Das Bayerische Viertel in Berlin

Geeigneter Ort des Lernens, Erinnerns und Verstehens der Judenverfolgung?


Seminararbeit, 2011

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorgeschichte und Entstehung des Bayerischen Viertels
Vom Dorf Schöneberg zur Vorstadt von Berlin
Die Familie Haberland
Bayerische Atmosphäre und bauliche Fortschrittlichkeit
Die Einheitsgemeinde Groß-Berlin

Menschen im Bayerischen Viertel
Albert Einstein
Benedict Lachmann
Meta Alexander

Das Bayerische Viertel im Nationalsozialismus
Schulen im Bayerischen Viertel
Diskriminierung und Verfolgung der Juden

Bombenangriffe

Nachkriegszeit

Erinnerungskultur im Bayerischen Viertel
Orte des Erinnerns
Schulhofprojekt der Löcknitz-Grundschule
Stolpersteine

„Wir waren Nachbarn. Biographien jüdischer Zeitzeugen“

Spiegel der deutschen Geschichte

Fazit

Dokumentation des Arbeitsweges

Anhang
Fotos und Dokumente
Quellenverzeichnis

Vorwort

Das Bayerische Viertel liegt heute im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Eine offizielle Begrenzung des Viertels liegt nicht vor. Gudrun Blankenburg, Heimatpatriotin und Autorin, schreibt in ihrem Buch „Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg“: „ Es erstreckt sich westlich bis zur Bamberger Stra ß e und Kufsteiner Stra ß e, der Grenze zum Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Im Süden reicht das Viertel bis an die grüne Lunge des Rudolph-Wilde-Parks am Rathaus Sch ö neberg. Im Osten umschlie ß t es den Wartburgplatz, das Pestalozzi-Fr ö bel-Haus in der Karl-Schrader-Stra ß e und den Barbarossaplatz, um dann im Norden mit der Geisbergstra ß e wieder auf die Bamberger Stra ß e zu treffen. “ 1

In dem grünen Kiez findet man sowohl vierstöckige Häuser aus Zeiten der Weimarer Repub- lik2 als auch viele Neubauten, die erkennen lassen, dass die Bomben des 2. Weltkrieges auch das Bay- erische Viertel nicht verschont haben. Wenn man sich am Bayerischen Platz, dem Zentrum des Vier- tels, und in den umgebenden Straßen umsieht, fallen sie einem erst bei genauem Hinsehen auf: Die Schilder an den Laternenmasten, in 3 Metern Höhe angebracht, erinnern an den Prozess der gesell- schaftlichen Isolierung der Juden während des Nationalsozialismus. Fußgänger bleiben stehen und wundern sich, was das Bild auf der einen Seite des Schildes wohl bedeuten mag. Manche denken viel- leicht es sei Werbung und laufen weiter. Wenn sie sich jedoch umdrehen und die polizeiliche Verord- nung oder das Gesetz auf der anderen Seite lesen, verstehen sie, dass es sich um eine ganz besondere Art eines Denkmals handelt. Die Menschen werden zum Nachdenken angeregt und wenn sie ihren Weg durch das Viertel fortsetzen, werden ihnen weitere von den insgesamt 80 Schildern begegnen, die ein Teil der vielfältigen Erinnerungskultur im Bayerischen Viertel sind. Es ist eines der am besten dokumentierten Viertel in Berlin. Die Aufarbeitung der Geschichte ist u.a. dank der Museen Tempel- hof-Schöneberg und der Initiative vieler Anwohner sehr erfolgreich gelungen.

Dieses Stadtgebiet in Schöneberg spiegelt die Zeit des 20.Jahrhunderts wider und es gilt, in diesen Spiegel mit größter Aufmerksamkeit hineinzublicken und zu verstehen, was sich im letzten Jahrhundert in Deutschland bzw. in Berlin ereignet hat. Ob das Viertel ein geeigneter Ort des Erin- nerns, Lernens und Verstehens ist, wird nach einem umfassenden Blick in die Vergangenheit deutlich werden.

Vorgeschichte und Entstehung des Bayerischen Viertels

Vom Dorf Schöneberg zur Vorstadt von Berlin

Im Zuge des rasanten Wachstums Berlins und seiner Vororte gegen Ende des 19. Jahrhunderts war auch das einstige Dorf Schöneberg vor den Toren Berlins zu einer Stadt herangewachsen, die übergangslos mit dem Berliner Stadtgebiet verschmolzen war. „ Von 1875-98 wuchs die Bev ö lkerung unter dem Einflu ß [sic!] des » Zuges nach dem Westen « von 7500 auf das Zehnfache an. “ 3 Am 1. April 1898 wurde Schöneberg das Stadtrecht verliehen. Der erste Bürgermeister war Rudolph Wilde4, nach dem der Rudolph-Wilde-Park am Rathaus Schöneberg benannt ist. Immer mehr Menschen zogen nach Berlin und brauchten Wohnraum. Dieser war in den angrenzenden Gemeinden Schöneberg, Wilmersdorf oder Charlottenburg oft leichter und in besserer Qualität zu bekommen als in Berlin selbst. Hier gab es noch genügend freie Fläche für den Wohnungsbau. Teilweise entstanden ganze Wohnviertel neu, z. B. das Bayerische Viertel. Die Grundstückspreise in Schöneberg stiegen wegen der großen Nachfrage rapide an und durch geschicktes Verkaufen ihres Landes an Terraingesellschaf- ten oder Spekulanten gelang es einigen Bauern, ihre Kartoffelacker zu „vergolden“. Sie wurden zu so genannten Millionenbauern.

Schöneberg wurde reich, es war eine stolze liberale Stadt, die an der ehemaligen Reichsstraße 1, der heutigen Bundesstraße 1, lag und somit strategisch sehr wichtig war. Die R1 war die erste große Straße Preußens und führte von Aachen bis nach Königsberg, dem heutigen Kaliningrad in Russland.

Die Familie Haberland

Die jüdische Familie Haberland ist mit dem Bayerischen Viertel sehr eng verbunden. Sie war bis zur Judenverfolgung im Dritten Reich eine der bedeutendsten Familien Schönebergs. Als Salomon Haberland5 1870 mit seiner Frau Hanna und ihren drei Kindern nach Berlin zog, eröffneten sie zu- nächst eine Textilmanufaktur in der General-Pape-Straße 9 in Tempelhof, die ihnen viel Geld ein- brachte. So war es Salomon Haberland möglich, zahlreiche Grundstücke in Schöneberg und Tempel- hof zu kaufen, die er in Bauplätze aufteilte und an Bauunternehmer verkaufte, die wiederum die ferti- gen Häuser an Privatleute veräußerten. 1890 gründete der Investor Haberland mit Arthur Booth6 die Berlinische Bodengesellschaft. Ihre Söhne waren als Direktoren im Geschäft tätig. Als Arthur Booth Jr. starb, wurde Georg Haberland7 alleiniger geschäftsführender Direktor der BBG. Die Haberlands waren für den Aufbau und die Gestaltung wichtiger Stadtviertel in Schöneberg verantwortlich, bei- spielsweise für den Viktoria-Luise-Platz. Im Bayerischen Viertel plante und baute Salomon Haberland ab 1900 bis zum Kriegsbeginn 1914 gemeinsam mit seinem Sohn Georg. Zu seinem siebzigsten Ge burtstag, 1906, benannte die Stadt Schöneberg eine der schönsten Straßen im Viertel nach dem Bau- meister Salomon Haberland. Er verstarb zu Kriegsbeginn am 2.September 1914 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee begraben. Georg Haberland starb 1933, knapp zehn Monate nachdem Hitler mit seiner Partei an die Macht kam. Da die Berlinische Bodengesellschaft ein jüdisches Unternehmen war, geriet sie durch die Verordnungen gegen Juden unter Druck. Georg Haberlands Sohn Werner emigrierte rechtzeitig in die Schweiz, während dessen Bruder 1941 in das österreichische Konzentrationslager Mauthausen deportiert wurde, wo er starb.

Bayerische Atmosphäre und bauliche Fortschrittlichkeit

Georg Haberland prägte das Viertel, indem er seine Vorliebe für die mittelalterliche bayerische Bauweise in den Häusern verewigte. Daher hat das Viertel seinen Namen. Die einheitliche Bebauung nach Alt-Nürnberger Stil war jedoch auf Grund der vielfältigen Vorstellungen der verschiedenen Bauherren schwer realisierbar. Georg Haberland benutzte falsches Fachwerk8 und kleine Türmchen und zudem ließ er einen Brunnen vor seinem Wohnhaus in der Haberlandstraße 7 errichten, den Georgsbrunnen. Sein Wohnhaus wurde, wie viele andere Bauten im Bayerischen Viertel, im 2. Weltkrieg von Bomben zerstört. Auch in den Straßennamen findet man viele bayerische Städte wieder: u.a. Münchener Straße, Berchtesgadener Straße, Bamberger Straße, Rosenheimer Straße. So kam es, dass das Viertel im Volksmund den Namen „Klein-Nürnberg“ bekam.

Die Schönheit einer Straße war damals ein wichtiges Anliegen. Man hat für die Ewigkeit gebaut, denn im wilhelminischen Berlin war man der Auffassung, dass sich in den nächsten Jahrhunderten nichts verändern würde.9 An zwei Weltkriegen ist diese Gewissheit gescheitert.

Die Haberlands beabsichtigten, ein Viertel für gut betuchte Bürger entstehen zu lassen. Die Gegend war dafür gerade richtig, da die Nähe zur pulsierenden Großstadt der Weimarer Republik gegeben war und dennoch eine eher ruhige und gemächliche Atmosphäre ausstrahlte. Als große Vorteile des Viertels galten auf der einen Seite die direkte Nähe zum Nollendorfplatz mit dem vielfältigen Literatur- und Theaterleben10 und auf der anderen Seite die Nähe zum Kurfürstendamm mit dem Kaufhaus des Westens und Institutionen wie dem Romanischen Café an der Gedächtniskirche, welches für viele Intellektuelle und Künstler ein beliebter Treffpunkt war.11

Die Berlinische Bodengesellschaft hatte zwischen 1898 und 1908 auf bisher landwirtschaftlich genutzten Grundstücken auf eigene Kosten Straßen, Plätze und Versorgungseinrichtungen angelegt. Der Bebauungsplan für das Gelände sah Häuser mit vornehmen Fassaden, Vorgärten und großzügig geschnittenen Wohnungen mit meist zwölf Zimmern vor. Diese sollten zudem mit modernster Technik und hohem Komfort ausgestattet sein. Heute kann man dies immer noch sehen. Ein Beispiel dafür ist das Prachthaus in der Landshuter Stra- ße 15 mit seiner original grauen Fassade. Diese Farbe war damals nicht unüblich. Wegen der Verschmutzung durch die verwendete Kohle zum Heizen bot sich eine graue Farbe an. Über der Tür ist das Baujahr 1907 eingraviert. Im Hausflur fällt die Prächtigkeit auf (siehe Foto12 ) und man kann den für den Anfang des 20. Jahr- hunderts sehr fortschrittlichen Fahrstuhl und den Kamin bewundern.

Des Weiteren gab es, wie in vielen an- deren Häusern im Viertel, warmes Wasser, Gäs- tetoiletten und von Anfang an Zentralheizung, was etwas sehr Besonderes war. Zusätzlich gab es getrennte Aufgänge für die „Herrschaften“ und die Dienstboten. „ Auch die Anlage von Vorgärten, die dem Viertel bis heute seinen grünen Charakter verleihen, wurden im Grundbuch festgelegt. “13 Dieser hohe Standard zog viele Menschen des reich- gewordenen Mittelstandes an. Vom Kurfürstendamm zogen sie in das Bayerische Viertel, unter ihnen viele Wissenschaftler, Künstler, Literaten, renommierte Ärzte und Rechtsanwälte. Vor allem viele Juden, die vorher am Kurfürstendamm gewohnt haben, zogen in die neue noble Gegend. Die jüdischen Familien lebten meist seit mehreren Generationen in Deutschland und sahen sich als deutsche Staats- bürger jüdischen Glaubens.

Im Zentrum des Viertels lag der von Fritz Encke14 entworfene, 1908 fertiggestellte Bayerische Platz15, den die Berlinische Bodengesellschaft im selben Jahr der Stadt Schöneberg übergab. Die Aschaffenburger -, Landshuter -, Westarp-, Salzburger -, Innsbrucker - und die Meraner Straße verlaufen sternenförmig auf den Platz zu, während die Grunewaldstraße ihn kreuzt. Das Oval mit seinem Springbrunnen bietet auch heute noch sowohl Kindern als auch Erwachsenen eine grüne Lunge zum Spielen und Entspannen inmitten des Kiezes.16

Im Jahr 1908 wurde mit dem Bau einer U-Bahn für das Bayerische Viertel begonnen. In nur zwei Jahren war sie fertig. Jede Station sollte unter einem Prachtplatz liegen. Man konnte nun vom Nollendorfplatz über den Viktoria-Luise-Platz, den Bayerischen Platz, den Stadtpark (heute Rathaus Schöneberg) zur Hauptstraße (heute Innsbrucker Platz) gelangen. Am Bayerischen Platz ist nur ein

Eingang zur U-Bahn historisch erhalten. Er liegt an der Westarpstraße. Man kann noch heute die alten Sitzbänke und die mit blau weißer Farbe bemalten Wände sehen, die ebenfalls an Bayern erinnern. Albert Einstein, dessen Wohnhaus nicht weit von diesem Eingang entfernt war, ist dort oft eingestiegen, da er kein Auto besaß, um zu seiner Arbeit an der Preußischen Akademie der Wissenschaften an der Straße Unter den Linden zu fahren. Zusätzlich zur Untergrundbahn fuhren in der Grunewaldstraße auch Straßenbahnen und Omnibusse.

Die Einheitsgemeinde Groß-Berlin

Berlin brauchte nach dem Ende des 1. Weltkrieges dringend neuen Wohnraum. Das Stadtge- biet der Reichshauptstadt beschränkte sich zu dieser Zeit auf das Gebiet der heutigen Bezirke Mitte, Tiergarten, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg. Die große Wohnungsnot war auch im Bayerischen Viertel zu beklagen. Wohnungen, die zuvor aus großzügigen zwölf Zimmern bestanden, wurden geteilt, sodass zwei Wohnungen mit jeweils sechs Zimmern zur Verfügung stan- den. Zudem wurde für Berlin und seine Vororte eine gemeinsame Verwaltung gefordert. Es entstand der ehrgeizige Plan, die umliegenden Städte und Dörfer mit Berlin zu einer riesigen Stadtgemeinde zusammenzuschließen. Schöneberg wurde schließlich im Jahr 1920 zu Groß-Berlin eingemeindet und lag damit von einem Tag auf den anderen nicht mehr am Stadtrand, sondern mitten in der Großstadt. Die Hauptstadt des Deutschen Reiches umfasste nun acht Städte, 59 Landgemeinden, 27 Gutsbezirke mit insgesamt fast vier Millionen Einwohnern und war nach New York und London die drittgrößte Stadt der Welt.17

Menschen im Bayerischen Viertel

Das Leben im Bayerischen Viertel war beschaulich, aber dennoch großstädtisch. Es entwickel- te sich schnell zu einem Anziehungspunkt für viele Menschen des öffentlichen Lebens wie u.a. die Fotografin Gisèle Freud, den Philosophen Walter Benjamin, Schriftsteller wie Egon Erwin Kirsch, Kurt Tucholsky, Nelly Sachs und Gottfried Benn, Wissenschaftler wie Albert Einstein, Erich Fromm, George Mosse und die Sozialwissenschaftlerin Alice Salomon. Dabei dürfen auch die unbekannteren Menschen wie Benedict Lachmann, der mit seinem Buchladen bei den Anwohnern sehr geschätzt war, oder Meta Alexander, die ihr gesamtes Leben in Bayerischen Viertel verbracht hat, nicht vergessen werden. Da hier nicht alle detailliert aufgeführt werden können, habe ich eine Auswahl getroffen. Die drei nachfolgenden Lebensläufe von Juden zeigen beispielhaft wie das alltägliche Leben im Viertel vor und während der Zeit des Nationalsozialismus ablief und mit welchen verschiedenen Weltan- schauungen die Menschen versuchten, ihr Leben zu meistern.

Albert Einstein

Der wohl bekannteste Bewohner des Bayerischen Viertels war Albert Einstein. Sein ehemals vierstöckiges Wohnhaus aus der Gründerzeit in der Haberlandstraße 5 (heute 8), wo er von 1918

Einsteins Wohnhaus18 und ein Balkon des Neubaus19 bis zu seiner Emigration im Jahr 1932 in einer 7-Zimmer-Wohnung lebte20, wurde im Krieg zerstört. Heute steht dort ein gelblich verputztes Mietshaus, vor dem ein Gedenkstein an den jüdischen Wissen- schaftler erinnert. Zusätzlich haben die heutigen Bewohner des Neubaus an der Stelle, an der sich Einsteins Wohnung in etwa befand, eine große Fahne vor den Balkon gehangen, auf welcher man ein Bild Einsteins sowie seine bahnbrechende Formel E = mc² sehen kann.21 Dies ist Erinnerungskultur im kleinen Rahmen ohne großen Aufwand, die dennoch ihren Zweck erfüllt: Wenn man vor dem Haus steht, kann man sich Einstein vorstellen, wie er im Jahr 1921 in seiner Wohnung im vierten Stock von seiner Wahl zum Nobelpreisträger für Physik erfuhr oder wie er zahlreiche Gäste empfing, unter ihnen Charlie Chaplin, Max Liebermann, Otto Hahn, Franz Kafka, Carl von Ossietzky, Heinrich Mann, Max Planck und viele andere bedeutende Menschen der Weimarer Republik.22 Der Wissenschaftler Ein- stein lebte dort mit seiner zweiten Frau Elsa, nachdem er sich 1919 von seiner ersten Frau Mileva Ma- ric getrennt hatte. Um sich von seinen Forschungen zu erholen, wurden hin und wieder kammermusi- kalische Treffen in seiner Wohnung veranstaltet, bei denen Einstein anspruchsvolle Geigenpartien zum Besten gab. Gisèle Freud23, die im Haus gegenüber in der Haberlandstraße 7 wohnte, erinnerte sich daran, dass Einstein „ am Bayerischen Platz ( … ) des Ö fteren Bonbons verteilte. “24 Gudrun Blan- kenburg beschreibt den Physiker als „ ganz schlicht, ganz unauffällig. Im langen, grauen Mantel und mit seinem typischen schwarzen Hut. “ 25 Er unterstützte die Ideen des Zionismus und engagierte sich als Kriegsgegner. Auf Anregung der Internationalen Kommission für geistige Zusammenarbeit führte er 1932 einen Briefwechsel mit Sigmund Freud26 zum Thema Krieg. Bereits ein Jahr später wurden diese Briefe in drei Sprachen unter dem Titel „Warum Krieg?“ veröffentlicht. Das nationalsozialisti- sche Regime verbot jedoch die Verbreitung in Deutschland. Die Ideologien, die Hitlers Partei vertrat, kommentierte Einstein in einer Rede in London im Oktober 1933 wie folgt: „ Wenn in einem Land Menschen nur dadurch zur Macht gelangen, dass sie dem Volke Hass und Vergeltung predigen, dann bedeutet es eine schwere Gefahr für den Frieden der Nationen, ganz unabhängig davon, ob diese zur Macht gelangten Menschen den Krieg anstreben oder nicht. ( … .) “27 Nachdem Einstein nach Amerika emigriert war, wurde sein Vermögen konfisziert. Sein Geld hatte er größtenteils bei der Dresdner Bank am Bayerischen Platz angelegt. Die Filiale, die Einstein regelmäßig besuchte, befindet sich auch heute noch dort: im Neubau der Hochtief AG am Bayerischen Platz 1.28 Er starb am 18.April 1955 mit 76 Jahren in Princeton in den USA.

Benedict Lachmann

Der Schriftsteller und Verleger Benedict Lachmann eröffnete 1919 einen Buchladen am Baye- rischen Platz 13/14. Dort steht heute auf Grund von Kriegsschäden ein Neubau und lediglich ein Stol- perstein, der am 5. August 2011 dort verlegt wurde, erinnert noch an den jüdischen Ladenbesitzer29. Heute befindet sich der Buchladen in der Grunewaldstraße 59 und wird von Christiane Fritsch-Weith sehr engagiert und im Sinne von Lachmann weitergeführt. Seit der Eröffnung trifft man sich in jenem Buchladen zum Schmökern, Lesen und Beraten werden. Benedict Lachmann kannte seine Bücher und war sehr hilfsbereit bei der Auswahl geeigneter Lektüre. Zu seinen Kunden zählten u.a. Albert Ein- stein, Gottfried Benn und Curt Riess.30 Er brachte zudem die Zeitschrift „Der individuelle Anarchist“ heraus, um seine Theorien und Philosophien zu verbreiten. Lachmann gehörte zu den Mitbegründern der seit August 1919 bestehenden „Vereinigung individualistischer Anarchisten“ (später „Stirner- Bund“).31

Seine Einstellung wird als „ radikal-libertär, anarchistisch mit pazifischer Grundhaltung “ beschrie- ben.32

Im Buchladen am Bayerischen Platz wurden auch nach der Bücherverbrennung am 10.Mai 1933, die im Zuge der Aktion „wider dem undeutschen Geist“ stattfand, noch Bücher angeboten, die den Idealen der Nationalsozialisten nicht entsprachen. So konnte er zum Widerstand gegen Hitler bei- tragen. Im April 1937 verkaufte Lachmann seinen Laden an den langjährigen Angestellten Paul Behr, dem Lachmann aus Gesundheitsgründen schon seit Beginn der 30er Jahre mehr und mehr die Ge- schäftsleitung überlassen hatte. Am 18. Oktober 1941 wurde Lachmann abgeholt und in das Ghetto von Lodz/Litzmannstadt in Polen deportiert. Dort starb er am 04. Dezember 1941 in Folge der men- schenunwürdigen Umstände.33 Seine Bücher wurden jedoch weiterhin am Bayerischen Platz verkauft, zunächst in der Württembergischen Straße in der Wohnung von Paul Behr, anschließend am Bayeri- scher Platz 6 und ab ca. 1950 in der Grunewaldstraße, wo der Laden bis heute zu finden ist. Der Thea- ter- und Filmkritiker Curt Riess, der Kunde Lachmanns war, beschreibt jenen Literaturkenner später in seinen Lebenserinnerungen: „ ziemlich gro ß , eher hager, ( … ) leicht gebeugt, trug sein schwarzes Haar absichtlich unordentlich, sozusagen künstlerisch. “34

Meta Alexander

Meta Alexander gehört zu den Menschen, die ihr gesamtes Leben bis auf kurze Ausnahmen im Bayerischen Viertel verbrachten und deshalb sehr eng mit den Straßen, Plätzen, Läden und Men- schen verbunden sind. Sie wurde am 14. Juli 1924 in Berlin geboren und lebte bis 1933 mit ihren El- tern und Großeltern in einer großzügigen Wohnung in der Haberlandstraße 12 (heute Treuchtlinger Straße). „ Judentum war für die Familie [des Vaters] eine Frage der Religion, nicht der Nation, sie fühlten sich als deutsche Staatsbürger. “ 35 Die Alexanders waren nicht die einzigen, die dies von sich behaupteten. Der Großteil der Juden sah sich ohne Zweifel als deutsche Staatsbürger. In Betracht des- sen, ist es umso schrecklicher, dass sie von den Nationalsozialisten aus dem alltäglichen Leben ausge- grenzt wurden und als „niedere Rasse“ bezeichnet wurden. Metas jüdischer Vater trat jedoch bei der Heirat seiner Frau Käte der Katholischen Kirche bei, sodass auch Meta katholisch erzogen wurde. Dadurch konnte sie den ab 1933 erlassenen Gesetzen gegen Juden entgehen und wurde auch vor einer Deportation bewahrt. Eine solche Mischehe mit Kindern, die nichtjüdisch erzogen worden waren, sahen die Nationalsozialisten als „privilegierte Ehen“ an.

Ein Kindheitserlebnis, welches Meta gut in Erinnerung geblieben ist, fand an ihrer Grundschu- le in der Berchtesgadener Straße statt, wo sich heute die Löcknitz-Grundschule befindet. Damals hieß sie noch 14. Volksschule.

[...]


1 Blankenburg, Gudrun: Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg, Leben in einem Geschichtsbuch, S.10, Hendrik Bäßler Verlag, 2. Überarbeitete Auflage, 2011.

2 Siehe Anhang, Fotos und Dokumente, 1.

3 Kurt Pomplun: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Berlin Brandenburg, S. 94, Hrsg. Gerd Heinrich, Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1985.

4 Rudolph Wilde: 1857 - 1910.

5 Salomon Haberland: 1836 - 1914.

6 Arthur Booth: 1840 - 1916.

7 Georg Haberland: 1861 - 1933.

8 Siehe Anhang, Fotos und Dokumente, 2.

9 Vgl. Hugues, Pascale; Stollowsky, Christoph, „Die Zeitreisende aus Schöneberg“, Der Tagesspigel, Nr.20 979 vom 18.05.2011, S.11.

10 Mittelpunkt des kulturellen Lebens am Nollendorfplatz war das Theater „Metropol“ (heute Goya).

11 Das Haus, in dem das Romanische Café 1916 eröffnete, wurde am Kurfürstendamm 238 (heute Budapester Straße 43) von Franz Schwechten errichtet und im November 1943 bei einem Bombenangriff zerstört.

12 Eig. Foto.

13 Eilenberg, Thomas: http://www.haberlandstrasse.de (Stand: 11.10.2011).

14 Friedrich August Ernst Encke, genannt Fritz En>

15 Siehe Anhang, Fotos und Dokumente, 3.

16 Ebd., 4.

17 Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/1920/ (Stand: 10.10.2011). 6

18 http://www.mensch-einstein.de/biografie/biografie_jsp/key=3023/mkey=3564.html (Stand 29.09.2011).

19 Eig. Foto.

20 Vgl. Blankenburg, Gudrun: Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg, Leben in einem Geschichtsbuch, S.55, Hendrik Bäßler Verlag, 2. Überarbeitete Auflage, 2011.

21 E = mc² war ein Nachtrag zu Einsteins 1905 veröffentlichten Speziellen Relativitätstheorie. Die Masse (m) kann demnach als konzentrierte Form von Energie (E) betrachtet werden, verbunden durch das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit c. (Vgl. http://www.stern.de/wissen/natur/e-mc178-die-beruehmteste-formel-der-welt- 521119.html, Stand: 10.10.2011).

22 Vgl. Blankenburg, Gudrun: Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg, Leben in einem Geschichtsbuch, S.57, Hendrik Bäßler Verlag, 2. Überarbeitete Auflage, 2011.

23 Gisèle Freud: 1908 - 2000; deutsch-französische Fotografin, Fotohistorikerin.

24 John, Claudia; Federspiel, Ruth: Katalog der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ über Albert Einstein, , 2005.

25 Hugues, Pascale; Stollowsky, Christoph, „Die Zeitreisende aus Schöneberg“, Der Tagesspigel, Nr.20 979 vom 18.05.2011, S.11.

26 Sigmund Freud: 1856 - 1939; Arzt, Psychologe, Religionskritiker und Begründer der Psychoanalyse.

27 John, Claudia; Federspiel, Ruth: Katalog der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ über Albert Einstein, 2005.

28 Die Commerzbank hat die Dresdner Bank im Januar 2009 übernommen.

29 Siehe Anhang, Fotos und Dokumente, 5.

30 Vgl. http://buchladen-bayerischer-platz.de/ (Stand 02.10.2011).

31 Benannt nach Max Stirner: 1806 - 1856; deutscher Philosoph, Journalist.

32 Vgl. Panifilowitsch, Jurij; Ladwig-Winters, Simone: Katalog der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ über Benedict Lachmann, 2010.

33 Vgl. http://buchladen-bayerischer-platz.de (Stand 02.10.2011).

34 Riess, Curt: Das war ein Leben! Erinnerungen, Frankfurt/M., Berlin 1990, S.72 in: Panifilowitsch, Jurij; LadwigWinters, Simone: Katalog der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ über Benedict Lachmann, 2010.

35 Schröter, Ursula: Katalog der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ über Meta Alexander, 2005.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Bayerische Viertel in Berlin
Untertitel
Geeigneter Ort des Lernens, Erinnerns und Verstehens der Judenverfolgung?
Hochschule
Schadow Gymnasium Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V206278
ISBN (eBook)
9783656336563
ISBN (Buch)
9783656336754
Dateigröße
1983 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bayerisches Viertel, Judenverfolgung, Schöneberg, Geschichte Berlins, Berliner Denkmäler
Arbeit zitieren
Vanessa Wannicke (Autor), 2011, Das Bayerische Viertel in Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206278

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