Wissenschaftstheoretische Implikationen des Radikalen Konstruktivismus


Hausarbeit, 2012

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Fragestellung

2. Definition des Radikalen Konstruktivismus

3. Wissenschaftstheoretische Einordnung des Radikalen Konstruktivismus

4. Philosophiehistorischer Kontext des Radikalen Konstruktivismus

5. Das Kriterium der Viabilität an Stelle des Kriteriums der Objektivität

6. Abgrenzung des Radikalen Konstruktivismus von Weltnegation und Solipsismus

7. Die Konzeption einer Proto-Raumzeitlichkeit anstelle der objektiv existierenden Welt

8. Wissenschaftstheoretische Relevanz des Radikalen Konstruktivismus

9. Fazit

10. Literaturangaben

1. Einleitung und Fragestellung

Der Konstruktivismus repräsentiert eine vor allem im 20. Jahrhundert verbreitete Form der Herangehensweise an erkenntnistheoretische und wissenschaftstheoretische Fragestellungen. Allerdings handelt es sich - ähnlich wie bei anderen begrifflichen Kategorisierungen für verschiedene Strömungen innerhalb von Philosophie und Wissenschaft - dabei keineswegs um eine einheitliche theoretische Ausrichtung. Es gibt unterschiedliche Spielarten des Konstruktivismus, die sich insbesondere im Gradmaß, in dem sie die Erlebniswelt des Menschen als von diesem „konstruiert” im Gegensatz zu einer objektiven, unabhängig existierenden und gegebenen Außenwelt eingegeben ansehen. „Der gemeinsame Nenner der verschiedenen Konstruktivisten [...] besteht [...] vor allem in ihrer Konzentration auf den Beobachter” (Pörksen 2008, S. 14) - doch in welchem Maße der Beobachter als Konstrukteur der erfahrenen Welt gilt, divergiert in den verschiedenen Ansätzen (vgl. z. B. Berger/Luckmann 2007 für eine wissenssoziologische Auffassung und Roth 1997 für eine Betonung der neurobiologischen Grundlagen). An dieser Stelle soll die Form des „Radikalen Konstruktivismus”, vertreten von Ernst von Glasersfeld, mit ihren wissenschaftstheoretischen Implikationen im Zentrum stehen. Die hauptsächliche Fragestellung ist dabei, inwiefern und in welcher Form die radikal-konstruktivistische Sicht die in vielen, insbesondere nomothetischen Wissenschaften, zentralen Begriffe von Objektivität und Wahrheit verändert, sofern man geneigt ist, die wissenschaftstheoretischen Implikationen des Radikalen Konstruktivismus aufzugreifen. Dies soll im Folgenden - natürlich der Form dieser Arbeit geschuldet mehr kursorisch denn in aller Ausführlichkeit - untersucht werden. Die enge Verwicklung von Kybernetik und Konstruktivismus im 20. Jahrhundert etwa kann dabei nur am Rande Erwähnung finden.

2. Definition des Radikalen Konstruktivismus

Ernst von Glasersfeld gibt eine klar verständliche Definition dessen, was er unter Radikalem Konstruktivismus versteht:

„Was ist Radikaler Konstruktivismus? Einfach ausgedrückt handelt es sich da um eine unkonventionelle Weise die Probleme des Wissens und Erkennens zu betrachten. Der Radikale Konstruktivismus beruht auf der Annahme, daß alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und daß das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrung konstruieren kann. Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewußt leben. Sie kann zwar in vielfältiger Weise aufgeteilt werden, in Dinge, Personen, Mitmenschen usw., doch alle Arten der Erfahrung sind und bleiben subjektiv. Auch wenn ich gute Gründe dafür angeben kann, daß meine Erfahrung der deinen nicht ganz unähnlich ist, habe ich keinerlei Möglichkeit zu prüfen, ob sie identisch sind. Das gleiche gilt für den Gebrauch und das Verstehen einer Sprache.” (von Glasersfeld 1997, S. 22)

Diese Position von Glasersfeld, so ist zu betonen, wird nicht von allen Wissenschaftlern, die der konstruktivistischen Position zuzuordnen sind (oder ihr zumindest von außen zugeordnet werden), in vollem Umfang, wohl aber von der Grundtendenz her geteilt. Es gibt fraglos eine Welt, in welcher wir leben, erleben und forschen, doch ist die qualitative Konstitution dieser Erlebenswelt eine kognitive Leistung der Menschen, ohne daß auf eine „objektive”, an sich erkennbare Welt geschlossen werden kann.

Natürlich widerspricht diese Position in vielem der Alltagserfahrung und auch dem konventionellen wissenschaftstheoretischen Verständnis, das glaubt, sukzessive die Phänomene der Welt immer weitergehend erforschen und demzufolge Progress im Zuge der immer weiter verfeinerten empirischen Forschung und ihrer theoretischen Aufarbeitung erreichen zu können. Ob man nun einer dialektisch-materialistischen, einer falsifikationistischen oder hermeneutischen oder anders gearteten Auslegung von Wissenschaftlichkeit anhängt: bei allen Unterschieden im Inhalt ist doch eine gewisse Aspiration gegeben, in der wissenschaftlichen Forschung - sei es durch Experimente, sei es durch Beschreibung, Interpretation oder andere Methoden - sich einer Form von Wahrheit, einer Form von Gültigkeit und einer Konstitution von gesicherter Erkenntnis zumindest anzunähern. Hier mag der Radikale Konstruktivismus manchem Betrachter zunächst als eine Art solipsistischer Rückschlag erscheinen, und von Glasersfeld bestätigt Pörksens Bemerkung, daß die radikal-konstruktivistische Haltung „in einer psychologischen Hinsicht unattraktiv” ist (Pörksen 2008, S. 29):

„Ich habe immer wieder betont, daß die Aneignung der konstruktivistischen Position erfordert, daß man fast alles umbaut, was man zuvor gedacht hat. [] Aus eben diesem Grunde, daß der Radikale Konstruktivismus einen radikalen Umbau der Begriffe des Wissens, der Wahrheit, der Kommunikation und des Verstehens erfordert, kann er mit keiner traditionellen Erkenntnistheorie versöhnt werden. Vor allem scheint es enorme Schwierigkeiten zu bereiten, daß der Radikale Konstruktivismus keine Weltanschauung ist, die beansprucht, das endgültige Bild der Welt zu enthüllen. Er beansprucht nicht mehr zu sein als eine kohärente Denkweise, die helfen soll, mit der prinzipiell unbegreifbaren Welt unserer Erfahrung fertig zu werden, und die – was vielleicht besonders wichtig ist – die Verantwortung für alles Tun und Denken dorthin verlegt, wo sie hingehört: in das Individuum nämlich.” (von Glasersfeld 1997, S. 50f.)

Dieser Rekurs auf das die Welt konstruierende Individuum (bzw. den die Welt konstituierenden Beobachter) setzt den Radikalen Konstruktivismus in Opposition zu einer Reihe von gängigen Auffassungen von Wissenschaftlichkeit. Dabei ist er allerdings vom Solipsismus abzugrenzen, wie wir sehen werden, da er durchaus ein Kriterium von wissenschaftlicher Gültigkeit anzubieten hat.

3. Wissenschaftstheoretische Positionierung des Radikalen Konstruktivismus

Der Radikale Konstruktivismus ist, dieser ersten Orientierung zu folgen, wissenschaftstheoretisch eindeutig in die Tradition relativistischer Ansätze einzuordnen, wie durch A. F. Chalmers Schilderung einer solchen Sichtweise deutlich wird:

„Der Relativist bestreitet, daß es einen allgemeingültigen ahistorischen Maßstab für Rationalität gibt, mit dem sich beurteilen läßt, ob die eine Theorie besser ist als die andere. Was hinsichtlich wissenschaftlicher Theorien als besser oder schlechter erachtet wird, ist von Individuum zu Individuum oder von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden. Das Ziel der Suche nach Erkenntnis hängt davon ab, was von dem Einzelnen oder von der jeweiligen Gemeinschaft als wichtig oder nützlich erachtet wird.” (Chalmers 1994, S. 104)

In einer relativistischen Auffassung von Wissenschaft kann demzufolge kein Ansatz für sich „objektive Wahrheit” beanspruchen. Darin besteht eine klare Abgrenzung zu realistischen Ansätzen, die - vom naiven Realismus des Alltags bis zu einem auch intensiv kritischen Realismus verschiedener philosophischer Weltbilder - am Ende doch immer eine gewisse Erkenntnis der Welt „an sich”, idealiter durch perfektionierte wissenschaftliche Methoden, approximativ oder endgültig für möglich halten. Dem gegenüber erweist sich der Radikale Konstruktivismus als entschieden anti-realistisch:

„In der gängigen Sprache der Philosophen sind diejenigen ,Realisten‘, die glauben, daß sie Wissen von der Welt an sich gewinnen können. Dies lehne ich ab, und wenn ich zugebe, daß es ontische Beschränkungen unserer Erkenntnis gibt, dann ergibt sich daraus kein Widerspruch. Obwohl diese Beschränkungen festlegen können, was uns unmöglich ist, so legen sie doch nicht die Arten und Weisen unseres Handelns und Denkens fest, die wir innerhalb dieser Beschränkungen verwirklichen können.” (von Glasersfeld 1997, S. 96f., Fn.)

Wenngleich also nicht jedweder Ansatz zu nützlichen Resultaten führt - was eben auf die „ontischen Beschränkungen”, deren Rolle noch vertiefend zu erörtern sein wird, verweist - so kann es im Sinne des Radikalen Konstruktivismus keine allen anderen apodiktisch überlegene wissenschaftliche Methode geben.

4. Philosophiehistorischer Kontext des Radikalen Konstruktivismus

Die Rückwendung der Philosophie auf das die Welt in irgendgearteter Weise konstituierende Subjekt hat ihre Ursprünge freilich bereits in der Antike. So bemerkt Pörksen (2008, S. 13f.) zu Recht, daß die Hauptvertreter des Konstruktivismus „alle [...] in Theorien und Modellen, Geschichten und Experimenten dem frühen Erkenntniszweifel der Skeptiker neue, epochenspezifische Begründungen geliefert” haben. Bereits die Sophisten haben den Menschen und sein Erkenntnisvermögen in den Mittelpunkt gerückt. Das homo mensura des Protagoras kann dabei einerseits als Vergegenwärtigung der Bedeutung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit und ihrer Beschränkungen, andererseits aber im gleichen Maße als Ausdruck eines Relativismus verstanden werden, der letztlich jeder wissenschaftlichen Aussage eine das Gegenteil behauptende gegenüberstellt.[1]

Während der Sophismus ja eher zu einer Relativierung von Wahrheit neigte, um argumentative Strukturen in der jeweiligen Situation zum Vorteil des Redners einzusetzen, präsentieren die bereits erwähnten Skeptiker eine Kritik der Erkenntnisfähigkeit des Menschen, die auch heute noch zumindest mitreflektiert werden sollte, allein schon wegen ihrer indirekten Kontinuität in anderen philosophischen Ansätzen, so etwa im Cartesianismus. Die Grundthese der Pyrrhonisten - von Plevris (2003, S. 181) bündig als „Absolute truth and absolute falsehood do not exist” zusammengefaßt - hat wissenschaftstheoretische Relevanz auch für den Konstruktivismus. Von Glasersfeld führt in der Tat eine Reihe von philosophiehistorischen Zeugnissen an, die von der Überzeugung, „daß wahres Wissen der realen Welt niemals erreicht werden kann” (von Glasersfeld 1997, S. 59), künden, und dies mittels einer „skeptischen Ahnenreihe” von Vorsokratikern wie Xenophanes oder des eben erwähnten Pyrrhon über Descartes, Berkeley, bis hin etwa zu Kant und Vaihinger (vgl. a. a. O., S. 56ff.).

Im 20. Jahrhundert hat die Skepsis gegenüber einem beobachterunabhängigen, vermeintlich objektiven Status wissenschaftlicher Erkenntnis Unterstützung durch die Ausbildung der Kybernetik erhalten. Während die Systemtheorie erster Ordnung sich noch primär mit der Regulation von Systemen - also in sich geschlossenen, abgrenzbaren, zugleich mit der Umwelt interagierenden Entitäten - und dem Ziel des Erreichens eines Gleichgewichts, einer Homöostase zwischen Sollwert und Istwert befaßt hat, also die „Regeln der Interaktion vernetzter Objekte, d. h. der Teile des Systems, die zu einem Gleichgewicht oder seinem Entgleisen führen” (Simon 2007, S. 19) fokussierte, rückt die Systemtheorie zweiter Ordnung „die Erforschung der Steuerung und Regelung des Verhaltens in den übergeordneten Systemen, die entstehen, wenn man den Beobachter mit einschließt (d. h. der Systeme, die aus beobachtetem System plus Beobachter bestehen)” (a. a. O., S. 41), in den Vordergrund. In einer gewissen Kontinuität der idealistischen Ansätze, doch neu orientiert durch die Theoriebildungen von Kybernetik und Autopoiese[2] auf die Notwendigkeit der Einbeziehung des Beobachters und die Absage an simple Kausalitätsmodelle in „nicht-trivialen Systemen”,[3] also nicht inhaltlich eindeutig voraussagbaren Ereignissen auf bestimmte Umgebungsbedingungen, sieht der Radikale Konstruktivismus jedwedes Wissen über die Welt als in dem welterlebenden Subjekt basiert an, und in der Tat als untrennbar von diesem:

[...]


[1] Wie der dem Sophismus gegenüber ablehnend eingestellte Platon Sokrates im Theaitetos die Lehre des Protagoras zusammenfassen läßt: „Er sagt nämlich, der Mensch sei das Maß aller Dinge, der seienden, wie sie sind, der nichtseienden, wie sie nicht sind. [] Nicht wahr, er meint dies so: Wie ein jedes Ding mir erscheint, ein solches ist es auch mir, und wie es dir erscheint, ein solches ist es wiederum dir. Ein Mensch aber bist du sowohl als ich.” (Platon 2010, S. 576)

[2] Es sei nur exemplarisch verwiesen auf Varelas Konklusion aus der These von organisatorischer Geschlossenheit und Autonomie eines Systems, die dazu führt, daß eine gegebene Struktur festlegt, „was das System konstituiert und wie es mit Störungen aus seiner Umwelt fertig wird; aber das System benötigt für seine Operationen keinen Bezug irgendwelcher Art zu Abbildungen oder Repräsentationen.” (Varela 1987, S. 131) Hier wird deutlich, daß das lebende, in sich geschlossene System zwar irgendartig affiziert wird, doch es selbst in sich die Differenzierungen trifft - „Das Nervensystem eines Beobachters erzeugt andauernd Unterscheidungen, von denen nur ein geringer Teil psychisch als Erfahrungen erlebt und ein geringerer Teil ,linguiert‘ bzw. in Beschreibungen umgesetzt wird.” (Ludewig 2005, S. 25)

[3] vgl. Simon 2007, S. 35ff. und von Foerster 2006, S. 62ff.

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Details

Titel
Wissenschaftstheoretische Implikationen des Radikalen Konstruktivismus
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V206201
ISBN (eBook)
9783656332039
ISBN (Buch)
9783656332442
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktivismus, Wissenschaftstheorie, Solipsismus, Relativismus, Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Erkenntnis, Erkenntnistheorie, Viabilität
Arbeit zitieren
Dr. Christian H. Sötemann (Autor:in), 2012, Wissenschaftstheoretische Implikationen des Radikalen Konstruktivismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206201

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