Wernicke- und Broca-Aphasie als Gegenstand der Forschung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1. Einleitung

Aphasien, welche als durch Hirnschädigungen verursachte Sprachstörungen charakterisiert werden, stellen einen Forschungsgegenstand dar, der vor allem in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewann. Durch das gemeinsame Interesse der Linguistik, der Psychologie und der Neurologie entwickelte sich die Aphasiologie zu einem interdisziplinären Forschungsgebiet, welches das Ziel verfolgt, zu erklären, wie aphasische Defizite entstehen und was zu den sprachlichen Beeinträchtigungen führt. Insbesondere der Läsionsort im Gehirn spielt dabei eine wesentliche Rolle, da eine genaue Lokalisation der Schädigungen eine Klassifikation der Aphasien ermöglicht.

Schwerpunkt der nachfolgenden Arbeit ist die Zusammentragung von Forschungsliteratur, die sich mit der Untersuchung zweier Aphasie-Arten, der Wernicke- und der Broca-Aphasie beschäftigen. Anhand von einschlägiger Fachliteratur wird darüber diskutiert, ob bzw. inwiefern diese Aphasien mit bestimmten Hirnarealen korrelieren und welche bestimmten sprachlichen Funktionen resultieren. In diesem Zusammenhang werden gängige Forschungsansätze vorgestellt und gegeneinander abgegrenzt. Die Betonung liegt dabei vor allem auf den Begleiterscheinungen des Paragrammatismus und des Agrammatismus, welche typischerweise mit den Aphasie-Arten einhergehen. Der Agrammatismus, der Bestandteil der Broca-Aphasie ist, wird durch zahlreiche Auslassungen von Flexionsendungen und Funktionswörtern sowie starke Vereinfachung der Wortfolgen charakterisiert. Das Sprachverständnis dagegen ist vergleichsweise gut ausgeprägt. Komplementär dazu erscheint die Wernicke-Aphasie, die in Verbindung mit dem Paragrammatismus in Erscheinung tritt. Obwohl die Betroffenen in der Lage sind, lange komplexe Sätze zu bilden, geht der Paragrammatismus mit einer Störung der Wortfolgenkoordination, sowie mit Wortfindungsstörungen und Paraphasien einher.

Um das Verständnis zu gewährleisten wird zunächst der Begriff „Aphasie“ allgemein erläutert und definiert. Danach folgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Broca-Aphasie. Bevor auf die Forschungsansätze eingegangen wird, erfolgt anfangs eine Klassifikation dieser Aphasie und eine Erläuterung der Lokalisation der Schädigung. Bei der Darstellung der einschlägigen Forschung nimmt der Agrammatismus eine besondere Position ein. Im Anschluss werde ich mich mit der Wernicke-Aphasie auseinandersetzen, welche auf gleiche Art und Weise wie die Broca-Aphasie behandelt wird. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf der Erarbeitung des Paragrammatismus. Am Ende der Arbeit werden die beiden Aphasie-Typen gegenübergestellt und die zentralen Ergebnisse im abschließenden Fazit zusammengefasst.

2. Aphasien

2.1 Definition

Der, aus dem Griechischen stammende Begriff „Aphasie“, welcher erstmals 1864 von dem französischen Linguisten Trousseau verwendet wurde, kann als „Verneinung der Sprache“ oder „Sprachverlust“ übersetzt werden. Allerdings muss beachtet werden, dass die Sprache dabei niemals völlig verloren geht. Es handelt sich bei Aphasien um Sprachstörungen, die durch Hirnschädigungen, in vielen Fällen durch einen Schlaganfall verursacht, hervorgerufen werden. Ein Schlaganfall entsteht vor allem dann, wenn sich Blutgefäße im Gehirn verengen oder völlig verschließen, wodurch die Sauerstoffversorgung erschwert oder verhindert wird. Bei Aphasien, welche auf diese Art entstehen, spricht man von kortikalen Läsionen. Sie entstehen durch direkte Schädigung der Sprachzentren in der Hirnrinde. Aber auch andere Ursachen wie Hirnverletzungen durch Verkehrsunfälle können Aphasien hervorrufen, welche traumatisch bedingt sind. Weiterhin können Gehirntumore oder Gehirnentzündungen als Ursache für Aphasien fungieren. Aphasien sind demnach erworbene Sprachstörungen, die nicht mit angeborenen Sprachstörungen wie beispielsweise der Lese-Rechtschreibschwäche verwechselt werden dürfen.

Laut dem klinischen Wörterbuch von Pschyrembel handelt es sich bei einer Aphasie um eine Sprachstörung, die durch Erkrankung des zentralen Sprachapparates bedingt ist und bei intaktem Sprechwerkzeug und erhaltender Intelligenz mit dem Verlust der Fähigkeit, Begriffe in Wort- bzw. Schriftbilder umzusetzen oder Gesprochenes und Geschriebenes wahrzunehmen, einhergeht.[1] Es handelt sich demnach um eine Schädigung der Sprachregion im Gehirn, welche in der Hirnrinde um die mittlere Hirnschlagader angesiedelt ist. Die neuronale Wissenschaft vertritt die Auffassung, dass sich das Sprachzentrum unabhängig von der Händigkeit des Menschen auf der linken Hemisphäre befindet.

Eine Aphasie betrifft alle sprachlichen Modalitäten, also Lesen, Schreiben, Verstehen und Sprechen, wobei bei jedem Betroffenen andere individuelle Kombinationen vorliegen. Demnach sind sowohl expressive als auch rezeptive Sprachleistungen betroffen. Die Sprachproduktion ist auf der Ebene der Sprachverarbeitung gestört, wobei die Redeabsicht allerdings ohne Probleme generiert werden kann. Zudem ist auch die akustische Artikulation aufgrund funktionsfähiger Sprachorgane möglich. Allerdings verläuft der Prozess, welcher normalerweise die Redeabsicht in Laute umsetzt, fehlerhaft. Die Mitteilung kann nicht normgerecht kodiert werden.

Bereits seit über 150 Jahren untersuchen Wissenschaftler die Hintergründe der Aphasien. Vor allem in den letzten Jahrzehnten entstanden interdisziplinäre Forschungsgebiete wie beispielsweise die Psycholinguistik, da sich sowohl Linguisten, Neurologen als auch Psychologen für dieses Krankheitsbild interessieren. Daraus resultierten neue Erkenntnisse über den Aufbau und die Funktionen des menschlichen Gehirns, wobei der Schwerpunkt auf der Organisation von Sprache lag. Erst dadurch, dass Sprachstörungen gleichzeitig anatomisch und linguistisch untersucht werden, ist es möglich, mentale Vorgänge der Sprachverarbeitung zu verstehen. „Ziel der psycholinguistisch orientierten Aphasieforschung ist es, die den aphasischen Sprachstörungen zugrundeliegenden funktionalen Defizite näher zu bestimmen, d.h., die Frage zu klären, welche Störung welcher psychischen Fähigkeit zu den aphasischen Beeinträchtigungen führt.“[2]

2.2 Aphasische Syndrome

Wie bereits angedeutet, treten nicht alle aphasischen Symptome im gleichen Ausmaß bei allen Betroffenen auf. Patienten zeigen individuell bestimmte Bündel von Symptomen, die als Syndrome bezeichnet werden. Daraus resultieren verschiedene Erscheinungsformen aphasischer Sprachstörungen, die Klassifikationsversuche hervorgebracht haben. Vor allem seit der 1874 gemachten Entdeckung Carl Wernickes, dass nicht nur im frontalen Broca-Gebiet Sprachstörungen zu beobachten sind, sondern auch im temporalen Bereich – heute Wernicke-Gebiet genannt-, die sich hinsichtlich der sprachlichen Beeinträchtigung qualitativ unterscheiden, entwickelte die Wissenschaft eine Vielzahl von Klassifikationsvorschlägen. Aphasien werden nach ihrem Schädigungsort und ihrem Störungsschwerpunkt untergliedert. In der neueren Literatur werden neben einigen Sonderpunkten vier Hauptformen unterschieden: Die globale Aphasie, die amnestische Aphasie, die Wernicke-Aphasie sowie die Broca-Aphasie.[3] Da diese Arbeit ihren Schwerpunkt auf Broca- und Wernicke-Aphasien legt, werden nur diese im Folgenden behandelt und untersucht.

3. Die Broca-Aphasie

3.1 Klassifikation der Broca-Aphasie

Die Broca-Aphasie oder motorische Aphasie, welche durch den Chirurgen Paul Broca 1861 als erste Aphasie-Form entdeckt wurde, kann durch eine nicht-flüssige, verlangsamte Sprechweise charakterisiert werden. Durchblutungsstörungen und damit einhergehende Schlaganfälle stellen die Hauptursachen dar. Bedeutsam dabei ist häufig ein Verschluss der Arteria praerolandicia, welche unter anderem zur Versorgung des Broca-Sprachzentrums dient. Gekennzeichnet wird die Broca-Aphasie durch eine gestörte Prosodie und eine undeutliche Aussprache. Weiterhin muss zu den Leitsymptomen, neben enormer Sprachanstrengung und phonematischen Paraphasien, der Agrammatismus gezählt werden, welcher zu einem späteren Zeitpunkt intensiv betrachtet werden wird. Insbesondere durch die mühsame Wiederholung der ersten Silbe eines Wortes, welche bei Betroffenen häufig beobachtbar ist, wird die Sprechanstrengung deutlich sichtbar. Weiterhin wird die Anstrengung durch Gestik und Mimik unterstrichen. Die Sprache der Broca-Aphasiker zeichnet sich durch einen verkürzten, syntaktisch einfachen Satzbau aus, den man geradezu als telegrammartig bezeichnen kann. Eine Differenzierung nach verschiedenen grammatischen Relationen, wie Subjekt gegenüber Objekt oder Hauptsatz gegenüber Nebensatz ist nicht erkennbar. In extremen Fällen können sich die Äußerungen der Betroffenen auf ein bis zwei Worte reduzieren, wobei vorwiegend Inhalts- und kaum Funktionswörter verwendet werden. Bei den Funktionswörtern handelt es sich meistens um solche, die eine eigenständige lexikalische Bedeutung haben. Daher werden eher Possessivpronomina wie „mein“ oder „dein“ angewandt als Artikel, die vorwiegend grammatische Funktionen haben. In der Spontansprache der Betroffenen treten häufiger phonematische Paraphasien als semantische auf. Dabei muss allerdings angemerkt werden, dass die verwendeten phonematischen Paraphasien dem eigentlichen Zielwort in vielen Fällen noch in der Art ähnlich sind, dass sie ohne schwerwiegende Probleme verstanden werden können. Der Wortschatz der Patienten ist eingeengt, was auch als Ausdrucksarmut bezeichnet wird. Zudem ist die Sprache morphologisch reduziert, sowohl bezüglich freier als auch gebundener grammatischer Morpheme.[4] Die Broca-Aphasie wirkt sich auf alle sprachlichen Bereiche aus. Daher betrifft sie nicht nur die direkte sprachliche Kommunikation, sondern auch das Nachsprechen von Wörtern und Sätzen, das Benennen und die Schriftsprache. Fehlerhaft wird die Sprache neben Paraphasien vor allem durch agrammatische Züge und Entstellungen. Die Kommunikation mit Broca-Aphasikern wird dadurch stark erschwert. Das Sprachverständnis im Gespräch erscheint meist ungestört, wobei allerdings Verständnisprobleme beim Verstehen syntaktisch komplexer Sätze entstehen können, wie gezielte Untersuchungen gezeigt haben. Oftmals bedarf es zum Verständnis der Äußerungen weitgehende Interpretationen.[5]

3.2 Lokalisation der Broca-Aphasie

Die Broca-Aphasie wird einer umschriebenen Hirnläsion zugeordnet. Laut der geläufigen Forschungsmeinung sind die Läsionen am Fuß der dritten Stirnwindung der sprachdominanten Hemisphäre lokalisiert. Dieses Gebiet, das Brodmann-Areal 44 und 45, heute Broca-Areal genannt, wird zum motorischen Assoziationskortex des Gesichtes gezählt. Neuere Untersuchungen, die auf computertomographische Verfahren basieren, zeigen nun aber, dass bei einer Broca-Aphasie die Läsionen nicht in dem Broca-Areal liegen, sondern mehr dorsal davon im Marklager des Stirnhirns. Zudem weiten sich die Schädigungen oftmals auf den Inselkortex aus. Die Läsionen befinden sich somit im Versorgungsgebiet der Arteria praerolandicia, wodurch die Broca-Aphasie als typisches Gefäßsyndrom charakterisiert wird.[6][7]

3.3 Erforschung der Broca-Aphasie

Der Grundstein der Erforschung der Broca-Aphasie wurde im Jahre 1861 durch den französischen Arzt Paul Broca gelegt. Dieser entdeckte bei der Autopsie eines Patienten, der zu Lebzeiten trotz eines guten Sprachverständnisses und einer normal ausgeprägten Intelligenz nur eine einzige Silbe produzieren konnte, eine eng umschriebene Läsion im hinteren Teil des linken Frontalhirns. Aufgrund weiterer Untersuchungen an Patienten, die die gleichen Läsionsorte aufwiesen, und anhand derer die selben Ergebnisse erzielt wurden, also erhaltenes Sprachverständnis, aber eine sehr mühsam produzierte, eingeschränkte Sprache, sowie beeinträchtigtes Nachsprechen, Benennen, Lesen und Schreiben, schloss Broca auf eine Korrelation zwischen der spezifischen funktionellen Störung und dem Ort der Schädigung. Er begrenzte das Gebiet der Läsion, welche als Ursache für eine Sprachstörung angesehen wird, die die Artikulation betrifft, auf die dritte Stirnhirnwindung. Weiterhin schloss er darauf, dass die linke Hemisphäre für die Sprache verantwortlich sein muss, da alle seine Patienten Läsionen auf der linken Gehirnhälfte aufzeigten. Broca sollte Recht behalten, denn einige Jahrzehnte später belegte die wissenschaftliche Forschung die Sprachdominanz dieser Hemisphäre. Brocas Entdeckung ist heute unter dem Namen „Broca-Aphasie“ bekannt.

[...]


[1] Pschyrembel, Willibald: Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. Berlin 1977, S. 72.

[2] Vgl. Höhle, Barbara: Aphasie und Sprachproduktion. Sprachstörungen bei Broca- und Wernicke-Aphasikern. Opladen 1995, S. 11.

[3] Vgl. ebd., S. 21, 22.

[4] Vgl. Kelter, Stephanie: Aphasien. Stuttgart 1990, S. 10.

[5] Vgl. Höhle, Barbara: Aphasie und Sprachproduktion. Sprachstörungen bei Broca- und Wernicke-Aphasikern. Opladen 1995, S. 23.

[6] Siehe Anhang.

[7] Vgl. Hartje, Wolfgang; Poeck, Klaus: Klinische Neuropsychologie. Stuttgart 2006, S. 124.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wernicke- und Broca-Aphasie als Gegenstand der Forschung
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V206073
ISBN (eBook)
9783656329695
ISBN (Buch)
9783656329909
Dateigröße
722 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wernicke-Aphasie, Broca-Aphasie, Aphasie, Gehirnforschung, Paragrammatismus, Agrammatismus
Arbeit zitieren
Stefanie Quack (Autor), 2010, Wernicke- und Broca-Aphasie als Gegenstand der Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206073

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