"Sonderbestattungen" der Merowingerzeit in Süddeutschland


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012
34 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriff „Sonderbestattung"

3. Forschungsstand und Quellenlage

4. Zu Grunde liegende Vorstellungen
4.1 Der Tote als Rechtsperson
4.2 „Gefährliche Tote" - Wiedergänger und Nachzehrer

5. Aspekte männlicher und weiblicher „Sonderbestattungen“
5.1 Abweichende Ausrichtungen
5.1.1 Ost-West ausgerichtete Bestattungen
5.1.2 Nord-Süd ausgerichtete Bestattungen
5.2 Abweichende Totenlagen
5.2.1 Bauchlage
5.2.2 Seitenlage und Hockerstellung
5.2.3 Rückenlage mit ungewöhnlicher Position der Gliedmaßen
5.3 Manipulationen am Skelett
5.4 „Kindsbett“-Bestattungen
5.5 Sonstige

6. Zusammenfassung

Literatur

Katalog: „Sonderbestattungen“ der Merowingerzeit in Süddeutschland

1. Einleitung

„Sonderbestattungen“ spiegeln ganz be- sonders die Jenseitsvorstellungen der Menschen und deren kulturelle Ausprä- gungen. Obwohl diese je nach Raum und Zeit stark variieren können, hat sich der Begriff „Sonderbestattung“ für alle Epo- chen in der archäologischen Forschung durchgesetzt.

Die folgende Studie beschäftigt sich mit „Sonderbestattungen" der Merowingerzeit in Süddeutschland. Hierbei wird eine all- gemeine Übersicht zum Quellenmaterial vorgestellt. Das besondere Augenmerk ist jedoch auf Unterschiede und Gemein- samkeiten männlicher und weiblicher "Sonderbestattungen" gerichtet.

Da diese spezielle Fragestellung in der Forschung bislang nicht berücksichtigt wurde, ist dem vorliegenden Aufsatz ein Katalog angehängt, welcher die Arbeits- grundlage bildet. Der Katalog beinhaltet die „Sonderbestattungen" der Merowin- gerzeit in Süddeutschland, sofern die Gräber publiziert und die Literatur der Bearbeiterin zugänglich ist.

Zunächst wird auf den Begriff „Sonder- bestattung" näher eingegangen, seine Ent- stehung erläutert, seine Kriterien und Merkmale diskutiert sowie eine Definiti- on hergeleitet. Die Erläuterung des For- schungsstandes und der Quellenlage sind für spätere Interpretationen unentbehrlich.

Wichtig zum Verständnis von „Sonderbe- stattungen" sind die zu Grunde liegende mittelalterliche Jenseitsauffassung und die Vorstellung vom „lebenden Toten". Diese werden in den KapitelnDer Tote als Rechtspersonund"Gefährliche Tote" - Wiedergänger und Nachzehrervorges- tellt.

Nach diesem theoretischen Überbau wer- den die Aspekte männlicher und weibli- cher "Sonderbestattungen" direkt am Quellenmaterial untersucht. Hierbei spie- len insbesondere die abweichenden Aus- richtungen, Ost-West oder Nord-Süd- Ausrichtung, und die abweichenden To- tenlagen eine Rolle. Letztere ist in die Bauchlage, Seitenlage und Hockerstel- lung sowie in die Rückenlage mit unge- wöhnlicher Position der Gliedmaßen un- terteilt. Des Weiteren werden unter- schiedliche Manipulationen am Skelett erläutert und der Aspekt der „Kindsbett"- Bestattungen diskutiert.

Die Beurteilung von „Sonderbestattun- gen“ ist sehr schwierig, da für Jede unter- schiedlichste Gründe und Faktoren eine Rolle gespielt haben können, die heute aus dem archäologischen Quellenmaterial nicht mehr ersichtlich sind.

Zusammenfassend werden die Unter- schiede und Gemeinsamkeiten männli- cher und weiblicher „Sonderbestattun- gen" nochmals dargelegt und allgemein die Ergebnisse vorgestellt.

2. Begriff „Sonderbestattung"

Entstehung - Definition - Merkmale

Der Begriff „Sonderbestattung" findet sich wie selbstverständlich in so gut wie jeder archäologischen Publikation mero- wingerzeitlicher Gräberfelder. Welche Bestattungsformen als „Sonderbestattun- gen" geführt werden ist dabei ebenso un- terschiedlich wie das Verständnis von Norm und dem „Besonderen". Aus die- sem Grund wird im folgenden Abschnitt der Begriff diskutiert und der Versuch einer Definition gewagt.

Eine erste Definition von „Sonderbestat- tungen" wurde 1975 von Ludwig PAULI in seinem Werk über den keltischen Volksglauben publiziert. PAULI schreibt:

„Als zusammenfassender Begriff bietet sich jener der„Sonderbestattung" an, den wir von I. Schwidetzky1 übernehmen, aber so allgemein definieren, daßer nicht nur Phänomene umfaßt, die unter paläo-demographischen Gesichtspunkten zur Nichtauffindbarkeit von Gräbern be-stimmter Personengruppen führen kön-nen, sondern auf alle Gräber angewendet werden kann, die sich im Bestattungsritus von der jeweiligen Norm unterscheiden2."

Demnach sind laut PAULI alle Bestattun- gen als „Sonderbestattungen" anzuspre- chen, welche von der „normalen" Bestat- tungssitte abweichen. Sowohl der Begriff „Sonderbestattung" wie auch die Vorstel- lung von einer genormten Bestattungssitte sind jedoch Produkte des modernen Zeit- geistes. Auch ist unklar, ob der Begriff im positiven Sinne „besonders" oder viel- mehr „abgesondert" meint.

In der mittelalterlichen Vorstellungswelt stehen einem Toten auch nach dem Le- bensende noch gewisse Rechte zu, welche individuell variieren können3. Der persön- liche Werdegang des Verstorbenen, die Art wie er zu Tode kam und auch seine soziale Stellung bedingen die Art und Weise der Bestattung. Demnach ist jede mittelalterliche Bestattung „besonders", denn es ging weniger darum „normal", sondern „richtig" zu bestatten. Dies be- deutet den Verstorbenen so beizusetzen, dass sowohl seine Rechte als auch die Bedürfnisse der Hinterbliebenen Gemein- schaft befriedigt sind.

Allerdings führten christliche Glaubens- vorstellungen in der Merowingerzeit auch zu Regelmäßigkeiten, wie beispielweise zur West-Ost-Ausrichtung mit dem Blick der Verstorbenen nach Osten in Erwar- tung des Jüngsten Gerichtes und der Auf- erstehung. Aus diesem Grund ist es durchaus legitim den Begriff „Sonderbe- stattung" in der archäologischen For- schung zu verwenden, solange sich der Bearbeiter der irreleitenden Vorstellung einer genormten Bestattungssitte bewusst ist.

Dennoch fehlt es an einer allgemein gül- tigen Definition, was zu einer äußerst unterschiedlichen Verwendung des Be- griffs in der Forschung führt. Problema- tisch ist auch, dass die Definition PAULIS aus der keltischen Eisenzeit recht unref- lektiert für das Mittelalter übernommen wurde.

Einen Ansatz zur Bildung von Merkma- len der „Sonderbestattungen" wagte MEYER-ORLAC 1997 im Rahmen des KolloquiumsSonderbestattungen in der Bronzezeit imöstlichen Mitteleuropa4. Ihre Überlegungen sind leicht modifiziert auch auf die Merowingerzeit übertragbar. Demnach sind wichtige Kriterien von „Sonderbestattungen" 1. die topographi- sche Lage, etwa abseits des üblichen Be- stattungsplatzes oder in randlicher Lage dazu, 2. eine abweichende Art des Grab- baus oder 3. eine abweichende Totenbe- handlung. Letztere kann beispielsweise eine Brandbestattung zwischen Körper- gräbern sein.

Brandbestattungen in der Merowingerzeit als „Sonderbestattungen" auszuweisen ist jedoch recht schwierig, da sie häufig eth- nisch gedeutet werden und ihnen damit andere Glaubensinhalte zu Grunde liegen. Beispiele hierfür sind die slawisch gedeu- teten Brandbestattungen aus den mero- wingerzeitlichen Nekropolen von Wes- theim5 und Kleinlangheim6.

4. ist das Kriterium der abweichenden Totenlage, beispielweise eine ungewöhn- liche Orientierung des Toten oder die Lage auf dem Bauch, auf der Seite oder in Hockerstellung. Des Weiteren ist 5. die Unvollständigkeit des Skeletts zu nennen, welche durch intentionelle postmortale Manipulationen, jedoch auch durch Grab- raub oder den Erhaltungszustand, ent- standen sein kann. Zu Letzt ist 6. Abwei- chungen in der Ausstattung des Toten anzuführen. Dieser Aspekt ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, da es aus der Merowingerzeit keine repräsentativen Beispiele dafür gibt.

Häufig ist eines dieser Merkmale jedoch nicht markant genug, um als „Sonderbe- stattung" geführt zu werden, auch sind die Kriterien in ihrer Qualität unterschiedlich zu beurteilen. So würde eine Bestattung in Bauchlage (4. abweichende Totenlage) ohne Frage als „Sonderbestattung" aufge- nommen, wohingegen allein die Lage abseits des Gräberfeldes (1. topographi- sche Lage) nicht zwangläufig ausreicht.

Zur Verdeutlichung der Problematik wird exemplarisch Grab 331 des merowinger- zeitlichen Gräberfeldes von Aubing, Stadt München, vorgestellt.

Die Frau aus Grab 331 wurde in isolierter Lage 20 Meter vom östlichen Gräberfeld- rand entfernt bestattet7. Dennoch war sie in der üblichen Vierfibeltracht beigesetzt mit einem Vogelfibelpaar, einem Bügel- fibelpaar, Glasperlen, einer Eisenschnalle und einem Eisenmesser. Auch die Grab- tiefe von 1,5 Metern ist nicht ungewöhn- lich8. Das einzig anwendbare Kriterium ist somit die topographische Lage außer- halb des Gräberfeldes. Inwieweit dies allerdings ausreicht, um eine solche Be- stattung als „Sonderbestattung" auszu- weisen ist jeweils dem Urteil des Bearbei- ters überlassen.

Dieses Beispiel verdeutlicht, wie schnell die Forschung mit der Definition von „Sonderbestattungen" an ihre Grenzen stößt. Es wird eine künstliche Trennung zwischen „normal" und „beson- ders"/„abgesondert" herstellt, während die tatsächlichen Hintergründe nicht be- leuchtet werden. Da der Begriff „Sonder- bestattung" dennoch in der Forschung etabliert ist, wird im Rahmen dieser Ar- beit der Versuch einer allgemeingültigen Definition unternommen:

„Sonderbestattungen" sind Gräber, wel- che markant von der im jeweils kulturel-len Raumüblichen Bestattungssitte ab-weichen. Sie spiegeln ebenso wie„übli-che" Bestattungen mittelalterliche Jen- seitsvorstellungen und entspringen der Notwendigkeit die Rechte des Verstorbe-nen und die Bedürfnisse der Hinterblie-benen Gesellschaft zu befriedigen.

3. Forschungsstand und Quellenlage

Im folgenden Abschnitt wird kurz der Forschungsstand und die Quellenlage zu „Sonderbestattungen" der Merowingerzeit skizziert.

Die Literaturlage zu „Sonderbestattun- gen" ist schwierig, da es keine zusam- menfassende Monographie gibt, welche sich intensiv mit der Thematik auseinan- dersetzt. Vielmehr sind die einzelnen Be- stattungen auf verschiedene Gräberfeld- publikationen verstreut oder in Vorbe- richten und Artikeln veröffentlicht. Neben der Beschreibung werden in den meisten Publikationen keine Ansätze zur Interpre- tation unternommen, sondern immer auf die gleiche Literatur verwiesen. Hierbei handelt es sich um das Werk zum Kelti- schen Volksglauben von PAULI aus dem Jahr 1975 und einem Artikel von KYLL Die Bestattung der Toten mit dem Gesicht nach unten. Zu einer Sonderform des Be- gräbnisses im Trierer Land, publiziert 19649.

Lediglich in einigen Publikationen finden sich weiterführende Gedanken zu Einzel- aspekten. So beschäftigte sich CODREA- NU-WINDAUER 1997 im Zuge ihrer Publi- kation über das frühmittelalterliche Plie- ning mit dem Aspekt der Bestattungen mit überkreuzten Beinen10. LOSERT veröf- fentlichte 2003 weiterführende Gedanken zu den Ursprüngen der Ost-West und Nord-Süd-Orientierung11, während sich WALTER 2008 der Schneckenbeigabe als Amulett oder Bannmittel widmete12. Mit der hier behandelten Fragestellung nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten männlicher und weiblicher „Sonderbestat- tungen" hat sich die Forschung bisher noch nicht beschäftigt.

Auffällig ist, dass in sehr vielen Gräber- feldern der Merowingerzeit Bestattungen aus der Reihe fallen, wobei der Prozent- anteil insgesamt immer sehr gering ist. In Altenerding weichen zum Beispiel 14 von 1360 Bestattungen in ihrer Ausrichtung von der üblichen West-Ost-Orientierung ab, dies ergibt einen Anteil von 1%13.

Für die vorliegende Studie wurden 72 „Sonderbestattungen" aus insgesamt 21 merowingerzeitlichen Fundplätzen Bayerns und Baden-Württembergs analy- siert.

Aufgrund der schlechten Literaturlage war es nötig, bekannte „Sonderbestattun- gen" katalogartig auf zu nehmen, um eine geeignete Arbeitsgrundlage zu schaffen. Hierbei kann jedoch keine Vollständig- keit gewährleistet werden, da nur zugäng- liche Literatur verwendet werden konnte und einige Gräberfelder bislang nur in Vorberichten publiziert sind.

Von den untersuchten 72 Bestattungen sind 37 weiblich, 27 männlich und acht geschlechtsunbestimmte Gräber. Diese statistischen Angaben sind jedoch keines- falls repräsentativ, auch wenn auffällig viele weibliche Bestattungen vorliegen. Bemerkenswert ist des Weiteren, dass die meisten „Sonderbestattungen" verhält- nismäßig schlecht ausgestattet sind.

4. Zu Grunde liegende Vorstellungen

Die folgenden Kapitel sollen einen kurzen Überblick zu den Vorstellungen bieten, welche den „Sonderbestattungen" zu Grunde liegen. Einige von diesen haben bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts in verschiedenen Teilen Europas über- dauert14.

4.1 Der Tote als Rechtsperson

Im Mittelalter besaß ein Toter weit mehr Rechte als dies heute üblich ist. Nach dem modernen Weltbild löscht der Tod auch den Menschen als Rechtspersön- lichkeit aus, lediglich der letzte Wille bleibt in Form des Erbrechtes gewahrt. Präsent ist der Glaube an ein Weiterleben der Seele, wobei der Körper nur als Fülle fungiert. Deshalb ist es, abgesehen von der Leichenwäsche, auch nicht nötig den Körper weiter zu versorgen. Aus diesem Grund sind beispielweise Speisebeigaben, wie sie in der Merowingerzeit üblich waren, heute überflüssig. Auch die Blu- mengaben und Ehrungen sind symboli- scher Natur und drücken das Mitgefühl für die Hinterbliebenen aus15.

Problematisch in der Deutung von „Son- derbestattungen" ist die uns fremde Vor- stellung vom realen Weiterleben des Menschen nach dem Tode. Dies beinhal- tet, dass der Mensch auch noch viele Jah- re nach dem Tod handlungsfähig bleibt. Zurück geht dies auf den Glauben, dass der Mensch mehrere Seelen besitzt, dar- unter auch einalter ego, die sogenannte Freiseele. Diese Freiseele verbleibt im Körper bis er völlig vergangen oder ver- nichtet ist. Somit existierten zwei Jen- seitsauffassungen nebeneinander, die des Grabes als Wohnung und die des christli- chen Himmels, des Fegefeuers und der Hölle16. Hinzu kommt noch der Dualis- mus von Körper und Seele.

Ein Toter wurde zunächst als ein „mit Lebenskraft ausgestatteter Leichnam" angesehen. Erst nach einer Frist von un- gefähr 30-40 Tagen erlangte er den Status des „lebenden Toten"17.

Dass der Verstorbene über den Tod hi- naus in seinem ursprünglichen Rechts- verhältnis belassen wurde und als noch handlungsfähig galt, sicherte ihm eine angemessene Behandlung. Dies beinhal- tete die Einkleidung, Sarglegung, Aus- steuer, Errichtung einer Totenwohnung, Bestattung, Totenopfer und -ehrung. Die Angehörigen waren bestrebt dem Toten zu zugestehen was ihm gebührte, um sich dessen Wohlwollen zu sichern. Dieser Umstand führte dazu, dass in Mitteleuro- pa noch im 19. Jahrhundert Bestattungs- fristen von mehreren Wochen mit Auf- bahrung im Haus üblichen waren18.

Die Kehrseite sind überlieferte Anklagen und Hinrichtungen von Toten, denen man zuschrieb auch über den Tod hinaus Er- niedrigung und Schmerz spüren zu kön- nen19. Das Bild vom Toten als Rechtsper- son machte es möglich, diesen auch für Taten nach dem Lebensende zur Rechen- schaft zu ziehen.

4.2 „Gefährliche Tote" - Wiedergänger und Nachzehrer

Wurden die Rechte eines Toten nicht aus- reichend befriedigt so bestand die Gefahr, dass dieser als „gefährlicher Toter" und damit als Wiedergänger oder Nachzehrer gefürchtet werden musste. Potentielle Wiedergänger waren Selbstmörder, ge- waltsam Verstorbene, Hexen, Rache- und Streitsüchtige20. Aber auch Kinder und insbesondere im Kindbett verstorbene Frauen waren gefährlich, da sie als Perso- nen galten, die sich schwer vom Leben trennen können und zu ihrer gewohnten Umgebung zurückkehren möchten21.

Dies dokumentiert ein Auszug aus der Vita sancti Arnulfi. Dort heißt es, dass Bischof Arnulf vom Metz (614-629 Bi- schof, gestorben um 640) bei einer Reise mit König Dagobert ins Thüringerland auf den Vornehmen Noddilo traf, der nach Stammessitte beabsichtigte, einen totkranken Knaben aus seiner Ver- wandtschaft zu köpfen und dessen Leich- nam zu verbrennen, was Arnulf durch Wunderheilung verhinderte22. Mit Ver- nichtung des Leichnams hätte Noddilo verhindert, dass der Knabe als "gefährli- cher Toter" wiederkehrt.

Wiedergänger können jedoch auchArme Seelensein, welche die Erlösung erwarten und dafür Fürbitten oder die Wiedergut- machung eines Unrechts verlangen23. Die Deutung des Wiedergehens als Strafe und Bußzeit ist besonders im christlichen Kontext üblich24. Konnte ein Wiedergän- ger nicht versöhnt werden, so wurde er gebannt. Die Vorstellung, dass tatsächlich der lebende Tote wiederkehrt, führte zu Abwehrmaßnahmen, die direkt am Leich- nam verübt wurden, wie beispielsweise köpfen, umdrehen und fesseln25.

Nachzehrer sind eine besonders gefährli- che Art des Wiedergängers, welche im Grabe liegend mit dem Mund am eigenen Körper zehren, getrieben von der Gier nach Leben26. Darüberhinaus ziehen sie auf irgendeine Art und Weise Angehörige mit ins Grab, indem sie ihnen vom Grab aus die Lebenskraft aussaugen27. Eng verbunden mit dem Nachzehrer entstand auch der Glaube an Vampire, welche je- doch im Gegensatz zum Nachzehrer das Grab leibhaftig verlassen und Blut sau- gen28.

Die Auffassung vom Weiterleben der Toten wurde durch natürliche Erschei- nungen im Verwesungsprozess verstärkt. So scheint der Leichnam nach vier bis sechs Wochen regelrecht zu blühen und ein jugendliches Aussehen zu gewinnen. Der Leib ist fett, auch wenn der Verstor- bene zu Lebzeiten mager war, die Haare scheinen gewachsen und die Nägel neu und frisch, auch fließt scheinbar frisches Blut aus Augen, Nase, Mund und Oh- ren29. Diese Eindrücke sind im Wesentli- chen durch Fäulniserscheinungen und Gasbildungen im Bauchbereich zu erklä- ren. Wichtig ist auch, dass der Tod nicht schlagartig eintritt, sondern nach dem Herztod das Gehirn ungefähr zehn Minu- ten später stirbt, Leber und Niere erst nach 20 bis 30 Minuten irreversibel ge- schädigt sind. Die Skelettmuskulatur überlebt sechs bis 12 Stunden und kann noch isolierte Aktivitäten wie Stoffwech- selfunktionen zeigen. Die Augenmuskula- tur ist bis zu 24 Stunden nach dem Herz- tod aktiv, was häufig zu dem Eindruck führt, der Tote würde mit den Augen die Lebenden verfolgen30.

Der "fette" Anschein des Leichnams ent- steht durch Gasbildungen im Bauchbe- reich. Das angeblich frische Blut ist auf das Erweichen der inneren Oberflächen, zum Beispiel im Bereich der Lunge, zu- rück zu führen. Dies führt zum Austreten von blutuntermengter Fäulnisflüssigkeit aus Mund und Nase. Dabei untermengte Gasbläschen bewegen Lippen und Zunge und es entstehen Geräusche, welche häu- fig als Kauen und Schatzen beschrieben werden31.

Der Eindruck gewachsener Nägel und Haare erscheint durch das Einsinken der Haut durch den postmortalen Flüssig- keitsverlust, wodurch die Haare und Nä- gel deutlicher hervortreten. Nach der zweiten Fäulniswoche löst sich darüber- hinaus die Oberhaut (Epidermis) ab, so- dass die darunterliegende Lederhaut rosa und feucht frei liegt. Auch die Nägel lö- sen sich ab und die Nagelbette liegen frei32.

Schlägt man einem Toten den Kopf ab, fließt scheinbar frisches Blut33. Beim Durchstoßen des Herzens mit einem spit- zen Pflock kommt es zu schreienden, seufzenden Tönen sowie zu einer Bewe- gung von Augen, Mund und Zunge34. Die Töne entstehen durch das Zusammenp- ressen des Brustkorbes, so werden die Stimmfalten im Kehlkopf in eine schir- rende Bewegung versetzt35.

Diese natürlichen Erscheinungen bestätig- ten die Menschen in ihrem Glauben an ein Weiterleben des Toten und an die Existenz von Wiedergängern und Nach- zehrern.

5. Aspekte männlicher und weiblicher „Sonderbestattungen“

Im folgenden Hauptteil werden verschie- dene Aspekte männlicher und weiblicher „Sonderbestattungen" diskutiert. Dazu gehören im Wesentlichen Abweichungen in der Ausrichtung sowie in der Totenla- ge, Manipulationen am Skelett und „Kindsbett"-Bestattungen. Unterschiede weiblicher und männlicher Bestattungen werden herausgearbeitet sowie auf Ge- meinsamkeiten verwiesen.

5.1 Abweichende Ausrichtungen

Üblicherweise sind Gräber der Merowin- gerzeit West-Ost ausgerichtet, in ge- streckter Rückenlage mit dem Kopf im Westen und den Blick nach Osten.

Leichte Abweichungen von dieser Orien- tierung sind nicht selten und finden sich beispielsweise in Pliening36, Steinhöring37 und Altenerding. Beim letzteren Gräber- feld ist die Mehrzahl der Bestattungen leicht nach Südwest-Nordost verscho- ben38. Diese regelhaften Unterschiede sind eher nicht im menschlichen Verse- hen begründet, sondern gehen zurück auf Orientierungen an einem besonderen to- pographischen Punkt oder einer Kirche. So ist in Pliening eine größere Gräber- gruppe nördlich des römischen Grabens eindeutig nach diesem ausgerichtet39. Hierbei spielen jedoch Aspekte wie das Geschlecht oder die soziale Stellung erst einmal keine Rolle.

Im Zusammenhang mit „Sonderbestat- tungen" interessieren vor allem Jene, wel- che deutlich in ihrer Orientierung von den anderen Gräbern der Nekropolen abwei- chen. Hierbei sind an markante Ost-West und Nord-Süd-Bestattungen zu denken, welche im Folgenden vorgestellt werden.

5.1.1 Ost-West ausgerichtete Bestat- tungen

Die Ost-West-Orientierung ist in der rö- mischen Kaiserzeit nicht ungewöhnlich. Auch in merowingerzeitlichen Nekropo- len kommen sie mit geringem Anteil im- mer wieder vor.

[...]


1 Siehe dazu: SCHWIEDETZKY 1965, 230-247.

2 PAULI 1975, 174.

3 Siehe dazu Kapitel 4.1Der Tote als Rechtsper-son.

4 MEYER-ORLAC 1997, 1-10.

5 Vgl. REIß 1994.

6 Vgl. PESCHECK 1996.

7 DANNHEIMER 1998, 24.

8 Ebd. 119.

9 KYLL 1964, 168-183.

10 CODREANU-WINDAUER 1997, 21.

11 LOSERT/PLETERSKI 2003, 40-41.

12 WALTER 2008, 53.

13 LOSERT/PLETERSKI 2003, 40.

14 WIEGELMANN 1966, 161-183.

15 Vgl. BERG/ROLLE/SEEMANN 1981, 66.

16 LECOUTEUX 1989, 79-80.

17 BERG/ROLLE/SEEMANN 1981, 67.

18 BERG/ROLLE/SEEMANN 1981, 67.

19 Ebd. 68.

20 LECOUTEUX 1989, 79-80.

21 GEIGER 2000a, 573.

22 „[…] more gentilium cadaver ignibus combu- rendum traderetur". MGH Scriptorum Rerum Merovingicarum T. II, 436. Siehe auch: LOSERT 2009, 225.

23 LECOUTEUX 1989, 79-80. GEIGER 2000a, 572.

24 GEIGER 2000a, 571.

25 GEIGER 2000a, 575.

26 STÜLZEBACH 1998, 100.

27 GEIGER 2000b, 812.

28 STÜLZEBACH 1998, 102.

29 BERG/ROLLE/SEEMANN 1981, 68.

30 BERG/ROLLE/SEEMANN 1981, 69.

31 Ebd. 74.

32 BERG/ROLLE/SEEMANN 1981, 75.

33 BERG/ROLLE/SEEMANN 1981, 68.

34 Ebd. 69.

35 Ebd. 75.

36 Siehe CODREANU-WINDAUER 1997.

37 Siehe ARNOLD 1992.

38 LOSERT/PLETERSKI 2003, 40.

39 CODREANU-WINDAUER 1997, 15.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
"Sonderbestattungen" der Merowingerzeit in Süddeutschland
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Autor
Jahr
2012
Seiten
34
Katalognummer
V205948
ISBN (eBook)
9783656330721
ISBN (Buch)
9783656331223
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sonderbestattung, Wiedergänger, Archäologie des Mittelalters, Merowingerzeit, Süddeutschland, Gräberfelder, Grab, Archäologie, Mittelalter
Arbeit zitieren
Iris Nießen (Autor), 2012, "Sonderbestattungen" der Merowingerzeit in Süddeutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205948

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