Seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wird die französische Sprachgemeinschaft zunehmend von Kommunikationsformen beherrscht, welche die Verbreitung von Mündlichkeitserscheinungen begünstigt. So übt z.B. das Telefon, das Fernsehen, das Kino, die Boulevardpresse und der Rundfunk, dem diese Arbeit gewidmet ist, aktiven Einfluss auf die Sprache aus und bewirkt ein immer stärker werdendes Abweichen der realen Sprachrealisation von der Norm des bon usage, die seit der Französischen Revolution als prestigeträchtig gilt. Die aktuelle Sprachpolitik beschäftigt sich noch immer mit dieser crise du français, die den „Verfall“ des bon usage zum Schwerpunkt hat, was größtenteils den oben genannten Mündlichkeitserscheinungen zuzuschreiben ist.
Auch wenn der Versuch die französische Sprache „rein“ zu halten in gewisser Weise verständlich ist, muss man jedoch einsehen, dass Sprache lebendig ist – und alles Lebendige verändert sich. Wenn dies nicht der Fall wäre und die Diskrepanz zwischen dem klassischen und dem Vulgärlatein nicht zunehmend größer geworden wäre, gäbe es weder das Französische, noch eine andere romanische Sprache, was zum Nachdenken anregen sollte.
Somit ist das français parlé wichtiger Bestandteil der modernen Sprachwissenschaft. Eine besondere Form des gesprochenen Französisch übt das français radiophonique aus, da es sich zwar dem Medium der gesprochenen Sprache bedient, durch den hohen Öffentlichkeitsgrad jedoch eher zu Distanzsprachlichkeit tendiert1 und in einem gewissen Maße den oben erwähnten sprachpolitischen Maßnahmen untergeordnet ist, was im Folgenden näher erläutert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Fragestellung
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Le français parlé
2.1.1. Phonetische Merkmale
2.1.2. Morphologische Merkmale
2.1.3. Syntaktische Merkmale
2.1.4. Lexikalische Merkmale
2.2. Le français radiophonique
3. Empirische Grundlagen
3.1. Das Korpus
3.2. Die Notationsform
4. Beschreibungsebene des français radiophonique
4.1. Phonetische Merkmale
4.2. Morphologische Merkmale
4.3. Syntaktische Merkmale
4.4. Lexikalische Merkmale
5. Gesprächskonstellationen
5.1.Gesprächsorganisation
5.2. Expressivität
5.3. Höflichkeitsformen
6. Abschlussbetrachtung
7. Anhang
7.1. Vollständiges Korpus
7.1.1. Le téléphone sonne
7.1.2. Les disputes des auditeurs
7.1.3. Interview
7.2. Notationskonventionen
8. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht die linguistischen Besonderheiten der Dialogkommunikation im französischen Rundfunk (français radiophonique). Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit diese Textsorte von der Norm des français parlé abweicht oder sich ihr annähert, und welche Rolle Distanz- bzw. Nähesprachlichkeit in diesem spezifischen medialen Kontext spielen.
- Analyse der theoretischen Grundlagen des gesprochenen Französisch und des Rundfunkfranzösischs.
- Empirische Untersuchung anhand eines Korpus aus verschiedenen Rundfunksendungen (Interviews, Hörerbeiträge).
- Beschreibung der phonetischen, morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Merkmale.
- Untersuchung der Gesprächskonstellationen hinsichtlich Organisation, Expressivität und Höflichkeitsformen.
Auszug aus dem Buch
2.1. Le français parlé
Wie in der Einleitung bereits erwähnt, trägt das français parlé beträchtlich zur Diskussion über die These des Sprachverfalls bei. Selbstverständlich kann man nicht von dem français parlé reden, da es von verschiedenen Faktoren geprägt ist, die von der Sprechsituation abhängen. So spielt der Öffentlichkeitsgrad eine bedeutende Rolle: in vertrauter, familiärer Umgebung wird ein anderes Register gewählt als in sprachlichen Äußerungen in öffentlicher Umgebung. Des weiteren hat das Thema des Sprechakts Einfluss auf den Sprachgebrauch: alltägliche Themen bewirken eine spontaneres Sprechen als wissenschaftliche oder von besonderen Anlässen geprägte sujets. Auch die Eigenschaften der Kommunikationspartner (Alter, Geschlecht, soziale Stellung, Bildung etc.) und die Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern (bekannt/ unbekannt, vertraulich/ förmlich/distanziert) ist an dieser Stelle zu erwähnen. Solche Merkmale lassen sich auch bewusst zum Ausdruck innerer Gefühle einsetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fragestellung: Einführung in die Problematik des Sprachverfalls im Französischen und die Relevanz des Rundfunkfranzösischs als Untersuchungsgegenstand.
2. Theoretische Grundlagen: Definition des français parlé und seiner Varietäten sowie theoretische Einordnung des français radiophonique im Spannungsfeld zwischen Nähe- und Distanzsprache.
3. Empirische Grundlagen: Erläuterung der Korpuserstellung, der Auswahlkriterien für die Sendungen und der methodischen Vorgehensweise bei der Transkription.
4. Beschreibungsebene des français radiophonique: Detaillierte Analyse der sprachlichen Daten hinsichtlich phonetischer, morphologischer, syntaktischer und lexikalischer Kriterien im Vergleich zum Standard.
5. Gesprächskonstellationen: Untersuchung der Art und Weise, wie Gespräche im Radio organisiert werden, sowie Analyse von Expressivität und Höflichkeitsformen im Dialog.
6. Abschlussbetrachtung: Synthese der Forschungsergebnisse und Bewertung des Schwierigkeitsgrades des untersuchten Korpus mittels Flesch-Formeln.
Schlüsselwörter
Français parlé, français radiophonique, Nähesprachlichkeit, Distanzsprachlichkeit, Dialogkommunikation, Sprachwandel, Rundfunk, Korpusanalyse, Syntax, Morphologie, Lexik, Gliederungssignale, Sprachnorm, Expressivität, Höflichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Analyse der Dialogkommunikation im französischen Rundfunk, um die Sprachverwendung in diesem Medium besser zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Einordnung des Rundfunkfranzösischs in die Dimensionen von Nähe- und Distanzsprache sowie die Frage, wie stark die gesprochene Sprache im Rundfunk von der Standardnorm abweicht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch eine Microanalyse eines Korpus festzustellen, ob das français radiophonique als eigenständige Textsorte eine spezifische Norm aufweist oder sich an das français parlé anlehnt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer empirischen Korpusanalyse, wobei transkribierte Rundfunkaufnahmen nach phonetischen, morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Kriterien systematisch ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Erläuterung des empirischen Vorgehens sowie die detaillierte Beschreibung und Auswertung der sprachlichen Merkmale und Gesprächskonstellationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Français parlé, Nähesprachlichkeit, Distanzsprachlichkeit, Dialogkommunikation und Sprachnorm.
Wie unterscheidet sich die Moderation von Hörerbeiträgen im Korpus?
Moderatoren zeigen häufig eine stärkere Strukturierung und rhetorische Vorbedachtheit, während Hörerbeiträge spontaner sind, jedoch je nach Bekanntheitsgrad und Thema in der Sprachwahl stark variieren können.
Welche Rolle spielt die „mise en relief“ in der Analyse?
Sie dient als wichtiges Indiz für die Expressivität im gesprochenen Französisch und wird im Korpus insbesondere durch Wiederholungen, Pronomen-Hinzufügungen und spezielle Satzstrukturen belegt.
- Citation du texte
- Stefanie Klingler (Auteur), 2002, Linguistische Analysen zur Dialogkommunikation des ´francais radiophonique`, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20580