Anton Reiser als Exempel für die Darstellung des Individuums in der Literarischen Anthropologie des 18. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stationen der Individuation von Anton Reiser
2.1 Karl Philipp Moritz: Biographischer Hintergrund
2.2 Die Darstellung Anton Reisers
2.3 Entwicklung Anton Reisers im Roman
2.4 Literatur und Theater in Anton Reiser

3. Ein Blick auf die Intention und die Rezeption des Romans
3.1 Vermutungen zu den Wirkungsabsichten Anton Reisers
3.2 Zeitgenössische Rezeption des Romans

4. Schluss

5. Verwendete Literatur

1. Einleitung

Der psychologische Roman „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz leistet einen wichtigen Beitrag zur Literarischen Anthropologie im 18. Jahrhundert.

Die Anthropologie, die sich im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute, ist die Wissenschaft, die den Menschen in dem Mittelpunkt der Untersuchung stellt.

Als Leitvokabeln der Untersuchung galten die „Beobachtung“ und die „Erfahrung“, ins Blickfeld gerieten die „niederen Seelenvermögen“, das „Unscheinbare“ und die „Kleinigkeiten“. Schon das als Nichtigkeit abgetane, noch so kleine Ereignis- so der Erkenntnisstand- kann den Menschen entscheidend prägen.

Um den ganzen Menschen zu greifen, legitimierte Herder auch die Lebensbeschreibung der „dunklen Seiten“ des Individuums.

Die Grundlage für die Beschäftigung mit dem Individuum lieferte die Aufklärung, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann und im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Wie die Übersetzung des Wortes Aufklärung in den englischen Begriffs „enlightenment“ und den französischen Begriffs „illiminiére“ verdeutlichen, ging es bei dieser Geistesbewegung um die Erleuchtung des menschlichen Geistes. Der Verstand -ratio- galt als oberstes Prinzip jeglichen Handelns. Rationalität und Vernunft bildeten das Fundament der Aufklärung. Damit einher gingen Veränderungen auf dem Gebiet der Wissenschaften. Die Naturwissenschaft lieferte ein neues Weltbild, es kam zur kritischen Auseinandersetzung mit Kirche und Staat und die Grundsteine für wirtschaftliche Veränderungen mit denen eine Veränderung der Gesellschafts-struktur verbunden war, wurden schon durch die Französischen Revolution und auch durch die Anfänge der Industriellen Revolution gelegt.

Auch die Literatur begann damit, sich in dieser Zeit mit dem Menschen unter einer anthropologischen Fragestellung zu beschäftigen. Es entstanden neben zahlreichen weiteren Subgenres unter anderem fiktive sowie halb-fiktive Romane, wie zum Beispiel die Selbstbiographie.

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Figur Anton Reiser. Es soll gezeigt werden, wie ein Individuum unter anthropologischen Gesichtspunkten dargestellt wird. Erstmals wurde mit dieser Figur das Problem der Individualität in den Mittelpunkt einer Autobiographie gestellt. „Anton Reiser“ ist ein halb- fiktives Werk: Da Moritz in „Anton Reiser“ seine eigenen Erfahrungen in eine analytische Lebensgeschichte verpackte- daher auch die Bezeichnung psychologischer Roman- halte ich es für unerlässlich, mich im folgenden Teil der Arbeit Moritz Biographie zu zuwenden, um so einen wichtigen Einblick in das zu bekommen, dass die Grundlage für sein Werk darstellte. Im Anschluss wird die Darstellung und Entwicklung von Anton Reiser betrachtet. Neben den Beziehungen zu den Menschen in Anton Reisers Umwelt, gewinnt die Literatur und im weiteren Verlauf des Romans auch das Theater einen wichtigen Stellenwert im Leben des Protagonisten. Daher werfe ich einen Blick auf Reisers Umgang mit der Literatur und auf die Auswirkungen, die sie auf sein Leben haben. Offengelegt wird auch, dass Moritz trotz seiner Abneigung zum Pietismus in seiner Darstellung der Literatur und des Theaters in „Anton Reiser“ mit der pietistischen Denkweise übereinstimmte.

In einem dritten Teil äußere ich Vermutungen zu der Intention, die Karl Philipp Moritz mit seiner Darstellung des Anton Reisers verfolgte. Ein anschließender Einblick in die Rezeptionsgeschichte erscheint mir aufgrund der Tatsache wichtig, dass Anton Reiser einen der ersten Romane war, der ein Individuum in den Mittelpunkt stellte, das nicht der bis dahin normativen Grundlagen der Romanproduktion entsprach. Somit ist es interessant zu sehen, ob ein solcher Roman die Aufmerksamkeit der Leser gewinnen konnte. Im vierten Teil fasse ich die wichtigsten Punkte zusammen, die dazu beigetragen haben, dass die Figur des Anton Reisers einen bedeutenden Beitrag für die Literarische Anthropologie geleistet hat.

2. Stationen der Individuation von Anton Reiser

2.1 Karl Philipp Moritz: Biographischer Hintergrund

Karl Philipp Moritz wurde am 15.September 1756 in Hameln geboren. Sein Vater war der Militärmusiker und Quietist Johann Gottlieb Moritz, seine Mutter die pietistisch gefärbte Lutheranerin Dorothee Henriette König. Das Ehepaar bekam vier weiter Kinder, zwei davon starben. Hans Joachim Schrimpf stellt heraus, dass Karl Philipp sehr unter Veränderungen in der Familie litt und den damit verbundenen Vernachlässigungen seiner Person. Die Familie lebte im dritten Stand unter ärmlichen Verhältnissen, zwischen den Eltern herrschte eine dauernde Auseinandersetzung, geschürt besonders durch die extremen religiösen Ansichten des Vaters, die er auch das Leben seines Sohnes stark beeinflussten. Das Leben der Familie wurde durch die Lehren des extremen französischen Quietismus der Mme. Guyon unter dem Einfluss des Seelenführers Johannes Friedrich von Fleischbein bestimmt. Diese Ansichten entstammen, wie der französische Germanist Robert Minder in seiner Auseinandersetzung mit Karl Philipp Moritz feststellte, doch einer sehr entstellten Form des Quietismus.[1] Sie sprach sich gegen jede Form von Individualismus aus. Selbstverleugnung und die Vernichtung aller Eigenheiten waren Kennzeichnen dieser weltfremden Anschauung. Informationen zu Moritz Kindheit, der Rolle des Pietismus und der Guyonschen Mystik veröffentlichte Moritz selber in Artikeln im „Magazin für Erfahrungsseelenkunde“. In Zeiten von starken gesundheitlichen Leiden fand Moritz einen Zufluchtsort in den Liedern der Mme Guyon. Aufgrund der streng religiösen Einstellung des Vaters erhielt Moritz privaten Schulunterricht. Obwohl vom Vater untersagt, wandte sich Karl Philipp weltlicher Literatur zu und las Romane wie Johann Gottfried Schnabels „Insel Felsenburg“. Moritz Leben erhielt einen prägenden Einschnitt als er die zweijährige Lehrzeit bei dem quietistischen Hutmacher Johann Simon Lobenstein in Braunschweig begann. Diese Zeit, so ist es auch in „Anton Reiser“ zu erfahren, war bestimmt von Entbehrungen, körperlicher und seelischer Qualen, die schließlich in einem Selbstmordversuch endeten. Während seiner Leidenszeit trösteten Karl Philipp nur die Predigten des Pastor Johann Ludwig Paulmann. Mit 14 Jahren setzte sich Moritz über den Willen seines Vaters hinweg und trat Moritz in die hohe Schule der Altstadt Hannover ein. Dort, so verdeutlicht Schrimpf, kam er schließlich durch die altphilologische Bildung in Kontakt zu dem neuen Gedankengut der Aufklärung sowie der psychologischen Anthropologie und deutschen Literatur

Die Jahre seiner Kindheit und Jugend waren aufgrund der armseeligen Lebensbedingungen von Hunger und dem Erbetteln von Almosen in großer Kälte negativ geprägt. In der Welt des Theaters suchte Karl Philipp einen Zufluchtsort, doch Versuche sich in Gotha der Wanderbühne Johann Konrad Dietrich Echos anzuschließen, scheiterten. 1774 erschien Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“. Moritz identifizierte sich mit der Geschichte der Hauptfigur und fand in diesem Werk sein dichterisches Vorbild. Auf einer späteren Italienreise lernte er Goethe persönlich kennen. Der Versuch ein Studium in Erfurt im Studienfach Theologie aufzunehmen scheiterte schnell und ebenso wie der erneute Versuch als Schauspieler. Bis zu diesem Punkt deckt sich die Biographie von Karl Philipp Moritz mit der Selbstdarstellung in seinem psychologischen Roman „Anton Reiser“. Die Gemeinsamkeiten zwischen Moritz und seinem Protagonisten Reiser ließen sich unter anderem in schriftliche Aufzeichnungen von Johannes Friedrich von Fleischbein und dem Hutmacher Johann Simon Lobenstein nachweisen. Fleischbein lieferte in seinen Aufzeichnungen wichtige Informationen zu den ärmlichen Lebensverhältnissen der Familie Moritz.[2]

Auffällig sind die Zerrissenheit und die Unstetigkeit seiner Biographie. Sein Leben zeichnete sich durch Rastlosigkeit aus, es kam immer wieder zu Abbrüchen und Neuanfängen, von denen er sich Verbesserungen seines seelischen Zustandes erhoffte. Seine inneren Zerrissenheit und Melancholie war trotz Erfolgen in seiner beruflichen Laufbahn seine steten Begleiter. In seinem Beruf stieg bis zum Amt des Gymnasialprofessors auf. Von seiner fünfmonatigen Tätigkeit in einem Militärwaisenhaus in nahm er wichtige psychologische und pädagogische Anregungen mit. Einige Jahre später arbeitete er vorübergehend als Redakteur bei der Vossischen Zeitung. Seine 1793 gehaltenen Vorlesungen über die Ästhetik und Mythologie wurden von Alexander von Humboldt, den Frühromantikern Tieck und Wackenroder gehört. Auf beruflicher Ebene schien sein Leben eine gewisse Erfüllung gefunden zu haben. Karl Philipp Moritz Leben fand am 26.7. desselben Jahres infolge eines chronischen Lungenleidens in Berlin ein Ende.

2.2 Die Darstellung Anton Reisers

Die Art wie Moritz seine Autobiographie im Psychologischen Roman umsetzte erscheint einzigartig. Es gelang ihm durch die stets detailierten Beschreibungen der verschiedenen Ereignisse, Einrichtungen und des Lebens der Menschen in seiner Erzählung, ein genaues Bild von seinem Protagonisten Anton Reiser und der Welt in der er sich bewegt, entstehen zu lassen. Im Mittelpunkt steht das Innenleben des Protagonisten. Die Genauigkeit der Beschreibungen seiner Empfindungen und der fehlende Plot erinnern an ein wissenschaftliches Erzählverfahren. Mit der Figur des Anton Reiser sollte gezeigt werden, dass das Leben eines Menschen durch die Ereignisse in früher Kindheit entscheidend geprägt werden kann und dass es einen Zusammenhang zwischen Körper und Geist gibt, der nicht außer Acht gelassen werden darf. Man kann den Roman auch als wissenschaftliche Fallgeschichte beschreiben, bei der Moritz seine eigenen Erfahrungen als Exempel verarbeitete. Der Leser wird in die Lage versetzt, an Reisers Gedankenwelt Anteil zu haben.

[...]


[1] Hans Joachim Schrimpf: Karl Philipp Moritz. Stuttgart: 1980, S.11

[2] Klingenberg, Anneliese/ Meier, Albert/ Wiedemann, Conrad/ Wingertszahn, Christof (Hg.): Karl Philipp Moritz Sämtliche Werke. Kritische und kommentierte Ausgabe. Band 1. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2006, S. 611

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Details

Titel
Anton Reiser als Exempel für die Darstellung des Individuums in der Literarischen Anthropologie des 18. Jahrhunderts
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
3,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V205695
ISBN (eBook)
9783656326397
ISBN (Buch)
9783656327691
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anton, reiser, exempel, darstellung, individuums, literarischen, anthropologie, jahrhunderts
Arbeit zitieren
Julia Schriewer (Autor), 2009, Anton Reiser als Exempel für die Darstellung des Individuums in der Literarischen Anthropologie des 18. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205695

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