Facebook als Medium des Protests

Online social networks as an empowering medium using the example of Facebook


Bachelorarbeit, 2012

58 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 „One Million Voices Against FARC“ - Macht sozialer Netzwerke im Internet

3 Ziel der vorliegenden Arbeit

4 Netzwerke
4.1 Soziales Netzwerk
4.1.1 „Small World“-Phänomen
4.1.2 Stärke schwacher Bindungen
4.1.3 Sozialkapital und soziale Online-Netzwerke
4.2 Virtual Community
4.2.1 Merkmale virtueller Communities
4.2.2 Kritik an Virtual Communities
4.3 Social Network Sites (SNS)
4.3.1 Funktionsweise und Verbreitung von SNS
4.3.2 Nutzertypologien von SNS

5 Facebook – Daten und Fakten
5.1 Nutzerstruktur von Facebook
5.2 Funktionen von Facebook
5.3 Facebook und Macht

6 Macht
6.1 „Power to“ und „power over“
6.2 Empowerment
6.3 Anthropologische Grundlagen der Macht nach Popitz
6.4 Machtquelle Organisationsmacht
6.5 Machttheorie bei Hannah Arendt
6.5.1 Kritik an Arendts Abgrenzung von Macht und Gewalt
6.5.2 Hannah Arendts Begriff der Macht in Bezug auf Facebook

7 Fazit der bisherigen Theorien im Hinblick auf „One Million Voices Against FARC“

8 Erkenntnisse für die Soziale Arbeit und Ausblick

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Soziale Online-Netzwerke wie Facebook sind häufiges Thema in den Medien. Besonders zum aktuellen Zeitpunkt erregen groß angelegte Facebook-Aktionen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ob das Nutzen der Seite als öffentliche Plattform zur Mobilmachung gegen Menschenrechtsverletzungen („Kony2012“) oder den Protesten von Tierschützern gegen die anstehende Europameisterschaft 2012 in der Ukraine und Polen – verschiedene Interessengruppen versuchen mithilfe des sozialen Netzwerkes im Internet, gesellschaftliche und politische Veränderungen herbeizuführen.

Ein US-Admiral bemerkte unlängst, dass es „[v]ier große Mächte […] derzeit auf der Welt [gebe]: China, Indien, die USA – und Facebook“ (Wefing, 2012. S. 1). Das soziale Online-Netzwerk ist „zum Zentralnervensystem der globalen Kommunikation geworden“ (ebd.).

In der wissenschaftlichen Fachliteratur wird das Thema Facebook einerseits mit der Fragestellung der Veränderungen von Beziehungen bearbeitet, andererseits liegt ein weiterer Hauptaugenmerk auf dem bewussten und sicheren Umgang von Kindern und Jugendlichen mit sozialen Online-Netzwerken.

Diese Arbeit ist phänomenologisch aufgebaut und beginnt mit dem Beispiel einer Facebook-Gruppe (Kapitel 2), die sich mit dem Ziel gegründet hat, Widerstand gegen die Guerilla-Organisation FARC zu leisten. Diese Gruppe hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einer weltweiten Protestbewegung ausgeweitet.

Im dritten Kapitel wird die zentrale Fragestellung dieser Arbeit erörtert und die These aufgestellt, dass Facebook einen öffentlichen Raum darstellt, in dem Politik stattfindet.

Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit gliedert sich in drei große Themenblö align="left">Im Themenblock der sozialen Netzwerke (Kapitel 4) wird zunächst eine Definition von sozialen Netzwerken gegeben, bei der auch auf das „Small World“-Phänomen sowie die Stärke schwacher Bindungen und das durch Netzwerkarbeit entstehende Sozialkapital behandelt wird.

Im Folgenden wird näher auf die virtuellen Communities sowie auf Social Network Sites eingegangen, von denen Facebook das bekannteste Beispiel darstellt.

Der nächste große Themenblock ist Facebook gewidmet (Kapitel 5), wobei zunächst auf Daten und Fakten eingegangen wird und darauffolgend die Nutzerstruktur sowie die Funktionen dargestellt werden. Abschließend stellt das Kapitel Facebook und Macht (Kapitel 5.3) eine Überleitung zum letzten großen Themenblock der Macht dar (Kapitel 6).

Das sechste Kapitel nähert sich zunächst dem amorphen Begriff der Macht. Darauf aufbauend werden die zwei Sichtweisen von Macht beschrieben, nämlich power to und power over, woran sich im folgenden Punkt der Begriff des Empowerment anschließt. Die anthropologischen Grundlagen der Macht nach Popitz sind Thema des nächsten Kapitels. Nachfolgend wird die Organisationsmacht dargestellt. Arendts Begriff der Macht ist der letzte Teil dieses Themenkomplexes.

Das siebte Kapitel bildet eine Zusammenfassung der genannten Theorien in Bezug auf das eingangs beschriebene Beispiel der Facebook-Gruppe.

Das abschließende Kapitel 8 beschäftigt sich mit den Erkenntnissen und möglichen Folgen für die Soziale Arbeit.

2 „One Million Voices Against FARC“ - Macht sozialer Netzwerke im Internet

„NO MAS SECUESTROS, NO MAS MENTIRAS,
NO MAS MUERTES, NO MAS FARC”
(www.facebook.com/onemillionvoices?sk=info)

„Keine Entführungen mehr, keine Lügen mehr, keine Morde[1] mehr, keine FARC mehr“ – diese Formulierung prangt auf der kolumbianischen Flagge, die als Logo auf der Startseite der Facebook-Gruppe „One Million Voices Against FARC“ abgebildet ist. Oscar Morales, ein Bauingenieur aus der kolumbianischen Stadt Barranquilla, gründete am 04. Januar 2008 diese Gruppe auf Facebook (www.facebook.com/onemillionvoices?sk=info).

Die FARC-EP („Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo“), ist eine Guerilla-Organisation, deren Geschichte bis in die 1950er Jahre reicht (vgl. Zelik, 2000, S. 176). Anfangs war sie „vor allem als Selbstschutzorganisation gedacht, die GewerkschaftlerInnen und AktivistInnen der Bauernorganisation für den Fall einer Repressionswelle den Rückzug sichern sollte“ (ebd., S. 58). Mittlerweile hat sich die FARC „radikalisiert [und ist] eine kleine Armee, die auf dem Land [..] als Autorität anerkannt ist“ (ebd., S. 180). Aktuell besitzt „die FARC [..] etwa 8.000 bis 10.000 Kämpfer, Frauen und vielfach zwangsrekrutierte Kinder eingeschlossen“ (Jost, 2011, S. 4). Aus „einer Bewegung mit durchaus sozialem und politischem Anliegen in den 1960er Jahren“ (Wieland, 2008, S. 4) ist die FARC durch „Drogenhandel, Erpressung und Entführungen“ zu einer terroristischen Organisation verkommen (ebd.). Der Rückhalt in der Bevölkerung ist weitgehend verloren gegangen; „laut Umfragen haben nur ein % der Kolumbianer ein positives Bild der FARC“ (ebd.).

Im Jahr 2008 hielt die FARC „insgesamt 700 Geiseln, darunter die kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die 2002 [..] zusammen mit Clara Rojas gekidnappt wurde“ (Kirkpatrick, 2011, S. 1), fest. Während ihrer Zeit als Geisel bekam Clara Rojas einen Sohn namens Emanuel (ebd.). Dieser verbrachte seine ersten vier Lebensjahre bis zur Gründung der Facebook Gruppe in der Gefangenschaft der FARC.

Kurz vor Weihnachten kündigten die Rebellen überraschend an, einige Geiseln freizulassen. Darunter sollten sich auch Clara Rojas und ihr Sohn Emanuel befinden. Diese Nachricht löste in der Bevölkerung große Begeisterung und Hoffnung aus, „die Leute sehnten sich nach einem Geschenk, einem Wunder“ (ebd., S. 1f.). Die Freilassung ließ jedoch auf sich warten, bis Anfang Januar 2009 der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe bekannt gab, dass sich Emanuel scheinbar gar nicht mehr in der Gewalt der FARC befand (ebd., S. 2). Emanuel war einige Zeit vorher, nachdem er schwer erkrankt war, von seiner Mutter getrennt und einem Landarbeiter und seiner Familie übergeben worden und befand sich demnach bereits in staatlicher Obhut (ebd.).

Zu diesem Zeitpunkt war für Oskar Morales der Moment gekommen, an dem er nicht mehr nur zusehen wollte. Die Bevölkerung fühlte sich „von der FARC angegriffen, [..] sie waren stinkwütend“ (ebd.) und konnten es nicht fassen, dass die FARC „um das Leben eines Kindes verhandelt, das sie gar nicht hatten“ (ebd.). Morales besaß bereits einen Account auf der damals nur in englischer Sprache existierenden Facebook Homepage.

Die Suche nach dem Begriff „FARC“ ergab zum damaligen Zeitpunkt keine Ergebnisse. So entschloss Morales sich, eine eigene Gruppe zu gründen. Sein Ziel war der Aufbau einer „engagierte[n] Gemeinschaft, die sich für unsere Ziele einsetzt“ (ebd., S. 3). Die Resonanz, die er auf die Gruppe erhielt, konnte er selbst kaum glauben: „We expected the idea to resound with a lot of people but not so much and so quickly“ (Rheingold, 2008, o. S.). Der Gruppe waren innerhalb der ersten sechs Stunden bereits 1.500 Menschen beigetreten (vgl. Kirkpatrick, 2011, S. 3). Nach 24 Stunden hatte die Gruppe schon „3000 supporters“ (Neumayer & Raffl, 2008, S. 3). Derzeit besitzt die Seite auf Facebook 630.940 Unterstützer (www.facebook.com/onemillionvoices?sk=info, Stand 22.01.12).

Anfangs wurde die Gruppe von Morales nur dazu genutzt, um seine Empörung über die FARC (auf der Pinnwand) zum Ausdruck zu bringen. Zwei Tage nach Gründung rief er zu einer Kundgebung auf (vgl. Kirkpatrick, 2011, S. 4). Zu den Unterstützern der Gruppe zählten von Anfang an nicht nur in Kolumbien lebende Menschen. Es waren viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern Mitglied, die auf den Vorschlag einer Kundgebung in Kolumbien begeistert reagierten und am gleichen Tag Solidaritätsproteste organisierten. Der Tag der Kundgebungen sollte der 04. Februar 2008 werden, genau einen Monat nach Gründung der Gruppe (ebd., S. 4). An diesem Tag nahmen „über vier Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer an Demonstrationen gegen [..] FARC“ (Huhle, 2008, S. 2) teil. In rund 165 Städten weltweit fanden am gleichen Tag Protestkundgebungen statt, welche sich solidarisch mit den kolumbianischen Protestierenden zeigten. Verschiedenen Medienberichten zufolge nahmen außerhalb Kolumbiens zwischen 500.000 und 2.000.000 Menschen daran teil (vgl. Neumayer & Raffl, 2008, S. 1).

Aus Angst wagten es bis dahin nur wenige, sich offen gegen die FARC auszusprechen. Sie waren zwar alle wütend, aber auch gleichzeitig eingeschüchtert (Kirkpatrick, 2011, S. 2). Durch Facebook wurde den „jungen Leuten Kolumbiens eine einfache, digitale Möglichkeit [gegeben], im Schutz der Masse ihre Empörung zu äußern“ (ebd., S. 5).

Facebook spielte für die Organisatoren von Anfang an eine sehr wichtige Rolle. Laut dem Gruppengründer Morales war „Facebook [..] unser Hauptquartier. Es war unsere Zeitung, unsere Kommandozentrale, unser Labor – einfach alles. Facebook war all das für uns, vom ersten bis zum letzten Tag“ (ebd.).

3 Ziel der vorliegenden Arbeit

Der oben beschriebene Fall der Facebook-Gruppe „One Million Voices Against FARC“ zeigt, wie schnell und einfach es möglich sein kann, viele Menschen zusammen zu schließen und gemeinsam zu handeln. Das gemeinsame Interesse der Menschen waren die Wut und der Missmut gegenüber dem Auftreten und den Handlungsweisen der FARC sowie die Machtlosigkeit der Regierung gegenüber den Rebellen. Das Ziel des Gruppengründers Morales war die Gründung einer engagierte Gemeinschaft, die sich gemeinsam gegen die FARC einsetzt. Facebook war ihr Medium, mittels dem sie sich organisierten, gemeinsame Aktionen durchführten und Druck auf die FARC und die kolumbianische Regierung ausübten. Facebook ermächtigte die Menschen, sich für ihre Interessen einzusetzen.

In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie die Ereignisse in Kolumbien erklärt werden können und welchen Nutzen die Soziale Arbeit aus den Erkenntnissen ziehen kann?

Im Sinne einer sehr umfassenden Definition bezeichnet Politik „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie der Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es im privaten oder öffentlichen Bereichen“ (Frantz & Schubert, 2005, S. 7). Ausgehend von diesem Verständnis von Politik wird folgende These aufgestellt: Wenn Facebook ein Ort ist, der es Usern ermöglicht, sich im öffentlichen Raum zusammenzuschließen, um gemeinsame Gedanken auszutauschen, im Sinne von Arendt gemeinsam zu handeln - dann ist Facebook ein öffentlicher Raum, in dem Politik stattfindet.

Der deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e. V. (DBSH) definiert Soziale Arbeit in Anlehnung an die International Federation of Social Workers (IFSW) folgendermaßen:

„Soziale Arbeit als Beruf fördert den sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift Soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit.“ (DBSH, 2009, S. 13).

In Bezug auf die Anti-FARC Bewegung in Kolumbien beinhaltet das Selbstbild der Sozialen Arbeit besonders die Befähigung der Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten sowie die Förderung des sozialen Wandels hervorzuheben. Wenn die These zutrifft, dass Facebook ein öffentlicher Raum ist, in dem Politik stattfindet, dann bietet dieses Netzwerk der Sozialen Arbeit eine Plattform für ihren politischen Auftrag: auf Ungerechtigkeiten, auf Wertverletzungen, auf verhinderte Bedürfnisbefriedigung hinzuweisen und für ein selbstbestimmtes Leben zu kämpfen.

4 Netzwerke

Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit taucht immer wieder der Begriff des „Netzwerks“ auf. Dieser ist die Grundlage für Virtual Communitys, sozialen Online-Netzwerken und damit auch für Social Network Sites wie zum Beispiel Facebook.

4.1 Soziales Netzwerk

Für Holzer spielen „[w]eder individuelle Motive noch Bestandsprobleme sozialer Systeme [die] geeignete[n] Ausgangspunkte für die Erklärung sozialer Sachverhalte“ (Holzer, 2009, S. 253). Es sind „die Beziehungen, in die Individuen und andere soziale Einheiten eingebunden sind.“ (ebd., im Original kursiv). Diese sozialen Beziehungen bezeichnet Weber als ein „aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer“ und sagt nichts darüber aus, „ob »Solidarität« der Handelnden besteht oder [..] das gerade Gegenteil“ (Weber, 1976, S. 37, im Original kursiv). Durch ein Geflecht verschiedener Beziehungen entsteht ein sozialen Netzwerk, welches jeden Menschen umgibt.

Der Begriff des sozialen Netzwerks wurde von John Barnes geprägt - er gilt somit als dessen Urheber (vgl. Bögenhold & Marschall, 2007, S. 15). Er untersuchte die kleine relativ isolierte Gemeinde Bremnes auf einer Insel in Norwegen und entdeckte dabei, dass das soziale Gefüge der Gemeinde neben dem territorial hierarchischen administrativen und dem industriellen ein drittes System beinhaltete – die soziale Beziehungen der Bewohner, welche aus Freundschafts-, Bekanntschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen bestanden (Barnes, 1954b, S. 237; Bögenhold & Marschall, 2007, S. 15). Während die ersten beiden Systeme klar gegliedert und hierarchisiert waren, besaß das letztere „keinerlei vereinheitlichende Organisation, keine Unterteilungen und keine Grenzen“ (Penkler, 2008, S. 89; vgl. Barnes, 1954b, S. 237).

Aufgrund seiner Beobachtungen beschrieb Barnes ein Netzwerk folgendermaßen:

“Each person is, as it were, in touch with a number of other people, some of whom are directly in touch with each other and some of whom are not. Similary each person has a number of friends, and these friends have their own friends; some of any one person’s friends know each other, others do not. I find it convenient to talk of a social field of this kind as a network. The image I have is of a set of points some of which are joined by lines. The points of the image are people, or sometimes groups, and the lines indicate which people interact with each other. We can of course think of the whole of social life as generating a network of this kind” (Barnes, 1954a, S. 43).

Der Begriff des Netzwerks impliziert dabei das Bild eines Spinnen- oder eines Fischernetzes. Die einzelnen Knoten des Netzes bilden die Menschen, manchmal auch Gruppen, die wiederum mit unterschiedlich vielen anderen Knoten bzw. Menschen/Gruppen durch Linien verbunden sind. Persönliche Merkmale der einzelnen Mitglieder, also nominale Attribute wie Alter und Geschlecht, sind hierbei ausgeklammert (vgl. Jansen, 2006, S. 22).

Die sozialen Beziehungen sind nach Barnes´ Aussage nicht zwangsweise von Dauer, manche sind längerfristig, andere lösen sich auf oder schlafen einfach ein, während wieder andere neu entstehen – das soziale System wird dadurch kontinuierlich verändert (ebd. S. 237).

Netzwerke können egozentriert, auf Basis der Dyade, der Gruppe und dem Gesamtnetzwerks analysiert werden (Müller & Gronau, 2010, S. 8ff.). Beim egozentrierten Netzwerk bildet ein Knoten den Mittelpunkt, von dem die Verbindungen ausgehen und die Beziehungen zu anderen Knoten darstellen (ebd., S. 9). Bei der Dyade werden jeweils zwei Punkte als Paar und deren Beziehung zueinander untersucht (ebd.). Die darüber liegende Analyseebene behandelt einzelne Gruppen. Dabei werden mehrere Knoten analysiert, die untereinander eine engere Beziehung haben als der Rest des Netzwerkes (ebd.). Dabei kann auch die soziale Position einzelner Knoten im Vergleich zur Gruppe untersucht werden (ebd.). Das Gesamtnetzwerk bildet sich aus der Summe aller Elemente und ihren Beziehungen (ebd.).

Luc Boltanski und Eve Chiapello (1996) haben nach der Analyse von Managementliteratur und –diskursen der 1990er Jahre herausgearbeitet, dass Netzwerke, deren Organisation auf flachen Hierarchien beruht, die freie Entfaltung der Fähigkeiten und Kapazitäten der Mitarbeiter ermöglichen (Boltanski & Chiapello, 1996, S. 91 ff., zitiert nach Penkler, 2008, S. 113f.). Diese Netzstrukturen sind partizipationsfreundlicher, da sich die Mitarbeiter autonom selbst regulieren können (ebd.).

Facebook bietet nun die Möglichkeit, sich online mit Freunden und Bekannten zu vernetzen und miteinander zu kommunizieren. Das soziale Netzwerk der norwegischen Insel, welches Barnes beschrieben hat, wird mittels Facebook auf den virtuellen Raum im Internet verlagert. Zeit- und Ortsgebundenheit sind dabei nicht mehr entscheidend. Das soziale Netzwerk kann einfacher über (staatliche, geografische, kulturelle, familiäre, usw.) Grenzen hinweg aufgebaut und gepflegt werden – vorausgesetzt die technischen Möglichkeiten sind vorhanden. Die eingangs beschriebenen Proteste gegen die FARC wurden über Facebook organisiert und zeichneten sich durch flache Hierarchien aus. Jeder Teilnehmer nahm freiwillig und aus persönlicher Überzeugung teil; der Grad der Mitarbeit variierte vom Gründen der Gruppe und dem Organisieren der Demonstrationen über deren Teilnahme bis hin zur passiven Bekundung der Solidarität mittels eines Klicks auf der Homepage. So konnten die Interessen, Motivationen, Kapazitäten und Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder der Gruppe optimal genutzt werden.

Die Reichweite sozialer Netzwerke, die Stärke der schwachen Bindungen sowie das durch Netzwerkarbeit generierte Sozialkapital eines Menschen werden in den nächsten Abschnitten näher beleuchtet.

4.1.1 „Small World“-Phänomen

Der amerikanische Psychologe Stanley Milgram (1967) stellte Ende der 1960er Jahre die These auf, dass jeder Mensch auf der Welt jeden anderen über eine geringe Anzahl von Ecken kennt.

„Any two people in the world, no matter how remote from each other, can be linked in terms of intermediate acquaintances, and that the number of such intermediate links is relatively small“ (Milgram, 1967, S. 63)

Er stellte fest, dass sich eine Verbindung zwischen zwei beliebigen Menschen auf der Erde mithilfe persönlicher Bekanntschaften im Durchschnitt über nicht mehr als sechs Zwischenschritte konstruieren lässt (Holzer, 2005, S. 315). Im Rahmen seiner Untersuchung wurden Einwohner des mittleren Westens der USA aufgefordert, einen Brief an eine ihnen unbekannte Person zu übergeben (ebd., S. 316). Diesen Brief sollten sie dabei an Personen weitergeben, von denen sie annahmen, dass diese der Zielperson näher standen als sie selbst (ebd.). Die Anzahl der Zwischenpersonen variierte dabei zwischen 2 und 10, der Median lag bei 5 Kontakten (Milgram, 1967, S. 65).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In neueren Studien wurde die Zahl sechs bis sieben bestätigt (Heidemann, 2010. o. S.). Leskovec und Horvitz analysierten 240 Millionen Instant Messenger Accounts und kamen zu dem Ergebnis, dass jeder jeden über 6,6 Ecken kennt (Leskovec & Horvitz, 2007, S. 23). Diese geringe Zahl ist dadurch zu erklären, dass bei „sozialen Netzwerken […] die Verbindungen nicht gleich über alle Knoten verteilt sind“ (Heidemann, 2010, o. S.). Es existieren einzelne stark vernetzte Akteure, in Abbildung 1 der Knoten C, sowie viele wenig vernetzte Akteure,
in Abbildung 1 Knoten I (ebd.).

Für soziale Online-Netzwerke wie Facebook bedeutet das, dass der einzelne Nutzer über wenige Ecken mit sehr vielen Menschen aus der ganzen Welt Kontakt aufnehmen kann, selbst wenn er diese nicht persönlich kennt. Analog zu dem in Milgram´s Experiment verschickten Briefen kann es sich im Internet-Zeitalter beispielsweise auch um Informationen bezüglich eines gesellschaftlichen Konfliktes handeln. Durch soziale Online-Netzwerke können solche Informationen schnell die Aufmerksamkeit von sehr vielen, auch geografisch weit entfernten Menschen erregen.

[...]


[1] „no mas muertes“ wird eigentlich mit „keine Tode mehr“ übersetzt. In diesem Zusammenhang eignet sich die Übersetzung „keine Morde mehr“ besser. (Anmerkung des Autors)

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Facebook als Medium des Protests
Untertitel
Online social networks as an empowering medium using the example of Facebook
Hochschule
Hochschule München
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
58
Katalognummer
V206056
ISBN (eBook)
9783656338956
ISBN (Buch)
9783656339472
Dateigröße
998 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
facebook, Macht, Soziale Bewegungen, Demonstrationen, Soziales Kapital, soziale Netzwerke, virtual community, Machttheorien, Hannah Arendt, Popitz
Arbeit zitieren
Martin Sopko (Autor), 2012, Facebook als Medium des Protests, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206056

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