Tiergestützte Schulpädagogik: Entscheidung für Klassenhund oder Schulzoo?


Examensarbeit, 2012
57 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Vorwort
1.2 Ziel dieser Arbeit

2 Tiergestützte Interaktion
2.1 Klärung der Begriffe
2.1.1 Begriffe: Klassenhund und Schulzoo
2.1.2 Begriffe: tiergestützte Therapie, tiergestützte Aktivität, tiergestützte Pädagogik
2.2 Mensch-Tier-Beziehung als Grundlage für tiergestützte Pädagogik
2.2.1 DieBiophilie-Hypothese
2.2.2 Die Theorie der Bindungen
2.2.3 Du-Evidenz
2.3 Kommunikationsarten
2.3.1 Digital-verbale Kommunikation
2.3.2 Analog-nonverbale Kommunikation

3 Der Klassenhund
3.1 Bedingungen für den Einsatz eines Hundes
3.1.1 Institutionelle Bedingungen und Ansprüche an den Hund
3.1.2 Bedingungen im Rahmen der Schülerarbeit
3.2 Pädagogische Anwendungen des Klassenhundes
3.2.1 Wirkungendes Tieres
3.2.2 Einsatzmöglichkeiten des Hundes

4 Der Schulzoo
4.1 Rahmenbedingungen für den Schulzoo
4.1.1 Institutionelle B edingungen
4.1.2 Auswahl geeigneter Tiere
4.1.3 Bedingungen im Rahmen der Schülerarbeit
4.2 Pädagogische Anwendungen des Schulzoos
4.2.1 Wirkungen eines Schulzoos auf Kinder und Jugendliche
4.2.2 Einsatzmöglichkeiten der Tiere in einem Schulzoo

5 Schlussbemerkung

6 Abbildungsverzeichnis

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Vorwort

Tiere und Pflanzen sind etwas Faszinierendes, etwas magisch Anmutendes, zum Teil etwas Unbekanntes und ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, der nicht mehr wegzudenken ist. Seit meiner Geburt bin ich von Tieren umgeben und möchte behaupten, dass sie, einmal abgesehen von meinen Eltern und meinem Bruder, mich zu der gemacht haben, die ich heute bin.

Mein[1] erster Hund, Tommy, lehrte mich die Ausdrucksformen der Hunde. Mein Meerschweinchen, Moritz, gab mir zu verstehen, dass ich mich als ungestümes Kind auch einmal zurückhalten muss. Es war doch viel kleiner als mein Hund und somit viel zerbrechlicher. Des Weiteren lernte ich durch das Meerschweinchen, dass der Kontakt mit Tieren sich nicht nur auf das Schmusen beschränkt. Sauber machen, hegen und pflegen gehörte nun einmal mit zu den Aufgaben einer Tierhalterin. Der Hahn meiner Großeltern überzeugte mich davon, dass auch ich als Mensch und nicht immer braves Kind Respekt vor Tieren haben sollte, und nicht zuletzt mein zweiter Hund, Struppi, gab mir den noch fehlenden Feinschliff in Sachen Hierarchie in einem Rudel. Ich lernte auf den Spaziergängen mit den Hunden nicht nur diese Tiere besser kennen. In ländlicher Gegend begegnen einem schon einmal eine Schafherde oder Pferde, an die ich mich, natürlich gedanklich im Schutz meines Hundes, allein heran traute. Diese Erfahrungen stärkten mein Selbstbewusstsein so sehr, dass ich bei einem Ausflug mit meinen Eltern diese schockte, als ich im Alter von ca. 6 Jahren ohne zu zögern auf einen Schafbock zuging, um ihn zu streicheln.

Als ich in die Schule kam, hatte ich zwar reichliche Erfahrungen mit Tieren gesammelt, doch Verständnis für und Wissen über die Flora blieben mir, bis auf die Erkenntnis, dass Erdbeeren und Kirschen aus dem eigenen Garten sehr gut schmeckten, verborgen. Diesen Mangel behob meine Grundschule, welche einen großen Schulgarten besaß. Jedes Kind war im Rahmen des Schulgartenunterrichtes für ein Beet verantwortlich. Die Mitarbeit im Schulgarten und die erlangte Fachkenntnis wurden mit Noten bewertet. Ich möchte nun keine Diskussion über die Vor- und Nachteile von Noten anfangen. Doch wurde mir nicht nur mittels der Zensuren gezeigt, dass ich gute Arbeit leistete. Die Pflanzenpracht oder der Früchteertrag des Beetes gaben die Erkenntnis über das richtige bzw. falsche Verhalten. Natürlich waren wir Kinder über reichlich tragende Stachelbeerensträucher oder viele Äpfel froh, wobei die Belohnung für die Mühe der Verzehr der Früchte war.

Im Gegensatz dazu trauerte ich über gestorbene Pflanzen. Dieser Prozess machte mich auf schmerzhafte Weise mit dem Lauf des Lebens bekannt und damit wie Menschen, in dem Fall ich selbst, dieses Schicksal in der Hand haben. Ich gebe zu: Eine für mich damals negative Erfahrung. Aus heutiger Sicht aber ein unerlässliches Erlebnis, denn nur dadurch habe ich als kritisch beobachtende Schülerin meinen Lehrern die Folgen von falschem Verhalten gegenüber Pflanzen geglaubt.

Mit heutigem Wissen bin ich davon überzeugt, dass ich durch den Kontakt mit allen Tieren während meiner Kindheit und bis zum heutigen Tag sowie durch die Erkenntnisse aus dem Schulgartenunterricht zu einem naturverbundenen, tierliebenden und emotionalen Menschen geworden bin. Die Verantwortung für andere Lebewesen zu übernehmen, stärkte ohne Zweifel mein Selbstbewusstsein. Die Grenzen, welche mir die Tiere aufzeigten, festigten meinen Charakter. Selbst durch die negativen Erfahrungen kam ich zur Selbsterkenntnis. Alles in allem betrachtet hat mir der Kontakt mit Fauna und Flora in meiner Kindheit nicht geschadet, sondern geholfen, mich zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft zu entwickeln.

Mit Ausnahme des bereits erwähnten Schulgartenunterrichtes, welcher in der damaligen DDR im Lehrplan verankert war, fand die Begegnung mit der Natur und den Tieren nur auf Grund der Bemühungen meiner Eltern statt. Zum einen gaben sie mir die Freiheiten, selbst Erfahrungen zu machen. Zum anderen brachten sie mich gezielt in Kontakt mit Tieren. Heutzutage finden solche Bemühungen seitens der Eltern leider weniger häufig statt. Sei es, weil die Familien in der Großstadt wohnen oder aber Eltern ihre Kinder lieber vom Fernseher oder Computer unterhalten lassen. Ein weiteres Problem ist, dass Kinder zu sehr behütet bzw. in Watte gepackt werden, sodass sie ihre eigenen Erfahrungen in der Natur gar nicht mehr machen können.

Mein Wunsch als baldige Biologin und Pädagogin wäre ein umfassender Kontakt aller Kinder mit zu mindestens den hiesigen Pflanzen und Tieren, so wie ich ihn hatte. Leider ist mein Wunsch etwas idealistisch. Wenn das Problem innerhalb der Familien nicht behoben werden kann, muss es in Kindergarten und Schule fokussiert werden! Erst recht, damit das

Repertoire an Wissen, Erfahrungen und Kompetenzen, die durch Naturkontakt gefördert werden, nicht verkümmert.

1.2 Ziel dieser Arbeit

Leider stehen heutige Erziehungsberechtigte Haustieren und Zimmerpflanzen kritisch gegenüber. So schrieb C. C. Jung, „dass [die] zivilisatorische[n] Prägungen nach der Kindheit eine ursprüngliche Verbundenheit des Menschen mit der Natur überdecken“[2]. Vielleicht auf Grund dieser Prägungen oder auch der Medienhysterie wird die Natur häufig als schmutzig, dreckig und zeitaufwendig angesehen, so dass das Bedürfnis entsteht, das eigene Heim mittels diverser Desinfektionsmittel zu reinigen. Die schmutzigen Pfoten von Hund oder Katze passen nun gar nicht in die sterile Wohnung! Schlechte Gerüche von Meerschweinchen, Kaninchen und anderen Kleintieren können nun auch Duftzerstäuber nicht mehr überdecken! Was soll da der Besuch denken? Komplettiert wird dieses übersteigerte Sauberkeitsverhalten durch pflegeleichte, immergrüne Plastikpflanzen. Es gibt unzählige Gründe für mannigfache naturlose Haushalte in Deutschland, alle zu nennen würde die Grenzen dieser Arbeit sprengen.

Die negativen Auswirkungen auf die Entwicklung der, in solch einer Umgebung lebenden, Kinder wurden in vielen Studien beschrieben. Angefangen mit den medizinischen Spätfolgen, wie Allergien oder diversen Hautkrankheiten, bedingt durch die sterile Umgebung und das daraus resultierende mangelhafte Training des Immunsystems, aber auch die fehlenden Erfahrungen im Umgang mit Tieren oder Pflanzen haben Effekte auf „die beiden Formen der „personalen Intelligenz“: die interpersonalen (sozialen) und die intrapersonalen (emotionalen) Fähigkeiten“[3]. So spricht beispielsweise Nienke Endenburg davon, dass durch die an Kinder übertragene Verantwortung für ein anderes Lebewesen diese „immer weitere Kompetenzerfahrungen machen, die von positiven Gefühlen begleitet werden“[4].

Genau diese Emotionen sind der Schlüssel zum Lernen, wenn man Schwarzkopf und Olbrich Glauben schenken möchte. Sie sind der Meinung, dass „jede Aktivierung bewusster Prozesse - also auch das Lernen - [...] von Emotionen begleitet“[5] wird. Dadurch werde der Lernprozess positiv, aber auch ggf. negativ beeinflusst werden, was wiederum Auswirkungen auf den Lernerfolg habe. So schreiben Olbrich und Schwarzkopf, Bernd Retzlaff berichtete bereits 2002, „dass allein [durch] die Anwesenheit [... seiner Labradorhündin] Jule im Klassenzimmer eine freundliche, lockere Atmosphäre“[6] entstand. Auch andere Pädagogen berichten über ähnliche Effekte. Ebenfalls bei den oben genannten Autoren ist zu lesen, dass Petermann Probleme, wie Konzentrationsschwäche bei Kindern, mittels seiner Hündin Kea überwand[7] und das Selbstwertgefühl sowie die Selbstachtung laut Bergesen durch Tiere signifikant gesteigert werden.[8] Die Wirkung der pädagogisch eingesetzten Hunde ist vielseitig. Ob nun bei gesunden, körperlich oder geistig beeinträchtigten oder verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen: Durch den Einsatz von Hunden oder anderen Tieren werden zum Teil erstaunliche Entwicklungserfolge erzielt.

Wie oben bereits angesprochen werden nicht nur Hunde in Schulen pädagogisch eingesetzt, sondern auch andere Tiere im Rahmen von Schulzoos. Diese Schulzoos beherbergen Nutztiere wie Schafe, Ziegen, Schweine, aber auch Reptilien, Insekten und viele Gattungen bzw. Arten mehr. Sie sind direkt der Schule angeschlossen. Die Schüler halten sie in Stand und die Tiere werden ebenfalls von ihnen gepflegt. Dies geschieht natürlich unter Aufsicht von Lehrkräften, meistens den Biologielehrern. So lernen Schüler im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften oder/und Unterricht den fachgerechten Umgang mit Tieren und erweitern ihre sozio-emotionalen Kompetenzen. Es gibt aber auch Landwirte, welche sich in solchen sozialen Projekten engagieren, um Kindern und Jugendlichen ein Leben mit Tieren zu ermöglichen.

Diese Schulzoos sind nicht nur pädagogisch wertvoll in der Erziehung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, sie können auch in unterschiedlichen Fächern als inhaltliche Erweiterung mit einbezogen werden. Diese Möglichkeiten werde ich im Absatz 5.2 Pädagogische Anwendungen des Schulzoos näher beschreiben.

Es gibt aber, vielleicht auf Grund des Mehraufwandes, weit weniger Schulzoos in Deutschland als Klassenhunde. In der Literatur findet dieses Thema kaum Beachtung, sodass ich Informationen für diesen Teil meiner Arbeit vorwiegend aus einer von mir durchgeführten Fragebogenaktion entnehme. Hier werte ich die Erfahrungen von Lehrern in Schulen aus, die seit längerem einen Schulzoo unterhalten. Darauf basierend werde ich eigene Vorschläge für eine weitergehende Nutzung des Schulzoos im Schulalltag entwickeln, um Lehrkräften, die sich mit dem Gedanken beschäftigen, einen Schulzoo an ihrer Schule aufzubauen, einen guten Einblick in das Thema zu vermitteln und Möglichkeiten für das methodische Vorgehen darzulegen.

In dieser Arbeit werde ich außerdem im Vergleich zum Schulzoo die pädagogische Unterstützungsmöglichkeit durch einen Klassenhund, welcher den Lehrer in den Unterricht begleitet, und dessen Einsatzmöglichkeiten sowie die pädagogischen Auswirkungen beschreiben. Diese Darstellung bezieht sich auf die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Sekundarstufe I, sowie gymnasialer Oberstufe und berufliche Gymnasien.

Es gibt durchaus noch andere Mittel der Unterstützung durch Tiere. Beispielsweise die temporären Tierbesuche, welche von ehrenamtlichen Tierhaltern meist mit spezieller Ausbildung absolviert werden. Ich möchte jedoch Möglichkeiten des dauerhaften Kontaktes der Kinder und Jugendlichen zu Tieren innerhalb der Schule aufzeigen, denn bei den sporadischen Tierbesuchen im Unterricht fallen einige Aspekte der tiergestützten Arbeit und somit der positiven Auswirkungen weg. Die damit verbundenen Kompetenzerfahrungen fehlen und sind auch nicht mehr nachzuholen.

Dass Tiere überhaupt zum Nutzen von Menschen eingesetzt werden können, beruht auf der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen, die eine starke Affinität zur belebten Natur nach sich zog. Menschen sind dadurch in der Lage, eine dauerhafte Bindung zu Tieren einzugehen. Daher werde ich im zweiten Kapitel zunächst auf die Mensch-Tier­Beziehung näher eingehen und die Möglichkeiten der Kommunikation genauer beschreiben.

Sinn und Ziel dieser Arbeit soll es sein, noch mehr Pädagogen für die tiergestützte Pädagogik zu begeistern und zwei Möglichkeiten hierfür vorzustellen, denn mit dieser Methodik lassen sich Aspekte und Kompetenzen erwerben bzw. erweitern, welche mit den anderen Praktiken nur schwer zu erreichen sind.

Auf Grund der Vereinfachung werden sämtliche Begriffe in der maskulinen Form verwendet; gemeint sind aber auch jeweils die weiblichen Formen der angesprochenen Personen oder Tiere.

2 Tiergestützte Interaktion

2.1 Klärung der Begriffe

2.1.1 Begriffe: Klassenhund und Schulzoo

Es gibt keine einheitlichen Definitionen und Bedeutungen der beiden Begriffe Klassenhund und Schulzoo. Ich werde daher meine Interpretationen dieser Begrifflichkeiten darlegen, bevor ich in die Thematik einsteige.

Das Wort Klassenhund wird öfter mit dem Begriff Schulhund gleichgesetzt, obwohl sie zwei völlig verschiedene Wortbedeutungen haben. Selbst der Klassenhund als solcher hat verschiedene Bedeutungen. Früher hatten die Hausmeister von Schulen als Bewacher des Schulgeländes Hunde, die man als Schulhunde bezeichnete. Teilweise waren sie während der Schulzeit in Zwingern eingesperrt, aber es gab auch auf dem Schulgelände frei laufende Hunde. Allerdings trifft hier eher die Bezeichnung Wachhund zu, denn diese Hunde hätte man auch ohne weiteres in einer anderen Umgebung für den Wachdienst einsetzen können. Sie hatten weder eine spezielle Ausbildung als Therapiehund noch als pädagogischer Unterstützer. Sie wurden auch nicht speziell pädagogisch eingesetzt, etwa im Unterricht oder in Arbeitsgemeinschaften. Sie dienten lediglich der Bewachung von Grund und Boden.

Wie bereits angesprochen betrachte ich auch nicht die temporären Besuchshunde, welche man ebenfalls als „Schulhunde oder Schulbesuchshunde“[9] bezeichnet. Sie begleiten ihren ehrenamtlichen Hundeführer, welcher den Kindern und Jugendlichen Fachwissen über Hunde und den richtigen Umgang mit ihnen vermittelt.

Der Klassenhund, als pädagogisches Mittel, hat ebenso zwei Bedeutungen. Er kann einer einzigen Klasse zugeordnet sein. Das würde bedeuten, dass er in dieser Klasse ständig anwesend ist, außer vielleicht in bestimmten Unterrichtseinheiten oder im Fachunterricht wie zum Beispiel Kochen/ Backen oder Chemie. Der Besitzer dieses Hundes ist ein Lehrer aus dem Kollegium, aber die Lehrkraft ist nicht ständig präsent, da dieser auch andere Klassen zu unterrichten hat. Diese Art des Klassenhundeinsatzes ist meiner Meinung nach nicht nur gefährlich, sondern auch für den Hund eine erhebliche psychische Belastung, die ungeahnte Folgen haben kann. Die Bezugsperson bzw. der Rudelführer kann nicht in schwierigen Situationen eingreifen. Ob die gerade anwesenden Lehrer, welche in der Klasse unterrichten, bestimmte Situationen kompetent einschätzen können, um entsprechend einzugreifen, ist fraglich. Aus diesen Gründen kann und werde ich diese Form des Klassenhundes nicht betrachten, noch den nach pädagogischen Möglichkeiten suchenden Lehrern empfehlen. Hierzu sei noch angemerkt, dass eine Unterbringungsmöglichkeit des Hundes während seines Nichteinsatzes gefunden werden muss. Gerade Fachlehrer, in deren Fachräumen bzw. -unterricht Hunde keinen Zutritt haben, sind gezwungen, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Hier bietet sich ein Ruheraum oder -platz im Lehrerzimmer an, der dem Hund zugewiesen wird. Diese Möglichkeit ist allerdings auch wieder abhängig von der Akzeptanz des Projektes bei den Kollegen und deren Mitarbeit.

Der in der vorliegenden Arbeit näher beschriebene Klassenhund begleitet seinen Besitzer, den Lehrer, in die jeweiligen Klassen und wird dort tätig. Dies geschieht unter Aufsicht der Bezugsperson, die gleichzeitig den Ausbilder des Hundes darstellt. Diese Art des Hundeeinsatzes wird beispielsweise in der „Michael-Ende-Schule in Bad Schönborn [...] seit 2006 [mit] Klassenhund Charlie“[10] praktiziert. Dadurch wird immer gewährleistet, dass eine kompetente Person, welche den Hund und seine Eigenarten kennt, anwesend ist. Bei schwierigen Situationen kann diese sofort fachgerecht eingreifen bzw. derartige Zustände gar nicht erst entstehen lassen. Der Hund kann durch die Anwesenheit des Ausbilders viel spezieller und gezielter eingesetzt werden. Hier wird er tätig, indem er Arbeitsaufträge des Pädagogen ausführt.

Der Begriff Klassenhund erhielt seine Auslegung ursprünglich auf Grund seines stetigen Einsatzes in einer Klasse, was aber nur in Schulen mit Klassenlehrerprinzip funktioniert. Die heute tätigen Hunde werden überwiegend in solchen Klassen eingesetzt.[11]

In allen anderen Schulen müssen Lehrer die Klassen wechseln und stehen dann vor der Frage, den Hund in andere Klassen mitzunehmen oder ihn für den Rest ihrer Unterrichtszeit irgendwo unterzubringen. Da ich der Meinung bin, dass nicht nur eine Klasse der Schule ihre Kompetenzen weiterbilden soll, stehe ich durchaus hinter dem Projekt der Mitnahme des Hundes in weitere Klassen. Die Erfahrungen von Anne Vielsäcker in Bad Schönborn sind diesbezüglich zwar etwas negativ geprägt, man sollte aber hier bedenken, dass sie den Alltagsbericht[12], in dem sie von nicht störungsfreiem Unterricht in fremden Klassen spricht, ein Jahr nach dem Beginn des Projektes schrieb. Hier müsste man eine Langzeitauswirkung abwarten.

Der zweite noch zu klärende Begriff ist der Schulzoo und, auch dieser hat mehrere Bedeutungen. Vielfach wird das Aquarium oder das Terrarium im Klassenzimmer als Schulzoo bezeichnet. Meiner Meinung nach passen hier allerdings eher Begriffe wie Klassentiere oder Klassenaquarium/ -terrarium. Sicherlich kann man auch die Bezeichnung Schulzoo anwenden, wobei der Schulzoo an sich allen Kindern und Jugendlichen der Schule zu Gute kommen sollte. Das ist bei einem Aquarium im Klassenzimmer für klassenfremde Schüler nicht der Fall.

Der von mir gemeinte Schulzoo ist ein für alle Kinder der Schule mehr oder minder frei zugänglicher Raum oder Bereich. Im üblichen Sinn befindet sich der Schulzoo draußen, auf dem Schulgelände. Dort werden Nutztiere wie Schafe, Ziegen oder Schweine gehalten. Es gibt jedoch auch Schulen, die speziell für ihren Schulzoo Räume im Schulgebäude zur Verfügung stellen. Hier findet man meistens Kleintiere in Terrarien oder Aquarien.

2.1.2 Begriffe: tiergestützte Therapie, tiergestützte Aktivität, tiergestützte Pädagogik

Tiergestützte Therapie, Pädagogik als auch die tiergestützten Aktivitäten kann man zusammenfassen im Grundgedanken der tiergestützten Interaktion. Laut dem Fremdwörterbuch ist das Interagieren eine wechselseitige Beeinflussung von Verhalten[13]. Im Falle der tiergestützten Interaktion sind die Interaktionspartner aus verschiedenen Spezies. Ein Mensch geht eine Interaktion mit einem Tier ein. Ist diese Kommunikation gefestigt, kann diese nach Meinung einiger Therapeuten auf die Mensch-Mensch­Beziehung übertragen werden.

Vielfach wird in diesem Zusammenhang auch die „tiergestützte Intervention“[14] erwähnt, jedoch ist meiner Meinung nach dieser Begriff sehr ungenau. Eine Intervention ist eine Vermittlung[15]. Kann man wirklich von Vermittlung sprechen, wenn bei einem Tierbesuch im Altersheim die dortigen Bewohner Gefallen an der Pflege und dem Umgang mit einem Tier finden? Ebenso ist es auch mit einem Schulzoo. Die hier lebenden Tiere beeinflussen Kinder und Jugendliche, spielen aber nicht oder nur bedingt den Vermittler. Ein Klassenhund beeinflusst das Verhalten der Klassenmitglieder, vermittelt aber nicht zwischen der Klasse und dem Lehrer. In Einzelstunden mit bestimmten Schülern ist eine Vermittlung möglich, sie stellt aber nicht die Hauptaufgabe eines Klassenhundes dar, sodass man auch hier nicht unbedingt von Intervention sprechen kann.

In diesem Kapitel werde ich die Unterschiede der drei in der Überschrift genannten Begrifflichkeiten verdeutlichen und somit den Beweis antreten, dass die tiergestützte Pädagogik einzeln behandelt und definiert werden muss.

Die tiergestützte Therapie stellt, wie der Name bereits andeutet, eine Therapie mit Hilfe von Tieren dar. Die Therapie ist definiert als Heilbehandlung[16]. Jede Heilbehandlung setzt eine Krankheit oder Behinderung bzw. Beeinträchtigung voraus. Demnach geht es bei einer Therapie um die „Heilung oder [...] Linderung der Symptome bei [pathologischen,] psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen [,..]“[17]. Dr. G. Gatterer von TAT[18] in Wien versteht unter tiergestützter Therapie „alle Maßnahmen, bei denen durch den gezielten Einsatz eines Tieres positive Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen erzielt werden sollen. Das gilt für körperliche wie seelische Erkrankungen.“[19] Deren Heilungen oder zumindest Behandlungen obliegen ausschließlich den Heilberufständlern, wie Ärzten, Therapeuten, Apothekern oder Pfleger. Zu dieser Gruppe gehört der Lehrer nicht.

Eine Krankheit zu heilen, bedeutet zielorientiert zu arbeiten. Dabei definiert sich das Ziel der Therapie als die Heilung der Krankheit oder Linderung der Krankheitszeichen. Nachdem das Therapieziel genauestens feststeht, plant der Heilberufständler die Therapieeinheiten im zeitlichen Ablauf mit den dazugehörigen Aktionen. Dabei ist das Zeitmaß, je nach Aufnahmekapazität des Patienten, fixiert. Im Verlauf der Therapie werden die Aktivitäten des Patienten protokolliert und evaluiert. Dabei bekommt jeder Patient eine für ihn eigens konzipierte Behandlung. Keine dieser Tätigkeiten wird von einem Lehrer, der tiergestützt arbeitet, durchgeführt.

Kommen wir nun zum zweiten Begriff, der tiergestützten Aktivität[20]. Diese wird vom Verband „Delta Society“ [21] als gelegentliches Treffen und Begrüßen von einem Besuchsdienst mit Tier angesehen. Des Weiteren, so Delta Society, würden hier keine Behandlungsziele geplant, noch könne man sie planen. Auch würden bei der tiergestützten Aktivität keine Besuchsprotokolle oder -berichte angefertigt. Diese Besuche seien spontane Aktivitäten ohne jegliche Konzeption und könnten von vielen Menschen ohne besondere Heilberufsausbildung durchgeführt werden. Lediglich die Tiere sollten spezifische Kriterien erfüllen. Der Zeitfaktor sei bei diesen Besuchen sehr variabel[22]. Er richte sich vorwiegend nach den Kapazitäten des Tieres, des Besuchsdienstlers und des Besuchten, welcher nicht unbedingt erkrankt sein muss. Auch diese Art der tiergestützten Aktivität führt ein Lehrer nicht aus. Aus diesem Grund ist eine klare Abgrenzung der tiergestützten Pädagogik wichtig.

Der Lehrer in der Schule ist auf keinen Fall ein Besuchsdienst, der anwesend sein kann oder nicht bzw. kommen kann, wann er möchte. Schließlich geht er einer festen Tätigkeit innerhalb der Schule nach. Auch der Bezug des gelegentlichen Treffens und Begrüßens auf das Tier hat Schwachpunkte. Das Tier, im Fall dieser vorliegenden Arbeit, der Klassenhund oder die Tiere im Schulzoo sollen schließlich nicht zum Begrüßen der Schüler eingesetzt werden, sondern festgelegte Aufgaben erfüllen und den Lehrer bei seiner pädagogischen Arbeit unterstützen. Konkrete Ziele der pädagogischen Arbeit mit den Tieren kann auch ein Lehrer nicht planen, jedoch sollten schon diverse Absichten vor dem Einsatz vorhanden sein. Zu nennen wären beispielsweise die Verminderung von Gewalt und Aggression oder die seelische Unterstützung von Schülern. Ohne Zielsetzungen sollten keine Tiere pädagogisch eingesetzt werden. Protokolle derjeweiligen Tieraktivität oder der Ergebnisse einer Stunde wird auch ein Lehrer, allein aus Zeitgründen, nicht anfertigen können, dennoch wäre es wünschenswert, wenn die tiergestützte Pädagogik von Zeit zu Zeit evaluiert würde. Eine ständige Qualitätskontrolle sollte oberstes Gebot solch einer Arbeit sein, damit nicht das Gegenteil der ursprünglichen Absicht erreicht wird.

Der Hundebesuch in einer Klasse ist, ebenfalls im Gegensatz zur tiergestützten Aktivität, niemals spontan. Die Schüler müssen adäquat auf das neue Klassenmitglied vorbereitet werden und Regeln für den Umgang lernen. Nicht zu vergessen ist die Verantwortung gegenüber dem Hund. Auch dieser muss langsam an die Schule herangeführt und auf seinen Einsatz vorbereitet werden. Das alles hat nichts mit Spontanität zu tun. Das Zeitmaß, welches bei der tiergestützten Aktivität noch variabel war, ist im Unterricht doch sehr fixiert. Die Unterrichtsstunden besitzen einen gesetzten Zeitrahmen. Dieses gilt auch für die Anzahl der Unterrichtsstunden pro Woche. Auch hier weicht die tiergestützte Pädagogik von der tiergestützten Aktivität ab.

Die Definitionen für tiergestützte Pädagogik sind in der Wissenschaft leider noch sehr rar. Auf keinen Fall sollte die tiergestützte Pädagogik der tiergestützten Aktivität gleichgesetzt werden. Die tiergestützte Pädagogik ist eher eine “tiergestützte Entwicklungsbegleitung für Kinder und Jugendliche“[23], wobei auch dieser Versuch einer Definition nicht sonderlich gelungen ist. Denn vom Lehrer als Entwicklungsbegleiter zu sprechen, trifft den Kern der Pädagogik und schulischen Arbeit nicht vollends.

Auch die Definition[24] im „Handbuch der Tiergestützten Intervention“ von Monika A. Vernooij und Silke Schneider weist meiner Meinung nach Mängel auf. Zum einen, wie eingangs dieses Abschnittes bereits erwähnt, sind die Tätigkeiten in der tiergestützten Pädagogik keine Vermittlungen, welcher Art auch immer. Ich sehe sie eher als Aktionen und Reaktionen, welche die fehlentwickelten Arbeitsmodelle der Kinder und Jugendlichen durch den Anstoß von Lernprozessen zu revidieren versuchen. Des Weiteren beziehen Vernooij und Schneider die tiergestützte Pädagogik auf die Ausführung seitens Experten und setzen in der Definitionserläuterung „einen Abschluss in einem Lehrberuf voraus.“[25] Auch Eltern sind durchaus in der Lage mittels tiergestützter Pädagogik, die Arbeitsmodelle ihrer Kinder und damit deren Verhalten zu ändern. Wie viele Familien kaufen sich einen Hund, damit die Kinder Verantwortung lernen oder außer Haus gehen, um Freunde zu treffen, anstatt Videospiele zu spielen? Ob der elterliche Plan funktioniert, hängt aber nicht zwangsläufig von dem Beruf der Erziehungsberechtigten oder gar dem Einsatzbereich (pädagogisch-sonderpädagogisch) ab.

Ich würde die tiergestützte Pädagogik wie folgt definieren:

- Methode zur Erziehung und Bildungsvermittlung unter Zuhilfenahme von Tieren Der Einsatz der Tiere ist hier als pädagogisches Mittel anzusehen. Die pädagogische Arbeit steht bei dieser Methode immer noch im Vordergrund und sollte in einer Definition als Hauptbestandteil genannt werden. In erster Linie kommt es auch bei der tiergestützten Pädagogik darauf an, auf die sozio-emotionale Intelligenz der Kinder und Jugendlichen Einfluss nehmen zu können. Dass diese Einflussnahme Auswirkungen auf die schulischen Leistungen haben kann, ist meiner Ansicht nach ein positiver Sekundäreffekt, also nur ein Nebeneffekt der eigentlichen Absicht, nämlich Aufbau der Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen für eine Qualitätsverbesserung ihres Lebens und ihrer Zukunft.

Des Weiteren legt sich mein Definitionsversuch nicht auf eine spezifische Anwendergruppe der tiergestützten Pädagogik fest. Wenn man bedenkt, dass die Pädagogik laut dem Fremdwörterbuch als die „Theorie und Praxis der Erziehung und Bildung“[26] bezeichnet wird, ist auch hier festzustellen, dass eine Fixierung auf bestimmte Berufsgruppen fehlt. Jedoch nicht ohne Grund. Auch Eltern, die sich um die Erziehung und Bildung ihrer Kinder kümmern, erfüllen somit die Anforderungen der im Duden genannten Pädagogikdefinition. Hier gleichzusetzen wäre die Erziehungs- und Bildungsmethode unter Zuhilfenahme von Tieren. Auch die tiergestützte Pädagogik kann von interessierten, kundigen Eltern ausgeführt werden, aber auch von pädagogischem Fachpersonal wie Lehrern oder Erziehern.

[...]


[1] Da ich mit einem Alter von 3-4 Jahren noch zu klein war, gehörte der Hund wie auch die anderen hier erwähnten Tiere rechtlich meinen Großeltern bzw. meinen Eltern.

[2] Olbrich, Zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung aus Sicht der Verhaltensforschung, 2003, S. 54

[3] Olbrich & Schwarzkopf, Lernen mit Tieren, 2003, S. 256

[4] Endenburg, 2003, S. 122

[5] Olbrich & Schwarzkopf, Lernen mit Tieren, 2003, S. 255

[6] Olbrich & Schwarzkopf, Lernen mit Tieren, 2003, S. 259

[7] Olbrich & Schwarzkopf, Lernen mit Tieren, 2003, S. 261

[8] Olbrich & Schwarzkopf, Lernen mit Tieren, 2003, S. 262

[9] Agsten, 2009, S. 36

[10] Agsten, 2009, S. 37

[11] Agsten, 2009, S. 37

[12] Vielsäcker, 2007

[13] Fremdwörterbuch, 2007, S. 466

[14] Vernooij & Schneider, 2008/2010, S. 41

[15] Fremdwörterbuch, 2007, S. 471

[16] Fremdwörterbuch, 2007, S. 1036

[17] wikipedia

[18] Verein Tiere als Therapie - Verein zur Erforschung und Förderung der therapeutischen Wirkung der Mensch/T ier-B eziehung

[19] TAT, 2007

[20] AAA A Animal Assisted Activity

[21] 1977 in den USA gegründeter Verband - legt Regeln und Grundsätze für den tierischen Einsatz in der Therapie fest, diese sind aber nicht bindend.

[22] Society, What are Animal-Assisted Activities/Therapy?

[23] Schreiber, tiergestützte Pädagogik, 2009

[24] „Definition: Unter tiergestützter Pädagogik werden Interventionen im Zusammenhang mit Tieren subsumiert, welche auf der Basis konkreter, klienten-/ kindorientierter Zielvorgaben Lernprozesse initiieren, durch die schwerpunktmäßig die emotionale und die soziale Kompetenz des Kindes verbessert werden soll. Sie werden durchgeführt von Experten im pädagogisch-sonderpädagogischen Bereich [...] unter Einbezug des Tieres, welches für den Einsatz spezifisch trainiert wurde.“ Vernooij & Schneider, 2008/ 2010, S. 41

[25] Vernooij & Schneider, 2008/2010, S. 41

[26] Fremdwörterbuch, 2007, S. 747

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Tiergestützte Schulpädagogik: Entscheidung für Klassenhund oder Schulzoo?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Bildungswissenschaft)
Veranstaltung
Tiergestützte Pädagogik
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
57
Katalognummer
V205746
ISBN (eBook)
9783656339007
ISBN (Buch)
9783656339625
Dateigröße
12638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, tiergestützt, Hilfspädagogen, Schulhund, Klassenhund, Schulzoo, Tiere in der Schule, Tiere und Schule, Schultiere
Arbeit zitieren
Anja Knuth (Autor), 2012, Tiergestützte Schulpädagogik: Entscheidung für Klassenhund oder Schulzoo?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205746

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Tiergestützte Schulpädagogik: Entscheidung für Klassenhund oder Schulzoo?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden