1,8) Im Faust nennt der Herr den Doktor ebenfalls „Seinen Knecht“. Darüber hinaus kommt es wie in der Bibel auch zu einer Wette zwischen dem Herrn und der Teufelsgestalt. Johannes Anderegg nennt die Parallelen des Buches Hiob mit der Tragödie Goethes „deutlich“[1]. [2]

Mephisto ist also zum einen ein Verneinender (vgl. V. 338), zum Anderen die Parallelfigur zum Satan aus dem Hiobbuch. Demnach also ein Gegner Gottes, der ihn zu einer Wette herausfordert und ein Vertreter des Gottesfeindlichen, also des Bösen.

2.2 Gegensätzliche Menschenbilder

Ein weiterer großer, womöglich unüberwindbarer Kontrast zwischen Herr und Mephisto ist ihre stark unterschiedliche Meinung vom Menschen und seiner Natur. Der Prolog startet mit dem Schöpfungslob, worin die drei Erzengel die wunderbare Schöpfung preisen und den Herrn loben. Danach gibt Mephistos die Antwort, er fände auf der Erde „wie immer, herzlich schlecht“ (V. 296). Er macht sich im Folgenden in nahezu unverschämter Weise über die Welt lustig.

„Er ironisiert [des Menschen] Besonderheit, die Vernunft, den Schein des Himmelslichts, aufgrund des möglichen Missbrauchs. Er führt spottend das Bild der Zikade ein, die vergeblich springt, ohne fliegen zu können. Er verweist auf die ständige Unzufriedenheit des Menschen, seine Unbeständigkeit, die er als Tollheit deutet, als Ausdruck seiner Disposition zum Bösen.“[3]

Der Herr positioniert sich stark gegensätzlich und bemüht sich einer für die Zeit Goethes erstaunlich modernen Theologie: Weg vom Ablassdenken des Mittelalters hin zu einem paulinischen Gnade-Gottes Verständnisses, das alle Verfehlungen auf Erden dem Menschen zugesteht und Erlösung dennoch immer möglich macht. Die Gärtner- Metapher (vgl. V. 308-311) „ist ein Bild der Hoffnung, ohne daß der Mensch idealisiert würde; Mephistos Kritik wird bestätigt, aber das menschliche Verhalten, das ‚Irren‘ und ‚Streben‘, wird als zukunftsoffene Dialektik betstimmt: ‚Es irrt der Mensch so lang er strebt‘ (V. 317)“[4] Der Herr versucht also das „Schwarz-Sehen“ Mephistos zu widerlegen und ihm klar zu machen, dass er nicht weit genug denkt. Dass „Streben“ des Menschen wird zum höchsten Wert erhoben, der Herr wird zum Vertreter einer „Liebestheologie“[5]

[...]


[1] Schambeck, Mirjam: Was jemand können sollte, der sich dem Plural der Religionen stellt. Annäherungen an das Verständnis interreligiöser Kompetenz. In: Hilberath, Bernd/Mendonca, Clemens (Hg.): Begegnen statt Importieren. Zum Verhältnis von Religion und Kultur. Ostfildern 2011. S. 286.

[2] vgl. Cramer, Thomas: Einleitung: Gegenspieler als Weltprinzip. In: Cramer, Thomas und Werner Dahlheim (Hg.): Gegenspieler. München 1993. S. 9

[3] Ebd.

[1] An dieser Stelle wird auf zu weit führende theologische Ausführungen zum Thema „Ist Gott wirklich gleichzusetzen mit dem Guten“ verzichtet. Ausgegangen wird vom üblichen und landläufigen christlichen Gottesverständnis.

[2] Anderegg, Johannes: Transformationen. Über Himmlisches und Teuflisches in Goethes Faust. Bielefeld 2011. S. 69.

[1] Anderegg 2011. S. 43.

[2] Über Parallelen zwischen dem Prolog im Himmel und dem Buch Hiob gilt es eigentlich noch mehr Belege anzufügen, die hier aus Platzgründen eingespart werden.

[3] Breuer, Dieter: Mephisto als Theologe. In: Goethe Jahrbuch 109 (1992), Weimar 1992. S. 97.

[4] Ebd.

[5] vgl. Breuer 1992, S. 98.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Gegner oder Freunde? - Das Verhältnis zwischen dem Herrn und Mephisto im Prolog im Himmel
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Professur für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Die Dramen Goethes und Schillers
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V205371
ISBN (eBook)
9783656327363
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prolog im Himmel, Faust
Arbeit zitieren
Thomas Winterstein (Autor), 2012, Gegner oder Freunde? - Das Verhältnis zwischen dem Herrn und Mephisto im Prolog im Himmel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205371

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