„Vorherrschaft einer Meinung, also einer Geisteshaltung bedeutet, dass Herrschaft letzten Endes nichts anderes ist als geistige Macht“ (Ortega y Gasset 1957, 192).
Innerhalb der letzten 40 Jahre hat sich das Feld der Politikplanung enorm gewandelt. Non-Profit Organisationen wie Think Tanks, sind in den Bereichen Verteidigung, Außenpolitik und Sozialpolitik wichtige politische Akteure geworden, welchen jedoch in Forschung und Wissenschaft nicht ausreichend Beachtung zukommt (Abelson 1995, Beam 1996, Gehlen 2005, Weaver 1989). Die USA sind mit etwa 1500 Denkfabriken weltweit führend, wovon die Mehrheit am Speckgürtel des politischen Zentrums Washington angesiedelt und sich im Wettbewerb der Ideen, streitend um die Deutungshoheit befindet (McGann und Sabatini 2011, Rich und Weaver 1998, 245).
Ziel der Arbeit ist es, das Phänomen amerikanischer Think Tanks elitetheoretisch vor dem Hintergrund der Power-Structure-Debatte in den USA zwischen Pluralisten und Elitisten zu verorten. Was sind Think Tanks und welche Typen gibt es? Wie einflussreich sind die Denkfabriken tatsächlich? Was sind die Folgen für Politik und Gesellschaft?
Gleichzeitig wird der Fall des Advocacy Think Tank "Project for the New American Century" analysiert und bewiesen, dass der Think Tank die Bush-Doktrin nach den Anschlägen des 11. September 2001 in New York und Washington beeinflusste.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Elitetheoretischer Diskurs
1.1 Klassische Elitetheorien
1.2 Ursprünge pluralistischer Denkschulen in den USA
2. Die Power-Structure-Debatte in den USA
2.1 Kernpunkte des Elitismus
2.2 Kernpunkte des Pluralismus
3. Think Tanks innerhalb der Power-Strucutre-Debatte
3.1 Theoretische Einbettung
3.2 Vom Marktplatz zum Krieg der Ideen: Advocacy Think Tanks gewinnen an Bedeutung
3.3 Einfluss(losigkeit) der Advocacy Think Tanks
4. PNAC: Erfolgreiche Policy Entrepreneurs
4.1 Das Policy Window des 11. September
4.2 PNAC: federführende Architekten der Bush-Doktrin
5. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen amerikanischer Think Tanks aus elitetheoretischer Perspektive im Kontext der Power-Structure-Debatte. Dabei wird analysiert, inwieweit diese Organisationen – insbesondere ideologisch ausgerichtete Advocacy Think Tanks – als Akteure in einem pluralistischen politischen System oder als Steuerungsorgane einer Elite agieren und die politische Agenda beeinflussen.
- Elitetheoretische Grundlagen vs. Pluralismustheorie
- Transformation der Think-Tank-Landschaft vom Marktplatz der Ideen zum Ideenkrieg
- Einflussanalyse von Advocacy Think Tanks auf den Politikprozess
- Fallbeispiel: Rolle des PNAC während der Bush-Administration und des Irak-Krieges
- Anwendung von John Kingdons Policy-Window-Modell auf politische Veränderungsprozesse
Auszug aus dem Buch
3.2 Vom Marktplatz zum Krieg der Ideen: Advocacy Think Tanks gewinnen an Bedeutung
Beim Marktplatz der Ideen kämpfen die Wortführer nicht gegeneinander, sondern bieten ihre Ideen nebeneinander an. Im „war of ideas“ hingegen, setzt sich die mächtigste Idee durch und ist deshalb der elitistischen Theorie zuzuordnen, während es im „marketplace of ideas“ nicht um Macht, sondern um Diskurs geht, im Zuge dessen sich die rational beste Idee selbstregulierend herauskristallisiert (Fischer 1991, 333). In den 1970er Jahren stieg die Zahl der Think Tanks exponentiell an, wobei konservative advokatorische Denkfabriken herausragten, wie Cato Institute, Center for Defense Information, Heritage Foundation etc. Rich und Weaver schreiben:
“Through the 1970s and 1980s, ideological, overtly political and advocacy-oriented think tanks modeled after the Heritage Foundation proliferated. Most were politically conservative organizations” (Rich and Weaver 1998, 240).
Das Feld der Think Tanks befand sich im Wandel: konservative Advocacy Think Tanks dominierten nun den Krieg der Ideen, der bis dato noch als Marktplatz der Ideen von akademischen und auftragsbasierenden Think Tanks beherrscht worden war, die hauptsächlich dem linken Lager zuzuordnen sind (Fischer 1991, 339 f.). Damit konservative Ideen stärker Gehör finden konnten, wurde mittels konservativer Advocacy Think Tanks eine Gegenintelligenz („conservative counterintelligensia“) entworfen, durch die konservatives Gedankengut offensiv und aggressiv artikuliert wurde (Fischer 1991, 340).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Elitetheoretischer Diskurs: Einführung in die klassischen Elitetheorien und die pluralistischen Denkschulen der USA als theoretisches Fundament der Untersuchung.
2. Die Power-Structure-Debatte in den USA: Analyse der Kontroverse zwischen Elitismus und Pluralismus hinsichtlich der Machtverteilung im amerikanischen politischen System.
3. Think Tanks innerhalb der Power-Strucutre-Debatte: Theoretische Einordnung der verschiedenen Typen von Think Tanks und Darstellung ihrer Rolle im Politikprozess aus Sicht beider Schulen.
4. PNAC: Erfolgreiche Policy Entrepreneurs: Empirische Untersuchung des Einflusses des Project for the New American Century (PNAC) auf die Bush-Doktrin unter Anwendung des Policy-Window-Modells.
5. Konklusion: Synthese der Ergebnisse, die zeigt, dass Advocacy Think Tanks aus elitetheoretischer Sicht als einflussreiche Akteure in Phasen politischer Krisen interpretiert werden können.
Schlüsselwörter
Advocacy Think Tanks, Elitetheorie, Pluralismus, Power-Structure-Debatte, Policy Entrepreneurs, Politikplanung, Bush-Doktrin, PNAC, Politikprozess, Policy Window, Machtelite, Ideenkrieg, USA, Politische Beratung, Interessenorganisationen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser Bachelorarbeit?
Die Arbeit untersucht, wie amerikanische Advocacy Think Tanks im Kontext der Power-Structure-Debatte den politischen Entscheidungsprozess beeinflussen und ob sie eher als neutrale Berater oder als elitär gesteuerte Akteure fungieren.
Welche unterschiedlichen Typen von Think Tanks werden unterschieden?
Die Arbeit differenziert zwischen "universities without students" (akademisch), "contract researchers" (auftragsbasiert) und "advocacy tanks" (ideologisch orientiert).
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung herangezogen?
Es wird ein theoretischer Vergleich zwischen elitetheoretischen und pluralistischen Ansätzen durchgeführt, gefolgt von einer Fallstudienanalyse des PNAC unter Verwendung von John Kingdons "Policy Window"-Modell.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage lautet: Inwiefern können Advocacy Think Tanks mit der Pluralismustheorie erklärt werden und welche Rolle spielen sie im elitetheoretischen Kontext der US-Machtstruktur?
Was beinhaltet der Hauptteil der Untersuchung?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Machtdebatten, die Einordnung von Denkfabriken in diese Modelle sowie eine empirische Fallstudie über den Einfluss konservativer Netzwerke nach dem 11. September.
Welche Rolle spielt das "Policy Window" Modell?
Das Modell dient dazu, den punktuellen, aber starken Einfluss von Think Tanks in Krisenzeiten zu erklären, wenn die üblichen politischen Rahmenbedingungen für neue Ideen aufgebrochen werden.
Warum wird der PNAC als Fallbeispiel gewählt?
Der PNAC dient als prominentes Beispiel für einen Think Tank, der während der Bush-Administration massiv Einfluss auf die sicherheitspolitische Agenda und die Rechtfertigung des Irak-Krieges nahm.
Wie bewertet die Arbeit den Einfluss von Think Tanks?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Advocacy Think Tanks ihre Rolle als reine „Marktplatz-Berater“ zugunsten einer proaktiven Gestaltung durch Ideenkriege gewandelt haben, was ihre Macht aus elitetheoretischer Sicht plausibler macht.
- Arbeit zitieren
- Tobias Betz (Autor:in), 2012, Die Rolle der Think Tanks innerhalb der Power-Structure-Debatte in den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205532