Hanno und Kai. Einflüsse Edgar Allan Poes auf die Motivtechnik Thomas Manns in "Buddenbrooks"


Wissenschaftliche Studie, 2012

23 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

I.

In den ersten Kapiteln von Buddenbrooks wird auffällig oft die Farbe Gelb erwähnt. Sie ist dominant in Gardinen und Möbelbezügen im Landschaftszimmer. Gelb hat eine wichtige Rolle gespielt beim Niedergang des Handelshauses Ratenkamp, als dort ein Kompagnon mit Namen Geelmaak (niederdeutsch für Gelbmacher) beteiligt wurde. Die Farbe spielt eine noch wichtigere Rolle als Vorverweisung auf Toms frühen Tod. Im Ersten Teil werden seine Zähne als „[...] nicht besonders schön, sondern klein und gelblich […]“[1] erwähnt. Mit 50 Jahren wird Tom an „ […] einem Zahne…“[2] sterben. Wie sich hier zeigt und im weiteren Verlauf wiederholt zeigen wird, kennzeichnet das Suffix –lich bei Farbadjektiven eine Steigerung des bedrohlichen Potentials, hier von Gelb. Gelblich z.B. sind auch die Sonnenuntergänge auf den Tapetenbildern im Landschaftszimmer.[3] Dieses Motiv von ganz vorn im Roman gibt seine ganze Bedrohlichkeit erst kurz vor dem Ende preis, als Hanno unmittelbar vor seiner großen Todesphantasie „[…] den crêmefarbenen Vorhang vor die Thür [zog], sodaß das Zimmer in einem gelblichen Halbdunkel lag […]“[4] Der letzte Buddenbrook führt auf diese Weise einen vorzeitigen Sonnenuntergang herbei und leitet damit zu seinem eigenen Tod über.

Das niederdeutsche geel kann hochdeutsch außer gelb auch die Bedeutung von fremd, eigenartig haben[5]. Im Zusammenhang des Romans bietet sich vor allem die Bedeutung morbide an. Dass noch vor Tom sein Sohn Hanno, der letzte Vertreter der familiären Hauptlinie, die morbideste Gestalt in Buddenbrooks ist, geht neben zahlreichen anderen Hinweisen daraus hervor, dass er schon mit 16 Jahren stirbt.

Diese Beobachtungen und Überlegungen führen beim Lesen und Wiederlesen des Romans dazu, dass die Frage sich immer mehr in den Vordergrund drängt, aus welchem Grund die Morbiditätsfarbe Gelb im direkten Zusammenhang mit Hanno scheinbar keine Rolle spielt.

Ruth Klüger hat in vergleichbarer Lage festgestellt:

Trotzdem […] ist es reizvoll zu fragen, warum ein Motiv, das zum erwarten war, nicht da ist. Die negative Fragestellung ermöglicht am Ende neue positive Erkenntnisse.[6]

Die Frage nach dem Vorhandensein von Gelb bei Hanno muss im hier behandelten thematischen Zusammenhang folglich vor jeder weiteren Beschäftigung mit Buddenbrooks beantwortet werden, weil auch ihr Fehlen von Bedeutung sein könnte.

An dieser Stelle gehen wir einen Umweg, der uns dann aber umso schneller zum Ziel führen wird. Es gibt eine Gestalt in Buddenbrooks, an der Thomas Mann eine Variante von Gelb durchspielt. Weil diese Gestalt stark von einer Quelle beeinflusst ist und weil außerdem Thomas Mann diese Quelle offen gelegt hat, kann man hier ableiten, wie Mann auch mit Hilfe von Farben die Charakteristika einer Gestalt entwickelt.

„Gr. Bankerott. Siehe Mahlstroom[7], trägt Thomas Mann in sein zweites Notizbuch ein. Dieser Hinweis auf Jonas Lies Roman Der Mahlstrom ist in der Sekundärliteratur bekannt. Ebel hat die engen Bezüge durch Textvergleich nachgewiesen[8].

Thomas Mann benützt den Text für die Gestaltung der Grünlich-Episode in Buddenbrooks. Lies Roman dreht sich um einen großen Bankrott, dessen Verursacher Johnny Fosse ist, Kaufmann und ältester Sohn einer alten Bauernfamilie. Seinen Geschäften wird alles geopfert, was die Familie an liquiden Mitteln und an Sicherheiten aufzutreiben vermag. Johnny Fosse wird zum Vorbild für Bendix Grünlich. Es bestehen große Unterschiede, aber die Parallelen reichen bis in die Verwendung derselben Häsitation: Wo Johnny Fosse sich „Hm, ehm!“[9] räuspert, lässt Grünlich „Hä-ä-hm“[10] vernehmen.

Material für die Umbenennung von „Fosse“ zu „Grünlich“ findet Thomas Mann in einer Nebenfigur, Fosses Schwager, dem alten Konsul Grüner, der, Opfer im Mahlstrom des Ruins, mit den eigenen Vermögen ebenfalls für die Verbindlichkeiten gebürgt hat.

Hier ist zu beobachten, auf welche Weise Thomas Mann Motive aus der Quelle in die Motivsprache von Buddenbrooks integriert. Dabei ist der Name „Grüner“ für ihn aus zwei Gründen interessant. Mann will erstens einen gewissenlosen Schuft zeichnen, der auf der Flucht vor Ruin und der Jagd nach neuem Betriebskapital Tonys Hoffnungen auf ein gelungenes Leben verspielt, bevor dieses Leben eigentlich begonnen hat. Dabei geht es nicht einmal um Tony. Sie ist nur Mittel zum Zweck.

Als Ausdruck der Bedrohung ist hier zunächst ein starkes Gelb erforderlich, das in einem Backenbart „von ausgesprochen goldgelber Farbe“[11] untergebracht wird. Doch wird das dem bevorstehenden Unheil noch nicht gerecht. Der Betrüger wird außerdem in einen „grüngelben“[12] Anzug gesteckt und, um ihn vollends in die Untergangsmetaphorik von Buddenbrooks einzufügen, „Grünlich“ getauft. Dies ist der erste Reiz des Namens „Grüner“. Grün ist eine Mischfarbe und besteht aus Gelb und Blau. Grünlich trägt nicht nur den goldgelben Backenbart, sondern hat auch Augen „[…] so blau […] wie diejenigen einer Gans […][13]. Zweitens ermöglicht die Verwendung des Wortstamms grün- von „Grüner“ die Hinzufügung des Suffixes -lich. Damit endlich ist das ganze Ausmaß des bevorstehenden Desasters zu ermessen: Grünlich ist ein gefährlicher Krimineller, dessen Betrug die Firma Buddenbrook im Kern trifft. Auf deren Kapital zielt das ganze Manöver schon seit Grünlichs erstem Besuch im buddenbrookschen Garten.[14]: Dass der Betrug gelingt, stellt die kaufmännische Kompetenz des Handelshauses ernsthaft in Frage.

Der technisch korrekte Einsatz von Farben lässt darauf schließen, dass Thomas Mann der Umgang damit vertraut war. De Mendelssohn gibt Auskunft über die Rolle von Malerei im Hause Mann in Lübeck. Danach hat die Mutter Julia gezeichnet und gemalt[15]. Mit Bezug auf diese Zeit und das Milieu veröffentlich Heinrich Mann 1906 die Novelle Der Unbekannte. An ihrem Anfang findet sich folgende Textstelle:

Zu Hause in seinem grünen Parterrezimmer, das Efeustöcke an den Fenstern heimisch machen, wartet auf ihn ein Kasten mit Wasserfarben, etwas rauhes Papier, einige Flaschen bunter Tusche; daran denkt er mit einer so lasterhaften Gier, daß ein vorübergehender Bürger sich fragt: `Was macht der Junge für Augen?´[16]

Von Thomas Mann fehlen Selbstzeugnisse aus jener Zeit. Er hat alle frühen Tagebücher vernichtet, bevor er anfing, sich mit Buddenbrooks zu beschäftigen[17].

Später berichtet er jedoch

[…] daß ich eines meiner Schülerprodukte, ein Stück übertrieben-sensitiver und koloristischer Prosa unter der Titel Farbenskizze, unter einem angenommenen Namen an die Feuilleton-Redaktion einer Zeitung meiner Vaterstadt Lübeck zu senden wagte.[18]

Hier erwähnt Thomas Mann seinen ersten für die Öffentlichkeit bestimmten Text. In der Sekundärliteratur finden sich Spekulationen, die in andere Richtung weisen. Tatsächlich ist aber über den Inhalt der Skizze nichts bekannt. Es ist schwer vorstellbar, dass Farben in einem Text unter solchem Titel keine Rolle gespielt haben sollen.

Wir fassen bis hierhin zusammen:

- Die Farbe Gelb ist in Buddenbrooks ein wichtiges Morbiditätsmotiv.
- An Thomas Buddenbrooks Zähnen, an der Korrespondenz der gelblichen Sonnen-untergänge in Kapitel I, 1[19] und des gelblichen Lichts in XI, 2[20] sowie an der Gestalt Bendix Grünlich wird deutlich, wie das Suffix -lich als Endung von Farbadjektiven das Bedrohungspotential erhöht.
- Thomas Manns Vertrautheit mit Farben geht vermutlich auf sein familiäres Umfeld zurück.

Auf dieser Basis kann nun die Frage nach dem Gelb bei Hanno beantwortet werden.

Der Zwickauer Linguist Christian Bergmann stellt fest, dass alle Gestalten des Romans mit ihren Augenpartien vorgestellt werden. In einer Wortfeldanalyse[21] ermittelt er anhand der Zahl der Erwähnungen in der Zeit, in der die Gestalten jeweils im Romangeschehen eine Rolle spielen, dass Hanno die Hauptfigur des Romans ist. Hannos Leitmotiv sind seine goldbraunen Augen.

Schon bei Hannos erster Vorstellung beim Tauffest lenkt der Erzähler den Blick auf die Augen des Neugeborenen: „[...] das Hellblau der väterlichen und das Braun der mütterlichen Iris […]“, seien zu einem „[…] lichten, unbestimmten, nach der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden;“[22]. Dass die Korrektheit biologischer Fakten zur Hauptsache in einem literarischen Kunstwerk wird, ist unwahrscheinlich. Viel eher wird es um eine künstlerische Wahrheit gehen. So kommen Augenfarben in der Literatur, auch wenn dies in der Taufszene nahe gelegt wird, nicht notwendig durch Vererbung zu Stande. Wie schon am Beispiel Grünlich gezeigt, werden sie auch in Buddenbrooks aus den Grundfarben gemischt. Braun ist eine Mischfarbe aus Rot, Gelb und Blau. Wer ein Goldbraun erzielen will, muss besonders viel Gelb beimischen. Mit anderen Worten ist Goldbraun ein gelbliches Braun. Wer Hanno anblickt, kann am Gelb in seinen Augen nicht vorbei sehen. Dem Eindruck von Untüchtigkeit zum Leben, auf den es zahlreiche inhaltliche Hinweise gibt, wird also auch mit einem dichterischen Mittel Ausdruck gegeben. Hannos Morbidität wird nicht nur behauptet, sondern außerdem mit einem, allerdings auf den ersten Blick nicht ohne weiteres erkennbaren, Motiv gestaltet.

Ruth Klügers Anregung zu negativer Fragestellung führt in diesem Fall erstens dazu, dass bei Hanno ein vermeintlich fehlendes Motiv doch noch gefunden werden kann. Dabei ist weniger wichtig, dass den zahlreichen Hinweisen auf sein frühes Ende ein weiterer hinzugefügt wird. Wichtig ist vielmehr, dass Hannos Leitmotiv, das Gelb seiner goldbraunen Augen, versteckt ist und dass erst der Leser selbst das Leitmotiv finden und benennen muss.

Hanno tritt Anfang des siebenten Teils erst spät im Roman auf. In der ersten, der zweibändigen Ausgabe von 1901 eröffnet das Taufkapitel den zweiten Band. Dort wird der letzte Buddenbrook sogleich in ein Netz von Motiven gestellt. Das in seinem Leitmotiv, den goldbraunen Augen, versteckte Gelb führt einerseits ganz zurück zum Anfang des Romans zu den gelblichen Sonnenuntergängen auf den Tapeten im Landschaftszimmer[23]. Andererseits weist es schon auf die Szene hin, in der Hanno vor seiner letzten Phantasie den eigenen Tod beschließt, indem er „heftig“[24] den Vorhang vor die Tür zieht und so den Raum in ein gelbliches Halbdunkel taucht. So stellt das als gelblich gekennzeichnete Morbiditätsmotiv den weitest gespannten Motivbogen im Roman dar.

[...]


[1] Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. In: Ders.: Große kommentierte

Frankfurter Ausgabe. . Werke, Briefe, Tagebücher, hrsg. v. Heinrich Detering u.a.,

Bd. 1.1: Buddenbrooks. Verfall einer Familie./ Bd. 1.2: Kommentar, herausgegeben

und kommentiert von Eckhart Heftrich unter Mitarbeit von Stephan Stachorski und

Herbert Lehnert, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 2002, S. 18. Zukünftig zitiert: GKFA 1.1.

[2] Ebd. S. 759.

[3] Ebd. S. 12.

[4] Ebd. S. 824.

[5] http://www.deutsch-plattdeutsch.de [Stand 12.07.2012].

[6] Ruth Klüger: Goethes fehlende Väter. In: Dies.: Frauen lesen anders. München

2007, S. 107.

[7] zitiert nach GKFA 1.2, S. 30.

[8] Uwe Ebel: Rezeption und Integration skandinavischer Literatur in Buddenbrooks.

Neumünster 1974, S. 170 ff.

[9] Jonas Lie: Der Mahlstrom. Rostock 1968. S. 144.

[10] GKFA 1.1, S. 103.

[11] Ebd., S. 103.

[12] Ebd., S. 102.

[13] Ebd., S. 103.

[14] Vgl. GKFA, S. 100ff

[15] Peter de Mendelssohn: Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas

Mann. Frankfurt a. M. 1975, S. 63.

[16] Heinrich Mann: Der Unbekannte. In: Ders.: Das gestohlene Dokument. Berlin 1957, S. 7.

[17] Thomas Mann: Briefe an Otto Grauthoff und Ida Boy-Ed. 17. 02.1896. Frankfurt a. M. 1975,

S. 70.

[18] Thomas Mann: Lübeck als geistige Lebensform. In: Ders.: Über mich selbst.

Autobiografische Schriften. Frankfurt a. M. 2010, S. 56.

[19] GKFA 1.1, S. 12.

[20] Ebd., S. 814.

[21] Christian Bergman: Die Augen der Buddenbrooks. In: Ders. : Der Wert des Wortes bei

Thomas Mann. Norderstedt 2009, S. 3ff.

[22] GKFA 1.1, S. 435.

[23] Vgl. ebd., S. 12

[24] Ebd., S. 824

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Hanno und Kai. Einflüsse Edgar Allan Poes auf die Motivtechnik Thomas Manns in "Buddenbrooks"
Note
1,5
Autoren
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V205542
ISBN (eBook)
9783656319511
ISBN (Buch)
9783656325420
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Facharbeit stammt von Nesibe Bingöl und wurde wissenschaftlich erweitert von Uli Maier.
Schlagworte
Thomas Mann, Edgar Allen Poe, Einflüsse, Motivtechnik
Arbeit zitieren
Uli Maier (Autor)Nesibe Bingöl (Autor), 2012, Hanno und Kai. Einflüsse Edgar Allan Poes auf die Motivtechnik Thomas Manns in "Buddenbrooks", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205542

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