Der Sozialrevolutionär Georg Büchner wirft sich bereits im Jahr 1833 „mit aller Gewalt in die Philosophie“, um seinen „Mitmenschen Vorlesungen über etwas […] höchst Überflüssiges, nämlich über die philosophischen Systeme der Deutschen seit Cartesius und Spinoza, zu halten.“ Nur eine völlige Fehlinterpretation kann davon ausgehend Georg Büchner als einen „Philosophieverächter“ etikettieren.
Büchner gilt als revolutionärer Kommunist, er wird zum ersten Marxisten vor Marx gemacht, dient als Vorgänger Schopenhauers oder als absoluter Nihilist. Gleichzeitig werden ihm überzeugte atheistische Grundposition oder die eines christlichen Revolutionärs zugesprochen. Doch was ist der Grund für eine solch ambivalente Deutung seiner Person? Glebke sieht die Ursache hierfür darin, dass die Verfasser Büchner den jeweils eigenen weltanschaulichen Standpunkt unterstellen und in seinem Werk nachzuweisen suchen.
Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch einen parteilich unabhängigen Blick auf Georg Büchners philosophische Ansichten zu richten. Im Zentrum der Untersuchungen steht zunächst seine Spinoza Rezeption, um im zweiten Teil der Abhandlung die Erkenntnisse dieser auf das Drama Dantons Tod zu transferieren. Ob der Spinozismus jedoch als alleiniger Zugangspunkt für die Erfassung des philosophischen Kontextes im Drama genügt, soll an gegebener Stelle kritisch betrachtet werden. Dass Büchner jedoch weit mehr als ein „Materialsammler“ ist, sollen die folgenden Ausführungen herausstellen. Implizit soll die Frage nach der Funktion der Philosophie im Gesamtwerk leitend sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Spinoza Exzerpte
2.1 Aufbau der Skripten
2.2 Büchners Übersetzung und Kommentierung des ersten Buches der Ethik Spinozas
3 Dantons Tod
3.1 Die Philosophieszene
3.2 Tugend und Glückseligkeit
3.2.1 Betrachtung der Exzerpte Tennemanns
3.2.1.1 Die Philosophie Epikurs
3.2.1.2 Die Philosophie der Stoiker
3.2.2 Tugend und Glückseligkeit im „Danton“
3.2.2.1 Die Lehre Epikurs in Verbindung mit den Dantonisten
3.2.2.2 Der „Tugendhafte“ Robespierre
3.3 Die Bedeutung der Philosophie im Gesamtwerk
4 Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Georg Büchners philosophische Ansichten, insbesondere seine Auseinandersetzung mit Baruch de Spinozas Ethik, und deren Transfer auf sein Drama „Dantons Tod“. Dabei wird hinterfragt, inwieweit Büchner als Philosoph zu verstehen ist und welche Funktion die Philosophie, auch unter Einbeziehung von Immanuel Kant, für die Interpretation seines literarischen Werkes einnimmt.
- Büchners Rezeption von Spinoza und seine kritische Auseinandersetzung mit der Einzigkeit der Substanz.
- Die philosophischen Hintergründe im Drama „Dantons Tod“, insbesondere der Konflikt zwischen Tugend und Glückseligkeit.
- Die Analyse der „Philosophieszene“ als zentraler Schlüssel für das philosophische Verständnis des Gesamtwerks.
- Der Einfluss epikuräischer und stoischer Denkweisen auf die Figurenkonstellation und die politische Debatte im Drama.
- Die kritische Würdigung der Rolle Büchners als Materialist versus ein tieferes Verständnis seiner philosophischen Unabhängigkeit.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Philosophieszene
Innerhalb des vieraktigen Dramas wird der für die vorliegende Arbeit zentralen ‚Philosophieszene’ häufig wenig Bedeutung für die Gesamtinterpretation des Werkes zugestanden. Osawa spricht in diesem Zusammenhang von „einem kurzen Ausflug in die Philosophie“ und auch Glebke hält ein „Philosophieren über Gott und die Welt“ als Intention der ersten Szene im dritten Akt fest. Vermutlich ebenso im Sinne dieser geringen Wertschätzung wird sie in der derzeitigen Theateraufführung am Berliner Ensemble als fragmentarische Einzelepisode vollkommen missachtet. Die Szene spielt im Pariser Palais du Luxembourg, welches während der ‚Terreur’ als Gefängnis dient. Angeregt durch den an seinem Atheismus zweifelnden Chaumette will Payne den Mitgefangenen katechisieren.
Dieser Thomas Payne verweist auf den politischen Schriftsteller Thomas Paine (1737 – 1809). Mit seinem Werk The Common Sense (1776) und zahlreichen Artikeln über The American Crisis setzte er sich für die amerikanische Unabhängigkeit ein. Nachdem er in The Rights of Man (1791/1792) die Ideen der französischen Revolution verteidigt, erhält er im selben Jahr die französische Staatsbürgerschaft und wird als Anhänger der Girondisten in den Nationalkonvent gewählt. Da er sich gegen die Exekution Ludwig XVI ausspricht, wird er schließlich am 28.Dezember festgenommen. Erst im November 1794 wird er auf Initiative der amerikanischen Regierung freigelassen und erneut in den Konvent berufen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung skizziert die ambivalente Deutungsgeschichte Georg Büchners zwischen Sozialrevolutionär und Philosoph und formuliert das Ziel der Arbeit, einen parteilich unabhängigen Blick auf seine Philosophie zu werfen.
2 Spinoza Exzerpte: Das Kapitel analysiert Büchners umfangreiche Studien zu Spinoza und Descartes, wobei der Schwerpunkt auf seiner methodischen Kritik an der „Ethik“ und deren Bedeutung für sein Denken liegt.
3 Dantons Tod: Hier wird der philosophische Kontext des Dramas untersucht, insbesondere die „Philosophieszene“ und die dialektische Gegenüberstellung von Tugend und Glückseligkeit.
4 Schlussbemerkungen: Das Fazit resümiert, dass Büchner nicht auf einseitige atheistische oder materialistische Schubladen zu reduzieren ist und betont die Bedeutung einer transzendentalen Kraft im Werk.
Schlüsselwörter
Georg Büchner, Dantons Tod, Spinoza, Ethik, Philosophie, Tugend, Glückseligkeit, Epikur, Stoa, Immanuel Kant, Materialismus, Atheismus, Aufklärung, Revolutionsdrama, Substanzbegriff.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Grundlagen im Denken Georg Büchners und deren Anwendung auf sein Drama „Dantons Tod“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Auseinandersetzung mit Spinozas Philosophie, der Gegensatz von Tugend und Glückseligkeit sowie die Rolle der Moral im revolutionären Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, eine neue Sicht auf Büchner als eigenständigen Denker zu gewinnen, der sich nicht in die gängigen Schubladen wie „Materialist“ oder „Atheist“ pressen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer philosophiehistorischen Analyse der Büchnerschen Skripten und einer textnahen Interpretation des Dramas unter Einbeziehung philosophischer Primär- und Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Büchners Exzerpte zu Spinoza, die „Philosophieszene“ im dritten Akt des Dramas sowie die Auswirkungen epikuräischer und stoischer Lehren auf die Dantonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Büchners Spinoza-Rezeption, der Tugendbegriff bei Kant und die Dialektik von Glückseligkeit und moralischem Handeln.
Inwieweit spielt Immanuel Kant eine Rolle?
Kant dient als wichtiger, wenn auch oft vernachlässigter Hintergrund, um die moralische Argumentation und das „argumentum ethonomicum“ (moralischer Gottesbeweis) im Drama besser zu verstehen.
Warum wird die „Philosophieszene“ als so wichtig eingestuft?
Sie gilt als inhaltlicher Ankerpunkt, in dem zentrale philosophische Debatten des Dramas kondensiert auftreten, was der Einschätzung als bloßer „Ausflug“ widerspricht.
Was unterscheidet Danton von Robespierre aus philosophischer Sicht?
Danton wird als Epikureer dargestellt, der das Leben in seiner Sinnenhaftigkeit sucht, während Robespierre als (gescheiterter) Stoiker fungiert, der seine Herrschaft mit einem starren Tugendbegriff legitimieren will.
Welche Rolle spielt die Liebe im Fazit?
Die Liebe wird als notwendig erachtet, um das Individuum vor dem absoluten Nihilismus und dem „Chaos“ der Welt zu retten, wobei sie eine transzendentale Rettungsmöglichkeit im Drama eröffnet.
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- Maria Griebsch (Author), 2012, Die Philosophie bei Georg Büchner. Interpretation der Hintergründe in "Dantons Tod" mit Hilfe der Spinoza Skripte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205488