Russlanddeutsche Schamkultur im Konflikt mit der deutschen Schuldkultur

Warum russlanddeutsche Christen nur schwer Deutsche in ihren Gemeinden integrieren können


Essay, 2012
139 Seiten

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Inhaltsübersicht

Einleitung

1 Historisch-konfessioneller Hintergrund
1.1 Geschichtsperioden
1.1.1 Periode des Aufbaus
1.1.2 Periode des Höchststandes
1.1.3 Periode der Auflösung
1.1.4 Periode der Neuorientierung
1.1.5 Periode der Auswanderung
1.2 Die konfessionellen Gruppierungen
1.2.1 Römisch-katholische Kirche
1.2.2 Evangelische Gemeinden
1.2.3 Mennoniten
1.2.4 Deutscher Baptismus
1.2.5 Evangeliumschristen
1.2.6 Russischer Baptismus
1.3 Das Gemeindeleben nach dem zweiten Weltkrieg
1.3.1 Die Frauen als Trägerinnen des Gemeindelebens
1.3.2 Die Eingliederung in die neue Kirchenlandschaft
1.3.3 Die Entstehung der Untergrundkirche
1.4 Russlanddeutsche in Deutschland – Ein Überblick
1.4.1 Statistische Angaben zu den Aussiedlerzahlen
1.4.2 Konfessionszugehörigkeit der Russlanddeutschen
1.4.3 Überregionale Strukturen der russlanddeutschen Freikirchen
1.4.3.1 Der mennonitische Flügel
1.4.3.2 Der baptistische Flügel
1.4.3.3 Der gemischte Flügel

2 Theologischer Hintergrund
2.1 Die Heilige Schrift als Autorität und Maßstab für Lehre und Leben
2.2 Selbständigkeit der Ortsgemeinden
2.3 Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen
2.4 Gewissensfreiheit
2.5 Trennung von Kirche und Staat

3 Russlanddeutsche schamorientierte Kultur im Konflikt mit deutscher schuldorientierten Kultur
3.1 Theoretische Reflektionen
3.1.1 Begriffsklärungen und Definition von Kulturen
3.1.2 Schamorientierte Kultur versus schuldorientierte Kultur
3.1.3 Vergleich beider Kulturen
3.1.4 Russlanddeutsche Freikirchen in der Spannung zwischen beiden Kulturen
3.1.4.1 Kulturell-religiöser Einfluss der Schamkultur auf die russlanddeutschen Freikirchen
3.1.4.2 Kulturell-christlicher Einfluss der Schuldkultur auf die Russlanddeutschen Freikirchen
3.2 Praktische Implikationen
3.2.1 Die Schamkultur als Hindernis für die evangelistisch-missionarischen Bemühungen unter der westdeutschen Bevölkerung
3.2.2 Schamkultur als Hindernis für die evangelistisch-missionarische Zusammenarbeit mit einheimischen Christen
3.2.3 Schamorientierung als evangelistisch-missionarischer Vorteil in Schamkulturen
3.2.4 Praktische Vorschläge für eine fruchtbare evangelistisch-missionarische Zusammenarbeit zwischen den Vertretern beider Kulturen

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Zum Autor

Einleitung

Deutschland zählt immer noch zum christlichen Abendland. Doch nicht nur den Kirchen und Freikirchen, sondern auch den Soziologen und Gesellschaftskritikern ist aufgefallen, dass wir in einer Zeit der Entkirchlichung leben. Unser Land und der ganze westliche Kulturkreis befinden sich in einem Prozess des moralischen Zerfalls. Die Finanzkrise im Herbst 2008 und die Krawalle im Sommer 2011, die Großbritannien wie ein Flächenbrand überschatteten, riefen nicht nur Kirchenvertreter, sondern auch Politiker auf den Plan, die den Verlust von christlichen Werten als Ursache für diese gesellschaftlichen Katastrophen verantwortlich machen. Der Ruf zurück zum christlichen Erbe Europas ist nicht zu überhören. Angesichts dieser Entwicklungen sind Christen und ihre Einrichtungen herausgefordert, die kirchendistanzierte Gesellschaft mit der christlichen Botschaft und ihren ethischen Werten zu erreichen.

Die Notwendigkeit, kirchendistanzierte Menschen mit der christlichen Botschaft zu erreichen, ist eine Herausforderung, mit der sich die Landes- und Freikirchen nicht erst nach den tragischen Ereignissen der letzten Jahre oder Monate beschäftigen. Schon viel früher haben sich Vertreter der Kirchen und Missionswissenschaftler intensiv mit dem Thema Evangelisation und Mission im postchristlichen Europa beschäftigt. Ob es Deutschland und Europa gelingen wird, zu ihren christlichen Wurzeln zurückzukehren, bleibt abzuwarten.

Mit diesem Thema beschäftigte sich im Herbst 2007 ein Forum, zu dem ich als Referent eingeladen wurde. Meine Aufgabenstellung war, die Ursachen herauszufinden, wieso russlanddeutsche Christen, die sonst evangelistisch und missionarisch sehr aktiv sind und an den Wochenenden überfüllte Gottesdienste haben, nicht in der Lage sind, ihre kirchendistanzierte Mitbürger mit der christlichen Botschaft zu erreichen. Je intensiver ich mich mit diesem Thema beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass die Antwort auf diese Frage in ihrer schamorientierten Kultur zu finden ist, die im Konflikt zur schuldorientierten deutschen Kultur steht.

Die Ergebnisse meiner Untersuchungen fanden einen großen Anklang bei meinen Landsleuten. Oft hörte ich folgende Bemerkungen: „Nun weiß ich, wieso wir so sind, wie wir sind. Ich verstehe nun auch, warum wir nicht so gut mit den einheimischen Christen in Deutschland zurechtkommen.“ Immer wieder wurde ich ermutigt, meine Schlussfolgerungen einem breiten Publikum zur Verfügung zu stellen, was ich nun mit dieser Veröffentlichung erreichen möchte.

Um die Unterschiede zwischen der russlanddeutschen Schamkultur und der deutschen Schuldkultur leichter zu verstehen, ist ein Einblick in den historisch-theologischen Hintergrund der russlanddeutschen Christen sehr hilfreich. Diese Aufgabe wird bewältigt, indem im ersten Kapitel zuerst der historische und konfessio­nelle Rahmen skizziert wird. Im zweiten Kapitel folgen die theo­logischen Prinzipien, die das theologische Denken und das Gemeindeleben dieser Christen geformt und bestimmt haben. Die Ergebnisse dieser zwei Kapitel basieren auf meiner Veröffentlichung „Russlanddeutsche Evangelikale – Band 1: Grundzüge des historischen und theologischen Hintergrunds russlanddeutscher Freikirchen“.

Das letzte Kapitel, das sich auf den Vortrag von 2007 stützt und das Herzstück der Arbeit darstellt, beschäftigt sich ausführlich mit der russlanddeutschen Schamkultur im Konflikt mit der deutschen Schuldkultur. Hier wird zuerst der Begriff „Kultur“ sowie die Differenzierung zwischen der Schamkultur und der Schuldkultur präsentiert. Anschließend wird unter der Berücksichtigung von historischen Tatsachen und mit Hilfe von praktischen Erfahrungen gezeigt, wieso russlanddeutsche Christen Mühe haben, kirchendistanzierte Mitbürger mit der christlichen Botschaft zu erreichen. Es wird auch dargestellt, warum sie Schwierigkeiten haben, mit einheimischen Christen effektiv zusammenzuarbeiten. Zum Schluss werden praktische Überlegungen zwecks effektiver Zusammenarbeit zwischen russlanddeutschen und einheimischen Christen in Erwägung gezogen.

Die Inhalt ist so dargestellt, dass Leser, denen der historisch-theologische Hintergrund bekannt ist, sich sofort dem dritten Kapitel und somit dem Hauptteil des Buches ohne Verlust des Zusammenhangs zuwenden können.

Der Autor hofft, dass dieser Beitrag sowohl russlanddeutschen als auch einheimischen Christen helfen wird, den Missionsauftrag gemeinsam besser zu verwirklichen.

1 Historisch-konfessioneller Hintergrund

1.1 Geschichtsperioden

Die Geschichte der Russlanddeutschen und ihrer Kirchen lässt sich am besten anhand von Perioden darstellen.[1] Sie werden hier knapp zusammen­gefasst, weil zur Geschichte der Russlanddeutschen bereits aus­führliche Publikationen existieren.[2]

1.1.1 Periode des Aufbaus (1763-1860/70)

Im Jahre 950 bat die Fürstin Olga von Kiew König Otto I., deutsche Christen als Missionare ins Russische Reich zu schicken. Von der Zeit an sollen immer wieder Deutsche ins Russische Reich gezogen sein.[3] Später waren es Kaufleute, Handwerker, Künstler, Wissenschaftler und andere Fachleute, die von russischen Behörden ermutigt wurden, am Aufbau des Russischen Reiches teilzunehmen. Viele folgten diesem Ruf und ließen sich in den Städten nieder. Die Akademie der Wissenschaften, die von Pe­ter dem Großen im Jahre 1725 gegründet wurde, führt in ihrem Verzeich­nis in den Jahren 1725-1799 68 Personen, deren Muttersprache Deutsch war.[4] Petersburg zählte im Jahre 1869 46.500 Deutsche; sie stellten die größte ausländische Volksgruppe der Hauptstadt dar.[5] Diese Zahl wuchs im Jahr 1897 auf 50.780. Insgesamt wurden im Jahre 1897 129.000 Deut­sche gezählt, die im Russischen Reich mit deutscher Staatsangehörigkeit lebten. Zusätzlich nahmen 325.000 Deutsche die russische Staatsangehö­rigkeit an und assimilierten sich in der russischen Gesellschaft.[6]

Neben den Immigranten aus Deutschland, die in die Städte zogen und da­her auch als Stadtbewohner bezeichnet wurden, kam eine zweite Gruppe von Deutschen nach Russland. Sie wurden von der Zarin Katharina II., ge­borene Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst, nach Russland geru­fen. Diese Einwanderungswelle aus dem Jahre 1763 bestand fast ausschließ­lich aus Landwirten, die aus Hessen, Baden, Württemberg, der Pfalz und anderen Gebieten nach Russland kamen, um die weiten Steppen des gro­ßen Reiches zu besiedeln.[7] Am 20. Juli 1789 ließen sich auch die ersten Mennoniten aus Westpreußen in der Ukraine nieder.[8]

Den deutschen Stadtbewohnern und Bauern wurden viele Vorrechte einge­räumt, die sie in ihrem Herkunftsland nicht besaßen: 1. Religionsfreiheit; 2. Freiheit von Steuern auf dem Lande (10-30 Jahre) und in der Stadt (10 Jahre); 3. Freiheit vom Militärdienst; 4. Selbstverwaltung der Gemeinden und Schulen; 5. Land für Siedler; 6. Privilegien für Kinder, die in Russland geboren wurden; 7. Freiheit, das Land wieder zu verlassen.[9]

1.1.2 Periode des Höchststandes (1860/70-1914/1928)

Trotz mancher Beschränkungen seitens der Regierung, verursacht durch das Aufkommen des Panslawismus bzw. des russischen Nationalismus, haben sich die Deutschen in der Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg mit großem Abstand von der russischen Bevölkerung zu der - wirtschaftlich gesehen - erfolgreichsten Volksgruppe des Russischen Reiches entwickelt. Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges sollte alles an­ders werden.[10]

1.1.3 Periode der Auflösung (1914/1928-1941/45)

In Verbindung mit dem Beginn des ersten Weltkrieges wurde der öffentli­che Gebrauch der deutschen Sprache unter Strafe gestellt. Ein Jahr später mussten 150.000 Wolhyniendeutsche im Rahmen einer Deportation ihre Heimat verlassen. Die russische Regierung befürchtete nämlich, dass sie sich den herannahenden deutschen Truppen anschließen würden. Ein gro­ßer Teil der Deutschen überlebte diese Deportation nicht.[11] Die Revolution im Jahre 1917 verhinderte die Deportation weiterer Deutscher aus dem Wolga- und Schwarzmeergebiet.

Der nach der Revolution tobende Bürgerkrieg in den Jahren 1918-1921 ging an den Russlanddeutschen nicht spurlos vorbei. Durch die Hände von Anarchisten wie Machno wurden ganze Familien grausam hingerichtet. In den Listen der ermordeten Personen wird die Todesursache mit Ausdrü­cken wie „erschossen“, „zerhackt“, „verbrannt“, „erwürgt“ und „erschla­gen“ bezeichnet.[12] Diesen Verbrechen fielen nicht nur Erwachsene, son­dern auch Kinder und Säuglinge zum Opfer, die in der Wiege verbrannt oder an der Mutterbrust getötet wurden.[13]

Der erste Weltkrieg und die Wirren des Bürgerkrieges trugen dazu bei, dass die Zahl der Russlanddeutschen von 2,4 Millionen Menschen im Jahre 1914 auf 1,2 Millionen im Jahre 1926 schrumpfte.[14]

Nach der Machtübernahme Stalins im Jahre 1928 kam es zu erneuten Ver­folgungen. Die rigorose Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft trug zur Enteignung des Besitzes der Deutschen bei. Ländereien, bäuerliche Betriebe, Fabriken und alles Eigentum der Deutschen wurden konfisziert und ein Teil der Besitzer, die als Kulaken bezeichnet wurden, zwangs­weise nach Sibirien oder Kasachstan umgesiedelt. „Rund 50 000 deutsche Kulaken wurden deportiert, sie verschwanden - wie Kulaken anderer Nati­onalitäten - in Lagern, sofern sie nicht verhungerten.“[15]

Die wirtschaftlichen und politischen Missstände des Landes führten in den Jahren 1932-1933 in den deutschen Kolonien zur großen Hungersnot, der etwa 350.000 Deutsche zum Opfer fielen. Spätere Nachforschungen haben bewiesen, dass diese Hungersnot von Stalin gewollt war, um den Willen der Bevölkerung zu brechen.[16]

Der aufkommende Nationalsozialismus in Deutschland verschlechterte die Situation der Deutschen in Russland.[17] Schon ein Jahr nach der Machtergrei­fung Hitlers wurden in der Sowjetunion Listen mit Deutschen angelegt und Pläne für ihre Deportation ausgearbeitet. Es kam in den fol­genden Jahren zu Umsiedlungsaktionen, zu Auflösung deutscher Siedlun­gen und zu Massenverhaftungen von deutschen Männern. Allein die Men­noniten hatten in den Jahren 1936-1939 den Verlust von etwa 15.000 Männern zu beklagen, die verhaftet, verurteilt und ermordet wurden.[18] Die stalinistische Säuberungsaktion traf viele ethnische und soziale Gruppen, besonders die Intellektuellen, die Lehrer und die geistlichen Leiter der Glaubensgemeinschaften. Man deklarierte sie als Staatsfeinde und viele wurden willkürlich der Spionage verdächtigt. Die Funktionäre des Staates hatten den Auftrag, eine bestimmte Verhaftungsquote pro Verwaltungsre­gion zu erreichen. Kamen sie dieser Aufgabe nicht nach, drohte ihnen selbst eine Verhaftung.[19] Die Situation verschlechterte sich noch zum Ende der 30er Jahre.[20]

Der Beginn des zweiten Weltkrieges brachte neues Elend für die Russ­landdeutschen, deren Ausmaß hier nicht in Kürze beschrieben werden kann. Die noch lebenden Männer wurden verhaftet und in die stalinisti­schen KZ gebracht, die man als Arbeitsarmee (Trudarmija) bezeichnete.[21] Die in der Krim, Ukraine und im Wolgagebiet lebenden Deutschen, deren Familien fast nur noch aus Frauen und Kindern bestanden, verbannte man nach Sibirien, Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan und in andere Gebiete Russlands. Diese Zwangsdeportation wurde mit der Befürchtung begrün­det, die Deutschen könnten mit der einrückenden deutschen Wehrmacht kollaborieren.[22] Von Juli bis September 1941 verloren etwa 900.000 Deut­sche ihre Heimat und mussten unter schweren Umständen um ihr Dasein kämpfen.[23] „Die rasche Besetzung der Gebiete westlich des Dnjepr durch deutsche Truppen kam der Deportation weiterer 350.000 Deutscher zu­vor.“[24]

Als sich der Kriegsverlauf änderte und die deutsche Wehrmacht auf dem Rückzug war, wurden im Januar 1943 200.000 Russlanddeutsche aus den besetzten Gebieten nach Westpolen im Warthegau umgesiedelt. Die Russ­landdeutschen, die es nicht mehr schafften, mit der deutschen Wehrmacht zu fliehen, wurden von der Roten Armee nach Sibirien und Mittelasien verschleppt. Das gleiche Schicksal ereilte im Januar 1945 auch die 150.000 Deutschen aus der Sowjetunion, die aus dem Warthegau nicht mehr in die westlichen Besatzungszonen gelangen konnten. Der Hälfte der 150.000 Sowjetdeutschen, denen die Flucht in den Westen gelang, wurden von den West-Alliierten der UdSSR überstellt. Auch sie mussten das Schicksal der anderen Verbannten teilen. Die Deportation kostete etwa 80.000 Russ­landdeutschen das Leben.[25]

1.1.4 Periode der Neuorientierung (1945-1970)

Allein durch die Zwangsumsiedlungen des zweiten Weltkrieges wurden etwa 800.000 Deutsche aus dem Südwesten Russlands in den Norden und Osten umgesiedelt.[26] Alle Kolonien im europäischen Teil der UdSSR - au­ßer den Orenburg-Siedlungen - wurden aufgelöst.[27] Anstelle einer Heim­kehr nach den Wirren der Krieges ereilte alle Deutschen das Schicksal der Verbannung, in der sie bis 1955/1956 um ihr Überleben kämpfen mussten: „Etwa 1,5 Millionen Russlanddeutsche, vom Säugling bis zum Greis, wa­ren im Gewahrsam.“[28]

Das am 13. Dezember 1955 unterschriebene Dekret „Über die Aufhebung der Beschränkungen in der Rechtsstellung der Deutschen und deren Fami­lienangehörigen, die sich in Sondersiedlungen befinden“ hat den Deut­schen die Freiheit gegeben, die Verbannungsorte zu verlassen, doch in ihre Heimatorte durften sie nicht zurückkehren. Sie wurden sogar verpflichtet, eine Erklärung zu unterschreiben, dass sie nie wieder in ihre ehemaligen Wohngebiete zurückkehren werden.[29] Sie zogen daher in die asiatischen Teile der Sowjetunion und blieben bis zu ihrer Auswanderung nach Deutschland Vertriebene im eigenen Lande.[30] Die Flucht in das Land ihrer Vorfahren wurde daher zum einzigen Ausweg aus dieser unerträglichen Situation.[31]

1.1.5 Periode der Auswanderung (1970-1995)

Schon seit 1951 sind sporadisch Deutsche aus der ehemaligen SU nach Deutschland gekommen. Jedoch erst nach dem Abschluss der Ostverträge im Jahre 1972 schwoll der Strom der russlanddeutschen Aussiedler an.[32] Die Gründe der Auswanderung, die bis heute noch anhält, sind folgende:[33]

(1) Das Trauma der Vergangenheit. Vertreibung, Leid, Verfolgung, Dis­kriminierung und Tod in den Reihen der Aussiedler haben bei ihnen Wun­den und Angst zurückgelassen, die bis heute nicht geheilt sind
(2) Die Verfolgungen der Christen. Abgesehen von der Anfangszeit und den Jah­ren 1917-1928, in denen die Kirchen relative Freiheit in der Ausübung ihres Glaubens genossen, erlebten die deutschen Christen schwere Verfol­gungen. Sie waren es daher auch, die als erste Anträge auf Ausreise nach Deutschland stellten. Die Nichtchristen trafen erst viel später die Entschei­dung, auszureisen.[34]
(3) Der Wunsch, die deutsche Kultur ausleben zu kön­nen. Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwachte russische Nationalismus wandte sich auch gegen die kulturellen Bemühungen der Deutschen in Russland. Seit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges begann der Prozess der Auflösung der deutschen Kultur. Das Verbot des Ge­brauchs der deutschen Sprache und die Deportation von Wolhynien-deutschen im Jahre 1914 bildeten den Anfang der Maßnahmen der russischen Regierung gegen das kulturelle Leben der Russlanddeut­schen. Die Familie und die Glaubensgemeinschaft bildeten schließlich den einzigen Raum, in dem die deutsche Sprache und Kultur gepflegt werden konnten.[35]
(4) Die unsichere wirtschaftliche und politische Lage in der GUS.[36] Vielen Deutschen, die sich der kommunistischen Ideologie ver­schrieben hatten, wurde die Möglichkeit eingeräumt, ein Hochschulstu­dium zu absolvieren. Aufgrund ihres Fleißes und ihrer Loyalität bekamen sie gelegentlich in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben einflussreiche Positionen. Doch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage verloren viele ihren Arbeitsplatz. Zusätz­lich trug der wachsende Nationalismus in den ehemaligen Republiken, die jetzt selbständige Staaten waren, dazu bei, dass sowohl Russen als auch Deutsche ihren Platz in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben zugun­sten Einheimischer räumen mussten. Nicht selten wurde ihnen und den Russen deutlich gemacht, dass sie nicht gern gesehene Bürger des Landes sind. In den letzten Jahren kam es sogar zu Übergriffen, bei denen meh­rere Deutsche getötet wurden
(5) Familienzusammenführung. Die Auswanderung der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion hat auf die zurückgebliebenen Deutschen eine Art Sogwirkung gehabt, „die von den bereits ausgereisten Russlanddeutschen ausging“.[37] Sie wurde durch die Ausreiseerleichterung Ende der 80er Jahre und die politisch-wirtschaftliche Instabilität im Lande begünstigt.

1.2 Die konfessionellen Gruppierungen

Die Deutschen hatten nicht nur ihr Hab und Gut in das Russische Reich mitgebracht, sondern auch ihre Religion. Von den in der Zeit von 1763-1862 nach Russland eingewanderten etwa 100.000 Deutschen waren 55% Protestanten (Lutheraner und Reformierte), 34% Katholiken und 11% Mennoniten.[38] Nicht selten war gerade die Frage der Religionsfreiheit der Hauptgrund der Auswanderung nach Russland. Abgesehen von einigen Beschränkungen - so durften die Mennoniten unter den orthodoxen Christen zum Beispiel nicht missionieren[39] - bekamen die Deutschen von der Regierung für sich und ihre Nachkommen Religionsfreiheit, die ihnen die Möglichkeit einräumte, ihren Glauben zu leben.[40] Nach Hans Hecker sah die Aufteilung der Religionsgemeinschaften der Deutschen (Muttersprachler) im Jahre 1897 wie folgt aus:[41]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Religionsgemeinschaften der Deutschen im Jahre 1897

Auch wenn es in dieser Arbeit primär um die baptistisch-mennonitischen Freikirchen geht, dürfen auch die großen Kirchen nicht unerwähnt bleiben, weil aus ihnen zum Beispiel die ersten deutschen Baptisten kamen.

1.2.1 Römisch-katholische Kirche

[42] Von Beginn an wurden die katholischen Christen von ihrer Kirche seelsorgerlich betreut. Franziskaner, Kapuziner, Dominikaner, Trinitarier und Jesuiten, die im Jahre 1820 in Deutschland des Landes verwiesen wurden, waren aktiv in den deutschen Kolonien in Russland. Im Jahre 1847 bekamen sie eine eigene Kirchenverwaltung und im Jahre 1856 übernahm in Saratow ein Priesterseminar die Ausbildung des Priesternachwuchses.[43] Das kirchliche Leben der Römisch-katholischen Kirche wurde in der Zeit der Verfolgung durch die systematische Schließung der Kirchen und die berufliche und physische Vernichtung der Geistlichkeit praktisch ausgelöscht. Von den 1195 Kirchen und Kapellen im Jahre 1918 blieben im Jahre 1938 nur noch zwei offen.[44] Erst nach Stalins Tod und besonders seit der Zeit der Perestroika konnte das kirchliche Leben wieder aufgenommen werden. Leider nimmt die anfängliche religiöse Freiheit der Perestroika-Ära in den letzten Jahren immer mehr ab. Sowohl die Russisch-Orthodoxe Kirche als auch die moslemischen Regierungen der asiatischen Länder schränken die religiöse Freiheit der deutschen Christen immer mehr ein. Diese Entwicklung trifft auf alle Kirchen und Glaubensgemeinschaften zu, die im folgenden Abschnitt vorgestellt werden.

1.2.2 Evangelische Gemeinden

Die evangelisch-lutherischen Gemeinden bildeten von Anbeginn die größte protestantische Kirche des Landes. Im Jahre 1832 vereinigten sich die finnischen, schwedischen, lettischen und estnischen Christen zur „Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands“. Auch in Südrussland waren die Lutheraner weit verbreitet.[45]

Die Evangelisch-Reformierte Kirche fand in Russland ebenfalls eine weite Verbreitung durch die Einwanderung von Deutschen. Im Jahre 1820 kamen die reformierten Gemeinden unter die Aufsicht des „Generalkonsistoriums der Evangelischen Kirche in Russland“. Seit der Zeit wurden diese Gemeinden sehr stark von lutherischen Pfarrern unterwandert, so dass mit der Zeit die Unterschiede zwischen diesen zwei Richtungen der Evangelischen Kirche verwischt wurden.[46]

Auch die deutschen Pietisten fanden in Russland einen großen Anklang. Besonders der württembergische Pietismus trug dazu bei, dass in Südrussland unter den deutschen Kolonisten eine Erweckung ausbrach. Außerdem war der Pietismus Mitursache dafür, dass im Russischen Reich sowohl der Baptismus als auch die Mennonitenbrüder entstehen und sich ausbreiten konnten.[47] Auf die Tätigkeit des Pietisten Pastor Eduard Wüst ist die Erweckungsbewegung unter den Mennoniten Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen.[48]

1.2.3 Mennoniten

Die Mennoniten, die sich als Nachfahren der Täufer des 16. Jahrhunderts verstehen, haben sich im Jahre 1789 in Südrussland niedergelassen, nachdem sie ihre Heimat in Westpreußen verlassen hatten.[49] Den Namen Mennoniten haben sie Menno Simons, einem ehemaligen Priester, zu verdanken. Während der Verfolgung der Täufer floh eine Gruppe von ihnen nach Holland, wo sie mit Menno Simons zusammentrafen. Der übernahm dann die Führung dieser Gruppe. Sehr früh bekamen sie den Namen „Mennisten“ und später Mennoniten. Auch in Süddeutschland wurden die Täufer so genannt, obwohl sie nie unter dem Einfluss von Menno Simons gestanden hatten.[50] Viele Mennoniten ließen sich auf der Flucht in den Ostseeküstengebieten von Danzig bis zum Memelland nieder. Hier wurden sie zu den wohlhabendsten und erfolgreichsten Bauern ihrer Gegend. Doch es blieb nicht lange so. Die preußische Regierung unter Friedrich Wilhelm II. beschränkte die Ausweitungsmöglichkeiten der Mennoniten immer mehr. Ebenso waren die religiöse Freiheit und die Befreiung vom Wehrdienst nicht mehr garantiert.[51] Der Ruf der Zarin Katharina war ihnen in dieser Situation sehr gelegen. Denn sie versprach ihnen Vorrechte, die sie in Preußen immer mehr verloren. Bis zum ersten Weltkrieg bzw. dem Bürgerkrieg haben sich die Mennoniten zu reichen Bauern und Fabrikanten entwickelt, deren Kolonien in ganz Russland bekannt waren.

Nicht nur das landwirtschaftliche Können brachten die Mennoniten nach Russland, sondern auch den Glauben ihrer Väter. Die Grundlinien des mennonitischen Glaubens haben ihre Wurzeln im Schleitheimer Glaubensbekenntnis der Täufer aus dem Jahre 1527. In den sieben Artikeln des ersten Bekenntnisses der Täufer geht es um:[52] (1) Taufe. Als Glaubenstaufe durfte sie nur an Erwachsenen vollzogen werden. Die Gemeinde war somit eine Gemeinschaft von Gläubigen. (2) Bann als Mittel der Gemeindezucht. (3) Abendmahl, das nur getauften Christen ausgeteilt werden durfte. (4) Konsequente Trennung von der Welt. (5) Hirten, die von der Gemeinde gewählt und abberufen werden konnten. (6) Trennung zwischen weltlicher und Reichsgottesordnung. Christen durften nicht an der Weltobrigkeit teilnehmen noch sich ihrer Mittel bedienen. (7) Eid, der Christen untersagt war. „Die Verweigerung des Eides und das Prinzip der Wehrlosigkeit ... wurden durch Menno Simons zu tragenden Säulen des mennonitischen Glaubens weiterentwickelt.“[53] Zusätzlich wurden von den Mennoniten das allgemeine Priestertum und die Selbständigkeit der örtlichen Gemeinden betont. Trotzdem haben sich die Gemeinden in Russland im Jahre 1883 zur „Allgemeinen Bundeskonferenz der Mennonitengemeinden in Russland“ zusammengeschlossen. Dieser Zusammenschluss hatte die Funktion einer Arbeitsgemeinschaft von autonomen Gemeinden.[54] Er existierte nur bis zur Zerstörung des geistlichen Lebens innerhalb der Kolonien und konnte bis zur Ausreise der Mennoniten nach Deutschland seine Tätigkeit nicht wieder aufnehmen.[55]

Das geistliche Leben in den Gemeinden entwickelte sich bei den Mennoniten nach zwei Generationen mehr und mehr zu inhaltslosen Ritualen und Formen. Soziologisch gesehen wurde mit der Zeit aus einer religiösen eine ethnische Gemeinschaft.[56] Doch die Erweckungsbewegung im Russischen Reich,[57] die ab Mitte des 19. Jahrhunderts an vielen Stellen gleichzeitig aufbrach, erreichte auch die mennonitischen Kolonien. Schriften baptistischer und pietistischer Autoren fanden große Beliebtheit unter den Mennoniten und erweckten die erstarrten Christen. Zu einem größeren geistlichen Aufbruch führte jedoch erst die Wirksamkeit des Pietisten Eduard Wüst und des Baptisten August Liebig. Als Folge dieser Erweckung kam es im Jahre 1860 zur Gründung der Mennoniten-Brüdergemeinde. Aufgrund starker Einflüsse des Kontinentalbaptismus um Johann Gerhard Oncken durch Literatur, Briefwechsel, persönliche Kontakte und das Theologische Seminar in Hamburg nahmen die Mennonitenbrüder immer mehr baptistische Züge an.[58]

Um nicht die Privilegien der Mennoniten im Russischen Reich zu verlieren und wertvolle täuferische Prinzipien wie Wehrlosigkeit und Eidesverweigerung aufgeben zu müssen, haben sich die Mennonitenbrüder den deutschen Baptisten nicht angeschlossen. Ihren eigenen Verband gründeten sie im Jahre 1872. Dessen Vorsitzender wurde der Baptist August Liebig.[59] Als Glaubensgemeinschaft waren sie von Anfang an missionarisch sehr aktiv.[60] An vielen Orten des Russischen Reiches gründeten sie unter den Russen und den Deutschen Gemeinden. Aufgrund der Tatsache, dass sie Andersglaubende nicht missionieren durften, und diese keine Mennoniten werden konnten, entstanden durch ihre Tätigkeit unter den Russen russische und unter den Deutschen deutsche Baptistengemeinden. Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich ein Teil der Mennonitenbrüder dem „Allunionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten“ angeschlossen, ein anderer blieb bis zur Ausreise nach Deutschland autonom.

1.2.4 Deutscher Baptismus

Aufgrund des Wirkens baptistischer Missionare, die von Oncken in das Russische Reich geschickt wurden, entstanden seit der Mitte des letzten Jahrhunderts unter katholischen, reformierten und lutherischen Kolonisten baptistische Gemeinden.[61] Interessanterweise waren es die erweckten Mennoniten, die zuerst die baptistische Taufpraxis zu den deutschen Kolonisten brachten. Die erste Glaubenstaufe unter erweckten Lutheranern wurde durch mennonitische Prediger vollzogen.[62] Allgemein herrschte anfänglich eine sehr rege und enge Beziehung zwischen den Mennonitenbrüdern und den deutschen Baptisten.[63] Mit der Zeit entstand jedoch eine Spannung zwischen diesen zwei Gruppen, weil die Mennonitenbrüder nicht bereit waren, mennonitische Prinzipien wie die Wehrlosigkeit, Ablehnung des Eides und die Fußwaschung zugunsten der Baptisten aufzugeben. Die eigentliche Trennung führte dann das Privilegiumsrecht der Wehrlosigkeit herbei. Während der größte Teil der Mennonitenbrüder an der Wehrlosigkeit festhalten wollte, sahen die Baptisten sie nicht biblisch begründet.[64] Johann Pritzkau, der „Vater“ und Geschichtsschreiber des deutschen Baptismus in Russland, schreibt hierzu: „Wäre nicht das Privilegium der Befreiung vom Militärdienst mit der Bedingung verknüpft, keine anderen in ihre Gemeinschaft aufnehmen zu dürfen als ihre eigene Nachkommenschaft, so wären die Baptisten mit der Mennoniten-Brüdergemeinde noch heute eine Gemeinde.“[65] Als „Süd-Westrussische und Bulgarische Vereinigung“ organisierten sich die deutschen Baptisten in Südrussland im Jahre 1874.[66] Vertreter der Mennonitenbrüder waren bei dieser Gründung auch anwesend. Eine Vereinigung beider Gruppen fand jedoch erst nach den Wirren des zweiten Weltkrieges statt, als die deutschen Baptisten wie schon ein Teil der Mennonitenbrüder in den Reihen des „Allunionsrates der Evangeliumschristen-Baptisten“ ein neues geistliches Zuhause fanden.

1.2.5 Evangeliumschristen

Parallel zur Erweckungsbewegung unter deutschen Kolonisten erlebte ganz Russland ein geistliches Aufwachen. Als Wegbereiter dieser Erweckungsbewegung, die fast gleichzeitig in Petersburg, der Ukraine und im Kaukasus entstand, kann man die Verbreitung der Bibel in ganz Russland sehen. Mit Hilfe der Bibelgesellschaft, die im Jahre 1812 gegründet wurde, und der Verbreitung der Bibel durch eifrige Bibelkolporteure wurde der Boden für eine Erweckung in ganz Russland vorbereitet.[67] Ab 1874 entstand aufgrund des Wirkens von Lord Radstock, der aus dem Kreis der ‘Offenen Brüder“ in England kam, in Petersburg unter den Aristokraten eine große Erweckung, die unter Iwan Stepanowitsch Prochanow eine feste Form annahm.[68] Im Jahre 1909 wurde von Prochanow der „Allrussische Bund der Evangeliumschristen“ gegründet, der 1928 mehr als eine Million Mitglieder, etwa 1000 Gemeinden und mehr als 600 vollzeitige Missionare und Evangelisten zählte.

1.2.6 Russischer Baptismus

Aufgrund der Tätigkeit von erweckten Pietisten unter deutschen Kolonisten wurden auch russische Arbeiter und Bauern zum lebendigen Glauben geführt. Diese Erweckungsbewegung in der Ukraine, die sich mit der Zeit zum Baptismus entwickelte, wurde in der Anfangszeit als „Stundismus“ bezeichnet. „Der Stundismus geht auf die Erbauungsstunden zurück, die protestantische Kolonisten aus Württemberg unter dem Pastor Bonekämper in der Kolonie Rohrbach bei Odessa seit 1824 einführten und die sich rasch in der ganzen Ukraine verbreitete“.[69] Die Wurzeln des russischen Stundismus sind somit auch im deutschen Pietismus zu finden. Die Taufe des Jefim Cymbal, die vom erweckten Mennoniten Abraham Unger am 11. Juni 1869 vollzogen wurde, wird als Geburtsstunde des russischen Baptismus in der Ukraine gesehen.[70]

Die Geburtsstunde des russischen Baptismus im Kaukasus ist mit der Taufe von Nikita Woronin anzusetzen. Diese wurde vom deutschen Baptisten Martin Kalweit aus dem Baltikum am 18. August 1867 im Fluss Kura vollzogen.[71]

Im Jahre 1884 schlossen sich beide baptistische Gruppen zum „Bund Russischer Baptistengemeinden“ zusammen. Der Initiator und erster Vorsitzender des Bundes war der erweckte Mennonit Johann Wieler.

Von Anfang an bestand bei den Evangeliumschristen und Baptisten der Wunsch, einen gemeinsamen Verband zu gründen.[72] Immer wieder wurden seitens beider Gruppen Versuche in diese Richtung unternommen. Doch alle Bemühungen scheiterten an den verschiedenen theologischen Positionen. Die von den ‘offenen Brüdern’ geprägten Evangeliumschristen waren nicht bereit, die strenge baptistische Gemeindeauffassung zu akzeptieren. Erst im Jahre 1944 wurden auf die Initiative von Stalin hin beide Gruppen zum „Allunionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten“ vereinigt.[73]

Im Jahre 1961 fand eine Teilung innerhalb des Bundes statt. Ein Teil der Gemeinden war nicht mehr bereit, ihr Gemeindeleben von der Regierung bestimmen und kontrollieren zu lassen. Im Jahre 1965 gründeten sie den „Rat der Gemeinden der Evangeliumschristen-Baptisten“ und gingen in den Untergrund.[74] Es folgten Jahre der Verfolgung für diese Bewegung. Erst die Perestroika und Glasnost brachte wieder Freiheit für die „Initiatiwniki“, wie sie bezeichnet wurden. Viele Gemeindemitglieder und Leiter dieser Bewegung kamen aus den Kreisen der deutschen Baptisten und Mennonitenbrüder. Einer ihrer langjährigen Leiter, Georgi Wiens, ist ein Beispiel dafür; nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion repräsentierte er diese Gemeinderichtung im Westen.

In den achtziger Jahren haben sich immer mehr Gemeinden der Untergrundkirche selbständig registrieren lassen. Weil sie keinem der Bünde angehörten, wurden sie als autonome Gemeinden bezeichnet. Heute geht die Entwicklung in die Richtung, dass sich die Evangeliumschristen an vielen Orten von den Baptisten trennen. Ende der siebziger Jahre sah die kirchliche Landschaft der Russlanddeutschen in der ehemaligen SU folgendermaßen aus:[75]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Russlanddeutsche Christen in der SU 1976

1.3 Das Gemeindeleben nach dem zweiten Weltkrieg

1.3.1 Die Frauen als Trägerinnen des Gemeindelebens

Das Gemeindeleben nach dem zweiten Weltkrieg hat für alle christlichen Konfessionen der Russlanddeutschen einen ganz anderen Verlauf genommen, als sie ihn bis dahin kannten. Schon vor Kriegsbeginn waren die Gemeinden von den stalinistischen Säuberungsaktionen der dreißiger Jahre betroffen. Die meisten Männer, und besonders die, die zur geistlichen, intellektuellen und wohlhabenden Schicht der Bevölkerung gehörten, wurden entweder erschossen oder verbüßten hohe Strafen in den Konzentrationslagern Stalins. Diese Umstände haben das Gemeindeleben sehr stark beeinträchtigt.

Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurden alle Männer ab dem Alter von 16 Lebensjahren in die Arbeitslager gebracht und die Frauen mit den Kindern aus dem europäischen Russland nach Sibirien und in andere Teile Russlands deportiert.[76] Ein Teil der Deutschen konnte jedoch aufgrund der raschen Besatzung der Ukraine seitens der Wehrmacht bis 1944 in ihrer Heimat bleiben, wo sie „ein halbwegs freies, wenn auch nicht immer von der nationalsozialistischen Ideologie unbehelligtes kirchliches Leben“ führen konnten.[77]

In der Verbannung, wo die Mütter mit ihren kleinen Kindern in Barackenlagern, in Kolchosen und städtischen Ansiedlungen um ihr Dasein kämpften, entstanden illegale Haus- und Gebetskreise, die von Frauen organisiert und durchgeführt wurden.[78] Bei diesen Treffen schwanden die konfessionellen Grenzen der russlanddeutschen Christen. Man konnte bei den Gottesdiensten Lutheraner, Reformierte, Baptisten, Mennoniten aller Gruppierungen und andere Konfessionen antreffen. Um den ständigen Kontrollen der Behörden aus dem Wege zu gehen, wurden Geburtstagsfeiern, Jubiläen, Besuche von Kranken, Beerdigungen und andere familiäre Ereignisse genutzt, um in diesem Rahmen Gottesdienste abzuhalten.

Trotz konfessioneller Unterschiede können gemeinsame Züge des Gemeindelebens in dieser Zeit festgestellt werden: „Gemeinschaft der Bekehrten - der ‘Wiedergeborenen’ oder ‘Erweckten’, das absolut geltende Wort der Bibel, das von jedem im Glauben Getauften ausgelegt werden kann, eschatologische Züge (das bevorstehende Tausendjährige Reich), das gleiche erweckliche Liedgut u.a..“[79] Da man in der Zeit der Deportation nur selten Bibeln und Liederbücher mitnehmen konnte, wurden die Lieder aus dem Gedächtnis handschriftlich niedergeschrieben.

Diese Praxis des Gemeindelebens setzte sich auch nach dem Krieg in den Verbannungsorten fort, wo zusätzlich zu den Deportierten aus der Anfangszeit des Krieges Deutsche hinzukamen, die zum Ende des Krieges mit der deutschen Besatzungsmacht nach Deutschland geflohen waren. Nach dem Sieg über Deutschland wurde diese Gruppe von den Sowjets nach Sibirien und andere Gebiete verbannt. Wie schon bei der ersten Deportation waren es auch hier fast ausschließlich Frauen und Kinder, die das geistliche Leben unter den Verbannten neu zu entfachen versuchten, denn die Männer verbüßten hohe Strafen in den KZs von Stalin. Stalin ließ die deutschen Männer, die den Krieg überlebten, und auch Jugendliche, die zu Anfang des Krieges noch zu jung waren, verhaften und zu hohen Strafen verurteilen.[80] Unter den deportierten Deutschen kam es Anfang der 50er Jahre zu Erweckungen, die dazu führten, dass Tausende von Menschen zum Glauben kamen.[81]

1.3.2 Die Eingliederung in die neue Kirchenlandschaft

Nach dem Tod Stalins und der Aufhebung der Sonderkommendatur bekamen die Deutschen die Möglichkeit, die Verbannungsorte zu verlassen.[82] Zusätzlich wurden aufgrund der Amnestie die deutschen Männer aus der Gefangenschaft entlassen und konnten zu ihren Familien zurückkehren. Diese neue sozialpolitische Situation führte zum „Exodus“ der Deutschen aus den kalten Gegenden Sibiriens und anderer Verbannungsorte in die nördlichen Gebiete von Kasachstan, Mittelasien und in andere Gebiete der Sowjetunion. Die meisten zogen in Regionen, wo sie mit Verwandten zusammen wohnen konnten, die sie zum Teil seit Anfang des Krieges aus den Augen verloren hatten.

Der Umzug in neue Regionen und die Übernahme der Leitung der Gemeinden durch die aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Männer stellte die deutschen Christen vor ganz neue Herausforderungen. Die anfängliche „Ökumene der ersten Stunde“, in der die konfessionelle Zugehörigkeit kaum eine Rolle spielte, „war auseinandergebrochen, die konfessionelle Ausrichtung trat wieder in ihre Rechte“.[83] Man versuchte die eigene konfessionelle Identität zu finden. Als Folge dieser Entwicklung gründeten die Christen Gemeinden, in denen sie entsprechend ihrer Konfession ihren Glauben ausüben konnten.

Die sich neu formierenden Gemeinden standen jedoch vor großen kirchenpolitischen Entscheidungen. Da sie in ihre ehemaligen Siedlungsgebiete nicht zurückkehren durften, mussten sie sich in die vor Ort bestehende kirchliche Landschaft einfügen. Diese bestand zu der Zeit aus den Gemeinden des russischen „Allunionsrates der Evangeliumschristen-Baptisten“, der im Jahre 1944 unter den Druck von Stalin ins Leben gerufen wurde, um das religiöse Leben der russischen Freikirchen unter Kontrolle zu haben.[84] Aufgrund der Tatsache, dass die deutschen Baptisten und die Mennonitenbrüder traditionell enge Beziehungen zueinander hatten,[85] fiel es vielen Deutschen aus den Reihen der Baptisten und Mennonitenbrüder nicht schwer, in diesen Gemeinden eine neue geistliche Heimat zu finden. In den meisten Fällen wurde innerhalb der russischsprechenden Gemeinden eine deutsche Sektion gebildet, die als Gemeinde in der Gemeinde funktionierte und gelegentlich auch Gottesdienste in deutscher Sprache für die Deutschen durchführte, was seitens der Behörden nicht gerne gesehen wurde.[86]

Die Mennonitenbrüder, die sich in Ortschaften niederließen, wo es keine russischen Baptistengemeinden gab, gründeten selbstständige Gemeinden. Um in der Lage zu sein, ein Gemeindeleben zu führen, versuchten sie ihre Gemeinden autonom zu registrieren. Dieser Schritt wurde ihnen jedoch seitens der Regierung sehr erschwert. Im Jahre 1963 wurde ein Teil der Mennonitenbrüder in den Allunionsrat als Mitglieder aufgenommen. Durch diesen Schritt wurde ihnen der Weg zur Registrierung erleichtert. Doch die Gemeinden konnten sich ausschließlich unter dem Dach des Allunionsrates registrieren, was von mehreren Gemeinden abgelehnt wurde.[87] Diese Gemeinden bemühten sich daher, ihre Gemeinden autonom zu registrieren. Als erster Gemeinde gelang es der Mennoniten-Brüdergemeinde in Karaganda nach einem langen und mühevollen Weg sich selbständig zu registrieren.[88] Diesem Beispiel konnten andere Gemeinden in Nowopawlowka, Tokmak und anderen Gebieten folgen.[89]

Die Mennonitenbrüder, die sich dem Allunionsrat anschlossen, gestalteten ihr Gemeindeleben in der Zusammenarbeit mit den russischen Geschwistern. Mit der Zeit wuchs der Einfluss der Deutschen in den Reihen der Allunionsgemeinden, so dass mehrere Mennonitenbrüder in das Leitungsgremium des Allunionsrates berufen wurden.[90]

Der Integrationsprozess der kirchlichen Mennoniten verlief ähnlich wie bei den autonomen Mennonitenbrüdern. Da sie aufgrund ihrer Taufpraxis mit den Evangeliumschristen-Baptisten und Mennonitenbrüdern nicht übereinstimmten,[91] waren sie nicht in der Lage, sich in die entsprechenden Gemeinden zu integrieren. Ein Anschluss an eine Gemeinde der Evangeliumschristen-Baptisten oder Mennonitenbrüder konnte nur über die „Wiedertaufe“[92] erfolgen, was von einigen in Anspruch genommen wurde.[93] Im Jahre 1956 fand eine geheime Konferenz der Mennonitengemeinden statt, die zur Neubelebung dieser Gemeinden beitrug.[94] Erst im Jahre 1967 gelang es den kirchlichen Mennoniten, die ersten Gemeinden zu registrieren. Zu einem Zusammenschluss zwecks einer überregionalen Arbeit ist es wegen des Drucks der Regierung leider nicht gekommen.[95] Im Jahre 1986 wird die Zahl der kirchlichen Mennoniten auf etwa 10.000 bis 15.000 geschätzt.[96]

1.3.3 Die Entstehung der Untergrundkirche

Die anfängliche Erweckungsbewegung und die darauf folgende Entstehung von Gemeinden Ende der 50er Jahre wurde schon im Jahre 1959 von neuen Verfolgungen seitens der Regierung überschattet. Unter der Leitung von Nikita S. Chruschtschow begann die kommunistische Regierung einen Feldzug gegen das geistliche Leben der Gemeinden. In der ersten Hälfte des Jahres 1961 wurden 300 Gemeinden des Allunionsrates geschlossen.[97] Am Ende dieser Maßnahmen im Jahre 1964 war die Hälfte aller orthodoxen und protestantischen Kirchen geschlossen und Hunderte von verantwortlichen Persönlichkeiten der Gemeinden im Gefängnis. Allein die orthodoxe Kirche verlor durch diese Verfolgung zwei Drittel ihrer Geistlichen. Die Evangeliumschristen-Baptisten zählten 197 Personen, die wegen ihres Glaubens im Gefängnis saßen.[98]

Um das Gemeindeleben vor der endgültigen Zerstörung zu bewahren, und auf Drängen der Regierung, versuchte die Leitung des Allunionsrates mit der Regierung einen Kompromiss zu schließen. Sie einigten sich auf einen neuen Status der Gemeinden, der eine völlige Unterwerfung unter die behördliche Kontrolle zur Folge haben sollte. Die Superintendenten des Allunionsrates wurden darauf mit dem sogenannten „Instruktionsbrief“ von der Leitung des Allunionsrates aufgefordert, in den Gemeinden ihrer Regionen auf die Einhaltung der sowjetischen Religionsgesetze zu achten.

Hier ging es unter anderem um folgende Instruktionen:[99] (1) In den Gottesdiensten sollen keine neuen Mitglieder für die Gemeinde geworben werden. (§ 3, S. 1). (2) Verhinderung von missionarisch-evangelistischen Tätigkeiten (§ 4, S. 1). (3) Minimierung der Aufnahme von neuen Mitgliedern. Vor der Aufnahme soll jedes neue Mitglied zuerst einer zwei- bis dreijährigen Prüfung unterstellt werden (§ 6, S. 2). (4) Reduzierung der Predigten in den Gottesdiensten und Beachtung aller Rahmenbedingungen des Allunionsrates und der Religionsgesetzgebung. (§ 2, S. 3; § 5, S. 3; § 6, S. 5). (5) Kampf gegen konservative Ansichten bezüglich des Gebrauchs und der Verwendung von Kunst, Literatur, Radio, Fernsehen, Kino und anderer Arten der Kultur (§ 7, S. 2 und § 3, S. 6). (6) Verbot jeglicher geistlicher Aktivitäten außerhalb der eigenen Gemeinde (§1, S. 4). (7) Verbot gottesdienstlicher Aktivitäten, die nicht den Richtlinien des Allunionsrates entsprechen: Konzerte von Chören, musikalische Darbietungen, Vortragen von Gedichten und ähnliche Dienste (§ 4, S. 4). (8) Reduzierung der Taufen von jungen Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren. Junge Menschen, die lernen oder sich im Militärdienst befinden, sollen nicht zur Aufnahme in die Gemeinde zugelassen werden (§ 3, S. 7). (9) Durchführung von offenen Taufen nur mit der Genehmigung der Behörden (§ 7, S. 7). (10) Ausschluss der Vorschul- und Schulkinder vom Gottesdienst.

Als Reaktion auf dieses Schreiben entstand eine Bewegung, die sich vehement gegen diese Maßnahmen wandte und zum sogenannten „Orgkomitee“ formierte. Dieses Komitee wandte sich in einem Schreiben an die Kirchenleitung und forderte sie auf, sich von den eingeführten Maßnahmen der Regierung zu distanzieren und über ihr Schreiben an die Superintendenten Buße zu tun.[100] Zusätzlich wurde die Kirchenleitung gebeten, einen Kongress einzuberufen, um über die neue Lage auf breiter Ebene zu beraten. Auch die Gemeinden wurden in einem Rundbrief angeschrieben und aufgefordert, sich den neuen Beschränkungen nicht zu beugen und sich vor Gott zu überprüfen und zu heiligen. Es kam in den folgenden Monaten zu Gesprächen zwischen dem Allunionsrat und den „Initiatiwniki“, wie das Orgkomitee später bezeichnet wurde, die leider nicht zu fruchtbringenden Ergebnissen führten. Das trifft auch für den Allunionskongress zu, der im Jahre 1963 stattfand. Hier wurde auf das Drängen der Initiatiwniki die Frage bezüglich der neuen religiösen Rahmenbedingungen der Gemeinden angesprochen. Der Riss zwischen beiden Gruppen war inzwischen so groß, dass keine Einheit mehr gefunden werden konnte, obwohl die Leitung des Allunionsrates die umstrittenen Dokumente zurücknahm. Im Jahre 1966 kam es zum Schuldbekenntnis der beteiligten Leiter des Allunionsrates. Doch es war zu spät, das Schisma aufzuhalten.

Im Jahre 1965 formierten sich die Initiatiwniki zu einem eigenen Bund, dem „Rat der Gemeinden der Evangeliumschristen-Baptisten“. Dieses Schisma führte zur Teilung von Gemeinden vor Ort und zum Austritt ganzer Gemeinden aus dem Allunionsrat. Etwa 40% der Gemeinden verließen aufgrund dieser Entwicklung den Allunionsrat,[101] und die Zahl der Christen, die in den Untergrund gingen, wurde im Jahre 1966 auf 155.000 geschätzt.[102] Der Rat der Gemeinden lehnte jegliche Art von Registrierung ab und wurde seitens der Regierung bis zur Regierungszeit von Michail Gorbatschow sehr hart verfolgt.[103]

Auch viele deutschen Christen schlossen sich dieser Bewegung an. Die Tatsache, dass etwa 15-20% der Namen in der Gefangenenliste des Rates der Gemeinden mennonitisch-deutscher Herkunft sind, zeigt die hohe Beteiligung der Deutschen an dieser Bewegung.[104] Auch in der Leitung der gesamten Bewegung finden sich Personen aus den Reihen der Russlanddeutschen. Georgi P. Wiens, einer der bekannten Leiter dieser Bewegung, hatte einen deutschen Vater. Kornelius Kröker aus Nowosibirsk war einer der leitenden Personen der Untergrundkirche in Westsibirien. Gerhard Hamm, der wohl bekannteste Evangelist der Russlanddeutschen, war bis zur Ausreise nach Deutschland im Jahre 1974 als Superintendent der baltischen Republiken tätig.[105] Sein Nachfolger wurde Heinrich Löwen sen., der schon davor mit Gerhard Hamm viele Jahre in der Leitung der Untergrundkirche tätig war.[106]

Nach dem Rücktritt von Chruschtschow ließen die Verfolgungen seitens der Regierung etwas nach, obwohl es immer noch Gefangene aus den Reihen der Gemeinden gab. Diese Lockerung seitens der Regierung führte in der Untergrundkirche zum Umdenken bezüglich der Frage der Registrierung der Gemeinden. Ein Teil der Gemeinden sah die Möglichkeit, die Gemeinden autonom zu registrieren. Auf diese Weise hofften sie, ihr Gemeindeleben öffentlicher gestalten zu können. Trotz der Anerkennung seitens der Behörden mussten sie immer noch mit vielen Beschränkungen und auch Gefahren rechnen, die sie jedoch in Kauf nahmen. Einer der Initiatoren dieser Bewegung innerhalb der Untergrundkirche war der bekannte Evangelist der Sowjetunion Iossif Bondarenko, der für seinen Glauben viele Jahre im Gefängnis verbrachte.[107] Als sich diese Bewegung immer mehr formierte, waren die Deutschen in ihren Reihen schon im vollen Zuge dabei, in das Land ihrer Vorfahren heimzukehren

[...]


[1] Zu den Perioden der Geschichte der Mennoniten siehe Froese, „Pädagogisches Kultursystem“ XIV-XVI, und Ehrt, Mennonitentum.

[2] Siehe auch Williams, Germans; Buchsweiler, Volksdeutsche; Hecker, Deutschen; Kappeler [u.a.], Deutschen; Fleischhauer und Jedig, Deutschen; Pinkus und Fleischhauer, Deutschen; Fleischhauer, Deutschen. Weitere Literatur ist der Bibliographie zu entnehmen.

[3] John N. Klassen, „Suprise“ 1.

[4] Vgl. Reimer, Aussiedler 14; Fleischhauer, Deutschen 60.

[5] Reimer, Aussiedler 14.

[6] Klassen, „Suprise“ 2.

[7] Vgl. Baaden, Kulturarbeit 13; Eisfeld, Rußlanddeutschen 12-37.

[8] Stumpp, Auswanderung 21.

[9] Klassen, „Suprise“ 3. Vgl. auch Baaden, Kulturarbeit 13.

[10] Vgl. ebd., 13f.

[11] Mein Großvater mütterlicherseits verlor durch diese Deportation seinen Vater, viele Geschwister und einen großen Teil seiner Verwandten.

[12] Peters, Machno 124-133.

[13] Ein Auszug aus der Zeitung „Nedelja“ aus dem Jahre 1935 schildert diese Situation wie folgt: „Man hatte zu Machno eine Gruppe von Dorfwächtern gebracht. Die erschreckten Leute beugten sich vor dem grausamen Ataman, der sie wie ein Raubtier mit einem tollwütigen Blick anstarrte. Machno schrie: ‘Zerhackt sie! I toljko! (Und fertig)’ Kaiko sprang hinzu und begann mit ungeübter Hand die Unglücklichen zu zerhacken. Wütend schlug er auf sie ein, als ob er Kohlköpfe zu zerstückeln habe. Schwitzend und erschöpft hielt er inne. Eilig sprang Ljutschtschenko hinzu. Andere folgten. Das Ergebnis: an Stelle lebendiger Menschen ein Haufen verstümmelter, blutiger Leichen, Köpfe liegen herum und Hände mit gekrümmten Fingern. Machno, der ruhig und mit irrsinnigen Lächeln zugesehen hatte, wie seine ‘braven Jungens’ sich abmühten, rafft sich unerwartet auf, geht zum Leichenhaufen und springt und trampelt auf Köpfen und Leibern der Toten herum. Die Stiefel sind mit Blut verschmiert. Eine Minute später sagt er ruhig: ‘I toljko!’“ Ebd., 124-133, zit. in Peters, Machno 120.

[14] Kotzian, Aussiedler 105 und Dietz und Hilkes, „Deutsche in der Sowjetunion“ 4, zit. in Baaden, Kulturarbeit 15.

[15] Hecker, Deutsche 29.

[16] Klassen, „Migration“ 128.

[17] Baaden, Kulturarbeit 16.

[18] Vgl. Klassen, „Migration“ 139. Mein Großvater väterlicherseits wurde 1937 verhaftet und erschossen, weil er ein paar Säcke Mehl versteckt hatte, um in der Hungerszeit seine kinderreiche Familie zu versorgen. Dieses Schicksal traf fast alle russlanddeutschen Familien. Die in dieser Arbeit erwähnten Beispiele aus meiner Familie werden stellvertretend für die Schicksale aller russlanddeutschen Familien gebraucht. Denn man kann davon ausgehen, dass jede Familie im nahen oder weiten Verwandtschaftskreise von gleichen Schicksalen betroffen war.

[19] Baaden, Kulturarbeit 16.

[20] Hecker, Deutsche 30.

[21] Vgl. Hertel, „Bildung“ 178, und Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 162. Auch die Brüder und die Schwäger von meinem Vater wurden zu Kriegsbeginn verhaftet und zu Zwangsarbeit in der Trudarmee verurteilt. Ein Schwager ist kurz danach im Gefängnis gestorben, die anderen konnten überleben.

[22] Baaden, Kulturarbeit 16.

[23] Ebd., 16.

[24] Ebd.

[25] Ebd., 16f. Vgl. auch Hecker, Deutsche 31-35. Siehe auch die Dokumentationen zur Deportation, Sondersiedlung und Arbeitsarmee bei Eisfeld, Deportation.

[26] Klassen, „Migration“ 132.

[27] Ebd., 132.

[28] Ebd., 132. Vgl. zur Situation nach dem Krieg Penner, Weltweite Bruderschaft 326-328.

[29] Vgl. Klassen, „Migration“ 133.

[30] Vgl. Ebd., 133.

[31] Zu dieser Zeitperiode siehe Baaden, Kulturarbeit 16f.

[32] Reimer, Aussiedler 66.

[33] Zu den Gründen der Auswanderung siehe auch Klassen, „Migration“ 137f; Dietz, Anpassung 105-109; Dietz und Hilkes, Rußlanddeutsche 115-119; ders. „Deutsche Aussiedler“ 67-69; Wölk, „Gründe“ 39-43.

[34] Vgl. Wölk, „Gründe“ 41f.

[35] Vgl. Dietz, Anpassung 105-109; Dietz und Hilkes, Rußlanddeutsche 115-119; ders. „Deutsche Aussiedler“ 67-69; Wölk, „Gründe“ 40f.

[36] Vgl. Dietz, Anpassung 108f; Dietz und Hilkes, „Deutsche Aussiedler“ 68f; Wölk, „Gründe“ 42f.

[37] Dietz, Anpassung 105.

[38] Klassen, „Suprise“ 7.

[39] Reimer, Aussiedler 44.

[40] Stumpp, Auswanderung 22.

[41] Hecker, „Deutschen“ 62.

[42] Schnurr, Kirchen (kath. Teil); Stricker, „Katholizismus“ 109-129.

[43] Reimer, Aussiedler 50f.

[44] Pinkus und Fleischhauer, Deutschen 121.

[45] Vgl. Schnurr, Kirchen (ev. Teil) ; Kahle, Evangelisch-lutherischen Gemeinden; ders. Lutherischen Kirchen.

[46] Reimer, Aussiedler 49.

[47] Vgl. Brandenburg, Schatten der Macht.

[48] Kasdorf, Flammen unauslöschlich 67-68.

[49] Zu den Mennoniten siehe Friesen, Brüderschaft; ders. Brotherhood.

[50] Wisotzki, „Überlebungsstrategie“ 23.

[51] Zu den Gründen der Auswanderung siehe Gerlach, Rußlandmennoniten, 18f.

[52] Loewen , One Lord 79-84; Froese, „Pädagogisches Kultursystem“ V-Va.

[53] Wisotzki, „Überlebungsstrategie“ 22.

[54] Dueck, „Mennonite Churches“ 166.

[55] Sawatsky, „Soviet Mennonites“ 311.

[56] Francis, „Russian Mennonites“ 101-107.

[57] Zu dieser Erweckungsbewegung siehe Löwen , Russische Freikirchen.

[58] Die ekklesiastisch-theologische Gebiete der Einflüsse der Baptisten auf die MBG wie Taufe, Abendmahl, Gemeindemitgliedschaft, Gemeindeorganisation, Bundesgedanke, missionarisches Bewußtsein und missionarischer Einsatz sowie das Glaubensbekenntnis wurden von mir im Buch, Löwen, Beziehung, schon ausführlich dargestellt und besprochen.

[59] Diedrich , Siedler 120.

[60] Zur missionarischen Aktivität siehe Kasdorf, „Missionary Thinking“.

[61] Zur Geschichte des deutschen Baptismus in Russland siehe Pritzkau, Geschichte.

[62] Löwen, Beziehungen 55f.

[63] Pritzkau, Geschichte 94.

[64] Löwen, Beziehungen, 61.

[65] Pritzkau, Geschichte 97.

[66] Ebd., 76f.

[67] Löwen, Russische Freikirchen 17.

[68] Zu dieser Bewegung siehe Kahle, Evangelische Christen.

[69] Vgl. Wirth, Evangelische Christen 62.

[70] Klimenko, „Baptismus“ 42.

[71] Löwen, Russische Freikirchen 178.

[72] Ebd., 129-145.

[73] Kahle, Evangelische Christen 224.

[74] Bourdeaux, Religious Ferment 20-38.

[75] Pinkus und Fleischhauer, Deutschen, 466. Diese Angaben beziehen sich auf das Jahr 1976.

[76] Vgl. ebd., 178 und Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 162.

[77] Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 162.

[78] Zur Situation in dieser Verbannung siehe Wedel, Noch 20 Kilometer.

[79] Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 162.

[80] Da mein Vater zu Kriegsbeginn erst zwölf 12 Jahre alt war, wurde er von einer Verhaftung verschont. Doch nach dem Krieg wurde er im Alter von 19 Jahren verhaftet und zu 25 Jahren verurteilt, von denen er acht Jahre absitzen musste. Er starb im Alter von 59 Jahren an den Folgen dieser Gefangenschaft. Auch zwei seiner Brüder wurden nach dem Krieg verhaftet. Einer von ihnen starb schon kurz nach der Verurteilung. Zwei andere Brüder konnten der Gefangenschaft entgehen, indem sie nach Kanada und Südamerika flohen.

[81] Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 162. Vgl. auch Sawatsky, Soviet Evangelicals 55-77.

[82] Hertel, „Bildung“ 179.

[83] Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 162.

[84] Die Geschichte der russischen Freikirchen bis 1944 und die Entstehung des „Allunionsrates der Evangeliumschristen-Baptisten“ wurde von mir an einer anderen Stelle ausführlich beschrieben. Vgl. Löwen, Russische Freikirchen 13-128, 129-200.

[85] Vgl. Löwen, Beziehungen.

[86] Vgl. Wisotzki, „Überlebungsstrategien“ 195f. Gerd Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 169, spricht von 35.000- 40.000 Mennonitenbrüdern in ca. 60 Gemeinden, die zum Allunionsrat im Jahre 1986 gehörten, und von 300 deutschsprachigen Sektionen innerhalb des Allunionsrates. Walter Sawatsky, „Soviet Mennonites“ 320, geht davon aus, dass in den 70er Jahren 49 Gemeinden zum Allunionsrat gehörten, deren Mitglieder fast ausschließlich deutsch-mennonitischer Herkunft waren. Diese Gemeinden zählten insgesamt 30.000 Mitglieder.

[87] Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 169.

[88] Heinrich und Gerhard Wölk, Brüdergemeinde 135-146, beschreiben sehr ausführlich die Problematik der Registrierung der autonomen Mennonitenbrüder Gemeinde in Karaganda.

[89] Vgl. Sawatsky, „Sowjetmennoniten“ 31f.

[90] Vgl. Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 169.

[91] Vgl. Stricker, „Mennoniten in der Sowjetunion“ 89.

[92] Praktisch bedeutete es, dass an Mennoniten, die früher in einer Mennonitengemeinde auf ihren Glauben hin getauft wurden, zusätzlich die Begrabungstaufe vollzogen wurde. Anders konnten sie nicht Mitglieder einer Baptistengemeinde werden.

[93] Vgl. Stricker, „Mennoniten in der Sowjetunion“ 86.

[94] Ebd., 85.

[95] Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 170.

[96] Sawatsky, „Sowjetmennoniten“ 31. Kraybill,“Weltweite Verbundenheit“ 33, spricht in seinem Artikel, der 1990 veröffentlicht wurde, von etwa 55.000 Mennoniten in der Sowjetunion: ungefähr 30.000 im Allunionsrat, ca. 15.000 kirchliche Mennoniten und etwa 10.000 selbständige Mennonitenbrüder.

[97] Sawatsky, Soviet Evangelicals 131.

[98] Vgl. ebd., 138.

[99] Po puti wosroschdenija 26f. Vgl. auch Bourdeaux, Religious Ferment 20, und Istorija 240f.

[100] Sawatsky, Soviet Evangelicals 179.

[101] So Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 169.

[102] Vgl. Sawatsky, Soviet Evangelicals 184, 193.

[103] Siehe zu dieser Bewegung Hartfeld, Glaube trotz KGB; ders. Irina; Vins, Der Familie entrissen; Wins, Wernyje; Wiens und Bourdeaux, Ketten; Wins, Gonimyje; Ein Blick; 20 Jahre Verwandtenrat; Ob Oswjeschtschenii; Ustaw; 25 Jahre.

[104] Stricker, „Deutsches Kirchenwesen“ 169.

[105] Aufgrund seiner erfolgreichen evangelistischen Tätigkeit wird Gerhard Hamm von seinen Landsleuten oft als „Billy Graham der Russlanddeutschen“ bezeichnet.

[106] Als Sohn von Heinrich Löwen sen. erlebte ich sehr viele geheime Treffen der Leitung der Untergrundkirche im Hause meiner Eltern.

[107] Iosif Bondarenko, der „Billy Graham“ der russischen Freikirchen, wirkte zusammen mit Gerhard Hamm und Heinrich Löwen sen. in der Leitung der Untergrundkirche der Baltischen Republiken.

139 von 139 Seiten

Details

Titel
Russlanddeutsche Schamkultur im Konflikt mit der deutschen Schuldkultur
Untertitel
Warum russlanddeutsche Christen nur schwer Deutsche in ihren Gemeinden integrieren können
Autor
Jahr
2012
Seiten
139
Katalognummer
V206321
ISBN (Buch)
9783656334521
Dateigröße
1841 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
russlanddeutsche, schamkultur, konflikt, schuldkultur, warum, christen, deutsche, gemeinden
Arbeit zitieren
Dr. Heinrich Löwen (Autor), 2012, Russlanddeutsche Schamkultur im Konflikt mit der deutschen Schuldkultur , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206321

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