In der Geschichte der Türkei zeichnete sich seit der Staatsgründung der Republik 1923 eine westliche Orientierung ab. Diese Haltung herrscht bis heute vor und wird durch die Bitte zum EU-Beitritt untermauert. Atatürk bewirkte damals eine radikale Umwälzung des Systems, weshalb es „scheint [, dass die türkische Republik] als einziger Staat der Region mit dem islamischen Erbe gebrochen [hat].“1 Der Laizismus wurde in der Verfassung verankert und spielt „eine wichtige Rolle als Element der kemalistischen Staatsideologie, Leitlinie für Reformmaßnahmen und Objekt politischer Diskussionen und Auseinandersetzungen“2. Allerdings kommt es durch die Ausübung des Laizismus zu zwei Spannungslinien. „[Zum einen] die Einbindung der demokratisch legitimierten islamischen Bewegungen in die türkische Politik […] [und zum anderen] die gleichzeitige Beibehaltung der streng kemalistisch-laizistischen Staatsdoktrin.“3 Die Ausübung des Laizismus und der Versuch den muslimischen Glauben damit zu verbinden, war für die Regierungen nach Atatürk immer eine Gratwanderung. Dem derzeitigen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan wird takkiye, „die Verschleierung des Glaubens durch Täuschung“4 vorgeworfen, was bedeutet, dass religiöse Einflüsse in der Politik wiederzufinden sind, die dem Laizismus widersprechen und dadurch eine heimliche Islamisierung des Staatsapparates vollziehen. Daher soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden „Wie laizistisch ist die Türkei tatsächlich?“. Um diese Fragestellung zu beantworten wird zunächst allgemein betrachtet, wie sich Laizismus definiert und wie er entstanden ist. Danach wird verdeutlicht, wie der Laizismus in der Türkei eingeführt wurde und welche Ziele der damalige Staatsgründer Atatürk damit verfolgte, „weil [dieser] die Politik der frühen Phase der Türkischen Republik prägte und [seine Auslegung des Laizismus] auch heute noch (theoretisch) als das offizielle Laizismusverständnis gilt“5. Anschließend erfolgt eine Darstellung der heutigen Ausübung und des politischen Verständnisses der Türkei um dann im letzten Analyseteil dieser Arbeit die Aufgaben des Diyanets, dem Präsidium bzw. Amt für religiöse Angelegenheiten, dass die Religionsausübung im Land überwacht, genauer zu veranschaulichen. Im Fazit werden dann noch einmal die wichtigsten Punkte zusammengefasst und versucht, die Forschungsfrage zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Trennung von Politik und Religion als Königsweg?! – Entstehung und Merkmale des Laizismus
3. Atatürks Vision von einer neuen Türkei?! – Entstehung und Auslegung des Laizismus bzw. Kemalismus
4. Die Abkehr von der Vision?! – Ausübung und Verständnis des Laizismus heute
5. Kontrollorgan oder Religionsbeschützer?! – Das Diyanet und seine Aufgaben
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der laizistischen Staatsdoktrin der Türkei und dem wachsenden Einfluss religiöser Strömungen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie laizistisch ist die Türkei tatsächlich?“ Ziel ist es, die historische Entwicklung des Kemalismus sowie die gegenwärtige Praxis der Religionspolitik unter besonderer Berücksichtigung des Diyanets kritisch zu analysieren.
- Historische Herleitung des Laizismus-Begriffs und dessen französische Wurzeln
- Entstehung und Grundprinzipien des Kemalismus unter Mustafa Kemal Atatürk
- Analyse des aktuellen Spannungsfeldes zwischen säkularen Eliten und der AKP
- Die Rolle des Diyanets als Instrument staatlicher Religionskontrolle
- Diskussion über gesellschaftliche Re-Islamisierungstendenzen
Auszug aus dem Buch
3. Atatürks Vision von einer neuen Türkei?! - Entstehung und Auslegung des Laizismus bzw. Kemalismus
„Unter Führung des späteren Republikgründers Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) begann im Mai 1919 der nationale Unabhängigkeitskampf“13, der schwerwiegende Folgen für das Land und die türkische Bevölkerung nach sich zog. „Ideologische und praktische Basis des Unabhängigkeitskampfes war der Islam, der alle ethnischen Gruppen islamischer Religionszugehörigkeit zu einer Solidargemeinschaft zusammenfasste.“14 Die Folge davon war die Neugründung des türkischen Staates als laizistisch verfasste Republik. Vorbild war die französische Republik, die als erstes Land den Laizismus einführte und von den Kemalisten15 als laiklik verwendet wurde16. Durch die Umwälzung des Systems sollte der Vielvölkerstaat vor dem Auseinanderbrechen bewahrt und ein einheitliches Bürgertum geschaffen werden17. Außerdem sollte „jeder, unabhängig von seiner ethnischen, religiösen oder sprachlichen Herkunft, […] „Türke“ und somit gleichberechtigtes Mitglied der türkischen Nation sein.“18
Die Begründung für die enormen Veränderungen sah Atatürk in der „Geisteshaltung“, die er folgendermaßen erläuterte: „Der unanfechtbare Grund für alle unsere Elendserscheinungen ist das Problem der Geisteshaltung. […] Alle Bemühungen einer Gesellschaft, deren Geisteshaltung schwach, unhaltbar, fehler- und mangelhaft ist, sind vergebens. Ich muß gestehen, daß die islamischen Länder vom Osten bis zum Westen unter den Füßen der Feinde zermalmt wurden und in die Fesseln der Unterdrückung des Feindes gerieten, weil in den Gesellschaften der islamischen Welt nur lauter falsche Geisteshaltungen vorherrschten.“19
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die westliche Orientierung der Türkei seit 1923 und definiert die Fragestellung nach der tatsächlichen Laizität des modernen türkischen Staates.
2. Trennung von Politik und Religion als Königsweg?! – Entstehung und Merkmale des Laizismus: Dieses Kapitel erläutert die begriffliche Herkunft des Laizismus und die strikte institutionelle Trennung von Staat und Religion nach französischem Vorbild.
3. Atatürks Vision von einer neuen Türkei?! – Entstehung und Auslegung des Laizismus bzw. Kemalismus: Hier werden die kemalistischen Reformen und die Etablierung des Kemalismus als staatsbildende Ideologie zur Modernisierung und Verwestlichung der Türkei analysiert.
4. Die Abkehr von der Vision?! – Ausübung und Verständnis des Laizismus heute: Das Kapitel untersucht aktuelle Spannungsfelder zwischen AKP-Politik, gesellschaftlicher Re-Islamisierung und dem Festhalten an der laizistischen Staatsdoktrin.
5. Kontrollorgan oder Religionsbeschützer?! – Das Diyanet und seine Aufgaben: Die Rolle des Diyanets als staatliches Instrument zur Überwachung und Lenkung der Religionsausübung sowie dessen Wandel zur zentralen Institution wird dargelegt.
6. Fazit: Das Fazit beantwortet die Forschungsfrage und resümiert, dass sich die Türkei unter staatlicher Kontrolle zu einer sunnitisch-islamisch geprägten Republik entwickelt hat, die den ursprünglichen Laizismus-Begriff zunehmend dehnt.
Schlüsselwörter
Laizismus, Kemalismus, Türkei, Atatürk, Islam, Diyanet, AKP, Modernisierung, Staatsreligion, Religionspolitik, säkularer Staat, Reformen, Gesellschaftspolitik, Machtkampf, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und den aktuellen Status des Laizismus in der Türkei seit der Staatsgründung 1923 bis heute.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der kemalistischen Ideologie, dem Einfluss des Islams auf das politische System und der Rolle des Diyanets.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, wie laizistisch die Türkei unter Berücksichtigung moderner politischer Entwicklungen unter der AKP-Regierung noch ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der Auswertung politischer sowie verfassungsrechtlicher Gegebenheiten im Kontext des Laizismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entstehung des Laizismus, die Visionen Atatürks, aktuelle Spannungsfelder der türkischen Gesellschaft und die Funktion des Diyanets.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Begriffe wie Laizismus, Kemalismus, Diyanet, Säkularisierung und die Transformation der türkischen Identität sind maßgeblich für die Arbeit.
Welche Bedeutung hat das Diyanet für die Religionsausübung?
Das Diyanet fungiert als staatliches Präsidium, das den sunnitischen Islam kontrolliert, verwaltet und als Instrument zur Schaffung nationaler Einheit nutzt.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der AKP in Bezug auf den Laizismus?
Die Autorin stellt eine Tendenz zur Re-Islamisierung fest, bei der die AKP den Laizismus eher als staatliche Neutralität gegenüber allen Religionen interpretiert, was zu Spannungen mit säkularen Eliten führt.
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- Bachelor of Education Julia Schmitt (Autor:in), 2012, Laizismus in der Türkei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205828