Seit mehreren Jahren arbeite ich schon mit Kindern und Jugendlichen in verschiedensten Bereichen. Von der Betreuung im Sportverein, über Kursleitungen für Schulen und im privaten Bereich, bis hin zum Therapeutischen im Behindertenbereich, im Suchtbereich sowie in der Kinder- und Jungendpsychiatrie.
In allen Bereichen war ich mit den Begriffen ADHS/ADS und Störungen des Sozialverhaltens konfrontiert. Dabei musste ich einerseits häufig feststellen, dass vor allem die Diagnose ADHS oft eine bequeme „Ausrede“ für die betreuenden Erwachsenen darstellt, andererseits die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen sich zusehends verändert. Für grundlegende motorische sowie soziale und emotionale Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen gibt es kaum noch Raum oder Zeit. Immer mehr habe ich begonnen mich mit der Frage zu beschäftigen, ab wann das Verhalten eines Kindes wirklich auffällig ist. Ab wann muss therapeutisch interveniert werden und wie? Ist es zu verantworten ein Kind zu „therapieren“, wenn eigentlich die Umwelt des Kindes nicht die geeigneten Voraussetzungen bietet?
Eine einfache und richtige Antwort auf diese Fragen wird wahrscheinlich nie gefunden werden. Der persönliche Leidensdruck (ohne oder durch eine Therapie) muss eingeschätzt und mit praktischen Fragestellungen abgestimmt werden. Wichtig ist vor allem die Fragestellung, welche Chancen das Kind in der bestehenden Gesellschaft hat, bzw. wie diese Chancen vergrößert werden können. Therapie muss dem Kind helfen in seiner unmittelbaren Gegenwart zu Recht zu kommen, um ihm als Individuum eine Zukunft in der bestehenden Gesellschaft zu ermöglichen. Dies bedeutet, dass es ein stark individualisiertes Vorgehen mit der Ausschöpfung aller persönlichen Ressourcen braucht. Wir müssen beginnen in mehreren Dimensionen zu denken und nicht nur die Funktionalität oder ausschließlich das soziale Umfeld im Blick haben. Genau hier setzen „alternative“ Therapiemethoden, wie z.B. die Mototherapie, an.
Ich habe begonnen mit den Jugendlichen der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft, in der ich arbeite, zu Klettern. Das Sportklettern wird von den meisten Jugendlichen begeistert angenommen und wirkt auf verschiedensten Ebenen therapeutisch.
Genau dies soll Thema der folgenden Arbeit werden.
Inhalt
1. EINFÜHRUNG / VORWORT
2. ADHS / HYPERKINETISCHE STÖRUNG UND STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS
2.1 Diagnostische Kriterien: ADHS bzw. hyperkinetische Störung
2.2 Diagnostische Kriterien: Störungen des Sozialverhaltens
2.3 Komorbidität und Begleitstörungen
2.4 Fabian und Simon
2.4.1 Fabian
2.4.2 Simon
2.5 Ätiologie der Störungsbilder und therapeutische Ansätze
2.5.1 Ursachen für die Entstehung von ADHS
2.5.2 Ursachen für die Entstehung von Störungen des Sozialverhaltens
2.5.3 Fabian und Simon
2.5.4 Therapeutische Ansätze für ADHS
2.5.5 Therapeutische Ansätze für Störungen des Sozialverhaltens
2.5.6 Diagnoseübergreifende Therapieansätze
2.5.7 Fabian und Simon
2.6 EXKURS: Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
3. MMP SPEZIFISCHE FÖRDERMÖGLICHKEITEN BEI ADHS UND STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS
3.1 Was ist Psychomotorik?
3.2 Psychomotorische Förderung bei ADHS und Störungen des Sozialverhaltens
3.2.1 Grundsätzliche Überlegungen
3.2.2 Spezifische Konzepte
4. SPORTKLETTERN UND MMP SPEZIFISCHE WIRKFAKTOREN
4.1 Definition: Was ist Sportklettern?
4.1.1 Bergsteigen – Klettern – Sportklettern – Bouldern?
4.1.2 Sicherungstechniken
4.1.3 Bewegungsformen und Steigetechniken
4.2 Therapeutisches Klettern
4.3 Allgemeintherapeutische und MMP-spezifische Wirkfaktoren
4.3.1 Physiologische Wirkfaktoren
4.3.2 Sensomotorische und neuropsychologische Wirkfaktoren
4.3.3 Psychische Wirkfaktoren
4.3.4 Soziale Wirkfaktoren
4.3.5 Wissenschaftliche Untersuchungen
4.3.6 Lernzonenmodell
4.3.7 Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile
5. PRAXISBEISPIELE – ERFAHRUNGSBERICHTE ODER „SIGSCH, DASS IM MI KONZENTRIEREN KONN“ (SIMON)
5.1 Einsatz der Boulderwand im Einzelsetting
5.1.2 Fabian
5.2 Klettern als Freizeitangebot in der Kletterhalle
5.2.1 Fabian
5.2.2 Simon
6. MMP SPEZIFISCHE EINSATZMÖGLICHKEITEN UND WIRKFAKTOREN DES SPORTKLETTERNS UND BOULDERNS BEI ADHS UND STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS
6.1 Einsatzmöglichkeiten des Kletterns als Therapie
6.2 Wirkfaktoren des Kletterns bei ADHS und Störungen des Sozialverhaltens
6.3 FRAGESELLUNGEN
7. WIRKFAKTOREN DES SPORTKLETTERNS AUS DER SICHTWEISE DER JUGENDLICHEN
7.1 Fabian
7.2 Simon
8. DISKUSSION
8.1 Schlussfolgerungen
9. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die therapeutische Wirksamkeit des Sportkletterns und Boulderns bei Jugendlichen mit ADHS und Störungen des Sozialverhaltens. Ziel ist es, die spezifischen Wirkfaktoren dieser Aktivitäten innerhalb eines interdisziplinären Therapieansatzes zu identifizieren und deren Bedeutung für die Entwicklung der Jugendlichen aufzuzeigen.
- Motopädagogische und psychomotorische Therapieansätze bei ADHS und Störungen des Sozialverhaltens
- Methoden und Wirkfaktoren des Sportkletterns und Boulderns (physiologisch, sensomotorisch, psychisch, sozial)
- Praktische Umsetzung in Einzel- und Gruppensettings unter Einbeziehung des interdisziplinären Kontexts
- Qualitative Analyse von Wirkfaktoren aus der Sicht der betroffenen Jugendlichen
- Generalisierbarkeit von Lerneffekten auf schulische und soziale Lebensbereiche
Auszug aus dem Buch
5.1.2 Fabian
Fabian ist schon länger in der Einrichtung und hat jetzt das Klettern für sich entdeckt und akzeptiert Einzeltermine bei mir. Wir beginnen mit dem Aufwärmen, wodurch ich die Möglichkeit habe die Grobmotorik genauer zu beobachten:
- Aufwärmen der Arme: rechts, links sowie vor und zurück als Unterscheidung grundsätzlich gegeben.
- Schafft es die Mittellinie zu kreuzen.
- Zeigt wenig Stabilität im Rumpf.
- beidbeiniges Hüpfen: symmetrisch, baut etwas Spannung auf und zeigt Mitbewegungen der Arme.
- monopedales Hüpfen: Mitbewegungen der Arme und Zunge.
- seitliches hin- und herversetzen: baut Spannung auf, Mitbewegungen der Arme und der Zunge.
- Scherensprung: Mitbewegungen der Arme und der Zunge.
- Hampelmann: Macht ihn mit zusammenklatschen der Hände. Auf den Hinweis nicht mit den Händen zusammenzuklatschen, verliert er kurz die Koordination, braucht aber nur einige Versuche um es wieder flüssig zu schaffen.
- Zehenspitzengang: o.k.
- Fersengang: Gesäß weicht nach hinten aus (aber, wie beim Dehnen im Langsitz ersichtlich wird, aufgrund einer Verkürzung der isciocruralen Muskulatur).
Zusammenfassung der Kapitel
EINFÜHRUNG / VORWORT: Die Einleitung beleuchtet die langjährige Erfahrung der Autorin in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und führt in die Problematik von ADHS und Sozialverhaltensstörungen ein, wobei der Einsatz alternativer Therapiemethoden motiviert wird.
ADHS / HYPERKINETISCHE STÖRUNG UND STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS: Dieses Kapitel definiert die diagnostischen Kriterien von ADHS und Sozialverhaltensstörungen, erläutert die Ätiologie sowie Komorbiditäten und stellt die zwei Fallbeispiele Fabian und Simon vor.
MMP SPEZIFISCHE FÖRDERMÖGLICHKEITEN BEI ADHS UND STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS: Hier wird der psychomotorische Ansatz als ganzheitliche Fördermöglichkeit bei ADHS und Störungen des Sozialverhaltens theoretisch und methodisch hergeleitet.
SPORTKLETTERN UND MMP SPEZIFISCHE WIRKFAKTOREN: Das Kapitel definiert Sportklettern, erläutert Sicherheitsaspekte und beschreibt detailliert die Wirkfaktoren – physiologisch, sensomotorisch, psychisch und sozial – die Klettern als Therapieform auszeichnen.
PRAXISBEISPIELE – ERFAHRUNGSBERICHTE ODER „SIGSCH, DASS IM MI KONZENTRIEREN KONN“ (SIMON): Anhand von Praxisberichten und Fallbeispielen wird der Einsatz des Kletterns im Einzelsetting und als Gruppenprojekt bei den Jugendlichen Fabian und Simon illustriert.
MMP SPEZIFISCHE EINSATZMÖGLICHKEITEN UND WIRKFAKTOREN DES SPORTKLETTERNS UND BOULDERNS BEI ADHS UND STÖRUNGEN DES SOZIALVERHALTENS: Eine zusammenfassende Darstellung der Einsatzmöglichkeiten und der spezifischen Wirkfaktoren des Kletterns bei den behandelten Störungsbildern.
WIRKFAKTOREN DES SPORTKLETTERNS AUS DER SICHTWEISE DER JUGENDLICHEN: Die Autorin präsentiert die Ergebnisse qualitativer Interviews mit Fabian und Simon zu ihrem Erleben der Klettertherapie.
DISKUSSION: Eine kritische Auseinandersetzung und Synthese der theoretischen Grundlagen mit den gewonnenen Erkenntnissen aus den Fallbeispielen und Interviews.
ZUSAMMENFASSUNG: Die zentralen Ergebnisse der Arbeit werden prägnant zusammengefasst und die Bedeutung des Kletterns als therapeutische Maßnahme hervorgehoben.
Schlüsselwörter
ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Psychomotorik, Sportklettern, Bouldern, Therapie, Wirkfaktoren, Sensomotorik, Handlungsplanung, Impulskontrolle, Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Interdisziplinärer Ansatz, Jugendalter, Fallstudien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einsatz von Sportklettern und Bouldern als therapeutische Interventionsform innerhalb der Motopädagogik, Mototherapie und Psychomotorik (MMP) für Jugendliche mit ADHS oder Störungen des Sozialverhaltens.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit verknüpft theoretische Grundlagen zu Störungsbildern (ADHS, Störungen des Sozialverhaltens) mit der Psychomotorik und analysiert detailliert die Wirkmechanismen des Kletterns auf verschiedenen Ebenen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die spezifischen therapeutischen Wirkfaktoren des Kletterns zu identifizieren und zu untersuchen, inwieweit diese bei Jugendlichen mit ADHS und Sozialverhaltensstörungen zu positiven Veränderungen führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt neben der Literaturanalyse und theoretischen Herleitung eine qualitative Forschungsmethode: problemzentrierte Interviews mit zwei Jugendlichen, um deren persönliches Erleben und wahrgenommene Lerneffekte zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische fundierte Darstellung der Störungsbilder, die psychomotorischen Interventionsmöglichkeiten, eine Analyse der Wirkfaktoren des Kletterns und eine detaillierte Auswertung von Praxisbeispielen (Fallbeispiele Fabian und Simon).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Psychomotorik, Sportklettern, therapeutische Wirkfaktoren, Selbstwirksamkeit und Handlungssteuerung charakterisiert.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „Sichern“ und „Klettern als Bewegungsform“ wichtig?
Die Autorin stellt fest, dass das Klettern als Bewegung vor allem funktionale Bereiche wie Propriozeption und Koordination anspricht, während das Sichern primär soziale und psychische Aspekte wie Verantwortung, Vertrauen und Angstbewältigung aktiviert.
Welche Rolle spielt die Reflexion nach dem Klettern?
Die Reflexion ist entscheidend, um den Transfer der während des Kletterns gemachten Erfahrungen auf andere Lebensbereiche (wie Schule oder Familie) zu sichern und das Erlebte kognitiv zu verarbeiten.
- Arbeit zitieren
- Gisela Olsacher (Autor:in), 2012, MMP-relevante Wirkfaktoren des Sportkletterns und Boulderns bei Jugendlichen mit ADHS und Störungen des Sozialverhaltens im Rahmen eines interdisziplinären Therapieansatzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205938