Elitenbildung. Eine Frage der sozialen Herkunft


Vordiplomarbeit, 2002

26 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eliten an sich
2.1 Dichotomisierung der Gesellschaft in Masse und Elite
2.2 Alles eine Frage der Macht
2.3 Elitenpluralismus und Einflussstruktur
2.4 Leistung und Erfolg

3 Sozialprofil der Eliten in Deutschland
3.1 Geschichtlicher Abriss
3.2 Eliten in BRD und DDR nach 1945
3.3 Theoretische und demokratische Forderungen
3.4 Vorteile gehobener sozialer Herkunft
3.5 Vergleich des Sozialprofils der Eliten 1981 und 1995

4 Bildung, soziale Herkunft und Elitestatus
4.1 Bedeutung von Bildung
4.2 Bildungsexpansion und Folgen
4.3 Bildung und soziale Ungleichheit
4.4 Zusammenhang von Elitezugehörigkeit, sozialer Herkunft und

Ausbildung

5 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„Who is who“, ursprünglich seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine Auflistung berühmter Zeitgenossen, ist zum Schlagwort für eine Gruppe von Personen geworden, die durch ihr Handeln einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft geleistet haben, der sie von der Masse abhebt. Die Tatsache, dass Nachschlagewerke dieser Art jährlich veröffentlicht werden, z.B. in Deutschland „Die 1000 größten Unternehmen“ von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, verdeutlicht das allgemeine Interesse an dieser elitären Klasse. Daher ist es kaum verwunderlich, dass die Elitenforschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften bereits zu einem speziellen Themengebiet geworden ist.

Dem Interesse daran, was diese Gruppe von den Mitmenschen in der Gesellschaft unterscheidet, wird nicht erst seit dem modernen Zeitalter mit der Tendenz zur Individualisierung nachgegangen: schon Niccolò Machiavelli beschrieb im 16. Jahrhundert in seiner Abhandlung „Der Fürst“ jene Eigenschaften, die ebendiesem die Stabilität seiner Herrschaft sichern sollen. 300 Jahre später legte Karl Marx in seinen Schriften dar, wie die Arbeiterklasse in einer Gesellschaft unter dem Primat der Ökonomie die Ausbeutung der Bourgeoisie beendet, die durch den Besitz der Produktionsmittel als die damalige Elite zu identifizieren ist. Eine Theorie zum sozialen Phänomen „Elite“ nimmt bei der ersten Gesellschaftsanalyse der deutschen Bevölkerung nach 1945, in Ralf Dahrendorfs „Gesellschaft und Demokratie“, bereits ein ganzes Kapitel ein. Der französische Klassiker der Soziologie, Pierre Bourdieu gehört mit seiner Theorie der „herrschenden Klasse“ und seinem 1982 erschienenem Buch „Die feinen Unterschiede“ bis heute noch zur Pflichtlektüre der Forscher, die sich mit dem Thema Elite beschäftigen. Die Potsdamer Elitestudie von 1995 und die drei Mannheimer Elitestudien von 1968, 1972 und 1981 als Forschungsarbeiten, auf deren empirische Daten sich Wissenschaftler heute berufen, zeigen die Bedeutung dieses Themas für eine Gesellschaft, die sich im Laufe der letzten 200 Jahre im wachsenden Maße ausdifferenziert hat, so dass eine eindeutige Aufteilung in soziale Schichten schwer fällt.

Bei meiner Arbeit zum Thema „Elitenbildung – eine Frage der sozialen Herkunft“ lag der Focus auf der Offenheit des Zugangs an die Spitze der Gesellschaft, was wie folgt dargestellt wird: im zweiten Kapitel werde ich den Begriff „Elite“ mit seinen wichtigsten Charakteristika definieren. Das Sozialprofil der Eliten in Deutschland wird anschließend in einem kurzen historischen Überblick, der Situation nach 1945 und heute dargestellt. Dabei wird auf die demokratischen Anforderungen einerseits und die Vorteile, die eine Person aufgrund ihrer gehobenen sozialen Herkunft genießt, eingegangen. Diese Bedingungen sind im Vorfeld zu einer Beantwortung der Fragestellung, ob die Elitenbildung von der sozialen Herkunft abhängig ist, zu klären. Im vierten Kapitel stelle ich aufgrund von einigen Studien einen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der Elitenrekrutierung dar, unter Berücksichtigung des Einflusses von Bildung. Abschließend wird in der Schlussbemerkung noch kurz auf drei weitere Aspekte zum Thema „Elite“ eingegangen.

2. Eliten an sich

2.1 Dichotomisierung der Gesellschaft in Masse und Elite

Bei ersten Eingrenzungsversuchen zum Thema „Elite“ und ihrer Positionierung in der Gesellschaft findet sich oft eine einfache Gegenüberstellung von Masse und Elite. Dabei werden dem ersten Begriff durchwegs negative Attribute, wie grob, diffus und gewöhnlich, zugeordnet, d.h. die Masse wird als ein irrationales Ensemble von Menschen aufgefasst. Im Gegensatz dazu wird die Elite als fein, sozial höhergestellt und einzigartig verstanden. Diese Dichotomisierung als Erklärungsversuch stellt allerdings eine extrem verkürzte Vorstellung von Gesellschaft dar, die deren Komplexität nicht gerecht wird: sie besteht nicht aus straff durchorganisierten Verhältnissen, sondern definiert sich durch einen vielschichtigen Reproduktionsprozess und einer Vielfalt an sozialen Beziehungen und Problemlagen. Durch die Industrialisierung und Demokratisierung, die zu enormen Bevölkerungswachstum und einer gestiegenen Binnen-wanderung geführt hat, wurde diese Komplexität noch einmal gesteigert. Somit stellt sich die Frage nach einer präziseren Definition der Eliten.

2.2 Alles eine Frage der Macht

In den Sozialwissenschaften herrscht allgemeiner Konsens darüber, dass die hervorstechendste Eigenschaft von Eliten deren Macht ist. Diese wird als die Chance angesehen, innerhalb einer sozialen Beziehung bestimmte Vorstellungen durchzusetzen und damit soziale Prozesse zu beeinflussen. Eliten sind Träger gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Macht, personifizieren daher die Entscheidungszentren, von deren Einfluss viele oder auch alle Mitglieder der Gesellschaft betroffen sind.

Zentrale Positionen dieser Art sind auf einen kleinen „elitären“ Kreis beschränkt, der in der Bundesrepublik Deutschland etwa 2000 Personen umfasst (Dahrendorf, 1965, S. 277). In seinem Modell sozialer Schichtung (s. Anhang 1) wird graphisch verdeutlicht, wie gering sich dieser Anteil von maximal einem Prozent an der Gesamtbevölkerung ausnimmt. Die Theorie der Ausübung von Macht einer kleinen Minderheit wurde schon von dem Florentiner Niccolò Machiavelli vertreten. Seine Auffassung von Herrschaft mit dem Ziel von Macht und Erhaltung der Privilegien - nicht aber (unbedingt) dem Wohl einer Gesellschaft - hat viele spätere Theoretiker beeinflusst. Der Sozialökonom Vilfredo Pareto ging davon aus, dass das Volk von einer Elite, d.h. einer ausgewählten Klasse regiert wird, die zu allen Zeiten und in allen Verhältnissen politische Macht ausübt, wobei dies als das Wesentliche einer Gesellschaft betrachtet wird. Allerdings sind die „Eliten (...) nicht von Dauer ... sie verschwinden unbestreitbar nach einer gewissen Zeit“. Deren Zirkulation, die einen Zustand andauernder Transformation bedingt, führt zu seiner Auffassung der Geschichte als einem „Friedhof der Eliten“[1]. Für Ralf Dahrendorf ist diese Zirkulationsrate Spiegel und Ursache für politische Instabilität in einer Gesellschaft (Dahrendorf, 1965, S. 253).

2.3 Elitenpluralismus und Einflussstruktur

Analog der Einteilung moderner Gesellschaften in verschiedene Funktionsbereiche wird der Einflussbereich der Elite ebenfalls in Sektoren unterteilt:

In der Wissenschaft besteht über diese Kategorisierung generell Einigkeit, jedoch variiert die individuelle Unterteilung, je nachdem, wie viel Einflussmöglichkeit den einzelnen Teileliten zugeordnet wird. Rainer Geißler als einer der bekanntesten Sozialstrukturanalytiker in Deutschland wendet das Gliederungsmuster Politik, Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Gewerkschaften, Massenmedien, Kultur, Wissenschaft und Militär an. Dagegen wurden in der Mannheimer Elitestudie von 1981 die Funktionsbereiche Politik, Verwaltung, Wirtschaftsunternehmen, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Massenmedien, Wissenschaft, Militär, Kultur und Sonstige (Justiz, Kirchen, Berufsverbände, kommunale Führungspositionen und Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher) unterschieden. Generell erkennbar ist eine weitgehende Übereinstimmung. Nur bei dem Sektor Wirtschaft und seiner Aufteilung in Subsektoren, sowie bei der Frage nach der Stellung von Kirche und Justiz herrscht im Vergleich mit weiteren Forschungsarbeiten, z.B. der Potsdamer Elitestudie von 1995, Uneinigkeit.

Aus dieser Kategorisierung der Elite in Deutschland folgt die Tatsache, dass man nicht von einer Spitz e, sondern nur von den Spitz en der Gesellschaft sprechen kann.

Der Elitenpluralismus zeichnet sich dadurch aus, dass die einzelnen Teileliten jeweils auf ihrem Gebiet hoch spezialisiert und relativ autonom sind. Eine Abschottung infolge eines zu radikal aufgefassten Pluralismus, die für die Gesellschaft negative und schädigende Folgen hervorrufen könnte, soll durch eine strukturelle Elitenintegration vermieden werden. Dabei kommt es über die verschiedenen Funktionsbereiche hinweg zu einer Zusammenarbeit, z.B. zwischen Politik und Wirtschaft.

Es liegt jedoch auf der Hand, dass sich durch die unterschiedliche Gewichtung der einzelnen Sektoren bei der Teilnahme an Entscheidungen eine gewisse Konkurrenzstellung ergibt: das Verhältnis zwischen den Funktionseliten ist nach Geißler von einem „pluralistischen Mit- und Gegeneinander“ (2000, S. 16) geprägt. Die Hierarchie unter den Teileliten ist nach der Größe des Einflussbereichs festgelegt: im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die politische Elite, die sowohl ihre staatlichen Aufgaben erledigt, als auch in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Teilbereichen aktiv beteiligt ist. Unmittelbar unter - oder auch neben - ihr wird die wirtschaftliche Elite eingeordnet, die je nach Auffassung noch einmal in verschiedene Subeliten aufgeteilt wird, die generell von dem Gegensatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geprägt sind. Im mittleren Bereich rangieren die Verwaltung, die Justiz, die Wissenschaft und die Massenmedien, wobei letztere aufgrund des Ausbaus des Kommunikationsnetzwerks in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen haben. In der Peripherie finden sich die Kultur, die in finanzieller Weise von anderen Sektoren abhängig ist, sowie das Militär u.a..

Durch die bevorzugte Stellung der Einflussnahme auf Prozesse in der Gesellschaft wird den Eliten gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen ein größerer Handlungsspielraum eingeräumt, der mit zunehmender Macht des Einzelnen oder des Funktionsbereiches wächst. Er kann allerdings nicht beliebig gedehnt und ausgereizt werden, da auch der Einflussbereich von jenen in den privilegierteren Positionen durch Regeln, die unsere Demokratie festigen, begrenzt ist und diese (zuviel) Machtmissbrauch verhindern.

2.4 Leistung und Erfolg

Als Indikatoren bzw. Voraussetzungen für die Zugehörigkeit zu einer der genannten Eliten gelten Leistung und der daraus resultierende Erfolg:

In Bezug auf das erste Merkmal ist es zum einen wichtig, dass es persönlich zurechenbar ist, d.h. die Individualität der geleisteten Arbeit betont wird. Zum anderen wird sie nur auf den Gebieten, die für die Gesellschaft wichtig und bedeutsam sind, angerechnet. Dabei wird auf die unter 2.3 Elitenpluralismus und Einflussstruktur genannte Aufgliederung in die verschiedenen Teilbereiche Bezug genommen, einem Anzeichen für den Pluralismus und die Differenziertheit der Gesellschaft, die nicht zuletzt auf der voranschreitenden Arbeitsteilung beruht. Durch das Betonen von Leistung wird die ökonomische Dominanz in der Ideologie der Moderne hervorgehoben.

[...]


[1] www.kgh-online.de/infoschul/projekt/haseluenne/oekonome/pareto.htm

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Elitenbildung. Eine Frage der sozialen Herkunft
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Soziologie)
Note
1.3
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V20622
ISBN (eBook)
9783638244510
ISBN (Buch)
9783638646819
Dateigröße
912 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elitenbildung, Frage, Herkunft
Arbeit zitieren
Dipl.-Soz. Sabine Lurz (Autor), 2002, Elitenbildung. Eine Frage der sozialen Herkunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20622

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