Vergleich von Allison Modell III und Putnams Two-Level-Game


Essay, 2012
8 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Wortzahl: 1656 Wörter

Die Außenpolitikanalyse ist durch eine Vielzahl teils komplementärer, teils gegensätzlicher Analyseansätze gekennzeichnet, von denen Graham Allisons „Bureaucratic Politics“-Modell III (1971) und Robert Putnams „Two-Level Game“ (1988) eine breite, aber nicht unkritische Würdigung erfuhren.

Beide Ansätze versuchen im Gegensatz zur realistischen Schule der Internationalen Beziehungen, die von Staaten als einheitlichen Akteuren ausgeht, die „Blackbox“ des Staates zu öffnen, damit die Entscheidungsprozesse verschiedenster Akteure innerhalb des Staates analysiert und Aussagen über ihren Einfluss getroffen werden können.

Dieser Essay möchte jedoch nicht der Frage nachgehen, welche konkreten Akteure auf welche Art und Weise Einfluss in Entscheidungsprozessen besitzen, sondern die Konzepte von Allison und Putnam hinsichtlich ihrer Fähigkeit vergleichen, die verschiedenen Akteure im außenpolitischen Entscheidungsprozess konzeptuell zu fassen. Dies bedeutet also, dass Allisons Modell III und Putnams Zwei-Ebenen-Ansatz sowohl von der theoretischen Ausgestaltung als auch von der praktischen Anwendbarkeit in der Lage sein müssen, verschiedenste Akteure in ihre Modelle einzubeziehen.

Relevant dabei ist, welche konkreten Akteure überhaupt erfasst werden sollen. Grundsätzlich können wir als relevanten Akteur eine Person oder eine Gruppe von Personen definieren, die ein Interesse daran hat, die Außenpolitik eines Staates im ihren Sinne zu beeinflussen und die nötigen Mittel dazu besitzt. Während ein außenpolitischer Think-Tank also zu den relevanten Akteuren zu zählen ist, kann man einen interessierten Laien, der über Außenpolitik bloggt, nicht zu diesen relevanten Akteuren zählen.

Der Hauptteil dieses Essays wird eingeleitet durch eine kurze Einführung in die Modelle von Allison und Putnam, um danach anhand drei verschiedener Gesichtspunkte vergleichend zu untersuchen, wie die als relevant definierten Akteure im außenpolitischen Entscheidungsprozess konzeptuell gefasst werden. Zuerst untersuche ich, wie die Modelle die Akteure theoretisch zu fassen versuchen. Danach gilt es zu untersuchen, welche Akteure die Modelle konkret einbeziehen. Letztlich muss noch die Frage beantwortet werden, ob sich das theoretische Modell jeweils auch in der praktischen Anwendung als tauglich erweist, wonach ein Fazit gezogen und das Ergebnis kritisch gewürdigt wird.

Dieses sieht so aus, dass beide ungenügend, Graham Allisons Modell III aus theoretischer Sicht jedoch grundsätzlich leicht fähiger als Robert Putnams „Two-Level Game“ scheint, die Akteure im außenpolitischen Entscheidungsprozess konzeptuell zu fassen. Die widersprüchliche empirische Evidenz beider Modelle weckt weiterhin den Anschein, dass keines dieser Modelle die Realität abbilden kann, sondern allenfalls nur einen kleinen Teil in bestimmten Situationen.

Als Klassiker der Außenpolitikanalyse gilt gemeinhin Graham Allisons (1971) „Bureaucratic Politics“-Ansatz (Welch 1992: 112-114), dessen drittes und auch komplexestes Modell hier untersucht wird, das sich in einem „hauling and pulling“ um Einfluss durch verschiedenste Akteure äußert (Garrison 2003: 178-179). In „Essence of Decision“ (1999) setzte Allison sich mit Kritik an seinem Werk auseinander, konnte aber nicht alles davon ausräumen.

Das dem „Bureaucratic Politics“-Ansatz vergleichend gegenübergestellte „Two-Level Game“ von Robert Putnam (1988) ist nicht als gegensätzliches, sondern komplementäres, spieltheoretisch inspiriertes Modell zu betrachten, das mit Verweis auf dem Gipfel von Bonn von 1978 die Aussage trifft, dass Innen- und Außenpolitik - also zwei Ebenen - miteinander eng verwoben sind (Putnam 1988: 427). Über inländische Verhandlungen können Bedenken relevanter Akteure aufgegriffen werden, nach denen sich dann außenpolitische Entscheidungen richten. Diese Idee stammt ursprünglich von Schelling (1960), der davon ausging, dass außenpolitische Akteure in Verhandlungen durch inländische Akteure beschränkt werden was je nach Situation positiv oder negativ sein kann (Butler 2004: 159) und wurde vor allem in spieltheoretischer Hinsicht von einigen Wissenschaftlern weiterentwickelt (Butler 2004: 160). Zentral sind dabei „Win-Sets“,

Entscheidungsspielräume, die Verhandlungsprozesse bestimmen und sich aus den innenpolitischen Möglichkeiten und außenpolitischen Realitäten ergeben. Dabei kann ein enges „Win-Set“ einen Verhandlungsvorteil bieten, da man nicht in verschiedene Richtungen getrieben werden kann und sich bei Bedarf auf die Unmöglichkeit der Umsetzung der gegnerischen Position herausreden kann (Gaisbauer2005: 299).

Nach diesem Überblick über die beiden Ansätze gilt es nun zu untersuchen, wie sie die Akteure im außenpolitischen Entscheidungsprozess zu fassen versuchen. Während der Zwei-Ebenen-Ansatz einer räumlichen Modellierung folgt (Butler 2004: 159), tut dies Allisons Modell III nur bedingt, indem der theoretische Ansatz in einer Zeichnung dargestellt wird. Diese ist gekennzeichnet durch einen Blick in eine nationale Regierung, in der verschiedene Spieler in verschiedensten Positionen um verschiedene Ziele, Interessen und Anteile ringen. Wichtig sind dabei die Faktoren Macht und „Action Channels“, die mit dazu führen, dass Regierungshandeln als politisches Ergebnis verstanden wird. Man kann diesem Modell also wie Putnams „Two-Level Game“ eine gewisse Dynamik zusprechen, da sie den Staat nicht neorealistisch als statischen und einheitlichen rationalen Akteur sehen (Lantis 2005: 386), was jedoch einige Analysten (Hollis und Smith 1986, Perlmutter 1974, Steiner 1977) bei Allison und Li im Falle Putnams bezweifelt, da dessen Ansatz einzig Wert auf die Rolle von Staatsmännern lege (Li 2005: 41).

Konzeptueller Hauptunterschied ist, dass bei Putnam drei verschiedene Handlungsebenen existieren - die internationale, nationale und bedingt die individuelle - während Allison die Regierung auf einer einzigen Ebene betrachtet. Während bei Allison eher das Ringen um gegensätzliche Interessen in einer Art Wettbewerb in der Arena des Staates im Vordergrund steht, konzentriert sich

Putnam auf Kooperation durch Verhandlungsprozesse, die zwischen den jeweiligen Ebenen stattfinden. Bei Putnam stellt sich deshalb das ungelöste Problem, wie die Ebenen heuristisch sauber abzutrennen sind, da zum Beispiel im Falle eines bevorstehenden EU-Beitritts eines Staates dieser einerseits international verhandeln müsste, gleichzeitig aber auch die Bevölkerung auf anstehende Beitrittsreferenen vorbereiten sollte (Gaisbauer 2005: 297).

Ein weiteres Problem ist die fehlende Berücksichtigung von transgouvermentaler, transnationaler und „cross-level“ Interaktion sowie von zwischenstaatlichen Bündnissen (Knopf 1993: 599), die durch den von Jeffrey Knopf (1993) entwickelten „Drei und Drei“-Ansatz gelöst werden sollen (Knopf 1993: 600).

Diese Probleme stellen sich bei Allisons Modell III nur bedingt, welches jedoch seinerseits durch fehlende Betrachtung der Effekte von Handlungen (Art 1973, Perlmutter 1974, Steiner 1977), durch ungenügende Annahmenspezifizierung und Hypothesennachprüfbarkeit (Art 1973, Bendor und Hammond 1992) und durch mangelhafte Anwendungsmöglichkeit auf USA-fremde Länder kritisiert wird (Caldwell 1977, Wagner 1974). Außerdem zieht es psychologische Aspekte in Gruppen nicht in Betracht (Garrison 2003: 178-179). Da es jedoch in der Lage ist, die verschiedenen Akteure besser voneinander abzugrenzen, kann man Allisons Modell III einen kleinen Vorsprung hinsichtlich der konzeptuellen Fassung gegenüber Putnams Zwei-Ebenen-Ansatz einräumen.

Nachdem nun klar ist, dass beide Modelle konzeptuell nur bedingt realistisch sind, stellt sich die Frage, welche Akteure die Modelle überhaupt fassen. Anfangs wurden relevante Akteure dabei eingegrenzt als Personen, die Interesse und die dazu notwendigen Mittel besitzen, die Außenpolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass beide Modelle in etwa die gleichen Individuen und Organisationen konzeptuell erfassen, wobei Allison im Sinne seiner „Bureaucratic Politics“ mit seinem Modell III vor allem die Rolle der Bürokratie zu analysieren versucht. Putnam hingegen legt hohen Wert auf die Rolle eines außenpolitischen Staatsmannes (Li 2005: 41), der, im Sinne einer Prinzipal-Agent-Beziehung (Mo 1995: 914), zur Festlegung außenpolitischer Entscheidungsspielräume innenpolitisch mit einer Vielzahl an Interessengruppen zu verhandeln hat, während bei Allison ein außenpolitischer Staatsmann sich grundsätzlich nicht in einer höheren Machtposition befindet, sondern auf Augenhöhe mit anderen Interessengruppen konkurriert, die jede ihre ganz eigene Auffassung vom nationalen Interesse haben (McGinnis und Williams 1993: 32). Interessant sind darüber hinaus Diskrepanzen bei der Erfassung der öffentlichen Meinung: so zeigt sich bei Anwendung des Zwei-Ebenen-Ansatzes, dass in Zeiten großer Krisen wie dem Kuba-Konflikt die mobilisierte öffentliche Meinung die von Lobby­Gruppen übertrifft, die ihrerseits ansonsten Veto-Macht gehabt hätten (LeoGrande 1998: 83).

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Details

Titel
Vergleich von Allison Modell III und Putnams Two-Level-Game
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Routinierte Außenpolitik? Die Rolle der Verwaltung im außenpolitischen Entscheidungsprozess.
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
8
Katalognummer
V206299
ISBN (eBook)
9783656332794
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Außenpolitikanalyse, Internationale Beziehungen, Allison, Putnam, Two-Level-Game, Bureaucratic Politics
Arbeit zitieren
Christoph Heuermann (Autor), 2012, Vergleich von Allison Modell III und Putnams Two-Level-Game, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206299

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